Bibelübersetzung und Disability Studies

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Bibelübersetzung und Disability Studies, wie hängt das zusammen? Auf den ersten Blick scheint "Behinderung" in der Bibel im Rahmen eines Diskurses abzulaufen, der sich ausschliesslich mittels der Lebenswelten der Nicht-Behinderten reflektiert. Wir finden dort kein Lebensbild eines "behinderten Menschen" das dezidiert die Fragestellung der körperlichen oder mentalen Einschränkung im Hinblick auf die göttliche Realität angeht. Das Buch Hiob könnte hier eine Ausnahme bilden, wenn nicht der Eindruck vermittelt worden wäre, dass es sich um eine religiöse Rechtfertigungslehre handelt. Insbesondere Abschnitte wie

  • Kapitel 1 V. 1: Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse. oder V. 12 Der HERR sprach zum Satan: Gut, all sein Besitz ist in deiner Hand, nur gegen ihn selbst streck deine Hand nicht aus! 

oder der Schluss

  • Kapitel 42, 9 Und der HERR erhörte Hiob.10 Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde bat. Und der HERR gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte. ... 17 Und Hiob starb alt und lebenssatt.

vermitteln den Eindruck, dass Behinderung und Krankheit göttliche Strafen wären. Wenn auch der Ursprung auf das Wirken des göttlichen Widersachers gelegt wird, so bleibt letztendlich die göttliche Kausalität von Bestrafung und pädagogischem Erziehungsmittel bestehen. Ein weiterer Text, nicht weniger schwierig im Hiblick auf Behinderung zu verstehen, bildet 2. Samuel 5:6-8:

  • 6 Sie aber sprachen zu David: Du wirst nicht hier hereinkommen, sondern Blinde und Lahme werden dich vertreiben. Damit meinten sie, dass David nicht dort hineinkommen könnte. 7 David aber eroberte die Burg Zion; das ist Davids Stadt. 8 Da sprach David an jenem Tage: Wer die Jebusiter schlägt und den Schacht erreicht und die Lahmen und Blinden erschlägt, die David in der Seele verhasst sind, der soll Hauptmann und Oberster sein. Da stieg Joab, der Sohn der Zeruja, zuerst hinauf und wurde Hauptmann. Daher spricht man: Lass keinen Blinden und Lahmen ins Haus!

In gleicher Weise zeigt sich das bis heute zum katholischen und evangeischen Pfarramt herangezogene Priesterordinat aus Levitikus 21:18, 20-21 als Hemmnis für Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen:

  • 18 Denn keiner, an dem ein Fehler ist, soll herzutreten, er sei blind, lahm, mit entstelltem Gesicht, mit irgendeiner Missbildung ...20 oder bucklig oder verkümmert ist oder wer einen Fleck im Auge hat oder Krätze oder Flechten oder beschädigte Hoden hat. 21 Wer nun unter Aarons, des Priesters, Nachkommen einen Fehler an sich hat, der soll nicht herzutreten, zu opfern die Feueropfer des HERRN; denn er hat einen Fehler.

Nun könnte man meinen, dies seien antike und dem Umfeld der Hebräischen Bibel geschuldete Ansichten, jedoch findet sich auch im Neuen Testament die grundsätzliche negative Beurteilung von "Behinderung" (z. B. Luk 6:8-10; Joh 9:1). Eine Steigerung im Hinblick auf die Wahrnehmung der Hebräischen Bibel stellt die Tatsache dar, dass die neutestamentlichen Heilungswunder das Mitwirken der behinderten Menschen voraussetzt. Diese Menschen werden zu Jesus gebracht, kommen selbst und werden teilweise auch nach ihrem Wunsch auf Heilung befragt. Hier ist das Einverständnis entweder stillschweigend oder explizit ausgedrückt (z. B. Luk 5:18-24; Joh 5:6). Wer keinen Bedarf hatte kam nicht, wie z. B. (reiche) Menschen, die sich mit ihrer Behinderung arrangiert hatten. Natürlich wird man einwenden, dass jeder geheilt werden möchte, jedoch vergisst diese Sicht, dass zum einen jederzeit eine erneute Behinderung oder Krankheit folgen konnte, denn es gab keine Zusicherung auf lebenslange Unbeschwertheit, und zum anderen war das lokale messianische Wirkungsfeld begrenzt, weshalb nur ein kleiner Teil der Menschheit erreicht werden konnte. Während das erste Argument auf die Mitwirkung des Menschen mit körperlicher oder mentaler Einschränkung hinwirkt, findet sich im Letzteren der Gedanke einer Wiederherstellung (Restitution) eines vorhergehenden Zustandes. Dieses auf den (perfekten) Schöpfungsakt hinzielende Argumnet muss aber hinhterfragt werden. Selbst in den Schöpfungsgeschichten wie sie Genesis 1-3 erzählt werden ist der Schöpfungsakt progressiv. Progression bedeutet in diesem Zusammenhang, dass auf einen Schöpfunghsakt eine "Verbesserung" bzw. "Steigerung" des Bestehenden folgt. Wenn wir also lesen, "Und Gott sah das es gut war" (Gen 1. V.4), dann beinhaltet dies eine nach vorne offene Verbesserung, da die Gestirne alleine nicht ausreichten. Der Höhepunkt des siebten Tages in V. 31 symbolisiert eine Art Idealzustand, an dem alles sich selbst erhaltend gestatltet, denn Gott ruhte und musste anscheindend nicht mehr aktiv eingreifen. Hier schiebt sich aber wie eine Überbblendung die Geschichte des unvollständigen Menschen (Kap. 2) und sein Abweichen der Beziehung zum Schöpfer (Kap. 3) ein. Offensichtlich war die Schöpfung niemals als sich selbst erhaltend gedacht, denn immer greift Gott von außen in die Abläufe ein. Das Auf und Ab der Beziehung des Schöpfers zu seiner Schöpfung wird besonders im Buch Richter am Beispiel der Beziehung zum Erwählungsvolk deutlich. 

Wie nun hängt das mit Bibelübersetzung zusammen? Zum einen fehlt im Hinblick auf die Exegese und Interpretation des biblischen Textes die Einsicht von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen. Was die feministische Bewegung gegen viel Widerstand im zähen Ringen mit den patriarchalen kirchlichen Strukturen erreicht hat ist für andere Gesellschaftsgruppen noch Zukunftsmusik. Die in der Bibelübersetzung beratenden Gremien greifen weder eine Beratung von außen noch mangels der Anstellung von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen in die Kirche können sie auf die Expertise dieses Personenkreises zurück greifen. Im hermeneutischen Zirkelschluss der Exegese kommt deshalb diese Perspektive nicht vor. Da aber jeder Mensch aufgrund seiner eigenen körperlichen und mentalen Begrenztheit, Erfahrungen mit eigener Krankheit oder bei anderen, die Lebenswelten von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen erahnt bleibt es bei suggestiven Ansätzen hinsichtlich inklusiver Sprachwahl sowie der Reflexion der gesellschaftlichen Vielfalt (Diversität).

Welche Empfindlichkeiten haben sich bis jetzt auf Druck von außen verändern lassen: Während die King James Version von 1611 bis heute in ihren Revisionen den Begriff "cripple" (Krüppel; z. B. Apg 14:8 in der New King James Version von 1975) beihält, hat man sich hier in deutschen Bibelausgaben auf die Beschreibung der Lähmung konzentriert. Martin Luther hat sich schon zu seiner Zeit für einen inklusiven Text oder zumindest nicht für eine Klassifizierung anhand der Behinderung entschieden. Die 1545 [1546] als "Ausgabe aus letzter Hand" erschienene Übersetzung beschreibt die Situation:

8 VND es war ein Man zu Lystra / der muste sitzen / Denn er hatte böse füsse / vnd war Lam von Mutterleibe / der noch nie gewandelt hatte.

Die Elberfelder Bibel von 1905 folgt diesem Beispiel:

8 Und ein gewisser Mann in Lystra saß da, kraftlos an den Füßen, lahm von seiner Mutter Leibe an, der niemals gewandelt hatte.

Eine alttestamentliche Stelle weist auf eine weitere prekäre Beschreibung von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen hin. König David ist im 2. Samuel Kap. 5 im Krieg mit den Jebusitern:

6 Und der König zog mit seinen Männern nach Jerusalem wider die Jebusiter, die Bewohner des Landes. Und sie sprachen zu David und sagten: Du wirst nicht hier hereinkommen, sondern die Blinden und die Lahmen werden dich wegtreiben; sie wollten damit sagen: David wird nicht hier hereinkommen. 7 Aber David nahm die Burg Zion ein, das ist die Stadt Davids. 8 Und David sprach an selbigem Tage: Wer die Jebusiter schlägt und an die Wasserleitung gelangt, und die Lahmen und die Blinden schlägt, welche der Seele Davids verhaßt sind ...! Daher spricht man: Ein Blinder und ein Lahmer darf nicht ins Haus kommen.