Gemeindebau - Homogene Soziale Gruppen oder Gesellschaftsquerschnitt?

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Gemeindebau - Homogene Soziale Gruppen oder Gesellschaftsquerschnitt?

Eberhard Werner (werner(a)foreschungsinstitut.net)

Wo stehen wir im Gemeindebau in Bezug auf die soziale Schichtung der Gemeinden und Kirchen? In der globalen Kirche besteht ein großer Unterschied bezüglich der

  • europäischen Staatskirchen (Katholische Kirche, Protestanten und Freikirchen), der Kirchen Südamerikas und der orthodoxen Kirchen (z. B. Gemeinschaft Unabhängiger Staaten - GUS) sowie
  • den jüngeren unabhängigen nichtkonfessionellen Kirchen erkennbar.

Eine zentrale Idde des Gemeindebaus in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war es die gesamte soziale Schichtung der umgebenden Gesellschaft darzustellen. Dies galt auch für die geistlich unzufriedenen Mitglieder in den Staatskirchen, die sich oft Freikirchen anschlossen. Die Verbreitung dieser Idee bezog sich auf Jüngerschaftsschulung, die Evangelisierung und betraf die Gemeindeleitung und die Strategien der Gemeindegründung. Das war jedoch weit von der Realität entfernt. Es war offensichtlich, wenn auch nicht wahrgenommen, dass Gemeindegründer und ihr Team vor allem bestimmte soziale Gruppen im Rahmen der Affinität anziehen.

Im Gegensatz zu dieser Idee förderte der in Indien geborene und aufgewachsene Donal McGavran (1955; *1897-1990) zumindest für die Evangelisierung im Ausland, sich auf das zu konzentrieren, was er homogene Einheiten nannte und im Homogene Einheit Prinzip ausdrückte (HUP; Homogenous Unit Principle). Er beobachtete, dass das indische Kastensystem die Beteiligung der Kasten an der lokalen Kirche nicht erlauben würde. Der Fokus sollte also auf Einheiten liegen, die eine starke soziale Affinität aufweisen. Seine Idee wurde später vom südafrikanischen Missiologen David Bosch kritisiert, der es als Rassismus (1992) diskreditierte. Bosch argumentierte, dass ein solcher Fokus in seinem Land die Apartheid unterstützen würde. Doch wird McGavrans HUP bis heute als konkurrenzloser Ansatz in der Missiologie bewertet (zB Frost & Hirsch 2004).

Wie entwickelt sich dieser Gedanker? Die Staatskirche verliert Mitglieder aus dem gesamten sozialen Bereich. Die ausscheidenden getauften Mitglieder der Kirche strecken ihr nach 30 bis 40 Jahren den Rücken zu, weil sie nicht am kirchlichen Leben teilnehmen. Jüngere Menschen bekommen kaum spirituellen Input (geistliche Nahrung). Das lässt jene älteren Menschen zurück, die nicht als Rückgrat der Kirche dienen. Deren Konservatismus und die Inflexibilität von Kirchengremien verwehren neuen potentielle Mitglieder den Zugang. Feminismus, Liberalismus und Inklusion (soziale Randgruppen, Behinderte, andere sexuelle Orientierung) ziehen spezifische soziale Elemente an, nicht nur Mitglieder dieser Gruppen, sondern Sympathisanten und "suchende" liberale Menschen im Allgemeinen (z. B. die Eltern von behinderten Kindern). Freikirchen aber konzentrieren sich (un-)bewusst) auf die Mitteschicht der Gesellschaft als deren stabilste soziale und finanzielle Repräsentation (z. B. Brüdergemeinden, Taufkirchen) oder spezifische soziale Gruppen, wie die junge Generation (z. B. Jesus Freaks, ICF). Wenige kümmern sich um Arme oder Obdachlose (zB Heilsarmee) oder Menschen mit besonderen soziale Bedürfnisse oder Orientierungen (z. B. sexuelle Orientierung, Schwulenkirche **).

Staats- und Freikirchen haben selten eine Mitgliedschaft, die das soziale Umfeld widerspiegelt. In den meisten Fällen ist es die vom Gemeindegründungsteam angezogene Zielgruppe, die sich als potentiellen Mitglieder auf theologische, ideologische oder persönliche Vorlieben beschränkt. Wie immer bei der Bildung sozialer Gruppen nimmt eine Peergruppendynamik Fahrt auf. Dies ist von der Affinität sich im gleichen sozialen Raum zu binden geprägt. Grenzgänger bilden unscharfe Ränder ab. Sie umfassen einen geringen Prozentsatz, normalerweise 3-5% aller sozialen Schichten. Diese Menschen suchen nach Akzeptanz, neuen Beziehungen oder sie gewöhnen sich nur an eine attraktive soziale Gruppe. Die Peer Group selbst lädt und pflegt diese Grenzgänger, um ihre Offenheit gegenüber "allen" Mitgliedern einer Gesellschaft zu beweisen. Jede lokale kirchliche Repräsentation hat jedoch aus theologischen, finanziellen, persönlichen und politischen Gründen unterschiedliche Beschränkungen, was diese Grenzgänger einschränkt. Menschen mit einer Behinderung oder Behinderung werden oft aus Unwissenheit ("eigene Schuld / Sünde"), übermäßigem Mitleid  anstelle von Mit-Leiden ("diese arme Familie") oder offener Diskriminierung ("wir wollen doch keinen behinderten Pastor") abgelehnt, diskriminert oder zur Seite gestellt.

Die Beschränkungen, die einer Kirche gegeben werden, beruhen auf dem kirchlichen Gewissen, das sich aus den theologischen, ideologischen und persönlichen Interessen der Führung zusammensetzt. Es wird oft durch Glaubensbekenntnisse, kirchliche Verfassung oder Glaubensregeln vertreten. Das kirchliche Gewissen ist abhängig von der kulturellen, sprachlichen, exegetischen und hermeneutischen Interpretation des biblischen Inhalts. Eine Kirchenleitung geht davon aus, dass ihre Mitglieder diesen Richtlinien und Vorstellungen mehr oder weniger folgen.

Unter Berücksichtigung dieser Beobachtungen sollten einige Schlussfolgerungen gezogen werden, die zur Diskussion stehen:

  •     Kirchen entwickeln sich durch den Prozess der Generationenintegration. Die zweite und dritte Generation einer Kirche zieht die finanziell und politisch stabilen Elemente der Gesellschaft an, bildet also also Mittelschicht ab. Finanziell instabile und theologisch widersprüchliche Kirchen werden gemieden. Das soziale Prinzip der unscharfen Ränder in der Peergruppen-Dynamik führt zur Einbeziehung weniger grenzüberschreitender Personen (Ober- und Unterschicht), begrenzt durch die ideologische und finanzielle Leistungsfähigkeit der Kirche.
  •     Fluktuation und Kirchen-Hüpfen lassen einen (relativ) stabilen Kirchenkörper entstehen, der seine eigenen Führer, Ältesten und Pastoren entwickelt. Diese Gruppe ist vor allem durch Schamkonflikte wie Scheidung, persönliche Konflikte, finanzielle Untreue oder theologische Kontroversen bedroht. Es ist diese Gruppe, die den (un-) bewussten Konservatismus und die (Un-) Attraktivität einer lokalen Repräsentation des Leibes Christi bewirkt.
  •     Die Fokussierung auf die stabile Mittelschicht muss Aktivitäten außerhalb der Routine ermöglichen (kreative Gottesdienste, regelmäßige Treffen von Kleingruppen). Es liegt in der Verantwortung des ständigen Kirchengremiums, Aktivitäten für die Jugend, für marginalisierte soziale Gruppen (andere Nationalität, andere sexuelle Orientierung, Behinderte), Evangelisierung und christliche Fürsorge und Sozialarbeit zu entwickeln und zuzulassen.

Diskussion willkommen: [email protected]

*Russian: Содружество Независимых Государств, СНГ, tr. Sodruzhestvo Nezavisimykh Gosudarstv, SNG), also called the Russian Commonwealth.

**gaychurch.com.

References

Bosch, David T. 1969. Jesus and the Gentiles: A Review after Thirty Years, in Beyerhaus, Peter & Hallencreutz (eds.): The Church crossing Frontiers: Essays on the Nature of Mission, 3-19. Uppsala: Gleerup.

Bosch, David J. [1981] 1999. Witness to the World, in Ralph D. & Hawthorne, Steven C. (eds.): Perspective on the World Christian Movement: A Reader, 59-63. 3rd ed. Pasadena: William Carey.

Bosch, David J. 1991. Transforming Mission: Paradigm Shifts in Theology of Mission. Maryknoll: Orbis.

Bosch, David J. 1992. The Vulnerability of Mission. ZMiss 76, 201-272. St. Ottilien: EOS. (Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft).

Bosch, David J. 1995. An die Zukunft glauben: Auf dem Wege zu einer Missionstheologie für die westliche Kultur. Weltmission heute 24, Hamburg: Evangelisches Missionswerk.

Frost, Michael & Hirsch, Alan 2004. The shaping of things to come. Innovation and mission for the 21st-Century church. 4. Aufl. Peabody: Hendrickson.

McGavran, Donald A. [1955] 1968. The Bridges of God: A Study in the Strategy of Missions. 2nd printing. New York: Friendship Press.

McGavran, Donald A. 1975. The Biblical Base from Which Adjustments Are Made, in Yama­mo­ri, Tetsunao & Taber, Charles R. (eds.): Christopaganism or Indigenous Christia­nity, 35-55. Pasadena: William Carey. (ursprünglich: London: Lutterworth Press).

McGavran, Donald A., Pickett, J. Waskom & Warnshuis, Abbe Livingston [1936] 1973. Church Growth and Group Conversion. 2nd ed. South Pasadena: William Carey Library.

McGavran, Donald A. & Wagner, Peter C. 1990. Understanding Church Growth. 3rd rev. edition. Grand Rapids: Eerdmans.