Fragebogen Disability Studies und christliche Werke/ theologische Ausbildung

Deutsch

Verehrte Leser,

im September 2019 wurde eine globale Fragebogen-Studie zu Disability Studies und Interkutureller Theologie durchgeführt (siehe unten; PDF-Version hier Fragebogen-Printversion). Ziel war es global bei kirchlichen Mitartbeitern, die im Auslandsdienst arbeiten und eine körperliche oder mentale Einschänkungen haben oder Eltern von Kindern mit solchen Herausforderungen sind nachzufragen, wie sie Inklusion in ihrem Umfeld erleben, aber auch wie sie diese auf ihrem Arbeitsfeld erleben bzw. umsetzen. Es sollte abgefragt werden, inwiefern christliche Entwicklungsdienste inklusiven Anforderungen gerecht werden und wie sich Mitarbeiter mit solchen Einschränkungen im Bereich member care und recruitement angenommen fühlen.    

Die unten beschriebene Fragebogen-Studie ist mit 23 Teilnehmern aus dem globalen kirchlichen Entwicklungsdienst abgeschlossen worden. Eine Fragebogen-Auswertung (Auswertung-Questionnaire) in: Kurzform ist als PDF hier oder als Word.docx hier (bitte klicken) zu finden.

Im Januar 2020

Eberhard Werner

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Liebe Freunde,

wir möchten Euch/ Sie bitten an der Umfrage über Behinderung und behinderte Menschen im Rahmen christlicher Organsiationen teil zu nehmen. Die Studie dauert etwa 10 Minuten, ist anonym und wenn Sie wollen, so erhalten sie eine Zusammenfassung am Ende der Studie über die Gesamtergebnisse. 

https://www.soscisurvey.de/forschungsstiftung/

MfG

Eberhard Werner

 

Dr. Eberhard Werner

Network Disability Studies and Intercultural Theology (NeDSITh)

Heegstrauchweg 68 (Rathenaustr. 5-7)

35394 Gießen

Tel. 0641-9797 033 (not consistently accessible)

 

E-Mail:   [email protected]

Website: http://forschungsstiftung.net

Foundation Oversight: Regierungspräsidium Gießen; Postfach 100851; 35338 Gießen

Board: Prof. Dr. Klaus W. Müller

Forschungs-Stiftung Kultur und Religion.

Evangelische Bank Kassel:

IBAN:       DE14520604100000417823

BLZ/BIC    GENODEF1EK1

 

Auführliche Auswertung der Fragebogen-Studie (PDF hier)

 

Auswertung Fragebogen-Studie September 2019: Disability Studies und Interkulturelle Theologie

Inhalt

1)            Empirischer Fragebogen - Qualitative Ergebnisse  1

2)            Transkulturell-anthropologische Überlegungen   8

3)            Zusammenfassung - Ethnographische Diskurse, Fragebogen   12

Bibliographie  13

 

1)Empirischer Fragebogen - Qualitative Ergebnisse

An dieser Stelle kommt die einleitend erwähnte Fragebogen-Studie in englischer Sprache zur Erwähnung (s. unten). Sie wurde mit Sosci Survey unter www.soscisurvey.de unter professioneller Anleitung und Hilfe eines psychologisch erfahrenen Angestellten erstellt. Sie war unter der URL: https://www.soscisurvey.de/forschungsstiftung/ freigeschaltet und ist einzusehen unter URL: https://forschungsstiftung.net/sites/all/files/uploads/­Fragebogen%­20Print-Version.pdf [Stand 2020-01-20].

Diese qualitative Fragebogen-Studie, welche diese Untersuchung hier begleitet, beschreibt zum einen den gegenwärtigen Stand von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen im kirchlichen Auslandsdienst, wie er in der Selbstwahrnehmung oder aus Sicht von Nicht-Behinderten beschrieben wird, zum anderen hebt sie Zusammenhänge hervor, die sich für diese Akteure aus der transkulturellen Interaktion ergeben. Die globale und stichpunktartige Befragung ist Teil des Forschungsauftrages des Netzwerkes Disability Studies und Interkulturelle Theologie (NeDSITh) mit Sitz in Gießen. Es agiert im Rahmen der Forschungs-Stiftung Kultur und Religion (URL: https://forschungsstiftung.net/de dort NeDSITh unter https://forschungsstiftung.net/de/node/87).

Einleitend ist zu sagen, dass aufgrund der Herkunft des Fragestellers und seiner Mitarbeiter sich die Befragung auf deren Netzwerke begrenzte. Diese decken schwerpunktmäßig die westlichen Kirchen und Organisationen im Entwicklungsdienst ab. Eine weitere Begrenzung ist in der Bandbreite von körperlichen oder mentalen Einschränkungen zu sehen. Aufgrund der Anzahl von lediglich 23 Teilnehmer, die in global tätigen kirchlichen Entwicklungsdiensten arbeiten, konnten bei weitem nicht alle Behinderungen abgedeckt wurden. Es handelt sich bei den Teilnehmern schwerpunktmäßig um Personen mit mobilitätsbedingten Herausforderungen. Ebenso sind dies aktive kirchliche Entwicklungshelfer, die trotz ihrer körperlichen oder mentalen Einschränkungen Verantwortung übernommen haben und sich nach bestem Gelingen in ihren Organisationen einbringen. Dadurch mussten sich diese Organisationen bereits auf Personen mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen einstellen.

Die neun Fragen beschreiben zwei Fragekomplexe

  1. Persönliche Daten und Lebensverhältnisse (neun Fragen),
  2. Inklusive Werte im Leben und Arbeit (sechs Fragen) und inklusive Struktur (sechs Fragen).

Im Einzelnen:

Zu Fragekomplex 1)

  • persönliche Daten (Altersgruppe, Art der Behinderung in Mobilitätseinschränkung, mentale Einschränkung; Eltern von Kindern mit diesen Einschränkungen oder selbst Betroffene; Question 1-3),
  • Lebensverhältnisse bezüglich
    • eines kirchlichen Auslandsdienstes in der Ferne oder im eigenen Heimatland (Question 4),
    • ist Assistenz nötig und in welchem Umfang (Question 5),
    • des Arbeitgeber- oder Angestelltenverhältnisses (Question 6),
    • des Arbeitsumfeldes und der Größe des Teams (Question 7),
    • der Einschätzung des eigenen Arbeitsumfeldes im Hinblick auf den Umgang mit der Einschränkung (Question 8) und innerhalb dieses Blockes
    • die Frage nach der eigenen theologischen Einschätzung zur körperlichen oder mentalen Einschränkung im Hinblick auf die Heilige Schrift (Question 9).

Zu Fragekomplex 2)

Der zweite Fragekomplex beschäftigte sich

  • in sechs Fragen zu inklusiven Werten, die sich aus dem Lebensumfeld und Arbeitsverhältnis ergeben. Weitere
  • sechs Fragen beschäftigen sich mit der inklusiven Struktur.
    • Drei Fragen suchen dabei zu erforschen wie die Arbeitsstrukturen sich den Befragten im Rahmen ihrer besonderen Bedürfnisse erschließen und
    • weitere drei Fragen ob sie sich akzeptiert und respektiert wissen.

Abschließend war es möglich die E-Mail Adresse anzugeben und eine statistische Auswertung der Befragung anzufordern.

Besonders hervorzuheben sind die Ergebnisse, die von den knapp 35% (8 Teilnehmer) christlicher Entwicklungshelfer ausgehen, die als Eltern mit Kindern, die eine körperliche oder mentale Einschränkung haben unterwegs sind. Wie die Auswertung unten zeigt sind deren Herausforderungen oft ganz anderer Art als von den Akteuren, die selbst eine körperliche oder mentale Einschränkung haben.

Die Befragung wurde über einen Zeitraum von einem Monat im September 2019 durchgeführt. Insgesamt wurden ca. 60 Personen angeschrieben. Davon kamen 46 online-Fragebögen zurück. 8 Teilnehmer meldeten gleich zurück, dass sie die Fragen nicht verstanden hätten. Dieser Problematik wäre in einem erneuten Versuch nachzugehen, da es auch die Barrierefreiheit des online-Programms und des Fragebogens kritisch hinterfragt. 5 Angeschriebene fühlten sich nicht im Fragebogen repräsentiert, aufgrund von sehr speziellen Lebensrealitäten, die mit einer erweiterten Studie hätten abgedeckt werden können. Für Unannehmlichkeiten dieser Art entschuldigt sich der Autor hier ausdrücklich bei den Angeschriebenen.

Leider waren nur 23 Fragebögen von Anfang bis Ende ausgefüllt worden, die restlichen 23 Fragebögen wurden abgebrochen oder waren nicht auswertbar, weil Fragen übersehen oder Zeichen nicht identifizierbar waren. Nach Auskunft einiger Befragten ließ ihr Betriebssystem nicht zu den Fragebogen bis zum Ende auszufüllen. Da es sich um ein externes online System handelt, war der Autor nicht in der Lage diese technischen Problematiken zu lösen. Immerhin 15 Teilnehmer gaben ihre E-Mail Adresse an, um über das Ergebnis der Studie persönlich informiert zu werden, was im Januar 2020 geschah. Diese hohe Zahl zeigt das Interesse am Thema und auch die Notwendigkeit hierüber im Gespräch zu sein.

Mehrfachantworten waren möglich. Da sich einige Befragte auch in verschiedenen Lebensrealitäten wiedersahen, kommt es zu Mehrfachzählungen. Hierzu gehört z. B. eine eigene Behinderung und gleichzeitig Elternteil von Kindern mit Einschränkungen, im kirchlichen Auslandsdienst tätig und eine theologische Ausbildung getätigt oder in mehreren Teams im kirchlichen Dienst verantwortlich.

1.1)Persönliche Daten zur den Befragten (Auswertung)

Die Auswertung des Fragebogen ist einzusehen unter URL: https://forschungsstiftung.net/de/node/103 unter dem Link PDF hier oder Word.docx hier [Stand 2019-10-30]. Ca. 35% (8/23) der Teilnehmer waren Eltern oder ein Elternteil von Kindern mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen. 70% (16/23) beschreiben sich selbst als körperlich oder mental herausgefordert. Die Teilnehmer ließen sich in folgende Altersgruppen einteilen:

  • 22-35-jähige:              4/23 (17,4%)
  • 36-55-jährige:             11/23 (47,83%)
  • 55+-jährige:                5/23 (21,74%)

Von den Teilnehmern waren 3/23 also 13,04% berentet. Die Kategorien der Einschränkungen repräsentierten, die in der Menschheit am häufigsten vorkommenden. Mehrfachnennungen bei den Einschränkungen waren möglich, da sie der Lebensrealität entsprechen und sich auch durch Alterseinschränkungen oder Abnutzungserscheinungen verändern können. Es hatte sich kein Teilnehmer beteiligt, der eine Hörbeeinträchtigung hat.

  • Mobilitätseinschränkungen (Mobility) hatten 13/23 also 56,52%.
  • Sehbeeinträchtigungen (Visual impairment) hatten 3/23 also 13,04%
  • Mehrfacheinschränkungen (Combination) hatten 2/23 also 8,70%
  • Teilnehmer ohne physische Einschränkung (Not physically challenged) waren 8/23 also 34,78%.

Von den Teilnehmern waren 11/23 also 47,83% in der theologischen Ausbildung und eine Person davon auch im Missionsdienst. Im Missionsdienst arbeiteten 9/23 also 39,13%. 6/23 also 26,09% waren weder in der theologischen Ausbildung noch im aktiven kirchlichen Auslandsdienst tätig. Die Bemerkungen zu diesem Fragenkomplex präsentierten, dass ein Teilnehmer in der Klinik-Seelsorge und dem Betreiben eines globalen Netzwerkes zu Disability und Theologie tätig war. Ein Teilnehmer aus Italien bemängelt, dass Disability Studies dort lediglich als pädagogisches Fach in Bezug auf die Lehrvermittlung und die Glaubenslehre verstanden wird. Ein Klinikseelsorger arbeitet in einem 750-Betten Hospital in den Vereinigten Staaten. Ein Teilnehmer aus Belgien ist mit dem European Disability Netzwerk verbunden. Ein Teilnehmer ist mit einer australischen Organisation unterwegs, die sich für Leiter mit speziellen Bedürfnissen einsetzen. Ein afrikanischer Teilnehmer hat in Asien Linguistik studiert, musste dann aber aufgrund einer Verschlechterung des Sehvermögens in sein Heimatland zurück.

Diese Beispiele zeigen, welcher Bandbreite menschlicher Diversität die Fragebogenstudie-Teilnehmer angehören und welche Lebenserfahrungen in die Beantwortung einflossen.

1.2)Größe des Teams und persönliches Empfinden über Arbeitsumfeld

Die gewählten Fragekomplexe sollte zeigen, in welche Teamgrößen die Teilnehmer gestellt waren. Die Teamgrößen bilden zum einen die Peer Group ab, zum anderen weisen sie darauf hin, wieviel Verantwortung einer Person mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen übertragen wurde.

Mit 5 Teamkollegen arbeiten 7/23 (30,43%) der Teilnehmer. Zu dieser Größe der Peer Group bemerkt ein Teilnehmer, dass es in der theologischen Schule und Ausbildung bei dieser Größe kaum/ nicht möglich ist, sich über behinderungsspezifische Belange auszutauschen. Die gleiche Anzahl 7/23 (30,43%) arbeitet in Teams von 20–49 Teamkollegen. Über 50 Teamkollegen haben 6/23 (26,09%). Insgesamt zeigten die Bemerkungen zu dieser Frage, dass sich verantwortliche Menschen in heutigen Zeiten in so vielen Lebenswelten, sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich bewegen, dass dies von sehr kleinen Peer Groups (z. B. Zweierschaften) bis zu großen Netzwerken reicht und es schwer war sich auf eine bestimmtes Lebensumfeld zu beschränken.

Neben den Teamgrößen wurde auch abgefragt, ob sich die Organisation oder Einrichtung um die Belange von Mitarbeitern mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen durch Ansprechpartner bemühen. Eine solche Anlaufstelle für selbst Eingeschränkte oder für Eltern mit Kindern, die zu diesem Kreis gehören haben 34,7% der Befragten angegeben, für 39% steht eine solche Stelle nicht zur Verfügung und für 26% ist dies unbedeutend, da sie aufgrund ihrer körperlichen oder mentalen Fähigkeiten zwar Assistenz benötigen, dies aber anderweitig geregelt haben. Obschon es sehr erfreulich ist, das 34,7% sich an jemanden aus ihrer Organisation bezüglich ihrer speziellen Bedürfnisse wenden können, dürfen wir nicht vergessen, dass die Befragten sehr aktive Rollen in ihren Organisationen spielen und dadurch sicher auch in der Lage sind ihre Umgebung auf ihre Bedürfnisse anzusprechen. Das aber 39% eine solche Anlaufstelle nicht haben, weist auf eine Lücke in den Organisationen. Hier herrscht Nachholbedarf.

An dieser Stelle kommt die wissenschaftlich untersuchte Beobachtung zum Zug, dass je größer eine kirchliche oder christliche Entwicklungshilfeorganisation ist, desto besser fühlen sich kirchliche Mitarbeiter im Auslandsdienst betreut. Dies wurde im Rahmen einer globalen Studie zum Abbruch ihres Auslandsdienstes kirchlicher Entwicklungshelfer herausgefunden (Blöcher 2007:9-22). Von daher lag es nahe anzunehmen, dass große Organisationen auf die speziellen Bedürfnisse des hier untersuchten Personenkreises besser eingehen könnten. Leider konnte mithilfe des Zusammenhanges zwischen Team- und Organisationsgröße solches nicht ermittelt werden. Die Gruppengröße der Befragten nach Teamgrößen war im Durchschnitt zu klein, um sinnvolle Aussagen zu machen. Dies müsste in einer Folgestudie ermittelt werden.

Insgesamt erstaunte es, dass ein Drittel der Teilnehmer angaben, in Organisationen zu arbeiten, die sich auf die Belange von Mitarbeitern eingerichtet haben, welche spezielle körperliche oder mentale Bedürfnisse haben. Insgesamt bewerten diese Teilnehmer ihre Organisationen als „inklusiv“. Dies zeigt sich im Mittelwert von 40,65% bei einer Range von 12–60. Unterstützt wird dieses durch das Gefühl, dass die Organisationen „inklusive Werte“ vermitteln, was durch einen Mittelwert von 20,83% bei einer Range von 6–30 sichtbar wird. „Inklusive Strukturen“ in ihrem Arbeitsumfeld erkennen 19,83% der Befragten bei einer Range von 6–30. Gespiegelt wird dies in der Größe „equal treatment“ bei einem Mittelwert von 10,22% innerhalb einer Range von 3–15.

Demgegenüber steht jedoch das große Manko von knapp zwei Dritteln der Organisationen, die entweder keine spezifische inkludierende Einrichtung haben, oder denen die Befragten keine solche Stelle zuwiesen. Jedoch kann die Enthaltung auch positiv gedeutet werden und als bereits inkludierend bewertet werden, dadurch das die Befragten Teil eines idealen Arbeitsumfeldes sind, in dem ihre Einschränkung völlig unbedeutend wäre. Dies wäre jedoch sehr ungewöhnlich, angesichts der Bedarfe an Mitarbeitern mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen zur Spiegelung menschlicher Diversität in der globalen Kirche.

Im nächsten Fragekomplex ging es um die Sensibilität und Unterstützung innerhalb des Arbeitsumfeldes, also der Peer Group bezüglich der Behinderung. Fast 50% sagen, dass ihnen am Arbeitsplatz mit Sensibilität begegnet wird. Nun, berufen sich solche Aussagen auf subjektive Einschätzungen, jedoch tragen sie wesentlich zum Gefühl der Inkludierung bei, da die Anerkennung der Leistung und der Persönlichkeit mit reinspielt. Es ist auffallend, dass 6/23 also 26,1% sich hierzu nicht äußern und immerhin weitere 26,1% dieses negativ bescheiden. Diese Gruppe von mehr als 50% muss also entweder gar keine Erwartungen an die Kollegen haben, solche schlechten Erfahrungen gemacht habe, dass sie es gar nicht bezeugen wollen oder sie sind Situationen ausgesetzt, die ihnen zum allgemeinen Arbeitsstress noch zusätzliche Belastungen aufgrund ihrer Einschränkungen aufbürden. Hier besteht Aufklärungsbedarf und eine Sensibilisierung bei christlichen Entwicklungsdiensten ist nötig.

Aufbauend auf die oben genannte Möglichkeit eines Ansprechpartners, war es auch wichtig heraus zu finden, ob die Organisationen Hilfe oder Assistenz zum Ausgleich der besonderen Bedürfnisse anbieten? Immerhin 55,2% der Teilnehmer bejahten dies. 30% verneinten diese Frage, was darauf hinweist, dass Aufklärungsbedarf besteht, bzw. dass diese Teilnehmer eigene Wege außerhalb ihrer Organisation gefunden haben, was ebenfalls auf einen Bruch hinsichtlich dieser Belange mit der Organisation hinweisen könnte.

Im zweiten Teil wurde erfragt, wieviel persönliche Assistenz benötigt wird. Es waren 73,9%, die solche Assistenz benötigen. Davon 30,4% am ganzen Tag, 43,5% einmal bis zweimal täglich. Von denen die 24h Assistenz benötigen, waren es 57,2%, die dies innerhalb ihrer Organisation erhielten, bei denen die ein- oder zweimal Hilfe benötigen, waren es 80 %. Auffallend ist, dass die 24h Assistenz eine große Hürde für 30% der Teilnehmer darstellt, da sie dieses Bedürfnis außerhalb ihrer Organisation abdecken müssen oder eventuell gar nicht bekommen. 20% derjenigen die einmal oder zweimal Hilfe benötigen, erfahren diese in ihrer Organisation nicht. Dieser Mangel ist ausbaubar, jedoch trotzdem eine insgesamt erfreuliche Zahl. Zudem sollte dies unter dem Gesichtspunkt bewertet werden, das 47,83% gar keine Hilfe wollten, wenn sie direkt darauf angesprochen wurden, ob sie diese benötigten, während 52,17% eine solche Hilfe bejahten.

Wie steht es mit der übertragenen Verantwortung in den Organisationen? Hier sagen 13%, dass sie das Gefühl oder die Erfahrung haben, dass ihnen aufgrund ihrer Beeinträchtigung nicht zugetraut wurde bestimmte Verantwortlichkeiten übertragen zu bekommen. 65,2% sahen hierbei jedoch kein Problem und waren zufrieden mit den Arbeitsbereichen, die ihnen überantwortet wurden. Dies ist eine erfreuliche Erkenntnis, da dies auf gegenseitige Absprachen bezüglich der Arbeitsgebiete hinweist. Die restlichen Teilnehmer sahen diese Frage als irrelevant an.

Zum Schluss wurde noch abgefragt wie die Teilnehmer über die biblische Evidenz zum Thema Behinderung denken. Immerhin 17/23 also 73,911% sehen die Aussagen der Bibel in ihrer Gesamtheit als positiv. Nur 3/23 also 13,04% finden das für sich aktuell nicht relevant und ebenso viele sehen die biblische Grundlage als eher negativ, wenn es um Behinderung oder behinderte Menschen geht. Inwiefern hier hermeneutische Stereotypen übernommen wurden oder die glaubensmäßige Tröstung durch die Heilige Schrift eine kritische Perspektive überdeckt müsste im persönlichen Gespräch geklärt werden.

1.3)Überlegungen zur Fragebogen-Studie

Das Ziel der Fragebogen-Studie war es herauszufinden, ob christliche Organisationen für den globalen Auslandsdienst oder theologische Ausbildungsstätten, die kirchliche Mitarbeiter auf diesen Dienst vorbereiten, auf Personen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen eingestellt sind. Neben der äußeren Barrierefreiheit bedeutet dies auch die innere Überzeugung, dass dieser Personenkreis der globalen Kirche zugehört und die soziale Diversität menschlicher Lebenswirklichkeiten reflektiert. Aus insgesamt 60 Angefragten kamen 46 Fragebögen zurück. Bei 23 Personen konnte der Fragebogen ausgewertet werden. Mit knapp 50% Teilnehmern wurde eine Bandbreite erreicht, die in zukünftigen Befragungen noch verbessert werden müsste, jedoch für diese erste Studie Indizien zulässt, die aussagekräftig sind.

Mit 47,83% bilden die 36–55jährigen den Schwerpunkt der Befragten. Mit knapp 20% jüngeren und älteren ist ein Gesamtdurchschnitt erreicht, welcher unterschiedlichste Altersgruppen zur Sprache bringt. 18/23 also 78,26% waren selbst körperlich oder mental herausgefordert. 8/23 also 34,78% ordneten sich nicht in diese Kategorie ein, hatten jedoch mit Disability Studies und Personen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen im Kontext global tätiger kirchlicher Entwicklungsdienst-Organisationen zu tun. Hierzu gehören mehrheitlich Eltern von Kindern mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen.

Beeindruckend war die hohe Zahl derer, die in ihren Organisationen inklusive Strukturen wie Assistenz, Ansprechpartner oder Sensibilität bezüglich der Einschränkung, ein inklusives Miteinander feststellten und inkludierende Arbeitsbedingungen wie z. B. die übertragenen Verantwortungsbereiche vorfinden. Bei den meisten Fragen empfanden mehr wie 50% der Befragten diese Rahmenbedingungen als positiv. Aus persönlichen Gesprächen mit Personen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen und eigenen Erfahrungen und Beobachtungen sind diese Antworten so nicht nachvollziehbar. Es scheint eine Diskrepanz zwischen den Erwartungshaltungen dieser Personenkreise und den realen Möglichkeiten, der meist finanziell angespannten Organisationen und deren Umsetzung inkludierender Maßnahmen zu herrschen. Mit anderen Worten, die oft von Personen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen bemängelte Ignoranz kirchlicher Organisationen im Auslandsdienst bezüglich

  1. inkludierender Maßnahmen (physikalische und digitale Barrierefreiheit, persönliche Assistenz),
  2. der Inklusion kirchlicher Mitarbeiter mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen bei der Bewerbung und dem Einsatz oder
  3. der Orientierung an Personen mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen im Einsatzgebiet in den Bereichen Evangelisation, Diakonie und Gemeindebau,

wird aufgrund des Zurücknehmens der eigenen Bedürfnisse nicht kritisch eingebracht. Es scheint hier viel auf der persönlichen Ebene ausgeglichen zu werden, indem

  1. die Erwartungen an die Organisationen nicht sehr hoch gesteckt werden,
  2. die eigenen Bedürfnisse zurück gestellt werden, oder
  3. die Möglichkeiten nicht erkannt werden.

Die Möglichkeiten vieler christlicher Organisationen, die im globalen Dienst am Nächsten unterwegs sind, hängen von freiwilligen Spenden oder sehr begrenzten Budgets ab. Das Desinteresse an einem kirchlichen Dienst im Ausland ist seit den 1970er Jahren erkennbar. Die Abkehr vieler Menschen von der Kirche, einem modernen Atheismus und eine zunehmende lokalen Verantwortung von Kirchen der nicht-westlichen Welt aufgrund postkolonialer Entwicklungen führt dazu, dass sich christliche Entwicklungshilfe auf spezielle Fachgebiete, wie medizinische Dienste, Bibelübersetzung, soziale Dienste wie die Mikroselbständigkeit oder den Landwirtschafts- oder Ernährungsbereich begrenzen.

Disability Studies und das Interesse an Personen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen fällt in den medizinischen Bereich. Wenn nun kirchliche Kulturvermittler mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen im Ausland tätig werden, dann sind dort Personen angesprochen, die durch die Einschränkungen der Kulturvermittler aufgefordert werden ihre eigene körperliche oder mentale Herausforderung zu überdenken. Dadurch werden ganz andere soziale Gruppen erreicht. Die Fragebogen-Teilnehmer haben dies dadurch bestätigt, indem sie mit großer Bereitschaft ihrer Arbeit nach gingen und auch Beschränkungen auf sich nahmen, die ihnen aufgrund von Ignoranz, Diskriminierung und Ablehnung entgegenstanden.

1.4)Zusammenfassung Fragebogen-Studie

Die 23 Teilnehmer der Studie haben mit einer Mehrheit knapp über 50% angegeben, dass ihre Organisationen sich sensibel mit ihren Bedürfnissen auseinandergesetzt haben. In diesem Sinne sind inklusive Ansätze erkennbar. Dies bezieht sich auf Ansprechpartner, Assistenz und Sensibilität zur mentalen oder körperlichen Herausforderung während des Bewerbungsvorganges und dem Arbeitsverhältnis. Die anderen 50% haben sich nur zögerlich über ihre Problematik geäußert. Es ist von daher interessant sich auf die Frage zu konzentrieren, welche Bereiche noch nicht abgedeckt sind. Hier liegen in den Bereichen

  1. umfangreicherer Assistenz,
  2. der Bewerbung von christlichen Entwicklungsdiensten für Personen mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen und
  3. der Ausrichtung auf Personenkreise mit solchen Einschränkungen

deutliche Defizite, die anzugehen sind.

2)Transkulturell-anthropologische Überlegungen

Interkulturelle Kommunikation basiert auf den bereits erwähnten funktionalen Grundsätzen, wie sie sich in Kommunikationsabläufen generell vorfinden. Das hier zugrunde gelegte Modell fußt auf dem Modell der Kommunikation, wie es von Shannon und Weaver im Bereich der Informationstechnik vorgestellt wurde (Shannon & Weaver 1949). Darüber hinaus werden die aus der Relevanztheorie angewandten ostensiv-inferentialen Kommunikationsabläufe bedacht. Die aus den vier kommunikativen Grund­sätzen quality, quantity, relevance und modality der speech act theory von Austin, Searle und Grice aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhundert abgeleitete relevance, die anderen Grundsätze wurde als zu vernachlässigen deklariert, beruft sich auf eine alle Informationen enthaltene (ostensive) Äußerungspraxis von Seiten des Sprechers. Die Hörerin, im Rahmen der Relevanztheorie wird diese feminin bezeichnet, hat alle abzuleitenden (inferentialen) Erkenntnisse zur Verfügung. Der De- und Entkodierungsvorgang wird zugrunde gelegt, da er in sich keinen unabhängigen Kommunikationsprozess darstellt, sondern die Übertragung (transformation) von Informationen beschreibt (Sperber & Wilson [1986] 1995 zusammengefasst in Wilson & Sperber 2004). Für die Übersetzungspraxis im interkulturellen Kommunikationsablauf hat Gutt den relevanztheoretischen Prozess auf translatorische Prinzipien angewandt (Gutt 1992 und 2000). In Konkurrenz zum relevanztheoretischen Ansatz steht das funktionale Übersetzen wie es von Nord propagiert wird (Nord [1997] 2001). Sie beruft sich auf das Skopos-Modell von Vermeer (1978). Eine Kombination dieser Modelle hat sich in den Kommunikationswissenschaften etabliert, da jedes Modell sich heutzutage jeweils auf die anderen bezieht und sie sich ursprünglich alle vom dominanten informationstechnischen Shannon-Weaver Modell abwandten (ausführlich Werner 2011).

Die Vermischung dieser Modelle im Blick bietet die interkulturelle Kommunikation einige Besonderheiten, die für die Interkulturelle Theologie bedeutsam sind, da sich Menschen mit unterschiedlichen „Kodes, Konventionen, Einstellungen und Alltagsverhaltensweisen“ begegnen (Maletzke 1996:37). Vor allem der Ethnozentrismus, welcher sich als Nationalismus präsentiert, baut im Bereich der Disability Studies eine zusätzliche Hürde auf, da er das offensichtliche Anderssein von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen benutzt, um Vorurteile zu untermalen (:26). Dies gilt im kirchlichen Entwicklungsdienst, sowohl für den behinderten christlichen Entwicklungshelfer als auch für die Menschen mit körperlichen oder intellektuellen Herausforderungen, denen man auf dem Einsatzfeld begegnet. Das „Fremde“ und das „Andere“ treffen hier aufeinander und wollen konstruktiv überwunden werden (:30). Maletzke fordert in der interkulturellen Kommunikation ein hohes Maß an „Intelligenz, Toleranz, Stärke der Persönlichkeit; Fähigkeit und Bereitschaft zu positiven sozialen Beziehungen; Aufgabenorientierung“ (:132). Insbesondere die Fähigkeit, sich mit neuen Bedürfnissen und Veränderungen auseinanderzusetzen, sieht er als unabwendbar notwendig an. Eine Besonderheit, die Maletzke erwähnt, sind die sozialen Anziehungspunkte von sogenannten „Interkulturen“ oder „Dritten Kulturen“. Dies entspricht etwa der bereits erwähnten Anziehungskraft wie sie im Rahmen des Homogenous People Principles bei homogenen ethnischen Gruppen festgestellt wurde (Homogenous Units Principle HUP), die wir bereits von McGavran her kennen (Maletzke 1996:155; McGavran 1968:vi, 1, 3, 91). Es wird beobachtet, dass sich Personen mit gleichem ethnischen oder sozialen Hintergrund in der interkulturellen Kommunikation anziehen und als Gruppe für äußere Eindrücke empfänglich sind, nichtverbale Elemente spielen eine nicht unerhebliche Rolle (Maletzke 1996:76). Maletzke benennt dies zwar nicht explizit, jedoch scheint er die tiefer greifende zwischenmenschliche Kommunikation im Rahmen der Kulturbegegnung als solch einen Anziehungspunkt zu meinen. Mit anderen Worten, nicht die Spontanbegegnung wird hier aufgegriffen, sondern der Aufbau sozialer Netzwerke, die zum Lebensvollzug in einem bestimmten oder mehreren Lebensbereichen dienen. Im kirchlichen Entwicklungsdienst sind solche sozialen Netzwerke die Ausgangsvoraussetzung für diakonische Tätigkeiten. Die Überwindung sprachlich-kultureller Hürden bildet die vertrauensbildende Grundvoraussetzung. Diese „interkulturelle Anpassung“ mindert den „Kulturschock“ in der Begegnung (Maletzke 1996:159-160, 166). Werte bieten dabei den theoriebildenden Rahmen, an den sich die Mitglieder einer Gruppe halten, aber Sitten und Normen bestimmen die konkrete Ebene des Alltagsverhaltens (:91). Übertretungen sind als Tabuübergriffe zu verstehen und werden nur dem Außenseiter zugestanden, sind aber grundsätzlich sanktioniert (:97).

Die moderne Hermeneutik bezeugt den biblischen Bericht aufgrund seiner Vielschichtigkeit als offen für Überraschungen. Die biographischen Erfahrungen der Interpreten fließen, im Zeitalter des Intersubjektivismus, als ethnographische Beobachtungen in die subjektive Auslegung ein.[1] Diese Interpretationen sind auch geeignet ein sich veränderndes Gottesbild zuzulassen. Dieses Phänomen ergibt sich aufgrund unterschiedlicher Lesarten zu unterschiedlichen Zeiten, die zu veränderten hermeneutischen Interpretationen führten. Eine Inklusions-orientierte Hermeneutik stellt so ein intersubjektives Modell dar, welches sich am reziproken Miteinander der Menschen mit und ohne körperlichen oder mentalen Einschränkungen orientiert. Die oben beschriebenen biographisch-ethnographischen Diskurse bilden den Ausgangspunkt einer solchen Hermeneutik (s. Kathy Black in theology of interdependance 1996:34-41).

Vorausgehende Beispiele inklusiver Hermeneutik seien hier genannt. Der Schlüssel aller inkludierenden Ansätze bildet die Einbindung der Angesprochenen. So wurden die weiblichen Eigenschaften Gottes erst mit der Beteiligung weiblicher Exegeten betont, bis dahin waren sie zwar ebenso bekannt, spielten jedoch in der Auslegung kaum eine Rolle (Du Mez 2015:1, 27, 39). Katharine Bushnell (*1855–†1946) wurde zur feministischen Theologin als sie erkannte, dass die männliche Überinterpretation des biblischen Textes in damaligen chinesischen Bibelübersetzungen wesentlich auf die westliche paternalistische Interpretation zurückzuführen war (:39-41). Dies ist eines der Beispiele wie eine wissenschaftliche Disziplin erst mit der Einbindung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen die eigene „Denkbrille“ wahrnimmt.

Eine weitere Engführung bilden sprachliche Präjudizierungen. Der Begriff δοῦλος doulos „Sklave“ engl. „slave“ wie er im Mittelalter noch in Bibelübersetzungen üblich war, wurde über die letzten Jahrhunderte zu engl. „servant“ (siehe NAS im Gegensatz zu KJV) oder dt. „Knecht, Diener“ (z. B. Einheitsübersetzung) wie es z. B. Jh 15:15 bezeugt. Die Entwicklungen rund um die afro-amerikanische Sklaverei und den damit einhergehenden Rassismus sowie die Segregation haben den Begriff „slave“ dt. „Sklave“ zunehmend einseitig auf dieses Problemfeld hin ausgerichtet, weshalb er im Laufe der Zeit zusätzliche und heute schwerwiegende negative semantische Konnotationen mit sich zog. Die heutige Verwendung „servant“, dt. „Knecht, Diener“ war im Begriff δοῦλος doulos immer schon beinhaltet, jedoch wird sie erst in Ablösung des Begriffes „slave“ dt. „Sklave“ bedeutsam. Eine sprachlich-kulturelle Entwicklung kann sich sowohl fortsetzen als auch umkehren. Es ist also möglich, dass sich neue Begriffsanwendungen entwickeln (z. B. „Leibeigene; Kollegen“) als auch bereits verwendete wieder aktuell werden (z. B. „Frondienstler, Sklaven“).

In der transkulturellen Begegnung im Rahmen des globalen kirchlichen Entwicklungsdienstes bilden die Sprach- und Kulturhürden die wesentlichste Herausforderung. Wenn die Akteure zusätzlich durch körperliche oder mentale Einschränkungen herausgefordert sind, dann sind zusätzliche Barrieren zu meistern. Es sind das enkulturierte enzyklopädische Weltwissen (Kess 1993:6) und die kulturelle Traditionsbindung einer ethnischen oder sozialen Gruppe, die deren kollektive wie auch individuelle Umgebung prägen. Innerhalb dieser Lebensrealität werden die Lebensräume von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen als Bereiche der „Norm-Abweichung“ oder „Ab-Normalität“ wahrgenommen. Sowohl die Wahrnehmung dieser Anomalität durch Menschen ohne oder mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen sowie die Lebensgestaltung im Miteinander beider Gruppen prägen den Rahmen einer „inklusiven Hermeneutik aus der kirchlichen Mitte heraus, die der menschlichen Vielfalt gerecht wird“.

Blickt man nun in den kirchlichen Entwicklungsdienst, dann bildet die kirchliche Darstellung christlicher Nächstenliebe, wie sie von Jesus von Nazareth vorgelebt wurde, die Motivation diakonischen Handelns. Die transkulturelle Begegnung steht damit unter dem Eindruck des kirchlichen Aktivismus. Eine der Lehren, die aus dem historischen Kolonialismus diesbezüglich im Rahmen der Postkolonial Studies gezogen wird, ist die, dass ein kirchlicher Entwicklungsdienst nicht im Gefolge militärischer, ökonomischer oder politischer Expansion erfolgen darf. Eine zweite Lehre ist darin zu sehen, dass die nationale Souveränität nicht von außen beeinträchtigt wird, sondern die kirchliche Intervention im Miteinander zu erschließen ist. Beide Lehren fußen zutiefst auf einem inklusiven Gedanken. Ihm, liegen der Leiterschaftgedanke des Primus interpares[2] und die sogenannte Goldenen Regel (engl. „golden rule“) zugrunde. Folglich, wo transkulturelle Akteure miteinander Projekte planen, darf dies nicht unter politischem, ökonomischem oder militärischem Einfluss geschehen, sondern geht von einer kräftegleichen Basis aus und führt nicht zu einer Kräfteverschiebung zugunsten der nicht-einheimischen Kräfte, also einer Einflussnahme von außen.

Eine inklusive Anthropologie wie sie an verschiedensten Stellen gefordert wird (Ulf Liedke 2009; siehe oben) kontrastiert theologische Prämissen. Hierzu gehören die göttliche

  • Omnipotenz (Allmacht; 1 Mose 17:1; Offb 21:22),
  • Omnipräsenz (Allgegenwart; 1 Mose 28:15),
  • Zeitlosigkeit (Ewigkeitspostulat; 4 Mose 3:15, 15:18; Neh 9:5) und
  • Vollkommenheit (Perfektion; 5 Mose 32:4; Mt 5:48 ). Letztere beschreibt die Fülle, das ist das Ideal, aller ästhetischen, emotionalen und körperlichen Attribute.

Göttliche Eigenschaften

Menschliche Attribute

Omnipräsenz

Lokale räumliche Gebundenheit

Omnipotenz

Menschlicher Einfluss auf die Umgebung

Zeitlosigkeit

Zeitgebundenheit

Vollkommenheit

Ästhetisch-körperliche Unvollkommenheit

Diese göttlichen Eigenschaften wie sie in den biblischen Berichten artikuliert werden, durchbrechen die physisch-physikalische Begrenzungen des Menschen, der an Raum und Zeit gebunden ist. Jesus von Nazareth zeigt neben den durchaus menschlichen Eigenschaften, der Trauer, des Mitleids, der Angst, der Fürsorge eben auch die Fähigkeit durch Menschengruppen hindurch oder auf dem Wasser gehen zu können oder auch zu heilen. Diese oben genannten göttlichen Eigenschaften bilden Antithesen zur menschlichen Vergänglichkeit und Begrenzung. Obwohl im biblischen Bericht physikalische und psychische Grenzüberschreitungen anhand von göttlichen Wundern beschrieben sind, bleiben beide Lebenswelten als Realitäten zuerst einmal voneinander getrennt. Dies spielt auch für die inklusive Anthropologie und Hermeneutik eine bedeutsame Rolle.

Inklusive missiologisch-theologische Vorstellungen beginnen grundsätzlich bei einer Form der Theologie des Leidens. Diese entspringen dem befreiungstheologischen Gedanken, welcher die Vergänglichkeit und Begrenztheit des Menschen im Abbild des Kreuzestodes des Jesus von Nazareth widerspiegelt (Beyerhaus 1986:39, 41, 47). Papst Johannes Paul II. versteht Menschen mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen als Herolde einer neuen Welt, die durch das Licht Christi umgestaltet wird. Dies wird vom römisch katholischen Theologen Jean Vagier zu recht unterstrichen. Er setzt jedoch voraus, dass der praktische Lebensvollzug im Miteinander hinzukommen muss, da sich sonst die „Ab-Normalität“ dieser Menschen nicht im Reich Gottes nivelliert kann. Dies kann sich sowohl in der Kirche als auch in den Begegnungszonen von Menschen mit und ohne körperlichen oder mentalen Einschränkungen realisieren. Bei Vanier entwickelte sich diese Perspektive, nachdem er die Erfahrung des gemeinsamen Lebens in den Wohneinrichtungen der L’Arche Kommunitäten gemacht hatte. Hierbei geht Vaniers praktische Theologie über die päpstliche Vorstellung hinaus, welche aus der theologischen Theorie stammt. Er definiert die Bereicherung der transkulturellen Begegnung von Menschen mit und ohne körperlichen oder mentalen Herausforderungen, sowohl aus dem gegenseitigen Lernen heraus, als auch in der Wahrnehmung und dem ergänzenden Austausch gegenseitiger Lebenserfahrung (Reinders 2000:3-5, 13, 15). Diese Erfahrungen bilden die Brücken zwischen den Lebenswelten von Menschen mit und ohne körperlichen oder mentalen Einschränkungen. Solche Brücken sind geeignet die Kirche als Gesamtheit ihrer Verwirklichung als Reich Gottes im Rahmen der menschlichen Diversität zu vollenden. Im Gegenzug, wo diese Bücken nicht geschlagen werden, bleiben soziale Lebensräume dieser kirchlichen Verwirklichung verschlossen und bilden nicht die Gesamtheit der Kirche in eschatologischer Vollendung ab (Newbigin 1979:23).

An diesem Punkt konnten die wichtigsten linguistisch-anthropologischen Fragestellungen aus missiologischer Sicht im Hinblick auf eine inklusive Hermeneutik aus der kirchlichen Mitte heraus angerissen werden. Nach einer Zusammenfassung wenden wir uns der Frage zu, wie es nun um die political correctness und um inklusive Sprache als sprachliche Denkkategorien einer inklusiven Hermeneutik steht?

3)Zusammenfassung - Ethnographische Diskurse, Fragebogen

Es wurde hier aufgezeigt, dass die treibende Kraft der Inklusion, jedoch die Diversität sozialer Strukturen darstellt. Gesellschaftliche Kohärenz entwickelt sich in der Vielfalt ihrer Mitglieder unter Bedingungen in denen sich die unterschiedlichen sozialen Schichten ergänzen oder unterstützen. Die ökonomischen, personalen oder politischen Grenzen wurden unter Berücksichtigung postkolonialer Aspekte hier besprochen.

Eine globale Fragebogenstudie, an der 23 Teilnehmer aus insgesamt 46 Angefragten teilnahmen, war darauf angelegt wie Inklusion von kirchlichen Auslandsdiensten praktiziert wird. Diese etische Studie richtete sich sowohl an kirchliche Mitarbeiter, die eine körperliche oder mentale Einschränkung haben, oder an die Eltern von Kindern mit solchen Merkmalen. Die Befragten sind in kirchlichen Organisationen im Auslandsdient tätig. Erstaunlich war die Wahrnehmung und Einschätzung von etwa der Hälfte der Teilnehmer, die ihrer Organisation inkludierende Strukturen bestätigen. Insbesondere in den Bereichen Ansprechpartner und Assistenz bezüglich der körperlichen oder mentalen Herausforderung wurde dies vermerkt. Es sollte nicht die andere Hälfte übersehen werden. Insbesondere eine aufwändige Assistenz rund um die Uhr ist dabei ein Problem. Hier suchen die Befragten Hilfe von außerhalb. Auch ist ein Ansprechpartner oder die Sensibilität über das unterschiedliche Lebensformat bei der Hälfte der Organisationen ein schwieriges Thema. Insgesamt aber wird das Thema Inklusion durch die Befragten selbst ganz aktuell in den Organisationen repräsentiert. Dieser Faktor stellt auch eine Begrenzung der Befragung dar, da es sich ja nicht um einen Querschnitt aller Organisationen handelt, sondern nur um einen Ausschnitt aus Sicht des betroffenen Personenkreises. Diesbezüglich bleibt zu hoffen, dass die Ermutigung zur Einstellung, Einbindung und zum Umgang mit körperlich oder mental Herausgeforderten auch auf andere Organisationen überschlägt.

Kulturell-anthropologische Überlegungen im Hinblick auf Disability Studies haben neben einem postkolonialen auch einen sprachlichen Diskurs angeregt. Vor allem die theologische Auseinandersetzung der Hermeneutik mit exegetischen Erkenntnissen ist dabei herausfordernd. Beispiele wie die Begriffe „Weib“ oder „Sklave“, welche über Jahrhunderte hinweg einem Sprach- und Kulturwandel ausgesetzt waren, zeigen die hermeneutische Herausforderung auf. Dies ist exzessive auf das kulturell-sprachliche Othering aufgrund des Ableismus (Ablehnung von behinderten Menschen) von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen übertragbar.

Religiöse und theologische Vorstellungen bewegen sich rund um die Idealisierung der Vorstellungen zur „Divinität“ als dem perfekten Gegenüber des Menschen. Mit Begriffen wie Omnipräsenz, Allmacht, Vollkommenheit oder Ewigkeit werden im Hinblick auf die ästhetische, moralisch-ethische und emotionale Wahrnehmung Befangenheiten gegenüber Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen hervorgerufen. Eine unbewusste oder unterschwellige Absonderung des Imperfekten, Unästhetischen oder physisch Gebrochenen findet gedanklich und sprachlich Raum. Dies drückt sich in der unterschiedlichen Kategorisierung der Lebenswelten von Menschen mit und ohne körperlichen oder mentalen Einschränkungen aus. Absonderung wird als „Anderssein“ deklariert. Dadurch lassen sich nur wenige oder einseitige Brücken bauen, wobei letztere dem Machtgefälle vom Nichtbehinderten (Engl. The Abled) zum behinderten Menschen (Engl. Disabled) folgt.

Als hermeneutische Überbrückung der unterschiedlichen Lebenswelten von Menschen mit und ohne körperlichen oder mentalen Einschränkungen wurde die Goldene Regel als Lebensprinzip vorgeschlagen. Sie dient als Leitmotiv, denn um das Machtgefälle zu überbrücken muss der soziale Ertrag einer inklusiven Hermeneutik aus der Mitte deutlich werden. Dabei spielt das theologische Konstrukt „Trinität“ eine nicht unbedeutende Rolle, da darin selbst eine Vielfalt unterschiedlichster, gleichzeitig sich ergänzender Naturen zum Tragen kommen (Tataryn & Truchan-Tataryn 2013:62). Da die Trinität „Einheit in Vielfalt“ spiegelt, lässt sich die Kirche als „Gemeinschaft in Diversität“ bezeichnen. Erst in dieser Konstellation wird sie ihrer Sendung zu allen Nationen und deren Konstituenten, den gläubigen Gliedern gerecht.

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[1] Die hermeneutische Diskussionen rund um die Neue Hermeneutik Gadamers (1990), dem dekonstruktivistischen Intersubjektivismus Derridas (1967:25) oder auch die traditionelle hermeneutische Sicht Stuhlmachers (1986), fließen in diese Arbeit nur insofern ein, als sie der ethnographisch-biographischen Analyse hilfreich sind. Vor allem die Horizontverschmelzung Gadamers und die intersubjektive Darstellung Derridas sind ausgezeichnete Werkzeuge, um die Subjektivität der kolonialen Schriften aufzudecken.

[2] Lat. „Erster unter Gleichen“, damit ist eine Leitungsstruktur bezeichnet, in welcher der Leiter den anderen gleichgestellt ist, jedoch aus dieser Gruppe heraus Verantwortung tragen darf (Werner 2018 Power Point Inclusivist Leadership).