Übersetzungswissenschaften und Bibelübersetzungs-Theorie - Eine Übersicht

Deutsch

Die Wissenschaft zur Bibelübersetzung und die Übersetzungswissenschaften

Abstrakt

Die Wissenschaft zur Bibelübersetzung und die Übersetzungswissenschaften beflügeln sich gegenseitig. In der Geschichte beider Wissenschaften zeigen sich Parallelen, Überschneidungen aber auch kontroverse Entwicklungen. Bibelübersetzung als Teil der angewandten Übersetzungswissenschaften ist dabei aufgrund ihrer globalen Bedeutung ein wichtiger Erfahrungs- und Impulsgebender Faktor. Dieser kurze Überblick beschreibt beide Wissenschaftszweige in ihrer historischen Bedeutung.

Historische Betrachtungen zur Sprachen- und Völkervielfalt

Wollte man die Bedeutung des Übersetzens beschreiben, so kommt man am Ursprung der Sprachenvielfalt nicht vorbei. Woher kommt die Sprache und wie kann man sich die Sprachen-Vielfalt erklären? Hierbei spielt die Anthropologie eine bedeutsame Rolle. Die Menschheit hat seit jeher versucht sich in Über- und kleineren Einheiten zu strukturieren. Wollte man mit einem evolutionistischen Ansatz so weit zurück gehen, dass sich die Trennung von Tier- und Menschenwelt auf Umweltfaktoren nach den Prinzipien der Selektion und Mutation erklären liesse, dann zeigt die menschliche Laut- und Gestenbildung den erheblichsten Unterschied zwischen Tier- und Mensch an, der nur mit sprunghaften Makromutationen zu erklären wäre. Solche Entwicklungen sind jedoch nicht nachweisbar, weshalb man sich hier im spekulativen Raum befindet. Sprache und Denken sind so eng miteinander verknüpft, dass die Denkfunktion weit über der Instinktfunktion von Lebewesen anzusiedeln ist.

Geht man auf traditionelle Beschreibungen zurück, wie die biblische Schöpfungsgeschichte, das Enuma Elish, den Gilgamesh Epos oder auch die buddhistischen und hinduistischen Schriften, dann wird die Trennung der Götter- von der Menschenwelt als entscheidender Faktor deutlich. In diesem letzten Modell wird die linguistische Entwicklung auf göttliche Einflüße zurück geführt. Letzten Endes spiegeln dann aber alle Sprachen einen göttlichen Ursprung wieder (z. B. Genesis 1/26-27). An diesem Punkt treffen sich die Evolution und die religiösen Erklärungsversuche. Es wird ein gemeinsamer Ursprung vermutet. Hinsichtlich der Kontinentaldrift (Verschiebung der Erdplatte in die heutigen Kontinente) und der Umweltveränderungen durch Eis- und Heisszeiten, Meteoreinschläge etc. bilden in beiden Modellen die ökologischen Nischenanpassungen der Menschen in Völker ein wichtiges Kriterium zur Sprachenvielfalt. Dabei zeigt das Beispiel afrikanischer Sprachpolitik im vorchristlichen Zeitalter, wie schnell sich Sprachen verändern, entwickeln und verselbständigen können. Im sogennanten südsaharischen Sprachengürtel (Sierra Leone, Liberia, Benin, Burkina Faso, Tschad, Nigeria) haben lokale Herrscher sich mittels politischer sprachlicher Absonderung gegenüber benachbarten Stämmen und Völkern profiliert. Dabei entstand das dortige heutige Sprachenkontingent. Es lässt festhalten, dass sich Sprachen aufgrund von Umweltfaktoren oder politischen Entscheidungen entwickeln. Umgekehrt sind es diese Faktoren, die zum Sprachensterben beitragen. Die Migrationsbewegeungen der Menschheitsgeschichte bewirkte die Durchsetzung von National- oder Verkehrssprachen. Diese erwiesen sich als dominant (z. B. Englisch in den USA). Oder repressive politische Systeme benutzten solche Sprachen um auf der Bildungsebene marginalisierte Sprachen zu unterdrücken (z. B. Mandarin Chinesisch), die im Laufe der Zeit dann ausstarben oder am Aussterben sind.

Einem Volk liegt zugrunde: a) eine gemeinsame traditionelle Ursprungs- oder Herkunfsttheorie (real, sagenhaft oder religiös), b) eine teritoriale Eingrenzung eines Lebensraumes und c) eine gemeinsame sprachliche Artikulation, die sich phonetisch, phonologisch und grammatisch bestimmen lässt und als Kommunikationsplattform dient. Den mehr als 13.000 Völker dieser Erde können mindestens 6.900 Sprachen zugeordnet werden, wobei Gebärdensprachen, Kunstsprachen oder artistische Phänomene (z. B. Symbolsprachen, Jodel- oder Pfeifsprachen) nicht darin enthalten sind.

Die Geschichte der Wissenschaft zur Bibelübersetzung und der Übersetzungswissenschaften

1. Geschichte der Bibelübersetzung

Es lassen sich in Anlehnung an Orlinsky & Bratcher mehrere Epochen der Entwick­lung feststellen (1991: v-xii, hier in modifizierter Form),

  • Urgemeinde und deren griechische Schriften im judenchristlichen Rahmen (bis zum 4. Jh.),
  • katholische Epoche lateinischer Schriften (5. - 15. Jh.),
  • protestantische Epoche europäischer (Mutter-) Sprachen bis zur Heranbildung ei­ner Wis­senschaft der Bibelübersetzung (16. - 19. Jh.)
  • modernes ökumenisches Zeitalter als „Jahrhundert der Bibelübersetzung und christlichen Ent­wicklungshilfe“ im Hinblick auf einen muttersprachlichen Fokus (seit dem 20. Jh.).

Da das letzte Jahrhundert im Hinblick auf Entwicklungen der vorhergehenden Epochen die auffälligste Progression im Bereich der Bibelübersetzung darstellt, darf es als Höhepunkt der Bibel­über­setzung gewertet werden.

1.1 Urgemeindliche Kanonbildung und Bibelübersetzung

Hierunter fallen die ersten sechs Jahrhunderte nach der Zeitenwende. Diese Zeit wird als „Ära der Bibelübersetzungen in den alten Kirchen“ bezeichnet und endete mit der Revision des altsyrischen NT durch Bischof Thomas von Heraclea im Jahre 616 n. Chr. (Lauche 2007:131).

Dem neutestamentlichen Kanon ging die Konstituierung der Hebräischen Bibel voraus (Roberts 1989:61). Die Geschichte des Hebräischen Kanon ist verworren, zumal die Begriffe „Kanon, kanonisch, heilig, sakral“ patristische Literatur und damit dem christ­li­chen Raum entstammen (Anderson 1989:114). Vor allem Josephus hat die heiligen Bücher des jüdischen Volkes als „zahlenmäßig beschränkt und in sich abgeschlossen“ be­schrieben (:114). Aus Untersuchungen zur talmudischen und anderer jüdischer Lite­ra­tur lassen sich vier Grundsätze ableiten, die auch in der Kanonisierung des Neuen Testa­ments eine Rolle spielen. Heilige Bücher:

1.) haben göttliche Autori­tät,

2.) sind zahlenmäßig begrenzt,

3.) sind auf eine begrenzte geschichtliche Entste­hungs­periode zurückzuführen, 4.) haben einen Text der unverändert ist und bleiben muss (:116).

Wichtiges Kriterium dabei spielt der äußere Reinheitsgedanke, wonach solche Bücher nicht mit Profanem in Berührung kommen sollen. Hierunter fallen ungewaschene Hände, Lesehilfsmittel oder andere Bücher, die nicht zum Kanon gehören (Mishna zit. in Ander­son 1989:114). Traditionell gilt der Hebräische Kanon mit der Stan­dar­di­­sierung des Gesetzes durch Rabbi Aqiba im 1. Jh. nach Christus als ab­ge­schlos­sen. Hiervon abgeleitet wurde kurz darauf der Masoretische Text, der als nor­mative Vorlage aller weiteren Abschriften für die Schreiber fungierte (Roberts 1989:7).

Die Frühgeschichte der Kirche war geprägt von der Entwicklung eines verbind­lich­en Kanons christ­licher Schriften (Metzger 1993:12). Neben die bereits im Ansatz kanoni­sier­ten jüdischen Schriften der Hebräischen Bibel, welche auch in den griechischen Über­setzungen zugäng­lich waren (bekannt als Septuaginta/LXX), trat ganz allmählich der "Kanon" des Neuen Testa­­ments (:13-14, 17; Bruggen 1984:14; s. o.). Worte Jesu in ihrer mündlich tra­dier­­ten Form wurden nach und nach, vor allem durch die Evangelienschreiber, schrift­lich fixiert und durch Schriften der Apostel ergänzt (:13-14; Troeger 2005:31; Bruggen 1985:14-15). Dabei dienten die Übersetzungsvarianten der sogenannten Septuaginta als Prüfstein und Maßstab der Über­­ein­stim­mung neutes­ta­ment­licher mit den jüdischen Schriften der Hebräischen Bibel.

Dieser langsame aber konti­nuier­­liche Prozess kann nicht auf punktuelle Ereig­nis­se zurück­ge­führt werden, da solche in der Kirchen­geschichte nicht erwähnt werden (:11; Bruggen 1985:14-15). Während dieses Prozesses wurden die kanonisierten Bücher auf ihre apostolische Autorität hin geprüft. Dies führte zu einer langsamen Sakra­­lisie­rung der vormals profanen und in erster Linie informativen Texte (Borg 2001:28; s. Pkt. 2.2.9.3). Die im Folgenden dargestellte Entwicklung der Auswahlkriterien für den christlichen "Kanon", der auch die alttestamentlichen Schriften beinhaltete und spätestens um 357 n. Chr. zum Abschluss kam, gibt Aufschluss über antike Einflüsse auf die Bibelüber­setzung (Metzger 1993:203-204). Dabei muss beachtet werden, dass es keine abschließende verbindliche Festlegung, sondern nur Listen und empfehlungen gab. Einen abschließenden "Kanon" in diesem Sinne gibt es fü die globale Kirche sondern eine Festlegung auf die Evangelien, die großen und kleinen Paulusbriefe und wenige katholische Briefe.

1.1.1. Apokryphen

Sogenannte „apokryphe Schriften“ (seit der Reformation „Apokryphen“) aus dem Zwischen­zeitraum der Fertigstellung der Hebräischen Bibel sowie des 1. und 2 J­h. n. Chr. in Form von Deutero- und Pseudepi­graphen wurden der christ­lichen Erbau­ungs- und Kirchen­ordnungsliteratur zugeschla­gen (Schneemel­cher 1989:1; Kautzsch 1900: v-vi; Metzger 1993:163; Rüger 1984:57-62). Sie grenzen den eigent­lich­en "Kanon" ab und bereichern diesen, der sich auf die „ältesten und vertrauens­wür­­digs­­ten“ Schriften stützt, welche im Konsens der Kirche zusammen­gestellt wurden und „authen­tisch auf Jesus und die Zeit der Anfänge hinweist (Berger & Nord 1999:13-14; s. a. Metzger 1993:28).“[1]

1.1.2 Apostolische Väter

In den „Apostolischen Vätern“, also der patris­tischen Literatur (ca. 95 n. Chr. bis 150 n. Chr.), findet sich in Anlehnung an aposto­lische Lehrbriefe eine das Christentum beschreibende Lite­ra­tur­form. Dies ist die Phase als es begann „eine Institution zu werden und die Kirchenführer anfingen, Nachdruck auf die kirchliche Organisation zu legen (Metzger 1993:48).“ Die patristische Periode bildete die Grundlage zur Stärkung apo­sto­lischer Lehr- und Schriftautorität und ist von daher für die Kanonbildung von besonderer Bedeutung.

1.1.3 Bedeutung der Muttersprache

In diese urchristliche Phase fällt eine Welle von Über­setzungen der Heiligen Schrift(en) im Nahen Osten. Auslöser hierfür bildete die schnelle Verbrei­tung des christlichen Glaubens durch alle gesellschaftlichen Schichten der im mediterranen Raum ange­sie­del­ten antiken Völker. Hierbei taten sich das Lateinische, Syrische und Kop­ti­sche hervor. Bereits im 3. Jh. n. Chr. lassen sich mehrere kanonische Modelle christ­licher Schriften nach­weisen (Metzger 1993:16-17).

Bibelüber­setzung wurde als Zugang in die Herzen von Menschen entdeckt (s. Pkt. 4.2.1.1). Sie wurde maßgebliches Hilfsmittel bei der Verbreitung und Festigung bib­lischer Inhalte unter Interessierten und Gläubigen der Antike (Troeger 2005:31). Studien und Erfahrungen mit der armenischen, gotischen, syrischen und koptischen Kirche belegen, dass dort, wo die Bibel in der Muttersprache vorhanden war, christliche Gemeinden auch schwierige Phasen überstehen konnte. Wo es an solchen Über­setzungen mangelte, z. B. in asiatischen und nord­afri­ka­nischen Kirchen, waren diese den Anstür­men nicht gewachsen (Latourette 1953:255-258; Sanneh 2003:10-11, 18-19; 2005:208; 2007a; 2007b:1-2; Tippet 1975:14).

1.2 Frühgeschichte und Alte Kirche – die Anfänge

Die Frühgeschichte der Bibelübersetzung stand unter den Eindrücken,

  • einer Verarbeitung oben beschriebener unterschiedlicher Literaturformen,
  • teils brutalster lokaler Verfolgungen (Hauser 2007:86; z. B. im 3. Jh. n. Chr. unter Decius, Valerian oder Diokletian bei Latourette 1953:67, 178; Neill 1974:33) und
  • gleichzeitiger, unfassbarer Expansion (Neill 1974:30; Sanneh 1992:21-22, 56).
1.2.1 Festigung von Kirchenstrukturen

Die junge Kirche unterlag zweierlei Spannungsfeldern. In ihrem Inneren die Aus­for­mung eines eigen­stän­digen autoritativen und literarischen Traditions- und Lehrkorpus (später das NT), der zu zahlreichen Spaltungen und Konzils­ent­schei­dung­en führte. Im Äußeren einerseits das Martyrium auf­grund lokaler Ver­folgungen und andererseits gleichzeitiger Progression, welche sich in der Heran­bil­dung kirchlicher und politischer Strukturen äußerte.

Bibelübersetzung trat im Gefolge unauf­halt­samer, kaum wahr­nehm­barer Aus­brei­­tung der Kirche, sozusagen im Rahmen unter­stützender indi­ge­ner Kontextua­li­sie­rung in Erschei­nung (z. B. armenische Kirche im 4. Jh. n. Chr. bei Sanneh 1992:67; Tucker 2007:343).

1.2.2 Bibelübersetzung in der frühen Kirche

Folgende missiologischen Hintergründe begleite­ten die Bibelübersetzung:

  • Sie wurde als göttlicher Auftrag im Rahmen der Missio Dei wahrgenommen. Bibel­über­setzung galt als natürliche Fortentwicklung der Entäußerung, Herab­las­sung und Menschwerdung des Jesus von Nazareth (inkarnatorische Kon­des­zenz und Kenosis; s. a. Lauche 2007:138-139; Nichols 1996:28; Tucker 2007:343; Shaw & Van Engen 2003:161; Sogaard 1993:11). Theo­logie, Über­setzung, Ethnologie und Linguis­tik verschmolzen in der Bibel­über­setzung. Übersetzer bzw. Übersetzerteams deckten alle diese Disziplinen in Einem ab.
  • Sie wirkte identitätsstiftend durch Abgrenzung. Christliche Expan­sion führte zu natio­nalen, ethnischen Kirchen (Mojola 2007:142-143; z. B. die Goten bei Schäferdiek 1978:87), die sich durch eigene Alphabete und literarische Formen auszeichneten (Latourette 1953:255, 257; Luzbetak 1993:90; s. a. Feldtkeller 2003:7). Sprach­liche Adap­tionen christlicher Schriften führten zu einheimischen Formen des Kirchen­­lebens und damit zur Selbstständigkeit und Stärkung. Kirchen­eigene Schriften dienten der Ab­grenzung zur Umwelt und anderen Kirchen (Sanneh 1992:67; eigene Liturgie, Tradition, Katechu­menat etc.). Sie ermöglichten die Ausbreitung der Kirche durch mittel­bare und unmit­tel­­bare christliche Ent­wick­lungs­­hilfe, deren Auftrag darin verankert war (s. Pkt. 2.2.9.4, Schaubild 2). Indem das Neue Testament in den alten Kirchen oftmals das einzige schrift­liche Dokument einer Ethnie darstellte (Nichols 1996:28), wurde Sprache zum Transmitter soziokultureller Adaption. Wo eine Kirche bestand, aber eine Bibel­über­setzung fehlte, stellte sich Sektierertum, Abfall oder lang­fris­tig die Über­nahme durch andere Religionen ein (z. B. punische Kirche durch den Islam bei Sanneh 1992:69; Lauche 2007:138).
  • Bibelübersetzung ging kirchenbildenden Entwicklungen voraus oder trat als Folge derselben in Erscheinung. Sie war damit Wegbereiter und Legi­ti­ma­tions­faktor christlicher Ausformungen zugleich (Luzbetak 1993:90, 93, 95).
  • Sie führte zu immer größer werdenden Zielgruppen (Latourette 1953:118). Während das Neue Testament dem Pfingstereignis mit einer „Massen­bekeh­rung“ von 3.000 Menschen (Apg 2,41) die Familien- (z. B. Apg 10,2; 11,14; 16,34; u. a.; Regelfall) oder Individualbekehrung (z. B. Saulus Apg 9,5 oder der Kämmerer Apg 8,36; u. a.) entgegensetzt, entwickelten sich unter dem Ein­fluss einheimischer Bibelübersetzung teilweise Massen­be­wegungen. Solches kann im Fall der Armenier nachgewiesen werden, deren Beke­hrung unter dem Wirken von Tiridates und Gregor dem Erleuchteten von oben nach unten erfolgte (Neill 1974:40; s. a. Dil 1975:196; Richter 2006:25; s. Appen­dix 1: Zielgruppen-Orientierung). Gleiches gilt auch für andere Völker wie Slawen, Sachsen (Schneider 1978:241-242), Ägypter/Kopten oder Goten (La­tou­rette 1953:258). Hier wirk­te Bibelübersetzung wie ein Kata­lysa­tor, der einer­­seits Bildung bzw. Identität und andererseits Fortschritt und Macht versprach.
  • Aufgrund der Abgrenzung zur profanen Übersetzung und dem Dolmetschen lag bereits in den Anfängen der Bibelübersetzung, die Ausformung zu eigen­stän­digen literarischen und wissenschaftlichen Formen begrün­det, welche sich später zur Wissenschaft entwickelten (s. u.).

Diese anfänglichen missiologischen Trends wurden im Verlauf der historischen Etablie­rung von Bibelübersetzung verstärkt und durch zusätzliche Entwicklungen untermauert.

1.3 Mittelalter - Festigung biblischer Traditionen

Während des Mittelalters, worunter der Zeitraum vom 6. bis zum 15. Jh. n. Chr. zu verstehen ist (von Padberg 1998: Vorwort und 2003:8-9; Kahl 1978:11), hat sich die Kirche und damit ihre Übersetzungstradition gefestigt. Eigenständige Grund­sätze des Bibelübersetzens, wie z. B. die wörtliche Tradition sakraler Texte, formten sich aus (Nichols 1996:28). Daneben bildete sich gegen Mitte und Ende des Mittelalters zunehmend ein von klerikalen Strukturen der Kirche los­ge­löstes „Laienübersetzertum“ heraus, welches den Bedarf regionaler Sprachen im euro­päi­schen Raum abzudecken versuchte (z. B. Waldenser und Täuferbewegung bei Audisio 2004:20; be­gin­­nender Pietismus bei Aland 1974:7-8, 11; Hargraves 1989:391; Oxbrow 2005:3-5).

1.3.1 Mittelalterliche Einflüsse auf die Bibelübersetzung

Das Christen­tum des Mittelalters war geprägt von Veränderungen, welche Bibel­über­setzung wesentlich beeinflussten:

  • Das allgemeine jüdische, griechische und römische Bildungsideal und Schulsys­tem der Antike verkümmerte im Verlauf des Früh-Mittelalters und wurde durch ein sakral orien­tiertes Klerus- und Laienbildungstum ersetzt (Roberts 1989:48-49). In Form der Kloster- und Mönchsbewegung übernahm die Kirche das mittel­alterliche Bil­dungswesen und wurde dessen Trägerin­­ (Kahl 1978:15-16), wodurch Bibelübersetzung eine Kirchen­an­ge­le­gen­heit darstellte (Loewe 1989:152). Über­setzungs­tradition richtete sich nach den äußeren und inneren Strukturen der Kirche. Während die Westkirche die Vulgata von Jerome (390 n. Chr.) ohne jeg­liche Revisions­bemü­hungen (1979 erste Revision) in ihren liturgischen Bestand auf­nahm und keine anderen liturgischen Über­setzungen duldete (Orlinsky & Bratcher 1991: xi, 15; Waard & Nida 1986:52; s. a. Loewe 1982:152; Smalley 1989:199-200),[2] traf man im Nahen Osten in der Aus­einan­der­setzung mit dem Islam auf eine rege übersetzerische Tätigkeit der Christen, in deren Folge zahl­reiche Revisionsübersetzungen entstanden (Lauche 2007:131). Bibel­übersetzung bewegte sich im Mittelalter zwischen Stagnation und Fortschritt.
  • Der Islam trat auf europäischem Boden als religiöse Größe seit dem 7. Jh. in Erscheinung. Vor dieser Zeit hatte sich die Kirche mehrheitlich mit inner­kirch­lichen Kontro­­versen (z. B. Konzilsentscheidungen, gnostische Ansätze, Marcion, Stellung zum Juden­tum etc.) ausein­an­der­zu­setzen. Nach dem Wegfall des äußeren Drucks durch Verfolgung (spätestens ab Kaiser Theodosius I; s. o.) entwickelte sie eine hierarchisch-politische Struktur, der sich der Islam als politische Größe entgegenstellte. Neben droh­ender poli­ti­schen Macht­übernahme durch den Islam, wie in Spanien (711-1050 n. Chr.; Kemnitz 2002:7-8), Malta und Sizilien (870-1091 n. Chr.) geschehen, ent­wickel­te sich eine ernsthafte theo­lo­gische Auseinandersetzung.[3] Diese fand ihren Höhe­punkt in apologetischen (teils auch polemischen) Werken auf beiden Seiten (Schirr­macher 1992:12-13). Afrikanische, asiatische und nahöstliche Kirchen ordne­ten sich dem Islam durch eine Staatsbürgerschaft zweiter Klasse unter (Baumann 2005:13). Lokale Auflösungen von Kirchen durch Zwangs- oder frei­wil­­lige Bekehrung waren die Folge (:ebd.). So wird beispielsweise die Schwäche des Byzantinischen Reiches im 11. Jh. von einigen Beobachtern als Ur­sache der Konver­sion ganzer Volksschichten zum Islam gewertet, dem die vorhandenen liturgischen Bibelübersetzungen nichts entgegenzusetzen hatten (Pikkert 2008:19). Bibel­über­setzung wurde daraufhin in der Aus­einander­setzung mit dem Islam als strate­gisches Hilfsmittel entdeckt. Neben der Dar­stellung der Originalität biblischer im Gegen­satz zu koranischen Texten (z. B. Erzäh­lungen über Propheten; Tod und Passions­­geschichte Jesu; göttliche Trinität etc. bei Lauche 2007:131-139) ent­wickelte sich Verant­wortungs­be­wuss­­tsein für uner­reichte Völker (z. B. nesto­­rianische und katholische Ent­wick­lungs­hilfe in Asien bei Reifler 2005:158; s. u.).
  • Im Rahmen außerkirchlicher Bewegungen, namentlich im Schwärmertum des 12. bis 16. Jh. wurde die Bedeutung der Bibelübersetzung für regionale Dia­lekte und Sprachen neu erkannt und gefördert (Audisio 2004:10, 12, 21; Har­graves 1989:391). Um auf kirchliche Missstände hinzuweisen, benutzten Wal­den­ser, Schwärmer und Täufer die Übersetzung der Bibel zum ersten Mal sowohl als Mittel zur Aus­brei­tung christlicher Botschaft (Evangeli­sations­mittel) als auch im Sinne eines macht­politischen inner­kirch­lichen Instruments (Machtmittel). Text- und Formtreue sollte den Leser bzw. Hörer davon über­zeu­gen, dass die Botschaft (die Bibel) aus sich heraus zur Wahrheit führt (Nord 2002:219), indem sie ihr eigenes evangelistisches Potential entfaltet (:254; Audisio 2004:21). Dies konnten diese Bewe­gungen nur in Abgrenzung zu staat­lichen und kirch­lichen Strukturen, die mit Verfolgung reagierten (Bosch 1991:246).
  • Gegen Ende des Mittelalters entwickelte sich Bibelübersetzung zu einer team­orientierten Tätigkeit (z. B. Wycliffe-Übersetzung des 14. Jh. bei Robinson 2002:53-54 und Hargraves 1989:387; Lutherbibel des 16. Jh. bei Mühlen 1978:90-97, Nürnberg 1987:40, 49 und Ellingworth 2007:111). Darin sind die Anfänge wissen­schaft­licher Betätigung in dieser Disziplin zu suchen, die sich bereits in ihren Anfängen als inter­kulturell und interdisziplinär erweist (zu Wycliffe und Luther s. o.; Brandl 2007:3-4).
1.3.2 Kirche und Übersetzung

Das Mittelalter war geprägt von kirchlichen Übersetzungen in viele europäische Sprachen und Dialekte. Dabei diente die Vulgata als Übersetzungsbasis, was auf die Mono­polisierung des kirchlichen Lehramtes und dem Anspruch auf alleinige Auslegung der Bibel zurückzuführen ist (Waard & Nida 1986:52; Walls 2007). Diesem Monopol wirk­ten die vorreformatorischen Täufer und Schwärmer entgegen. Gleichzeitig ent­wickelte sich außerhalb des ­europäischen Raumes eine rege Übersetzungstätigkeit. Solches vor allem aufgrund der Bewegung der Nestorianer und einer geringfügig auf das Lehramt ausge­richteten orthodoxen Ostkirche, von der nur wenig bekannt ist (Bosch 1991:203; Gensichen 1976:6-7; Neill 1974:69-70; s. a. Antes 1988:51), da diese Kirchen auf­­grund äußerer Einflüsse, namentlich der Islami­sierung, politischer Verfol­gung in Asien etc. verschwunden sind (Antes 1988:51; Hage 1978:362-364, 370-371; Latou­rette 1953:221; Markarian 2008:12-13; Miller 2002:39; Neill 1974:100, 110-11; Walls 2007). Regionale Übersetzungen beinhalteten sowohl wörtliche als auch kom­mu­ni­ka­tive Elemente. Bibelübersetzer dieser Zeit standen im Spannungsfeld formtreuer Über­tragung ihrer Bibeln und kommu­ni­ka­tiver Vermittlung biblischer Inhalte im Rahmen von Über­setzungen.

1.3.3 Jüdisch-christliche Disputation seit der Scholastik

Dem „dunklen Mittelalter“ gar nicht entsprechend fand, beginnend mit der Scholastik vom 11. bis 13. Jh. eine intensive Auseinandersetzung (kirchlicher Disput) zwischen jüdi­schen und christlichen Gelehrten statt (Orlinsky & Bratcher 1991:23-26; s. a. Rosen­thal 1989:253, 270-271). Bis heute hat die jüdische Exe­gese Rashis und Rash­bams über den Franziskaner Nicholas von Lyra (13. Jh.) Ein­zug in die west­liche Bibelübersetzung gehalten (:25, 26). Einflüsse jüdischer Bibel­aus­le­gung führen über Luther zu Tyndale. Verstärkung fand deren Wirken in Kom­men­taren und Schrift­bei­spielen durch Ibn Ezra und Kimhi, die beide in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten theologisch-rabbinische Auslegungen anboten (:26). Mit Mai­mo­­ni­des traten philosophische und mystische Ansätze, auch der Kabbala, in die jüdische Exegese ein (Rosenthal 1989:274, 277). Westliche Bibelübersetzung wurde in dieser Zeit wesentlich an die Hebräische Bibel und jüdische Denkweise gebunden (z. B. das Institutum Judaicum der Franckeschen Stiftungen bei Sauer 2006:216).[4]

1.4 Reformation bis zur Aufklärung

Dieser Zeitraum deckt das 16. bis 19. Jh. ab. Der Reformation im 16. J­h., folgte Pietismus und Orthodoxie des darauf folgenden Jahrhunderts. Der Huma­nis­mus des 16. Jh. fand seine Fort­setzung in der Aufklärung des aus­ge­hen­den 18. und des 19. Jh. Das 19. Jh. mit seinen Schwer­punkten Kolonialismus, Industrialisierung und politische Neu­ordnung hat auf geistes- und naturwissenschaftlichem Gebiet die am weitest reichenden Verände­rungen mit sich gebracht. Diese Entwicklungen waren durch den Expa­n­sionsdrang der Kirche und der Bibelübersetzung nicht nur zum Teil initiiert, sondern haben sie auch wesent­lich geprägt, wodurch sich erstmalig strategische Strukturen im Rahmen christlicher Ent­wick­lungshilfe ausbildeten.

1.4.1 Humanismus und Reformation

Das ausgehende Mittelalter mit der Wiederbelebung der alten Sprachen (Altphilologie), dem huma­nis­tischen Ideal und den Muttersprachen führte zur Refor­ma­tion (Bouyer 1989:504-505; Nida 1964:14). Deren haupt­sächliches Kenn­zeichen ist in mut­ter­sprachlichen Bibel­über­setzungen zu suchen, die aufgrund der aufbrechenden massen­orientierten Buchdruckkunst weite Verbreitung fanden (:16-17; McQuail 2007:26; Köster 1984:17). Kirchenum­brüchen lag die Wieder­ent­deckung biblischer Inhalte durch das einfache Volk zugrunde. Obwohl die Kirchenorganisation von oben nach unten vollzogen wurde, erhielt das Kirchenvolk mehr Mitbestimmungsrecht und kleri­kale Hürden wurden eingeschränkt. Aufgrund des neuen Bildungsideals und dem sozia­len Engagement der Kirchenmitglieder bildete sich ein „Laienpriestertum“ heraus, welches sich leider nicht durchsetzen konnte und spätestens seit der Orthodoxie pro­tes­tan­­tisch klerikalen Strukturen weichen musste (Luther zit. in Nürnberg 1987:12-13; Bosch 1991:469). Dieses Laienpriestertum führte zu mannig­fal­tigen Übersetzungen in regionale Dialekte.

1.4.2 Aufbrüche der römisch-katholischen Kirche (Mönchtum)

Parallel zur protestantischen Reformation erfasste die römisch-katholische Kirche ein innerer Aufbruch. Dessen Vorläufer ist in einer Wiederentdeckung der Bibel im 12. Jh. angesiedelt. Ausgehend von Paris, wahrscheinlich in der Abtei Hugo St. Victor, drängte die Erforschung biblischer Inhalte vom Theo­logiestudium bis zur Kanzel (Smalley 1989:206, 212).

Während sich die europäische Kurie auf die Abgrenzung und Festigung ihrer Strukturen und Lehren gegenüber dem Protestantismus besann, trat die Welt außerhalb Europas in den Fokus der römisch-katholischen Kirche. Bedingt durch die Entdeckung ferner Kontinente wuchs das Bedürfnis dort ein­hei­mische Kirchen­struk­­turen aufzubauen (Latourette 1953: xx). Walls sieht in den Kreuzzügen des 11. - 14. Jh. Vorboten kolo­nia­listischer Bestrebungen, die in der Entdeckerzeit des 15. - 16. Jh. ihren Höhepunkt finden. Beide Bewegungen fußten auf kirchlichen Initiativen und mündeten in den modernen Kolonialismus, der erst im 20 Jh. sein „offizielles“ Ende fand (2007).

Wie schon im Mittelalter taten sich die Bettel- und Mönchsorden (Augustiner seit dem 5. Jh.; Bene­dik­tiner seit dem 6. Jh.; Franziskaner und Domi­ni­ka­ner seit dem 13. Jh.; daneben Zisterzienser und Karmeliter) in diesem Bereich hervor (Leclercq 1989:190-191; Loewe 1989:152; Oxbrow 2005:4; Schirr­macher 1992:22). Die Stiftung des Franziskanerordens durch Franz von Assisi (1181/1182 - 1226 n. Chr.) stellt  den Anfang der katholischen Tradition religiöser Frömmig­keit unter den Prämissen Armut und Hingabe dar. Daraus resultierte in der Gegenreformation der in der christlichen Entwicklungshilfe weltweit ausgerichtete Zweig des Jesuiten­ordens durch Ignatius von Loyola (16. Jh.). Dieser war eng mit Francisco Javier (1506–1552) befreundet, dem Begründer der christlichen Entwicklungshilfe im Fernen Osten befreundet. Der Jesuitenorden war dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche direkt unterstellt (Knauer zu Ignatius von Loyola in Brockhaus 2009 multimedial).

Mönchsorden brachten die besten Voraus­setzungen für die Ausbreitung auf fernen Kontinenten mit sich. Bildung, finanzielle Unterstützung, innere Moti­va­tion zur Ausbreitung aufgrund christlicher Nächstenliebe und ihre breit gestreute Klos­ter­strukturen bildeten eine ideale Grundlage (Feldtkeller 2003:18-19; Neill 1974:92; Smalley 1989:200).

Die Anpassung an die Zielkultur erfolgte nach dem Prinzip der „Akkomodation“ (Bosch 1991:448; historische Beispiele bei Neill 1974:92, 100, 113-115), die in dieser Epoche auch von pietis­tischen Entwicklungshelfern angewendet wurde (Luzbetak 1993:96-97; s. u.). Bibelübersetzung, basierend auf dem Text der Vulgata, wurde ein beliebtes und notwendiges Hilfsmittel, um sich anvisierten Volksgruppen inhaltlich zu nähern. Neben dem Nahen Osten (arabische Über­­setzung im Jahre 1591-1592 bei Lauche 2007:133-134), war es die Neue Welt, in der sich die römisch-katholische Kirche betätigte. Bartholomäus de Las Casas (*1474 - 1566), der Begleiter von Kolum­bus und Kritiker der Zerstörung einheimischer Kulturen in den neu entdeckten Gebieten, ist hier genauso zu nennen wie die sogenannten „Reducciones“. Diese Anlagen bestanden aus selbst­verantworteten Zentren der Ein­hei­mischen, die sowohl politisch-sozial als auch kirchlich agierten. Bildung, Kirche und Arbeit wurden dort miteinander verknüpft und führten zu einigen Bibelüber­setzungen in die Indiosprachen (ausführlich Luzbetak 1953:93-95).

Aus diesen Aufbrüchen heraus „schritt Papst Gregor XV. um 1622 zur Tat und schuf die Heilige Kongregation für die Verbreitung des Glaubens, oft einfach unter dem Namen ‚Propaganda‘ bekannt (Neill 1974:122-123).“ Erklärtes Ziel war Strategien chri­s­t­licher Entwicklungshilfe zu untersuchen und gezielt einzusetzen. Dazu wurden de­tai­l­lierte Statistiken und Untersuchungen erstellt, um verbindliche Aussagen machen zu können, wie Mitarbeiter geschult werden können und wo sie einzusetzen waren (:123).

Nicht umsonst muss die Klosterbewegung des Mittelalters als Vorläufer des Jahr­hunderts christlicher Entwicklungshilfe und Bibelübersetzung bezeichnet werden (Pierson 1999:262, 264; Sanneh 2003:102; Troeger 2005:35).

1.4.3 Bibelübersetzung in Asien

Auch in Asien waren Mönche aktiv. Bereits im 13. Jh. haben sich Franziskaner und Dominikaner und im 16. Jh. Jesuiten mit Bibel­­über­­setzung z. B. ins Japanische und Chinesische be­schäftigt (Feldtkeller 2003:18-19; Neill 1972:100, 111-115, 119-123) Fied­ler & Schirrmacher 1998:12, 13a; Jenkins 2006:60; Walls 2007). Während die pro­tes­tantische Bewegung christ­licher Entwick­lungs­hilfe als Laienbewegung anzusehen ist, war und bleibt katholische Entwick­lungs­hilfe auch im Bereich der Bibel­über­setzung eine Priester­be­wegung (Luzbetak 1993:102). Kirch­liche Vorgaben (s. o.) verpflichteten die katho­lische Wissen­schaft der Bibelübersetzung bis heute auf das wört­liche Über­setzungs­modell (s. a. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 2001).

1.4.4 Pietismus und Orthodoxie

Der Pietismus beginnt mit dem Erscheinen der „Pia Desideria“ von Philipp Jacob Spener zur Frankfurter Buchmesse im Jahre 1675 (Aland 1974:3). Der pietistische Auf­bruch des 17. Jh. bewirkte neben der Förderung sozialer Pro­jekte im Schul- und Bildungswesen (:7) auch eine Orientierung an christ­lich­er Entwicklungshilfe in fernen Ländern (Walls 2005:214 und 2007; s. a. Nöh 1998:31, 37; Pierson 1999:264; Vicedom 2002a:124-125). Besonders hervorzuheben in die­ser geschicht­lichen Epoche ist die auffallende Tätigkeit im Bereich der Bibel­über­set­zung (Haacker 2006:37; Tucker hebt John Eliots Bibelübersetzung für die Algon­quin-In­dianer hervor 2007:343). So wurden z. B. mindestens zehn neue Übersetzungen des Neuen Testaments auf Deutsch allein von 1602 bis 1736 heraus­ge­geben und befanden sich im Umlauf (Aland 1974:11).

Doch nicht nur im Bereich Übersetzung, sondern auch in Exe­ge­se und Textkritik konnten enorme Fortschritte verzeichnet werden. Im Jahre 1702 ver­­öffent­licht John Fell das erste griechische NT, welches als textkritische Ausgabe auf mehr als 100 griechische als auch auf die koptische und gotische Vorlage zurück­­griff (:19; Orlinsky & Bratcher 1991:49-50; so auch zu Alexander Camp­bell ebd.:56-57).

Der Übersetzungseifer an der Bibel in dieser Epoche übertrug sich in gleicher Weise auf die Sprach­gruppen, denen die pietistischen Entwicklungshelfer in ihren Ein­satz­gebieten begegneten. Dabei standen ein möglichst ungehinderter Zugang der Inte­res­sierten und Gläubigen zu biblischen Inhalten in ihrer Muttersprache sowie die Aus­bil­dung und Lehre einheimischer Mitarbeiter im kirchlichen, wie auch im sozialen Rahmen im Vordergrund (z. B. ausführlich Ziegenbalg bei Reifler 2005:177; Schwarz und Zinzendorf bei Luzbetak 1993:96-97).

1.4.5 Anfänge als missiologisch-theologische Disziplin

Die Wissenschaft der Bibelübersetzung entwickelte sich in dieser Zeit zu einer missiologisch-theologischen Disziplin. Dabei wurde Bibelübersetzung eine innere Kraft zu­gesprochen, die damit erklärt wurde, dass

      "die Kirche das Evangelium nur deshalb verkündigt, weil es wahr ist; es ist nicht deshalb wahr, weil es durch die Kirche verkündigt wird. Das Evangelium rechtfertigt die Verkündigung, aber die Verkündigung rechtfertigt nicht das Evangelium, egal wie dieses in Erscheinung tritt (Sanneh 1992:112)."

Diese Einstellung findet sich schon bei Luther, wenn er die Auslegung der Schrift allein durch die Kirche ablehnt und der Schrift selbst „innere Klarheit“ (claritas interna) zubilligt (Luther zit. in Nürn­berg 1987:7, 9).

Der Boden für eine strategische Ausrichtung der (Bibel-) Übersetzung im Rahmen christlicher Entwicklungshilfe war geebnet. Franckes Bemühungen führten zwar zur Gründung der pietistischen Cansteinschen Bibelanstalt, die Enormes im Bereich der Verbreitung leistete, jedoch entfaltete sich keine missiologische Blick­richtung für die Bibelübersetzung im Rahmen dieser Bibelorganisation (Köster 1984:99, 133; Smal­ley 1991:62). Die Erfahrungen des 16. und 17. Jh. in Bezug auf die Ver­brei­tung der Bibel, führten im 19. Jh. zur Gründung nationaler Bibel­gesell­schaf­­ten. Das erklärte Ziel derselben bestand in der strategischen Verbreitung der Bibel an jeden Haushalt (Köster 1984:84 und Smalley 1991:72). Während dies im 17. J­h. aufgrund mangelnder Organisation nicht hin­reichend erreicht werden konnte (Köster 1984:67, 99), konzentrierten sie sich im 19. Jh. allein auf dieses Ziel. An dessen Ende agierten sie bereits auf internationaler Ebene (z. B. die Bri­­tische und Amerikanische Bibelgesell­schaft - BFBS/ABS -; ausführlich Richter 2006:52-62 und Smalley 1991:62-85).

1.4.6 Aufklärung

Die Aufklärung des 18. und 19. Jh. führte zu einem langsamen Prozess der Säkularisierung der aufgeklärten Völker. Ursache hierfür bildete die Säkularisation kle­ri­kaler Formen (Gogarten 1966:143-144 dort auch begriffliche Differenzierung). Religion wurde zur Privat- und Nebensache erklärt (Rommen 2003:23, 66; Küng 1990:20). Kant formuliert folgendermaßen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst ver­schul­de­ten Unmündigkeit (Kant zit. in Rendtorff 1991:57).“ Naturwissenschaft und Medizin ver­abschiedeten sich von jedem religiösen Einfluss (Küng 1990:19-20).[5] Gleichzeitig wurden Menschenrechte und damit verbunden die Religionsfreiheit Grundlage für die welt­weite Verbreitung religiöser - auch christlicher - Inhalte (Feldtkeller 2003:18). An­fänge der späteren Trennung einer Wissenschaft zur Bibelübersetzung und der Über­set­zung liegen in dieser Phase.

1.5 Jahrhundert der Bibelübersetzung

Das Jahrhundert der Bibelübersetzung (Smalley 1991:22-31; Meurer 1978:10; Sanneh 2007a) wurde maßgeblich von nordamerikanischer und europäischer Seite vorbereitet (Walls 2006:226). Es kann nicht losgelöst, sondern muss im Rahmen einer gesamt­heit­lichen Entfaltung christlicher Entwicklungshilfe und Übersetzung überhaupt betrachtet werden. Sein Beginn ist in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts anzusiedeln und dauert bis heute an.

1.5.1 Systematisierung durch Organisation

Ursprünge der Entfaltung von Neuübersetzungen sind in einem stetig anwach­sen­den Interesse an christlicher Entwicklungshilfe im 19. Jh. zu suchen, die sich in Grün­­dungen von Bibelgesellschaften und interdenominationalen Organisationen aus­drück­ten (Richter 2006:51-52; ausführlich Smalley 1991:62ff.; z. B. für die Türkei bei Zürcher 2004:56). Im Jahr 1804 fing die „British and Foreign Bible Society“ erstmals mit der systematischen Verteilung von Bibeln an. Im 20. Jh. entwickelte sich neben der Verbreitung der Bibel im eigenen kulturellen Kontext (Europa und Nordamerika) zudem die Idee, die Bibel weltweit allen Völkern zur Verfügung zu stellen (Miller 2002:24-26). Hierbei spielten die Texte aus Offb 5,9 und 7,9-10 eine wesentliche Rolle.

Dieses Jahrhundert war geprägt von einer Syste­ma­ti­sierung christ­licher Ent­wicklungshilfe mittels inter­na­tio­naler Konferenzen. Einleitend mit Careys Aufruf und Einladung zu einem interna­tio­na­len Treffen christlicher Ent­wick­lungs­helfer im Jahre 1806, kam es spätestens mit der Konferenz in New York im Jahre 1852 zu einem Durch­bruch dieser Institution (Feldtkeller 2003:18-19; Fiedler & Schirr­ma­cher 1998:83-84; Luzbetak 1993:98; Smalley 1991:43, 45, 47; Walls 2005:53-54). Dabei gerieten vor allem Asien, Afrika sowie der Nahe und Mitt­lere Osten ins Blick­feld der Entwick­lungshelfer.

            Die Ausbildung zur christlichen Entwicklungshilfe verlagerte sich weg von der uni­ver­sitären theologischen Ausbildung hin zu speziellen Seminaren (Sauer 2006:185, 187). Diese Entwicklung galt auch für die Bibelübersetzung. Einerseits entwickelte sie sich dadurch zur selb­stän­di­gen Wissenschaft, andererseits verlor sie dadurch den Anschluss an die missiologisch-theologische Ausbildung.

1.5.2 Lingua Franca und Nationalsprache

Die größte Herausforderung dieser Zeit lag in der Bewältigung sprach­licher Hürden. Hege­monialen Prinzipien damaliger kolonialistischer Machtansprüche entsprechend tendierten auch Ent­wick­lungshelfer dazu, den Zugang über die Muttersprache zu unterschätzen (Walls 2005:228-231; Smalley 1991:32, 245-247). Überwiegende Stoßrichtung damaliger Stra­­tegien bestand in der Einführung klassischer Bildungsideale in der Sprache der Ent­wick­lungshelfer, welcher sich die Zielgruppen anzunähern hatten (Blincoe 1998:110; Livingstone 1993:39-40; Nida 1990:173; McGavran 1968:3; Pikkert 2008:25-27, 40-41; o. V. 2008. Peter Pikkert on The Great Experiment; Vander Werff 1977:108. Diese, auf die Sprache der christlichen Entwicklungshelfer konzen­trierte Tätig­keit, führte einerseits zu einer Interna­tio­na­li­sie­rung des Englischen als Welt­sprache (lingua franca), aufgrund der oben genannten Dominanz anglo­pho­ner Mitarbeiter (endgültig mit der Konferenz christlicher Entwicklungshelfer in Edinburgh 1910 bei Walls 2005:62). Auf der anderen Seite bewirkte dieser Zugang eine Konzentration auf medizini­schem und bil­dungs­­orientier­tem Gebiet (Pikkert 2008:101; Richter 2006:62-63, 65). Typischer Aus­druck dieser Entwicklung waren die durch Carey eingeführten Missionsstationen (Luz­betak 1993:98). Sie waren jedoch, wie sich im Verlaufe der Geschichte heraus­stellte, einem kontex­tua­lisierten oder indigenen Zugang hinderlich, weil sie Einhei­mische aus ihrer Kultur entfremdeten und nur wenigen Angesprochenen die Mög­lich­keit boten, die christliche Botschaft in vollem Umfang zu erfas­sen (:ebd.; ausführlich McGavran 1968:30, 59, 65, 105; Tippett 1967:25).

Im Bereich der Bibelübersetzung blieben die Bibelorganisationen tra­di­tio­ne­l­len Über­setzungen verpflichtet und setzten ihre Schwerpunkte auf eine kostengünstige und breit angelegte Verteilung von Bibeln oder Bibelteilen in den Handels- oder Natio­nal­spra­chen ihrer Zielgebiete (Effektivitätsdenken). Übersetzung fand nur im Rahmen sehr großer Sprachgruppen statt oder es wurden nationale Organisationen gefördert, welche sich darin betätigten (z. B. Türkische Übersetzung, s. Werner [2010]).

1.5.3 Akkomodation

Das von römisch-katholischer Seite eingeführte Prinzip der Akkomodation (s. o.; Jenkins 2006:56-57) fand nur selten Anklang in dieser modernen Bewegung. Wenige Aus­nah­men wie Hudson Taylor (Taylor 1999; ausführlich Franz 1998), Rufus Anderson (Pikkert 2008:29; Luzbetak 1993:98, 100), Temple Gairdner (Pikkert 2008:94, 110; Reimer 2006a:8; Terry 1996:171) oder William Carey (Walls 2006:211; Tucker 2007:343) setzten Maßstäbe im Bereich eines kontextualisierten Zugangs zur Ziel­gruppe. Für diese ernteten sie zum Teil heftig Kritik (Walls 2005:238-240, 251), doch besaßen sie lange Zeit Vorbildcharakter bzw. wurden idealisiert.

Christliche Entwicklungshilfe lässt sich auf fünf Zugänge zur Zielgruppe redu­zie­ren: Kontextuell (Kon­tex­tualisierung), konfrontativ (apologetisch), traditionell evangelikal (christozentrisch; z. B. Samuel Zwemer (Pikkert 2008:109-110; Livingstone 1993:48), institutionell (durch soziale Einrichtungen) und dia­logisch (Hansum 2008:89). Terry hat zwar zehn Zugänge, jedoch lassen sich diese meiner Meinung nach auf die oben beschriebenen fünf reduzieren (1996:168-177).

1.5.4 Ökumene

Internationale Konferenzen führten innerhalb der theologisch unterschiedlich gelagerten Kirchen zu dem Wunsch, sich für die christliche Entwicklungshilfe zu vereinigen und ihre Kräfte zu bündeln (Sauer 2006:196). Hieraus gründete sich die universale Ausrich­tung christ­licher Entwicklungshilfe im Rahmen einer gesamtkirchlichen Bewegung, die als „Ökumene“ bekannt wurde (Bosch 1991:301-302). John Raleigh Mott darf als Baumeister der Ökumene gelten (Feldtkeller 2003:19; Reifler 2005:242, 244, 263-264, 268, 270).

Auf dem Gebiet der Bibel­über­setzung führte dieser Gedanke zur Gründung von SIL (1942) und UBS (1946), die sich dem Prinzip über­kon­fes­sioneller Zusammenarbeit ver­pflichtet sehen. Ein Um­denken der römisch-katholischen Kirche fand mit dem II. Vati­kanischen Konzil statt. Nun sollten im Rahmen der liturgischen Verwendung Landes­sprachen offiziell erlaubt sein und gleichzeitig erfolgte der Aufruf zum Gebrauch und dem Lesen der Bibel (1962). Die Tore zur Zusammenarbeit zwischen den UBS und der World Catholic Fede­ra­­tion for the Biblical Apostolate waren aufgetan (1968). In der Bibel­über­set­zung resultierte daraus ein ökume­nisches Miteinander (Spindler zit. in Miller 2002:26; Betz 1998:3-4; s. a. Steiner 1966:127; s. a. Escobar 1990:88-89 und Smalley 1991:30).

Kritische Stimmen zur Ökumene be­mängeln weiterhin die einseitige Aus­rich­tung auf den neutralen Bereich sozialer Projekte bzw. der Diakonie, um theologische Un­stim­migkeiten zu meiden (Kasdorf 1976:89, 92; Baumann 2007b:113, 127; Brandl 2002:20; Vicedom 2002a:121).

 Ökumenische Bestrebungen dieser Zeit verhalfen dem jüdisch-christlichen Dialog zu neuen Aufbrüchen. In der westlichen Welt zollte man der Bedeutung der Sep­tua­ginta als jüdischem Produkt und den jüdisch-christlichen Dispu­tationen der Scholastik neue Aufmerksamkeit. Es kam zu jüdisch-orientierten Übersetzungen in fast alle größeren europäischen Sprachen (Orlinsky & Bratcher 1991:124). Die Hebräische Bibel fand dadurch in Exegese und Über­setzung erneute Aufwertung.

1.5.5 Bibelübersetzung, Linguistik und Ethnologie

Zur Überwindung sprachlicher Hürden entdeckte man Linguistik und Ethnologie als hilfreiche Hilfsdisziplinen. Beide Fachbereiche etablierten sich fest im Rahmen christ­lich­er Entwicklungs­hilfe (Bruggen 1985:37-38). Der mit William Carey eingeführte, auf­strebende Zweig der Bibel­über­setzung (Smalley 1991:43, 45; Tucker 2007:343) bot die Plattform zur Integration dieser Hilfsdisziplinen. In der gegenseitigen Einflech­tung dieser drei Disziplinen liegt die Tatsache begründet, dass bis heute Wechsel­wirkungen untereinander festzu­stellen sind.

1.5.6 Wissenschaft der Bibelübersetzung

Das 20. Jh. wurde im Gegensatz zum 19. Jh. in welchem die Ver­brei­tung der Bibel Priorität hatte, zum Jahrhundert der „Wissenschaft zur Bibel­über­setzung“ (zu Inhalt und Begriff). Im Kern dieser Entwicklung standen, die

  • Verknüpfung wissenschaftlicher Disziplinen in der Bibelübersetzung (s. o.). Dies führte zu Revisionsübersetzungen aller Art. Im englisch­sprachigen Raum gab es mindestens vier solcher Revisionen (New Inter­na­tio­nal Version, New American Standard Bible, New King James Version, New World Translation bei Orlinsky & Bratcher 1991:208, 217; 279). Gleiches lässt sich auch im deutschsprachigen Raum mit geringer zeitlicher Verzö­gerung fest­stel­len (z. B. Revisionen der  1975 und 1984, , GNB, Revidierte Elb, HfA etc.).
  • Konzentrierung auf unerreichte Völker, die für christliche Entwicklungshilfe als Ziel­gruppen in Betracht kamen (z. B. Türken Zürcher 2004: 2004:56). Missio­lo­gisch orientierte Einrichtungen entwickelten Strategien und Modelle, um solche mit christlichen Inhalten zu erreichen (z. B. Fuller Seminar/Pasadena, Institut für Missiologie und Religionswissenschaft/Fribourg etc.). Sprache und Kultur dieser Ziel­gruppen traten dabei in den Mittelpunkt der Erforschung. Kontextualisierung löste die Akkomodation ab und der Muttersprachler trat in den Vordergrund (zur Kritik der aus Akkomodation resultierenden Kultur­re­li­gion s. Vicedom 2002a:121).
  • Die Stellung des christlichen Entwicklungshelfers wan­delte sich vom Übersetzer zum Ausbilder bzw. Leiter von Projekten. Als Vorreiter dieser Bewegung kann Maurice Leen­hardt angesehen werden, der unter den Kanaken Neukaledoniens lebte und mit Hilfe „parti­zi­pie­ren­der Beobachtung“ eine Übersetzung leitete (Smalley 1991:53-56, 239).
  • Wiederentdeckung und Entwicklung von Kommunikationsmodellen auf den Gebieten der Informa­tions­technik und anderen wissenschaftlichen Dis­ziplinen, namen­t­lich der (Neuro-) Linguistik, den Sozialwissenschaften sowie den Wissen­schaf­ten zur Kommunikation und Übersetzung. Die Bibelübersetzung erweist sich hierbei als Katalysator solcher Modelle auf­grund ihres globalen Auftretens und der damit einhergehenden Anwendung.
  • Internationalisierung und zunehmende Interdisziplinarität wissenschaft­licher Fach­gebiete und Institutionen im Rahmen der Globalisierung (Kapteina 2002:13; all­gemein Wilss 1984:21 dort besonders für Übersetzung :22). West­liche Dominanz weicht wachsender östlicher Präsenz im Rahmen chris­t­­licher Ent­­wick­­lungshilfe (Park 2002:55-56, 60), wobei diese sich über­wie­gend auf das 10/40 Fens­ter konzentriert (Reifler 2005:30; Wiher 1995:1-3).

Der Zweig der Bibelübersetzung erweist sich in dieser Epoche als fruchtbares Hilfs­mittel missiologischer Be­stre­bungen, da mit ihr Zielgruppen angesprochen sind, die bis dahin außerhalb des Fokus christlicher Entwick­lungshilfe standen (Miller 2002:27). Von daher hat Bibel­über­­setzung wesentlichen Anteil am Sendungsauftrag „alle Völker der Welt zu erreichen“ (Mt 28,19-20).

1.6 Zusammenfassung

Neben zahlreichen historischen Rückblicken erscheint die Geschichte der Bibelübersetzung eher als Rarität. Bestehende Werke beziehen sich zwar auf Produktion und Hintergründe der Entstehung einer Bibelübersetzung, dagegen mangelt es an Dar­stel­lungen der Bibelübersetzung als Institution und Wissenschaft.

Die Geschichte der Bibelübersetzung macht deutlich, dass die Christenheit bis heute ihr Mandat zur Bibelübersetzung (s. Appendix 1) aus dem Vorbild ihres Namens­ge­bers ableitet (Apg 11,26). Inkarnation, Kondeszenz und Kenosis der göttlichen Person wurde ihr zum Maßstab für die Übertragung biblischer Inhalte. Ihr Blick fiel dabei auf Völker und Personen, mit denen die Christenheit seit ihrer Gründung an Pfingsten kon­fron­tiert war (Apg 2,9-10) und welche die griechischen Niederschriften, der apo­sto­li­schen Beiträge wie auch der Hebräischen Bibel nicht verstanden.

Die apostolischen oder in der Autorität der Apostel durch Mitarbeiter derselben ver­fass­ten Schriften wurden bereits seit dem 1. Jh. als Einheit gedeutet und in einem Kanon zusam­­men­­gefasst. Dabei gaben der christozentrische Kontext und die aposto­li­sche Autorität, in Abgrenzung zu deuterokanonischen oder pseudepigraphischen Werken, im protestantischen Raum besser bekannt als Apokryphen, den Maßstab der Aus­wahl vor. In dieser Phase entdeckte man die Bibel­übersetzung als grundlegenden Zugang - über die Muttersprache - in die Herzen der Menschen, systematisierte ihn jedoch nicht. Unbewusst wurde in diesem Prozess das Inkarnationsprinzip auf Bibel­übersetzung übertragen.

Im Mittelalter setzte sich diese Entwicklung fort, jedoch wurde Bildung und Lehre vernachlässigt, weshalb auch die Bedeutung der Bibelübersetzung als Werk der Schriftkundigen in den Hintergrund trat oder der gebildeten klerikalen Oberschicht vor­be­halten war. Einzig Mönchtum und Kloster­bewe­gung als international agierende Insti­tutionen setzten die Verbreitung biblischer Inhalte im kirchlichen Rahmen und in nicht-christianisierten Gebieten fort. Hierbei lässt sich die Tendenz zur Bibelübersetzung als strategischem Mittel feststellen. In der Geschichte beobachtbar haben sich dort, wo muttersprachliche Bibelübersetzungen entstanden, auch indigene Formen des Christen­tums herausgebildet. Nur zur Blütezeit der Scholastik im 12. Jh. widmete sich die gesamte Westkirche im Besonderen der Bibel.

Noch einmal in der Vorphase der Reformation (14. Jh.) und endgültig mit deren Durchbruch trat die Bedeutung der Bibel­über­set­zung erneut ins Blickfeld der Kirche. Im Rahmen des Pietismus und dem Aufbrechen christlicher Entwick­lungs­hilfe formten sich außerkirchliche Ausbildungsseminare, die sich exegetisch-philologisch mit den alten Sprachen der Bibel und fremden Kulturen auseinandersetzen. In diese Zeit fällt die Gründung von Bibelgesellschaften (BFBS/ABS), deren Ziel damals wie auch heute in der Verbreitung der Bibel in möglichst viele Sprachen besteht.

In der Zeit der Aufklärung vereinigten sich Ost- und Westkirche für eine univer­sal angelegte Strategie der Verbreitung biblischer Inhalte. Hintergrund dieser Ent­wick­lung ist in einer Neuorientierung der Westkirche zu suchen. Während in der asia­­tischen Welt bis dahin die nestorianische Kirche auch im Bereich der Bibel­über­set­zung tätig war, orientierte sich die Westkirche erst jetzt auf dieses strategische Hilfsmittel.

Die Vereinigung westlicher und östlicher Kräfte in der christlichen Entwick­lungs­hilfe wurde durch Einzelpersonen wie Carey, Taylor, Anderson u. a. gefördert. Im Jahrhundert der Bibelübersetzung konnte im Rahmen ökume­nischer Bestrebungen der Grundstein für eine zukünftige globale übersetzerische Abdeckung aller Sprachen gelegt werden. Mittels internationaler Konferenzen sowie international agieren­den Gesellschaften im Bereich der Bibelüber­setzung formulierte man das Ziel, die Bibel, Bibelteile oder den Zugang zu biblischen Inhalten allen Völkern in der Muttersprache zu ermöglichen. Wiederum formierten sich nur langsam Institutionen und wissen­schaft­liche Disziplinen, die zur Umsetzung dieses Zieles notwendig waren.

Erst in diesem Jahrhundert christlicher Entwicklungshilfe und Bibelübersetzung entfalteten sich globale Strategien und Modelle zur Umsetzung dieses Ziels. Von Seiten der Wissenschaft lieferten neue Erkenntnisse zur Kommunikation und Übersetzung expansive Modelle um der Bibelübersetzung zu ihrer wissen­schaft­lichen disziplinären Ausrichtung zu verhelfen. Im Zentrum dieser Entwicklung stand das Zielpublikum, dem die Bibel verständlich gemacht werden sollte. Hieraus resultierte innerhalb kürzester Zeit eine breit gestreute Verbreitung biblischer Inhalte, die wiederum kirchengründend oder -stärkend wahrgenommen wurde. Wissenschaft der Bibelübersetzung wurde damit zum Brückenkopf der Missio­logie. Sie bündelt die Kräfte der Ethnologie und Linguistik und eröffnet den Dialog mit den Wissenschaften zur Kommunikation und Übersetzung.

Nachdem geschichtliche Zusammenhänge der Bibelübersetzung deutlich geworden sind, stellt sich die Frage, welche explizi­ten oder impliziten Elemente ihren Auftrag bzw. ihr Mandat begründen.

2. Ausbildungsrelevante Modelle

Auf sprachwissenschaftlicher Seite lagen bereits seit den siebziger Jahren des letzten Jahr­hunderts alternative Modelle und Konzeptvorschläge der Übersetzung vor. Diese umfassen,

  • die funktionale Diskurs-orientierte Grammatik, fortentwickelt durch Halliday (1975; 1985),
  • das funktionale Übersetzungsmodell nach Nord (1997; 2001; 2003),
  • die Skopos-Theorie von Reiß & Vermeer (1984), 
  • der Kultur-Ansatz nach Katan (1999),
  • das Modell der Massenkommunikation von Maletzke (1978) und McQuail (2005),
  • der interkulturelle Kommunikations-Ansatz von Neuliep (2006),
  • die Fortentwicklung des Äquivalenz-Modells (Nida 1964 und Nida & Taber 1969) nach Larson (1984), Beekman (1974) und Waard & Nida (1986),
  • die wörtlichen Übersetzungsmodelle von Nabokov (1964), Turner (2001) und Forrest (2003), sowie die buchstäblichen (sprach-) philosophischen Ansätze (begründet u. a. von Derrida, Benjamin, Wittgenstein),
  • die literarischen Modelle von Jin (2003) und Wendland (2003; 2006),
  • sowie der relevanztheoretische Ansatz von Gutt (1991; 2000), welcher auf der Relevanz-Theorie (RT) von Sperber & Wilson (1986) basiert.[1]

Diese Modelle führen teilweise zu grundsätzlich anderen Ansätzen der Übersetzung als dies im Kode-Modell der Fall war. Dies führt zwangsläufig zu einer anderen Praxis der Über­setzung. Der Einfluss dieser neuen oder fortentwickelten Modelle blieb allerdings gering. Das bedeutet, die theoretischen und übersetzungstechnischen Grundlagen aus­bil­d­en­der Institute zu hin­ter­­fragen. Auf einem Treffen von Ausbildern in der Übersetzung im Jahre 1999 wurde deutlich, dass in der ge­gen­wärtigen Ausbildung und Praxis zur Bibelübersetzung lediglich das von Nida & Taber und später von Waard & Nida vorge­schlagene Kommunikations- und Übersetzungsmodell eine Rolle spielt (Wilt 2003a: ix).

2.1 Übersetzungsintention – Revisions- oder Neuübersetzung

Übersetzungs-Intentionen haben grundlegende Funktionen in der Wissenschaft der Über­­setzung (Grundlage bildet die Lasswell-Formel ). Die Ein­teil­ung in Revisions- und Neuübersetzungen, wie es in der neu­er­en Literatur getan wird, erweist sich dabei als hilf­reich (Aland 1974:11; Smalley 1991:107; Haacker 2006:36). [1]

Während Revisionsübersetzungen auf eine lange Übersetzungstradition – haupt­säch­lich in Europa und dem englischsprachigen Raum – zurückblicken können, be­in­haltet der Begriff Neuübersetzung Erstübersetzungen unter isolierten, sprich unerforsch­ten oder mündlich tradierenden Volksgruppen[2] (Willebrands 1987 Nr. 2.1). Revisions­über­setz­­ungen beinhalten moderne und neue Grundsätze der Übersetzung (Beispiele in Orlinsky & Bratcher 1991:145, 150, 207, 279). Sie greifen auf mehrere vorhandene Bibelüber­setzungen verschiedener Traditionen in der Ziel­sprache zurück (:279).

Haacker beschreibt das Spannungsfeld, welches sich aus der Unter­scheidung von Über­­­setzungen auf diese Art und Weise ergibt (s. Appendix 1). Es mangelt seiner Meinung nach an einer deutlichen Unterscheidung dieser Tradi­tio­nen inner­halb der im deutsch­sprachigen Raum teilweise heftig und kontrovers ge­führt­en Diskus­­sion (2006:36). Seine Einteilung in refor­ma­to­rische und missionarische Bibel­­­über­­setzungen geht von der Intention/Motivation der Über­setzungs­tätigkeit aus (:ebd.). Aus­­wirkungen zeigen sich nicht nur in der Orientierung auf die Zielgruppe (s. o.), sondern auch im Falle von Revisionen in ihrer sprachlichen und theologischen „Ver­pflich­­t­ung ge­genüber der Wirkungsgeschichte“ der zugrundeliegenden Ausgangs­texte (:ebd; auch Vries 2007:275-276[3]). Dies wird besonders an der Kritik zur Luther-Revision 1975 deutlich in welcher Neuerungen zugunsten traditioneller Muster kritisiert wurden (Hennig 1979:260-272) und die Weihnachtsgeschichte und das Lob der Liebe Ablehnung fand. Solches führte zur Wiedereinführung von Begrifflichkeiten, die schon in der Revision von 1912 benutzt wurden (Lutherbibel 1984: Vorwort). Haacker betrachtet eine Revision, als ein Gebilde, das „zwischen Wissenschaft und Kunst“ anzusiedeln sei. Dies ergäbe sich aus dem Anspruch der westlichen Welt, sich zu ihrer Fertigung Sprachexperten, Theologen, Missiologen und unter­schiedlicher Testpersonen zu bedienen (2004:211).

In Bezug auf Neuübersetzungen liegt die Intention in der „Hinwendung zu den Menschen der Gegenwart in ihrer Sprachwelt“ (Haacker 2006:36).[4] Zusammengefasst bedeutet dies, dass eine Revision sich einem bereits vor­handenen Publikum verpflichtet weiß, während die Neuübersetzung eine Zielgruppe an­visiert, deren Reaktion nicht voraussagbar ist sondern zur Annahme oder Ablehnung führen kann.[5]

2.1.1 Wissenschaft der Übersetzung – jung und kulturübergreifend

Im Gegensatz zur Wissenschaft der Kommunikation, die schwerpunktmäßig den Akt der Kom­muni­kation unter­sucht, beschäftigt sich die Wissenschaft zur Übersetzung mit der „Über­setz­ung aus einem Sprachraum in den anderen“, aus „einer Kultur in die andere“ (Carrithers 1992:22-23, Artikel: „Anthropologie“). Sie beschäftigt sich mit dem Gegen­stand/Produkt der Übersetzung (Text), dem Vorgang/Prozess des Übersetzens, der Funktion von Übersetzung, der Sonder­form des Dolmetschens, dem Übersetzer und als Spe­zia­lisier­ung ihres Fachbereiches mit Bibel­über­setzung (Holmes zit. in Toury 1995:11, 21; s. a. Wilss 1982:58; s. Pkt. 2.2.9.3). Weshalb auf diese Bereiche nachfol­gend einzugehen ist.

Es handelt sich um einen sehr jungen Wissenschaftszweig (Meurer 1978:8). Dies rührt unter anderem daher, dass „Übersetzung“ nicht als Wissenschaft betrachtet wird oder wurde (Baker 2006:2-4; s. a. Steiner 2004:129; Svejcer zit. in Wilss 1982:52).[1] 1972 benutzt Holmes den Begriff Translation Studies auf einer Konferenz in Kopen­hagen (Holmes 1972:67). Er fasst auf diese Weise die bis dahin gängigen Begriffe, science of translating (Nida 1964), science of translation (z. B. Wilss 1982:114) oder translatology (Goffin zit. in Holmes 1994:69) in einem neuen Begriff zusammen (ausführlich bei Hermans 1999:30; Arduini 2007:185; Toury 1995:9-14).[2] Er ist es auch, der eine Struktur für diesen wissenschaftlichen Zweig entwickelt und sie in einen praktischen (descriptiv) und theoretischen Teil gliedert (Holmes zit. in Toury 1995:11-21, dort auch eigene Weiterentwicklung von Toury). Diese Einteilung hat sich inzwischen durchgesetzt.

Koller beschreibt die Wissenschaft zur Übersetzung als ein Kollektivphänomen. Er beurteilt sie als „alle, sich mit Übersetzen und Übersetzung beschäftigenden For­schung­s­tätigkeiten (Koller zit. in Holmes 1994:10-11; auch Mojola & Wendland 2003:11).“[3] Es geht nach Kollers Definition nicht um Kommunikationsvorgänge per se, sondern um konkrete Vorgänge insbesondere beim „Übersetzen“ und der „Über­set­zung“. Eine nähere Beleuchtung dieser Begriffe soll dies verdeutlichen.

Gegenwärtig wird die Wissenschaft der Übersetzung und das Dolmetschen der „Angewandten Sprachwissenschaft“ und dort der „Pragmatik“ zugeordnet (Reiß & Vermeer 1991:1).

3. Übersetzung und Übersetzen

Die Begriffe „Übersetzung“ und „Übersetzen“ werden teilweise missverständlich, da synonym, ver­wendet. In dieser These wird die Meinung vertreten, dass es sich um unter­schiedliche In­halte handelt, aufgrund dessen es angebracht ist, sie einzeln zu unter­suchen.

Es ist zu unterscheiden zwischen dem Gegen­stand, dem Produkt[4] und der Tätigkeit[5] (s. o.) wie dies im linguistischen Ansatz zum Ausdruck gebracht wird (Holmes zit. in Toury 1995:9-12). Die Heraustrennung dieser drei Fak­to­ren als „beschreibender Zweig“ (Descriptive Translation Studies) der Wissenschaft zur Übersetzung ermöglichte eine praxisorientierte Auseinandersetzung (:ebd.).

Ein Problem besteht in der qualitativen Beurteilung einer Übersetzung. Sieht man von der Computer­über­setzung ab, scheinen einheitliche Kriterien nicht möglich. Pym schlägt des­halb die Unterscheidung in binäre und nichtbinäre Fehler zur Bewertung von Übersetzung vor. „Richtig-falsch Beurteilungen“ fielen dabei unter erstgenannte, während „quantitativ zu beschreibende“ Fehler als letztgenannte zu bewerten wären (zit. in Kußmaul 2007:66). Dem Problem der Qualitätssicherung hat sich Nord in ihrem funktionalen Ansatz genähert.

Wird Über­setzung, in Übereinstimmung mit anderen Forschern, als Prozess der An­näher­ung ver­standen, dann kann es niemals vollständige Übereinstimmung zwischen Original und Translat geben (Tirk­konen-Condit 1997:78; Steiner 2004:319; Kußmaul 2007:61). Zusätzlich muss das „Axiom der Übersetzbarkeit“ (Humboldt zit. in Berger & Nord 1999:19; Newmark 1988a:6; Chafe 2003:1) erfüllt sein, denn es ist Voraussetzung der Wissenschaft zur Übersetzung und basiert auf der Annahme, dass in jeder Sprache alles was gemeint werden kann auch auszudrücken möglich sei. Das bedeutet, dass sich alle Inhalte mittels Sprache übertragen lassen. Auch wenn in diesem Axiom die sprachlichen Faktoren im Vorder­grund stehen und in bestimmten - sehr seltenen - Fällen die Über­setzbarkeit hinterfragt werden kann (z. B. Gutt 1991:94-99), dient es als Arbeitsgrundlage.[6]

3.1 Ethnologische Annäherung

Aus ethnologischer[7] Sicht wird unter „Übersetzung“ ein beschreibender Vorgang ver­standen, dessen Ziel es ist „das Fremde vertraut zu machen“ (Carrithers 1992:22). Hier­zu gehört das Interpretieren fremder Kulturelemente in die eigene Kultur hinein. Der dabei stattfindende interkulturelle Übertragungsvorgang dient dem Verständnis des Fremden in und mittels Kultur und Sprache. Eine rückbezügliche Wirkung auf den über­setz­ten, fremden Kulturkreis kann be­obacht­et, jedoch nicht vorausgesetzt werden (Toury 1995:166).[8]

3.2 Linguistische Annäherung

Das Verständnis von Übersetzung aus linguistischer Sicht spiegelt eine Bandbreite wider, welche ein „Wechselspiel zwischen wörtlicher Über­setz­ung und unbegrenzter Freiheit (Jin 2003:33)“ umfasst. Jin drückt damit aus, dass Übersetzung sowohl ein mecha­nisches als auch intuitives Handeln darstellt.[1] Hatim & Munday sehen dies ähnlich und wollen „Übersetzung“ in keine Richtung einschränken (2004:224). Ein­schränkungen würden Vorgang und Produkt auf eine bestimmte Richtung festlegen, was dem tatsächlichen Inhalt der Begrifflichkeit abträglich wäre. Es gibt auch die Möglichkeit der „Unübersetzbarkeit“ bestimmter Texte, da ihre Form nicht in ge­eigne­tem Maße in die Zielsprache transferierbar ist. Diese geben dem In­halt Vorrang vor der Form, da der umgekehrte Weg zur „pedantischen Form des wörtlichen Übersetzens“ führen würde (:14). Auch kommunikative Gründe können die Übersetzung verhindern (Gutt 1991:94-99).

Holmes grenzt drei Funktionen ein, die in der Literatur auftauchen, aber teils un­ge­nü­gend unterschieden werden:

  • den Vorgang. Was geschieht beim „Übersetzen“ des Quelltextses?[2]
  • das Produkt. Die Analyse des Zieltextses steht im Mittelpunkt (Bell 1991:13).
  • die Funktion. Wie wirkt der Zieltext in einem bestimmten Kontext (Holmes zit. in Hatim & Munday 2004:3-4, 222, 224; Toury 1995:26-27; ähnlich Reiß & Vermeer 1991:2)?[3]

Diese Dreiteilung hat Folgen in Bezug auf eine weitere Frage, nämlich, ob es sich bei „Über­­setzung“ um eine „Literaturgattung“ (genre) handelt oder sich „Über­setzung“ als Gegen­stand dieser Tätigkeit mit genre beschäftigt. Das Produkt des Über­setz­ungs­vor­gang­es stellt eine Literaturgattung (Broschüre, Bibeltext, Prosa, Poesie etc.) dar, gleich­zeitig ist der Übersetzer aber in seiner Interpretations­freiheit Erzeuger von Litera­tur­gat­tungen (Hatim 2001:140-147).[4] Das bedeutet, dass „Übersetzung“ sowohl das Produkt genre erzeugt als auch die Funktion eines genre übernimmt.

Neben diese Überlegungen tritt Wilts Definition, die aufgrund ihrer Treff­sicher­heit als Referenzpunkt auf der Suche nach einer umfassenden Beschreibung für Über­setz­ung dienen soll: „Übersetzung ist der Versuch, in einer Sprache einen Text herzustellen, der in einer anderen Sprache (oder anderen Sprachen) produziert wurde (2003:233).“[5]

3.3 Kognitive Annäherung

Ähnlich dem Ansatz von Fabbro zu Kommunikation und Sprache, bietet Bells Zugang zur Übersetzung eine kognitive Modellbeschreibung für das „Übersetzen“. Dieses ist seiner Meinung nach,

  1. Bestandteil des menschlichen Informationsprozesses,
  2. dort angesiedelt im psychologischen Bereich,
  3. durch Kodier­ungs­einrichtungen in der Quell- und Zielsprache, die eine nicht­sprach­liche semantische Abbildung zulassen, verankert im Kurzzeit- und Lang­zeit­speicher der Gehirntätigkeit,
  4. ein Prozess, der in mehrstufigen und interaktiven Operationen abläuft, wobei diese nicht abgeschlossen sein müssen, bevor die nächste Analyse oder Synthese statt­findet (Bell 1991:229).

Bell umschreibt hier den Vorgang des Übersetzens, doch bleibt bei ihm eine Unterscheidung in Produkt und Funktion unerwähnt.

In der kognitiven Linguistik wird betont, dass der Übersetzer nicht „Wörter, sondern Bedeutungen übersetzt (Kußmaul 2007:24).“ Richtiges Verständnis von „Über­setz­en“ beinhaltet neben dem Verstehen der Wörter (semantische Ebene) auch die Er­fass­ung des Textes im Gesamtzusammenhang und der Übertragung dessen Sinnes in die Ziel­sprache (pragmatische Ebene) (zum Verhältnis von Pragmatik und Semantik s. Grice).

3.4 Funktionale Annäherung und verstandene Fremdheit

Die funktionalen Ansätze aus der Übersetzungskritik haben spezielle Aspekte der Über­setzung im Fokus. Reiß, deren Definition die Grundlage der sog. Skopos-Theorie bildet, versteht unter Übersetzung,

„die zielsprachliche Version eines Ausgangstextes, deren vornehmstes Bestreben es ist, den Ori­gi­nal­text nach Maßgabe des Texttyps, seiner innersprachlichen Instruktionen und der darin wirksam werd­e­nden außersprachlichen Determinanten in der Zielsprache wiederzugeben (Reiß 1971:91).“

Ähnlich sieht dies auch Nord. Sie folgt Reiß und definiert „Übersetzung“ als ko­mmu­ni­ka­tive Handlung, die Sprach- und Kulturgrenzen überschreitet (s. Gutts dritter Zugang) (Nord 2003:31). Es handelt sich um die „Produktion eines funktionsgerechten Zieltextes in einer, je nach der ange­streb­ten oder geforderten Funktion des Zieltextes (Translatskopos) unterschiedlich spezifizierten An­bin­dung an einen vorhandenen Ausgangstext (Nord 2003:31)“. Nord siedelt Übersetzung im Handeln zwischen Bewahrung und Ver­­änderung an. Zu­nehmen­de bewahrende Betätigung bewirke abnehmende Ver­ände­rung in der Über­setz­ung und umgekehrt (2003:33).

Burgess plädiert in seinem Artikel „gegen die rücksichtslose Einforderung allgemeiner Verständlich­keit und für die Bewahrung der Fremdheit“. Damit will er dass sakrale Verständnis insbesondere heiliger Texte bewahren (Thiede 1993:3). Der Begriff „(heilsame) Fremdheit“, wird auch von anderen Kritikern kommunikativer Übersetzung aufgegriffen (Wick 2004:14 und 2007; Felber 2006:2; Berger & Nord 1999:22-23). Anstelle von Fremdheit wird im gleichen Sinne die „Anders­ar­tig­keit“ (otherness) der Bibel betont (Nichols 1996: ii; gegen religiöse Fachsprache oder Ver­frem­dung u. a. Nida & Taber 1969:108).

3.5 Drei Hauptrichtungen - Versuch einer Klassifizierung

Gutt arbeitet drei Definitionslinien der „Übersetzung“ heraus. Zum einen gehe man einfach von der Tatsache der Existenz eines solchen Vorganges aus, „ohne den Ver­such zu unternehmen, diesen in systematischer Weise zu definieren (Gutt 2000:5).“ Zum anderen habe man durch Ab- und Eingrenzungen der Inhalte eine unübersichtliche Viel­zahl von Definitionen ge­schaffen. Zuletzt argumentiere man mit einem pauschalen „kulturellen Zugang“[6], dessen These laute, „Übersetzung ist das, was eine Kultur daraus macht (:ebd.; so z. B. Bascom 2003:81; Katan 1999:86; Lovill 1988:1)“. Alle drei Zugänge greifen nach Gutts Meinung zu kurz.

Beim ersten zeigt sich der Mangel einer „wissenschaftlichen Grundlage“ der Über­setzung. Dazu zählt die von ihm als unzureichend erklärte Arbeitshypothese dynamischen Äqui­valenz-Modells), wie dies z. B. von Larson und Dil vertreten wird. Larson definiert das Ziel des Übersetzers, also „Übersetzung“, als Herstellung eines

„auf die Sprache des Empfängers bezogenen Textes (eine Übersetzung), der idiomatisch ist; also ein Text, der die gleiche Bedeutung wie der Quelltext hat, aber auf natürliche Form in der Em­pfänger­sprache ausgedrückt ist. Die Bedeutung, nicht die Form wird dabei bewahrt (Larson 1984:16).“ [7]

Sie und Dil beschreiben das Produkt der Übersetzung in Anlehnung an Nida, jedoch nicht den Vorgang und die Funktion der Übersetzung (Dil 1975:33).

Der zweite grenzt Übersetzung über die Maßen ein, indem „er eine Norm impliziert und definiert und dadurch alle Phänomene, welche die Kriterien dieser Defi­nition nicht erfüllen, ausschließt (Gutt 2000:5).“ Der dritte Zugang unterschlägt die interkulturellen Voraussetzungen der Übersetzung, indem er sich einseitig auf kulturelle Vermutungen stützt (Gutt 2000:4-7; Kritik an Nida bei Gutt 2000:5).

3.6 Übersetzen

Es konnte bis hierhin aufgezeigt werden, dass in der Wissenschaft zur Übersetzung nicht deutlich genug zwischen Vorgang, Produkt und Funktion unterschieden wird. Curricula der Universitäten weisen auf diese Trennung hin. „Übersetzungswissenschaft“ wird entweder als Bestandteil anderer Fachbereiche (Linguistik, Germanistik, Anglizistik etc.) oder als eigenständige Fachdisziplin, mit wenig Annäherung an andere Disziplinen, gelehrt. Dies beginnt schon im normalen Schul­alltag, wo nach dem Motto „so (ge)treu wie möglich, so frei wie nötig (Berger & Nord 1999:18)“, über­setzt wird. Der Intuition des Übersetzenden werden keine Kriterien der Übersetzung, außer der Wieder­gabe wörtlicher Sinneinheiten, zur Überprüfung des gelernten Vokabulars und der grammatikalischen Form, mitgeliefert. Hier tritt die Form vor den Inhalt, was hinterfragbar erscheint, da das inhaltliche Ver­ständnis des Quelltextes, nach Meinung vieler Übersetzungswissenschaftler, zu kurz kommt (:18). „Übersetzen“ wird als Handlung und Wirkung verstanden.

Während die bis jetzt untersuchten Definitionen die „Übersetzung“, also das Produkt im Blick hatten, kommt Snell-Hornby vom Begriff des „Übersetzens“ her. Sie differenziert in „literarisches Übersetzen“ und „weltliches Fachübersetzen“. Ent­wicklungen in diesen Bereichen führen dazu, dass der Begriff „übersetzen“ unter­schiedlich ver­standen wird (1986:11-12).[8]

„Semiotische Einheiten“ werden unter „unterschiedlichen äqui­va­len­ten Be­ding­ungen mit semiotischen Kodes … in andere verwandelt“. Die Bedingungen werden vom „pragmatischen Handeln und all­ge­mein­en kommunikativen Voraus­setzungen“ be­stimmt (Hatim & Mason 1990:105; s. a. Nida 1964 und Greenberg 1968). Hatim & Mason untersuchen „über­setzen“ unter dem Gesichtspunkt des Diskurses, also textana­lyti­schen Schwer­punkten. Dieses Verständnis des „Übersetzens“ zielt auf Äqui­valenz des Ausgangs- (AT) mit dem Ziel­­text (ZT). Diskurs­technische Mittel bilden dabei das Hilfswerkzeug. Solch ein se­mantischer oder semiotischer Zugang offenbart Erkenntnisse über den Prozess, nicht aber die Funktion des „Übersetzens“.

Gutts einleitend erwähnte Kritik scheint berechtigt. Das Verständnis von Übersetzung als „kom­munikativem Akt“ wird in diesen Definitionen aufgegriffen, dennoch nicht abschließend ge­klärt. Bevor eine endgültige Zusammenfassung möglich ist, soll eine Sonderform des Über­setzens, das Dolmetschen, beleuchtet werden, um Impulse für das Verständnis aus dieser Fachrichtung aufzunehmen.

3.6.1 Übersetzen versus Dolmetschen

In der Wissenschaft zur Kommunikation und Übersetzung wird auf die Trennung von „Dolmetschen“[9] und „Übersetzen“ hingewiesen (Snell & Hornby 1998:37; Wilss 1992:125; Nida 2001:9; Haacker 1993:26-27; Berger & Nord 1999:18 berufen sich auf Schleier­macher 1813:47; Reiß & Vermeer 1991:8, 11). Gleichzeitig gibt es eine Betonung der Gemeinsamkeiten, die meiner Meinung nach überwiegen und in die Betrachtung einbezogen werden müssen.

Fabbro betont, dass es sich beim Dolmetschen um den „komplexesten Vorgang mehr­sprachiger Personen“ handelt. Bei gleichzeitigem Hören von Inhalten in einer Quell­sprache übersetzt der Dolmetscher diese in eine Zielsprache. Er nennt dies „gleich­zeitiges Interpretieren“ (Fabbro 1999:202) und unterscheidet in passive und aktive Interpretation (:203).[10] Das simultane Übersetzen unterliegt seiner Meinung nach „semantischen“ oder „wortwörtlichen“ Prinzipien“, vergleichbar den Prinzipien der schriftlichen Über­setzungs­methoden (:204; s. o.). Fabbro zeigt hier an, dass die wort­wört­liche Methode nicht die natürliche Form des Dolmetschens darstellt. Während sich das simultane Übersetzen auf kurze, meist auf der Satz­ebene angelegte In­halte bezieht, schätzen professionelle Übersetzer große Text­einheiten. Diese Art des Übersetzens nennt Fabbro „fortlaufendes Übersetzen“ (consecutive translation). Hierzu bedient sich der Übersetzer ganzer Texteinheiten, macht sich Notizen und versucht dann den bis zu 10 min langen Textinhalt wiederzugeben (:204).[11]

Der wesentliche Unterschied liegt, im Unterschied zum Übersetzen, im Zeit­mangel beim Dolmetschen (Snell-Hornby 1998:37). Es wird auch als „Sonderfall der Übersetzung“ beschrieben (Nord 2003:7). „Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort kommunizieren sie über das gleiche Medium, … einen funktional gleich determinierten Text“, jedoch ist der kulturelle Hinter­grund von „Ausgangs­text­rezipient, Translator und Zieltext­rezi­p­i­ent“ unter­schied­lich (Nord 2003:7). Wie im Bereich der Übersetzung spielt der interkulturelle Zugang (s. Gutt) zwischen Redner und Interpret eine wesentliche Rolle.

Das Berufsbild des „Dolmet­schers“ begrenzt sich auf „mündliche Texte“ (Schmitt 1998:1-2; zum Begriff oral). Erfüllung seines Zwecks, insbesondere schnelles Auffassen und Wie­der­geben des Inhaltes, tritt beim Dolmet­schen in den Vorder­grund (:1-2).

Diesen Unterschieden steht die gemeinsame Basis von „Dolmetschen“ und „Über­setzen“ gegenüber. Bei beiden wird der spezifisch soziokulturelle Hintergrund des Quell- und Zieltextes übertragen. Dies geschieht durch einen Übersetzer, der seinem eigen­en spezifischen soziokulturellen Hintergrund unterliegt (Nida 1990:53 und 2001:9). Deshalb scheint die formale Trennung in zwei Disziplinen eher theo­re­tischer als praktischer Art.

3.6.2 Zusammenfassung

Die Untersuchung des Begriffes „Übersetzung“ führt zu folgender Definition:

  • Im Falle der Bibelübersetzung stützt sie sich auf das Vorbild der Menschwerdung, Herablassung und Entäußerung Jesu.
  • Übersetzung umschreibt sowohl einen interkulturellen Vorgang, das Produkt als auch eine Funktion (Begegnung mind. zweier Kul­turkreise), die durchaus machtpolitische Züge tragen kann (Kolonialismus).
  • Sie befasst sich mit verschiedenen Literaturgattungen und bringt solche hervor.
  • Als kognitiver Prozess wird sie durch die Verknüpfung unterschiedlicher Speicher­­systeme im Gehirn und der Übertragung von semiotischen Zeichen aus einem System in ein anderes System realisiert.
  • In Abgrenzung zum Dolmetschen hat sie die bewahrende Funktion von Texten im Fokus und benötigt hierfür entsprechende Zeiträume.

Kurz gesagt stellt das Ziel des „Übersetzens“ die „Übersetzung“ dar. Diese „Über­setzung“ umfasst die systematische Erarbeitung eines Textinhaltes und dessen Transfer in ein anderes Sprach-/Kom­munikations­system ohne wertvolle Inhalte zu verlieren. Der Über­­setzer ist dabei der Ausführende.

Kapitel 1

[1] Die Bandbreite des „intuitiven“ (freien) zum „automatischen“ (wörtlichen) Übersetzen wird an Will’s und den auf dem Kode-Modell beruhenden Übersetzungstheorien deutlich, die dessen antithetische Vor­stel­lung vom „neugeborenen Text in der Übersetzung“ nicht stehen lassen können, da im Kodierung­s­ver­fahren strenge Regeln gelten (Gentzler 2001:29).

[2] Bei der Übersetzung geht es nicht um die „Übertragung von einer Sprachgestalt in eine andere Sprach­gestalt“, sondern um die Identifizierung des „außersprachlich Gemeinten“, welches in „die Gestaltung der Ziel­sprache“ transferiert wird (Coseriu 2007:129).

[3] Solche Unterscheidung ergibt sich aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und den gängigen De­fin­itio­nen in der Literatur. Sie sehen in der Computerübersetzung die Ablösung des Über­setzungs­prozesses, als einem bis dato mechanischen Produkt mittels maschineller Vorgänge (Hatim & Munday 2004:3-4). Bell schlägt deshalb vor den Begriff translation für den Prozess und den Begriff a translation für das Produkt zu verwenden (Bell 1991:13). Ob diese Lösung im anglophonen Raum sinnvoll ist kann hier nicht beur­teilt werden. Im deutschen Sprach­raum konnte sich dieser Vorschlag nicht durchsetzen.

[4] Die Elberfelder Bibel stellte in ihrer Gattung ein neues Medium dar. Der biblische Text auf Grundlage der textkritischen Grundtexte (Greek New Testament von Aland; Biblia Hebraica Stuttgartensia) wurde auf höchstmöglichem fromtreuen Niveau ins Deutsche übersetzt und dargeboten. Im Bereich des Dol­met­schens oder der Übersetz­ung handelte es sich um einen neuartigen Zugang (Baum­gartner 2001:58; Revi­dierte Elber­felder Bibel 1989: v-vi, Vorwort). Die Lutherbibel ist hier als Anfangs­punkt religiös erbaulicher Literatur zu werten. Die Übersetzungstätigkeit der Waldenser im 16. Jh. n. Chr. stellt eine Konsequenz dieser Bewegung dar. Ihre Heiligenbiographien, Erbauungsliteratur und die Über­setzung von Bibelteilen in Dialekte des Deutschen und Französischen sind Vorboten Luthers (Audisio 2004:18).

[5] Im Orig.: … translation is the attempt to represent in one language a text produced in another language (or in other languages) (Wilt 2003c:233). Wilts Definition umschreibt den Inhalt des Vorganges, des Produktes und der Funktion von Übersetzung.

[6] So auch Snell-Hornby, die dem Begriff „Gestalt, als ganzheitlichem, übersummativem Gefüge“ im Text den Vorrang gibt und die Bedingtheit der Situation innerhalb eines „kulturellen Rahmens“ besonders hervor­hebt (1986:13). Sie beruft sich dabei auf Hönig & Kußmaul, die einen Text als „verbalisierten Teil einer Soziokultur“ deuten (1982:58).

[7] Im Orig.: … receptor language text (a translation) which is idiomatic; that is, one which has the same mea­ning as the source language but is expressed in the natural form of the receptor language. The mea­ning, not the form [Hervorhebungen i. Orig. E.W.], is retained (Larson 1984:16). Ihr Modell der Über­setzung beinhaltet: Translation, then, consists of studying the lexicon, grammatical structure, com­mu­ni­ca­tion situation, and cultural context of the source language text, analyzing it in order to determine its mea­ning, and then reconstructing this same meaning using the lexicon and grammatical structure which are ap­pro­priate in the RECEPTOR LANGUAGE and its cultural context (:ebd.). {„Übersetzung besteht aus dem Studium des Lexikons, der grammatikalischen Struktur, der Kommunikationssituation und dem kul­tu­rellen Kontext des Quell­sprachen­textes. Hierzu gehört die Analyse um dessen Bedeutung zu erfassen und dann dieselbe Bedeutung in der EMPFÄNGER­SPRACHE wieder herzustellen, indem deren ent­sprechendes Lexikon und grammatische Struktur ebenso wie deren kultureller Kontext, benutzt wird.“}.

[8] Snell-Hornby beschreibt die Gefahr dieser Zweiteilung. Die Vermischung beider Be­griff­lich­keit, also dem „literarischen“ und dem „weltlichen“ Übersetzen, stelle ein Verwirrspiel der Fach­dis­zi­plinen dar. Zusammengefasst: „… einerseits das „literarische“ Übersetzen - Domäne der Künstler, Dichter und Bibelübersetzer – an­derer­seits das stets als minderwertig angesehene ‚weltliche’ Übersetzen, heute ‚Fach­übersetzen’ genannt. Mit der Entstehung der modernen Übersetzungswissenschaft bzw. translation studies ist nun aus der jahrtausendealten Tätigkeit eine neue Disziplin geworden: die Tren­nung ist damit keineswegs überwunden, sondern eher verschärft. Einerseits hat sich mit der deutschen Über­­setzungswissenschaft ein Fach entwickelt, das als Teilbereich der Angewandten Linguistik definiert wurde; das literarische Übersetzen wird als Sonderform des Übersetzens ausgeklammert und bleibt grund­sätzlich Domäne der Literaturwissenschaft. Andererseits hat sich v. a. in den Niederlanden ein Fach entwickelt, das als translation studies bekannt geworden ist und als Teilbereich der Vergleichenden Literatur­wissenschaft definiert wurde. Von der jeweils anderen Seite wird allzu wenig Notiz genommen: alle sprechen vom Übersetzen, meinen aber nicht denselben Gegenstand (1986:11-12).“

[9] Aus dem ungarischen Stamm „tolmács“ (über das osmanisch-türk. tilmac) abgeleiteter Stamm des mittel­hochdeutschen „tolmetsche“. Ursprüngliche Bedeutung war „Mittelsmann zur Verständigung zwei­er Parteien“ (Duden 1963:114).

[10] Von Gleichzeitigkeit kann nicht ausgegangen werden, da auch bei komplex bilingualen Per­sonen, also solchen die zweisprachig aufwuchsen, eine denkerische Lücke von einigen Sekunden zwischen Text­ver­stehen und Sprechen besteht. Die Länge dieser Phase hängt unter anderem von der Komplexität (Länge, Satzstruktur, Inhalt) des zu übersetzenden Textes oder Textteiles (Satz, Wort, Sinn­einheit) ab. Es konnte aufgezeigt werden, dass nur ganze Sätze als Gegenstand der Interpretation in Frage kommen (Fabbro 1990:202). Passiv bedeutet in diesem Fall von der angeeigneten Zweitsprache in die Muttersprache, aktiv stellt die umgekehrte Vorgehensweise dar. Untersuchungen zeigten, dass es einfacher ist, aus der schlechter beherrschten Sprache in die besser beherrschte Sprache zu übersetzen als umgekehrt (:203).

[11] Im Orig.: During simultaneous interpretation interpreters use strategies of analysis and reproduction of the message into another language that may range between a "semantic translation" and a "word-for-word translation" (rather superficial). {„Während simultaner Auslegung benutzen Ausleger für die Über­set­zung der Botschaft in eine andere Sprache Prinzipien, die von semantischer Übersetzung bis zu wort­wört­licher Übersetzung reichen (eher künstlich) (:204).“}.

Kapitel 1.2

[1] Zur Kritik an ideologischen Grundlagen einiger Theoretiker der Wissenschaft des Übersetzens (z. B. Wilss, Nida, Chomsky, Neubert) wurde angeführt, dass deren religiöser oder abstrakter Ansatz nicht ge­eignet bzw. hinterfragbar sei (Gentzler 2001:54, 64; s. a. Modelldarstellungen bei Gutt 2000; Hill 2006).

[2] Die Begriffe können unterschieden werden in: „Übersetzungs­wissenschaft“; „Wissen­schaft des Über­setz­ens“; „Wissenschaft der Übersetzung“; „Übersetzbarkeit.“ [Aufzählung folgt dem Original. E.W.].

[3] Im Orig.: … collective and inclusive designation for all research activities taking the phenomena of trans­lating and translation as their basis or focus (Koller zit. in Holmes 1994:10-11). Kollers Definition wird in breitem Konsens angenommen, weshalb sich diese als Arbeitshypothese anbietet. Kritisch hierzu äußern sich Vertreter eines relevanztheoretischen Ansatzes, die Kollers Definition ver­werf­en (s. Pkt. 2.2.6.3).

[4] Erkennbar ist dies an der Feststellung, dass das Produkt „Übersetzung niemals besser sein kann, als das ihm zugrunde liegende Original (Nida 1982:329)“. Die qualitative Annäherung und damit einher­ge­hend auch eine Veränderung des Produktes (Translat) haben ihre Ursachen in effektiveren Methoden der Wis­sen­­schaft zur Übersetzung (Nord 2003).

[5] Der Übersetzungsauftrag bestimmt im Wesentlichen die Tätigkeit. Außer­halb der Bibelübersetzung führt dies gegenwärtig zur Übersetzung überwiegend „technischer Inhalte oder Texte“ (Schmitt 1990:97-106). 75 Prozent der Texte umfasst diese Entwicklung, welcher die Beschäftigung mit Übersetzung Rech­nung zu tragen und sich auf diesen Auftrag ausrichten hat (Stolze 1999:15). Die Über­setzungs­strategie wiederum stellt ein Bindeglied zwischen „Auftrag“ und „Übersetzen“ dar. Sie bestimmt die inneren Prozesse der Übersetzung (:225-226). Als wissenschaftlicher Prozess wird „Übersetzung“ auch zur Methodik ihrer selbst, da sie den Möglichkeiten des Sprachausdrucks einen Rahmen bietet (Schulte & Biguenet 1992:9).

[6] Chafe hat mit dem „Übersetzungs-Paradox“ (Translation Paradox) auf die Schwierigkeit hingewiesen, wie kulturbedingte Denkstrukturen, welche Sprache organisieren in Sprachen mit anderen kulturellen Denkstrukturen übertragen werden können. Er und andere sprechen sich positiv dazu aus (Chafe 2003:1-3; Nida 1991c; Watzlawick, Beavin & Jackson 1993).

[7] Im anglophonen Sprach­raum hat sich der Begriff „Anthro­po­logie“ (anthropology) durchgesetzt. Im europäisch-frankophonen Sprachraum bestehen „Ethnologie“ und „Anthropologie“ nebeneinander (Kaschuba 2003:9-13, Ein­leitung). Im deutsch­sprachigen Raum löst der Begriff „Ethnologie“ die Begriffe „Volks- und Völker­kunde“ inzwischen ab. Im Zuge der „Europaisierung“ formt sich die „Europäische Ethnologie“ heraus, womit der frankophone und der anglophone europäische Sprachraum abgedeckt ist (:9-11, 21). In einzelnen Fachbereichen (z. B der euro­päischen Theologie) setzt sich jedoch der Begriff „Anthropologie“ durch (Lange­meyer; Müller; Pannenberg; Schnelle; Wolff 1984 und Scheffcyk 2001:9-28 (s. a. Diskus­sion bei Käser 1998:11-15). In­ner­halb der Sprachräume gibt es eine unterschiedliche Aufteilung der Fachgebiete (für den anglophonen Bereich bei Ember & Ember 1993:2; für den europäisch-franko­phonen Bereich bei Thiel 1992:9-11).

[8] Dieses Verlangen zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte und wird besonders an den Eroberern und Entdeckern der Weltgeschichte deutlich (Alexander d. Große, Marco Polo etc.). Im dyadisch-dynamischen Modell der Kommunikation für Bibelübersetzung wird dieser Rückbezug auf­ge­zeigt (Werner 2006:89). Ein solcher lässt sich nicht für für literarische Übersetzungen nach­weisen, wenn z. B. ein arabischer Roman in den westlichen Kontext übersetzt wird, da dies keinen oder kaum Einfluss auf die arabische Welt hat.

Kapitel 2

1] Pattemore hat sich gründlich mit der Entwicklung und dem Einfluss der Modelle in UBS und SIL aus­ein­andergesetzt. Sein Artikel belegt die hier vertretene These, dass neuen Entwicklungen nicht genü­gend Raum in der Ausbildung gegeben wurde und wird (2007:228-230, 262-263 und 2009. Asia Pacific).

[1] Die Begrifflichkeiten sind protestantischem Verständnis entnommen. In der röm.-kath. Kirche werden Schriften, die zwar in der Septuaginta vorkommen aber nicht im Hebräischen Kanon, als „deu­tero­­kanonisch” beschrieben (z. B. Tobit, Judith, Makkabäer etc. bei Sutcliffe 1989:92). Diese zählen im pro­testantischen Raum zu den „Apokryphen“. Für die röm.-kath. Kirche sind „Apokryphen” dem­ge­gen­über Bücher, die niemals in den Kanon aufgenommen wurden, welche wiederum im pro­tes­tan­tisch­en Sinne als „Pseudepigraphen” bezeichnet werden (Wille­brands 1987).

[2] Es gibt unterschiedliche Ansichten zu einem kirchlichen Bibelübersetzungsverbot in europäische Sprachen. So sehen einige Wissenschaftler in der Vulgata lediglich ein macht­politisches Instrument, weshalb lokale Übersetzungen denkbar und möglich waren (z. B. in England bei Hargraves 1989:391; in Italien bei Foster 1989:465; Spanien bei Mor­reale 1989:490-491).

[3] Von islamischer Seite z. B. durch Mawardi (9. Jh. bei Tröger 2005:39) und Abd al-Jabbar/Teheran. Während Erstgenannter heute noch geltende Ordnungen für jüdische Menschen und Christen im Herr­schafts­­bereich des Islam festlegte (:39), kritisiert der Andere die Praxis der Übersetzung im Allgemeinen. Er setzt sie in den Gegensatz zur koranischen Direktoffenbarung, da in ihr eine Annäherung an heidnische und vom göttlichen Gebot abweichende Praktiken von seiten der Christen stattfindet. Natür­licherweise würden solche beim Übersetzen in den Text eingetragen (Sanneh 1992:219). Christliche Apologetiker hin­­gegen fixierten sich auf Ungereimtheiten koranischer Text­über­lie­ferung oder Inhalte des Koran, die mit biblischen Aussagen kollidieren (stellvertretend bei Gilchrist 2002:26-29, 47, 78-79, 128-129).

[4] Im Rahmen demographischer Verschiebungen des Christentums im 21. Jh. ist zu beachten, dass die Kirchen Südamerikas, Asiens und Afrikas solche jüdischen Bezugnahmen, bzw. das „Erbe“ der Schuld nicht auf­weisen (Jenkins 2006:279). Folglich werden theologisch, hermeneutisch und exegetisch in Zu­kunft mehr kritische Stimmen zu jüdisch-theologischen Inhalten und zu Israel hörbar (:ebd.).

[5] Wenige Wissenschaftler, wie der Physiker und Mathematiker Günter Howe, wollen den Graben zwi­schen Naturwissenschaft und Theologie überwinden (Clicqué 2001:7, 17, 71). Die neu entfachte Dis­ku­s­sion um Evolution und Kreation verdeutlicht dies (s. Dawkins 2007; Schmidt-Salomon 2005; u. a.).

Kapitel 3

[1] Der Begriff Neuübersetzung wurde bis zum Ende des 20. Jh. allgemein auf jede Übersetzung angewandt. Dabei wurde die Lutherbibel ausgenommen, da man hier von Revisionen sprach. Fuchs unterscheidet noch zwischen Revision und Neuübersetzung, „wenn die Luther-Übersetzung revidiert wird, dann eben keine andere als diese; es erfolgt keine Neuübersetzung, wie etwa die ‚Gute Nachricht‛ sie hervorbringt, wo solche Rücksichten mit Recht nicht nötig sind (Fuchs 1984:100).“ Erst in jüngster Zeit entwickelt sich die Über­zeugung, dass „Neuübersetzung“ nur im Falle einer Erst-Übersetzung für eine Sprache zutrifft. Aland benutzt ihn für pietistische Bibelübersetzungen des 17. - 19. Jh. (Aland 1974:11). (Eine abschließende Auflistung aller pietistischen Übersetzungen des 18. Jh. findet sich bei Richter 2007. Bibelübersetzungen chronologisch nach ihrer Entstehung).

[2] Die aus dem anglophonen Sprachbereich kommende Bezeichnung oral (lat. für „mit dem Mund“, „mündlich“), wird in dieser Arbeit als mündlich tradierend wiedergegeben, wenn es sich auf die Bezeich­nung einer schriftlosen Kultur bezieht. Die Übernahme des Begriffes „orale Kultur“ in den deutsch­spra­ch­igen Raum scheint mir wegen der sexistisch vorbelegten semantischen Kontexts des Adjektivs „oral“ unglücklich (Werner 2006:5; Brockhaus multi­medial: Eintrag oral; die Übersetzung „mündlich“ wird auch vorgeschlagen bei Muret-Sanders 4.0 2004: Eintrag 1 zu oral).

[3] Nida & Taber orientieren sich an der Hörerschaft und unterscheiden in Übersetzungsprojekte mit und ohne „langer literarischer Tradition“. Darunter verstehen sie Situa­tionen, in denen die Bibel „entweder noch nicht übersetzt wurde oder noch nicht in einer so festen Form erstarrt ist, dass dem Überarbeiter daraus ernstliche Probleme erwachsen könnten (1969:29).“ Im Falle einer langen literarischen Tradition befürworten sie eine „Kirchenübersetzung“, einer Übersetzung in „die heutige literarische Sprache“ und einer in die „Umgangssprache“. Falls solch eine Tradition nicht vorhanden wäre, soll man „für gewöhn­lich die mündliche Form der Sprache, wie sie bei Amtshandlungen benutzt wird“ wählen (:29). Vries unterscheidet in missionarische und liturgische Bibelübersetzung und geht von deren Bedeutung für die indigene Kirche aus. Gemeindegründung bedarf seiner Ansicht nach eines Werkzeuges zur Verbreitung der christlichen Botschaft, während Gemeinde­festigung eines liturgischen Textes bedarf (2007:275-276).

[4] „Beide Motivationen, reformatorische und missionarische, wirken sich auf Theorie und Praxis der Bibelübersetzung aus. Sie überschneiden sich im Bereich der Volksmission oder Neuevangelisation in ehe­mals christianisierten Ländern. Sie haben Gemeinsamkeiten, können aber auch in Spannung zuei­nan­der treten. Das scheint mir im heutigen deutschen Sprachraum der Fall zu sein. Reformation bedeutet Neu­orien­tierung am Maßstab des Ursprungs und damit Verpflichtung auf den Überschuss der Urtexte gegen­über der Wirkungsgeschichte. Mission bedeutet Hinwendung zu den Menschen der Gegen­wart in ihrer Sprachwelt. Das will in der Praxis der Bibelübersetzung gegeneinander abgewogen sein (Haacker 2006:36).“

[5] Die Tatsache, dass verschriftete Bibeltexte nicht von der Zielgruppe angenommen werden, ist eine große Herausforderung der modernen Wissenschaft zur Bibelübersetzung. Hauptgründe hierfür dürften mangelndes Selbstwertgefühl, religiöse Ablehnung, mangelnde Alphabetisierung oder ein hoher Grad an Bi­lingualität der Zielgruppe sein (Sanneh 2003:106; Wilckens 2007:151).

Schaubild zur Übersicht der Übersetzungswissenschaft:

/sites/all/files/uploads/History%20of%20Translation%20Theory%20-%20Timeline.pdf