Von Worten zum WORT - Kognitive und epistemologische Wortfindungs-"Störungen" in der Bibelübersetzung

  • Posted on: 22 April 2020
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Von Worten zum WORT - Kognitive und epistemologische Wortfindungs-"Störungen" in der Bibelübersetzung

Eberhard Werner

werner (at) forschungsinstitut.net

Inhalt

VON WORTEN ZUM „WORT“                                         1

Kognitive und epistemologische Wortfindungs-„Störungen“ in der Bibelübersetzung  1

Abstrakt 3

1. Vorüberlegungen – Vom Mündlichen zum Schriftlichen “Text”  5

2. Vom Suchen und Finden der „richtigen“ Worte  16

3. Praktische Schritte  28

4. Mündliche Tradierung  33

5. Lukas 15:11-32 „Vaterliebe“ und mündliche Tradition  36

6. Zusammenfassung – Kommunikative Störungen beseitigen  68

 

Abstrakt

„Bibel erzählen“ – für Bibelübersetzer bedeutet dies, die Prinzipien und Inhalte der Heiligen Schrift verständlich in den Kontext des Zielpublikums zu übertragen. Dabei tun sich allerdings mehrere sprachwissenschaftliche Gräben auf: ein translatorisch-linguistischer, ein theologisch-missiologischer, ein sozio-kultureller und zuletzt auch ein epistemologisch-philosophischer Graben. Die folgenden Überlegungen beleuchten nun insbesondere den translatorisch-linguistischen und den epistemologisch-kognitiven Graben.

In der sog. Christlichen Entwicklungshilfe[2] treffen dabei mehrere Kulturen aufeinander, die strukturell wiederum auf unterschiedlichen Ebenen liegen – so z.B. die biblische Kultur einerseits und Prinzipien des Projektmanagements andererseits, dazu kommen beteiligte Personen(gruppen) wie das Übersetzungsteam oder finanziell unterstützende Kirchen. Ferner sind sowohl erläuterungstechnisch-exegetische und auslegungstechnisch-hermeneutische als auch übersetzungs- und sprachtheoretische Überlegungen zu beachten.

Die Wissenschaft der Bibelübersetzung arbeitet deshalb interdisziplinär. Aus dem Miteinander der beteiligten Disziplinen entwickelt sie die theoretischen Grundlagen zum „Erzählen der Bibel“ in einer Muttersprache. Die verschiedenen Ebenen des biblischen Textes erstrecken sich dabei jeweils vom Wort über den Satz hin zum Vers, über die Verse hinweg zum Bibelabschnitt, schließlich hin zum biblischen Buch und darüber hinaus zum gesamtbiblischen Textdiskurs.

In einem ersten Schritt sollen nun theoretische Grundlagen und Rahmenbedingungen der Bibelübersetzung in knappen Zügen erläutert werden. Dem folgt die Beschreibung des konkreten Übersetzungsprozesses. In einem dritten Schritt wird dann am Beispiel des bekannten Textes vom „verlorenen Sohn“ die Bibelstelle Lk 15,11-19 vergleichend übersetzt. Der Artikel geht dabei von der These aus, dass mündliche „Text“-Traditionen immer die Ausgangsbasis für Schrifttraditionen darstellen und wiederum mündliche Traditionen generieren. Mit anderen Worten: „Bibel erzählen“ geht als Bibeltradition der schriftlichen Tradition voran.

 

[2]    Mit der Bezeichnung „Christliche Entwicklungshilfe“ sind diakonische Tätigkeiten gemeint, die aus der globalen Kirche heraus im Zusammenhang mit der eigenen christlichen Glaubensüberzeugung unabhängig vom Empfänger vollzogen werden. Es kann sich um medizinische, soziale oder ökonomische Förderung, aber eben auch um Bibelübersetzung handeln.

 

1. Vorüberlegungen – Vom Mündlichen zum Schriftlichen “Text”[1]

Die biblischen Texte entstammen mündlicher Traditionen. Über Generationen hinweg entwickelten sie sich zu den nun schriftlich fixierten textkritischen Versionen der Biblia Hebraica Stuttgartensia4ed (Kittel 1990[2]) und des Novum Testamentum Graece27ed (Nestle-Aland 2004[3]). Während dieser Tradierungs­phase erlebte die jüdische Gemeinschaft enorme sprachlich-kulturelle Umbrüche, die sich auch in den münd­lichen Traditionen niederschlugen.[4] Dabei weiß man von der mündlichen Tradierung der Hebräischen Bibel[5] recht wenig, jedoch liegen zum Neuen Testament Vorschläge mündlicher Konzep­tionen vor.[6] Wie auch immer, es ist noch nicht abschließend geklärt welchen Gesetzmäßigkeiten die mündlichen Traditionen in der Antike unterworfen waren. Das bedeutet nun nicht, dass mündliches Tradieren als solches nicht untersuchbar wäre, oder bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterläge welche wissen­schaftlich ermittelt werden könnten, sondern es bedeutet das hierbei zwei unvorhersehbare Faktoren auf einander treffen. Mündliches Tradieren ist sowohl von der „Intuition des Erzählers“, als auch der „Wahrnehmung der Hörerin[7]“ abhängig (oral-aurale Kommu­ni­ka­tion)[8]. „Erzählen“ und „Hören“ bestimmen den Traditionsstrang, „Verstehen“ und „Denken“ bilden die kognitiv-epistemologischen Grundlagen. Mit anderen Worten wird in diesen vier Vorgängen der Verlauf der Tradition festgelegt. Dabei spielen Sprach- und Kulturwandel, der sich entwickelnde sozio-politische Kontext und zuletzt die kognitiv-epistemologische Wahrnehmung der Tradenten eine Rolle.

Sprach- und Kulturwandel

Sprach- und Kulturwandel ist eine im Menschsein begründete unbewusste sprachliche und kulturelle Veränderung bedingt durch Anpassung an die gesellschaftliche Entwicklung (z. Bsp. Anglizismen, Werbeslogans, Filmeinflüsse). Dieser Wandel erfordert einen ständigen Revisionsbedarf des schriftlich fixierten Bibeltextes. Gleichzeitig verändert er, vorausgehend in der mündlichen Überlieferung, die sprachlichen Stilmittel, sowie die Wortwahl, und zudem den inhaltlichen Schwerpunkt des Erzählungsstrangs. Zuerst wird dies am evangelistischen Material, der Predigt (Homiletik) und zuletzt an einer Kluft der Umgangssprache zur Sprache des biblischen Textes deutlich.[9] Wenn auch von dem Faktum des Sprach- und Kulturwandels auszugehen ist, so ist eine soziale Gruppe jedoch immer bemüht eine stabile gesellschaftliche Mitte zu halten. Der soziale Konservatismus erlaubt es fremde Einflüsse und inneren Wandel durch gesellschaftliche Regeln und Normen zumindest in begrenztem Maße ausgewogen einzudämmen (Spiro 1972:100, 104, 106[10]).

Im Übrigen gilt das hier gesagte auch für die sprachliche Orientierung. Hier ist eine „standardisierte“ Mitte wichtig um Dialekte, Idiolekte und andere sprachliche Ausprägungen (z. B. Jugend- oder Subkultursprache) abzufangen. Dieser stabilisierende Faktor prägt das Weltbild, das Denken und damit die Wortwahl beim „Erzählen“ wesentlich.[11] Worte und ihre Kontexte werden dabei als „Sprach-Bilder“ benutzt, die Sprache und Kultur vermitteln. Moral und Ethik überträgt sich in diesen „Sprach-Bildern“ auf das Publikum. Gleichzeitig werden „Insider“ und „Outsider“ mit Hilfe der mündlichen Tradition abgegrenzt. Mündliches Tradieren funktioniert in diesem Sinne enkulturierend und abgrenzend. Es ist dem muttersprachigen Bibelübersetzer vorbehalten die völlige Identifikation zwischen seiner Kultur und dem übersetzten „Text“ herzustellen.[12]

Der sozio-politische Kontext

Der sozio-politische Kontext beeinflusst sowohl die Erzähltradition, als auch die inhaltlichen Schwerpunkte des Erzählens und Hörens. Auf der einen Seite stabilisiert der politisch-ökonomische Kontext eine soziale Gemeinschaft, auf der anderen Seite bewegt er sie zur Veränderung. Man denke nur an die Lutherübersetzung oder andere sakrale Bibel-Texte, die eine soziale Gruppe (hier die Kirchen­mitglieder) konfessionell über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg sprachlich-kulturell bindet. Ein anderes nicht-kirchliches Beispiel findet sich im Einfluss des Sozialismus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik in der „Genosse“ und „Genossin“ zur Standardanrede in gewissen politisch-militärisch motivierten Kreisen wurde.[13] Ganz zu schweigen von dem jahrhundertalten Einfluss des Rotwelsch, einer Gaunersprache innerhalb einer sozialen Schicht, auf unsere Sprache (Čirkić 2006:10, 13[14]). Die stabilisierende Wirkung des sozio-politischen Kontexts wird besonders deutlich an der Beständigkeit familiärer Bezeichnungen für die Trinität Gottes (Vater-Sohn-Heiliger Geist) trotz des Verfalls der traditionellen Familien­bilder durch künstliche Befruchtung, Leihmütter oder gleich­geschlecht­licher Lebensgemeinschaften. Sprachlich, so ist zu vermuten, werden sich im deutschsprachigen Raum in Zukunft die neutralen inklusiven Begriffe „Eltern“, „Erziehungsberechtigte“, „Familie“, „Kind“, „Kinder“, „Sprösslinge“ oder ähnliches auch bei der „Erzählung der Bibel“ durchsetzen.

Die kognitiv-epistemologische Wahrnehmung

Einflüsse, der genannten Art, bilden den Rahmen der kognitiv-epistemologischen Wahrnehmung beim Erzähler und der Hörerin. Die Wahrnehmung findet auf mehreren kognitiven Ebenen statt. Kommunikation wird sowohl auf der Verstandes- als auch auf der Emotionsebene verarbeitet. Wie von anderer Seite in diesem Werk beschrieben wurde, verarbeitet das Gehirn kognitive Abläufe auf der neurolinguistischen Ebene. In kurzen Worten beschrieben, finden bei der Memorierung und Abrufung von Informationen Speicher­prozesse statt. Explizite, wie auch implizite Informationen werden im Kurz- und Langzeitspeicher gespeichert, abgerufen und verarbeitet.

Ein modellhafter Aufbau findet sich im Fünf-Speicher Modell zum „Gedächtnis“ wieder.[15] Das Langzeitgedächtnis wird auf mehreren Ebenen ausgeführt. Die unterste Schicht, oder das priming-Gedächtnis bildet das Bindeglied zwischen den unbewussten, auf sensorischer und emotionaler Ebene gespeicherten kommunikativen Inhalten (z. B. Angst in bestimmten Kommunikationssituationen), sowie dem prozeduralen Gedächtnis für hochgradig automatisierte Bewegungsabläufe (z. B. Auto oder Fahrrad fahren). Das perzeptuelle (wahrnehmende) Gedächtnis nimmt Sach- und Sprachobjekte wahr um sie dem eigenen Weltwissen einzubinden. Das semantische Gedächtnis archiviert Faktenwissen und schafft die Voraussetzungen um Informa­tionen als Sprachbilder und Fakten abzurufen. Im episodischen Gedächtnis werden Szenen, Erlebnisse und Erfahrungen jederzeit abrufbar gespeichert. Dies geschieht mitsamt ihrem Kontext in dem sie erlebt wurden, wie z. B. Gerüche, Emotionen oder musikalische Untermalung. Das Kurzzeitgedächtnis wiederum schaltet auf biochemischer Ebene bestimmte Zellen als Pfade in den Synapsen frei um Informationen schnell und unmittelbar abrufbar zu haben. Obwohl der „Gedächtnis-Abruf“ in der Regel problemlos geschieht, haben verschiedene sprachorientierte Experimente gezeigt, dass aufgrund innerer körperlicher und auch äußerer umweltbedingter Einflüsse „Störungen“ fester Bestandteil des neurologisch-kognitiven Ringens um die „richtigen“ Verknüpfungen sind.[16]

Ideologisch-philosophische Überlegungen

Ideologisch-philosophische Fragen des Übersetzens spielen im Ringen um die „richtigen“ Worte in der Übersetzung eine wesentliche Rolle. In der „wörtlichen“ Übersetzungstradition wird auf „konkordante“ Weise jeweils ein Wort aus dem biblischen Grundtext in der Ziel­sprache mit einem und demselben Wort oder einer kurzen Phrase in der Zielsprache übersetzt. Auch grammatische Konstruktionen werden dabei möglichst immer gleich übertragen. Die Unrevidierte Elber­felder Übersetzung, wie auch ihre Revisionen, das Münchener Neue Testament und teilweise auch die Luther Übersetzung gehen diesen Weg.[17] Hiervon zu unterscheiden sind Bibelübersetzungen die anderen Übersetzungstheorien folgen. Vorausgehend sei angemerkt, dass in der Praxis Mischmodelle die Regel bilden (Werner 2011:315-331).

Die dynamisch-äquivalente auch funktional-äquivalent genannt, die Rahmenmodell-orientierte (z. B. Katan 1999[18]), die funktionale (z. B. Berger & Nord 1999[19]) und die relevanztheoretische[20] Theorie zur Bibelübersetzung seien hier nur genannt. Das dynamisch-äquivalente Modell (Nida 1964; Taber & Nida 1969; de Waard & Nida 1986)[21] ist am weitesten verbreitet und hat mit der Einheitsübersetzung, der Gute Nachricht Bibel, der Hoffnung für Alle und der Neue Genfer Übersetzung eine zentrale Rolle im „Erzählen der Bibel“ eingenommen.[22] Dabei ist entgegen aller anderslautenden Kritik zu beachten, dass die beiden grund­le­gen­den Prinzipien der dynamischen Äquivalenz sowohl die sprachliche Nähe zum Ausgangstext (Texttreue) als auch die kontextualisierte Übertragung[23] der Bedeutung des im Originaltext implizierten Inhaltes in eine Zielsprache bilden.[24] Entgegen einem fixen Festhalten an sprachlich-grammatischen Strukturen auf der Wort- und Satzebene, erweitern „kommunikative“ Übersetzungen den Übersetzungsrahmen auf kognitiv-epistemologischer Ebene (s. Abschnitt ‎5). Neuere Modelle greifen diese kognitiv-epistemologische Ausrichtung ebenso auf, weshalb die dynamische Äquivalenz Konkurrenz bekommen hat. Entschieden abgelehnt werden solche als „modern“ bezeichneten Übersetzungen von „Literalisten“ und Anhängern einer „sakralen“ Bibelübersetzung, die allein in der Lutherübersetzung die unierende Mitte kirchlichen Lebens sehen wollen (Stichwort: Liturgiebibel).[25]

Beispiele moderner Übersetzungstraditionen haben sich im römisch-katholischen kirchlichen Raum vor allem nach dem ‚II. Vatikanischen Konzil‘ entwickelt. Die dortige Entscheidung muttersprachliche Bibeln, anstelle der lateinischen Vulgata zuzulassen, hat im französisch-sprachigen Raum zu einer neuen Tradition der Bibel­über­setzung geführt. Die Bible de Jérusalem (1973), die Traduction oecuménique de la Bible (TOB, 1972 NT) und die Segond (1975) Bibeln sind damals entstanden (Gignac 2009:148).[26] Diese Entwicklung inspirierte die europäische protestantische und katholische Kirche den unterschiedlichen biblischen Autoren[27] gerecht zu werden, in dem die bis dahin ungebrochene Homogenität des biblischen Textes als Ganzes in der Übersetzung hinterfragt wurde. Für jeden biblischen Autor und dessen Schrift(en) sollte sich ein Team von Bibelübersetzung unabhängig voneinander beschäf­tigen (:148; siehe auch Übersetzungsprinzipien der Bibel in gerechter Sprache[28]).[29] Diese Entwicklung zeigt ein weiteres der vielen Spannungs­felder, die sich im Laufe der westlichen Übersetzungs­tradition aufwarf.

„Verstandene Fremdheit“ – Maßstab der mündlichen Übersetzungstradition?

Ein Argument der Kritiker möchte ich hier anführen, da es die Thematik dieses Artikels besonders anspricht. Es wird betont, dass eine „verstandene Fremdheit“ des biblischen Textes erhalten bleiben soll. Zwar wird das nicht explizit ausgedrückt, jedoch scheinen die Vertreter dieser Hypothese damit eine sakrale und autoritative Wirklichkeit im Bibeltext selbst zu verbinden (z. B. Chouraqui 1994:35, 40-41).[30] Unbestritten an dieser Annahme ist, dass schwer verständliche Texte die Hörerin und den Leser kognitiv herausfordern, sowie die Tatsache dass solche Texte teilweise besser memorierbar sind (z. B. der arabische Koran[31]; Lutherübersetzung 1912[32]). Hierzu stellt Hövelmann fest, „daraus wird deutlich, dass die mittelalterliche Memorierkunst sich nicht auf Sprüche, sondern auf »Geschichten« bezieht“ (1989:24). Es werden Schlussfolgerungen getroffen, die in dieser Weise oft im Text nicht vorkommen. Solche impliziten Schlüsse unterstützen das Publikum dabei den Text semantisch (bildhaft) zu unterfüttern um ihn bei Bedarf zu rezitieren (Kess 1993:141, 145[33]).

Man muss sich bewusst machen, dass die heute schriftlich fixierten biblischen Texte selbst eine Zeit lang memoriert waren. Durch diese Phase der „Erinnerung“, sei sie nun kurz (Monate) oder länger gewesen (Jahre, Jahrzehnte), wurde die Funktion der Memorierbarkeit der Tradenten aktiviert, die selbst Beobachter oder Zuhörende waren. Dies spiegelt sich in der Wiedergabe der „Texte“ wieder. Die „Texte“ werden nicht als durchgehende biographische Narrationen, sondern als bruchstückhafte Reflektionen über Erinnerungen wiedergegeben.[34] In der Hebräischen Bibel wird dies an den prophetischen Büchern deutlich, ausgenommen davon sind die poetischen Bücher und die Briefe. Die Propheten enthalten Zusam­menstellungen prophetischer Aussagen, die teilweise nicht chrono­logisch zusammenhängen. Der inhaltliche Zusammenhang ergibt sich erst im heilsgeschichtlichen Gesmtzusammenhang, teilweise über mehrere Pro­pheten­bücher hinweg. Im Gegensatz hierzu folgen die neu­testamentlichen Briefe und die Offenbarung dem Gedankenstrang des Autors durchgehend. Im Neuen Testament findet sich diese bruchstückhafte Erinnerung in den Evangelien und der Apostel­geschichte. Die Autoren der Briefe stützen sich wiederum auf die „Erinnerung“ der Augenzeugenberichte (Paulus) oder ihrer selbst (Petrus, Johannes, Jakobus; z. B. 1Joh 1:3).[35] Doch auch in ihnen gibt es Gedankensprünge und Wechsel, die auf eine „Erinnerungskultur“ hin weisen.

Zurück zum Postulat der „verstandenen Fremdheit“. Es muss festgehalten werden, dass deren Vertreter erwarten, dass die hebräischen und griechischen Sprachbilder nicht aufgelöst, sondern in ihrer Fremdheit verdeutscht werden. Dabei wird die Wahrnehmungs­fähigkeit des Textes untergraben, was zu einem epistemologischen Graben führt, der in der Konsequenz das Publikum vom Text entfremdet.[36] „Verstandene Fremdheit“ führt so zur Unverständlichkeit und einer kognitiven Distanz. Seit langem wird aus kirchlicher Sicht die mangelnde Kenntnis biblischer Inhalte beim Kirchenmitglied bemängelt, ein Grund hierfür bestand in der überholten sprachlichen Gestalt – Fremdheit – der Kirchen­bibeln (Lutherübersetzung). Hier setzen kommunikative und „moderne“ Übersetzungen an. Im Übrigen fließen in die Revisionen der gängigen Kirchenbibeln die Erkenntnisse moderner Über­setzungstheorien mit ein (z. B. Einheitsübersetzung, Gute Nachricht, das funktionale Neue Testament[37]).

Die translatorisch-linguistische Ebene

Die Diskrepanz verstandener Fremdheit zu kommunikativen Übersetzungen wird besonders deutlich auf translatorischer und sprach­wissenschaftlicher Ebene. In einem sprachlich-kulturellen Kontext, in dem das Ringen um die Gleichstellung der Geschlechter an Bedeutung gewinnt, werden auch in der Bibelübersetzung spezifisch geschlechtsbezogene oder geschlechtsneutrale Begriffe eher gewählt. Das inzwischen übliche Ersetzen des Begriffes „Brüder“, wo „Geschwister“ gemeint sind, ist ein weit verbreitetes Beispiel dafür (Worth 1992:133).[38] Sprachlich-kulturelle Grenzen sind auch hier vorge­geben, solange geschlechtsneutrale Begriffe nicht umgangs­sprach­lich konditioniert sind.

Im „Nacherzählen“ der Bibel, auch Chronological Bible Storying genannt (siehe unten) wird das anwesende Publikum direkt angesprochen, weshalb die Bedeutung „Geschwister“ schon rein praktisch zum Tragen kommt. Armstrong weist darauf hin, dass mündliches Tradieren der biblischen Erzählung nur in mündlich tradierenden Kulturen Bestand hat, welche nicht dem westlichen Objektivitätsdenken und der Trennung von Wahrnehmung, Sprache und Lebensalltag unterliegen (2013:324)[39].

Chronological Bible Storying und andere mündliche Traditionsübertragungen biblischer Inhalte werden in westlichen Kontexten in der Predigt und in der Kinderarbeit zum Teil reflektiert. Von dieser Form der Vermittlung biblischer Inhalte gehen Impulse für das „Erzählen“ und „Übersetzen“  der Bibel auch im deutsch­sprachigen Raum aus. In der Nacherzählung wird die Schrifttradition revidiert und erneuert, sie stellt damit den natürlichen Kreislauf kommu­nikativer Erneuerung schriftlicher Texte dar. Nach diesen Vorüberlegungen tritt nun der eigentliche kognitiv-epistemologische Prozess bei der Übersetzung biblischer Inhalte unter linguistisch-anthropologischen Gesichts­punkten in den Vordergrund.

 

2. Vom Suchen und Finden der „richtigen“ Worte

Beim Suchen der „richtigen“ Worte stehen verschiedene wissen­schaft­liche Disziplinen zur Verfügung. In der Christlichen Entwicklungs­hilfe[40] gibt es die Situation, dass Sprachgruppen noch nicht alphabetisiert sind. Da in der Sprachgruppe nur mit dem mündlichen und nicht mit dem schriftlichen Bibeltext gearbeitet werden kann, ist die Alphabetisierung Teil des Prozesses der Bibelübersetzung. Die akademische Disziplin, die sich mit Sprache und ihrem Aufbau beschäftigt, ist die Sprachwissenschaft auch Linguistik genannt. Sie gliedert sich in:

  • die Allgemeine Sprachwissenschaft,
  • die Angewandte Sprachwissenschaft,
  • die Vergleichende Sprachwissenschaft und
  • die Historische Sprachwissenschaft.

Im Bereich der Bibelübersetzung interessiert vor allem die angewandte Linguistik (applied linguistics). Die klassischen Inhalte der ange­wand­ten Linguistik umfassen die Phonetik, die Phonologie und die Grammatik. In der Phonetik werden die Laute einer Sprache auf ihre Bildungen (z. B. Kehlkopflaute, Schnalzlaute, Vokale etc.) und mög­licher Niederschriften (z. B. Internationales Phonetisches Alphabet - IPA) untersucht.

In der Phonologie wird das Lautinventar einer Sprache mittels Analyse und Ermittlung der Lautstrukturen auf einen orthographischen Vorschlag hin reduziert. In der Grammatik wird der Aufbau der Sprache nach ihren Formen (Morphologie), dem Aufbau von Sätzen und Texten (Syntax), der Bedeutungslehre (Semantik) und der bereits erwähnten Lautlehre (Phonologie) hin beschrieben. Im weiteren Umfeld der Sprachwissenschaft finden sich die Pragmatik, die (Text-) Diskursanalyse (siehe unten) und die Sozi­o­ling­uistik. Auch spezielle Einzeldisziplinen wie die Neurolinguistik, die kognitive Linguistik und die Psycholinguistik sind zu erwähnen. Die Linguistik hilft dem Übersetzerteam die sprachlichen Strukturen des Ausgangs­textes und der Zielsprache zu verstehen, zu vergleichen und die „Über­setzung“ von einem sprachlichen Lautsystem in ein anderes strukturell zu untermauern. Während in der Christlichen Entwicklungshilfe Phonetik, Phonologie, Grammatik und Pragmatik zum Zuge kommen, sind es in alphabetisierten Kontexten nur die beiden letzteren.

Sprachwissenschaftliches Suchen

In der Christlichen Entwicklungshilfe werden bis dahin unbe­schriebene Sprachsysteme zusammen mit den muttersprachlichen Bibelüber­setzern zuerst untersucht und dann schriftlich fixiert. Diese Vorgänge machen sie der Öffentlichkeit zugänglich.[41] Grammatische Erstbeschreibungen bilden oftmals den Durchbruch einer Sprach- und Kulturgruppe um öffentlich wahrgenommen zu werden. In der Verschriftung werden alle in Worten, Sätzen und „mündlichen Texten“ verwendeten Laute mit schriftlichen Zeichen fixiert.

Das Internationale Phonetische Alphabet[42] oder andere globale Alphabete decken alle mit dem menschlichen Sprachsystem erzeugbaren Laute und Modifikationen (z. Bsp. Palatisierung, Laryngalisierung, Knarrstimme) ab. Diese Alphabete dienen der Transformation des mündlichen Lautes in schriftliche Zeichen. Im Rahmen der Phonologie lassen sich das Inventar der Vokale und der Konsonanten quantitativ festlegen. Jede Sprache weist die Tendenz auf bestimmte Sprachbildungsräume schwerpunktmäßig einzusetzen. Diese Gesetz­mäßigkeit macht sich die Phonologie zunutze, indem die verwendeten Laute auf einem Diagramm schematisch eingetragen werden. Damit sind sie schriftlich fixiert.

Nachdem das Lautinventar bekannt ist, muss an der Orthographie, einem standardisierten Alphabetvorschlag gearbeitet werden, der möglichst viele Sprecher abdeckt.[43] Dies ist der schwerste Teil, da Idiolekte und Dialekte eine Standardisierung oft verhindern. Es bietet sich daher an mit einem „Versuchs-Alphabet“ zu starten. Die grammatische Darstellung einer Sprache beschreibt die Satz- und Textstrukturen einer Sprache. Dabei spielt auf einer höheren Ebene auch die Semiotik (die allgemeine Lehre von den Zeichen) und ihre Disziplin die Semantik (Beziehung der Zeichen zur schriftlichen Abbildung) eine wichtige Rolle. Sie beschäftigt sich mit der zeichen­haften Bedeutung von Wörtern, Phrasen und Satzteilen.

Bestimmte Satzkonstruktionen sind in ihrer Wortstellung fix und können nicht aufgelöst werden ohne deren Bedeutung zu ändern. Hier­zu zählen bestimmte Partikel (Präpositionen, Präfixe, Suffixe) die sich an Verben oder Nomen haften, Phrasen und Wortkombi­na­tionen.[44] Einige Beispiele aus dem Deutschen: „Himmel und Hölle“, „dick und dünn“, oder auch „Kopf bis Fuß“. Eine Umstellung dieser Phrasen verändert oder zerstört deren Bedeutung. Die Semantik beschäftigt sich aber auch mit geistigen Vorstellungen. Sprache bedingt Bilder die im Kopf die Realität der Rede wiederspiegeln. Diese Bilder werden in sogenan­nten Prototypen reflektiert.[45] Im Deutschen ist ein „kleiner Vogel“ intuitiv mit dem Bild des „Spatz“ verknüpft. Das geistige Bild eines „großen Vogels“ bildet ein „Adler“. In anderen Sprachen ist das Bild des kleinen Vogels ein „Kolibri“ und des großen Vogels der „Geier“.[46] Ein Obstbaum projiziert das Bild des „Apfelbaums“ und ein Baum wird mit der „Eiche“ abgebildet. Märchen, Fabeln und Anek­doten aus der mündlichen Tradition verdeutlichen diese Prototyp-Vor­stellungen.

Mittels der Darstellung einer Sprache auf gramma­tischem Weg ist es für Fremde möglich die Sprachstruktur zu verstehen und die Sprache einfacher zu lernen. Neben dem Sprachlernen wird auch gleichzeitig das Übertragen von sprachlichen Inhalten auf ein anderes Sprach­system gelernt. Dieser gegenseitige Prozess (dyadisch-dynamisches Prinzip bei Werner 2012:71-73) ermöglicht es dem muttersprachigen Team sich eine andere Sprache anzueignen, aus der heraus eine Bibelübersetzung möglich wird.[47]

Wenn hier auf die „Wort“-Ebene verwiesen wird, so ist damit die Kom­plexität semantisch-lexikalischer Wiedergabe gemeint. Übersetzung greift aber, wie wir später sehen werden tiefer und reicht über die lexikalische Ebene in den metasprachlichen Bereich.

Eine These dieses Artikels ist es „biblisches Erzählen“ als mündliche Schrift­tradierung zu verstehen. Dabei ist der Skopos[48] einer Bibel­über­setzung auf die Verständlichkeit und Anpassung der biblischen Texte an die Zielkultur ausgerichtet. Dieses Diktum, obwohl beim Dolmetschen (s. oben) befolgt, wird speziell in der Bibelübersetzung aufgrund oben genannter Kriterien, insbesondere dem der sogenannten „Texttreue“ vernachlässigt.[49] Die in der Schrifttradition redundanten biblischen Texte sind demnach in der Übersetzung an die Formen mündlicher Tradierung des Ziel­publikums anzupassen, damit sie dort ihr Eigenleben als Schrifttradition entwickeln. Dies gilt nicht nur für die Christliche Entwicklungshilfe sondern auch in bestehenden christlichen Kontexten (siehe unten).

Intuition und Übersetzung

Die „richtigen“ Worte kann es in einer Übersetzung nicht geben. Der Übersetzer ist ein Interpret (Hermeneut) zwischen zwei oder mehreren Welten, mindestens aber dem Ausgangstext und der Übersetzung.[50] Es liegt an ihm den ersten zu entziffern und die ermittelte Bedeutung sprachlich-kulturell im neuen Kontext zu vermitteln. Er vermittelt zwischen

„Sprachen, zwischen Kulturen und zwischen Konventionen der Umsetzung. Er ist seinem Wesen nach ein Ausführender, einer der das vorliegende Material als Aufführung darbietet, um es mit nachvollziehbarem Leben zu erfüllen“ (Steiner 1990:19).[51]

Als intuitive Wissenschaften können Übersetzung und Interpretation, als Teil der Kommunikationswissenschaften, keine exakten Ergebnisse liefern. Sprache, Denken und Kultur sind fließende Lebensbereiche, welche situationsbedingt, Zeitgeist- und personabhängig unterschiedliche Ergebnisse generieren (Kade 1968:35[52]; Steiner 2004:134).[53] Dem muss sich auch das Team in der Bibelübersetzung stellen. Deren Übersetzung bleibt ein Vorschlag, welcher eine größtmögliche Annäherung an den Ausgangtext darstellt, jedoch von unter­schiedlichsten Umgebungsvarianten abhängig ist. Im Hinblick darauf ist zu beachten, dass die Empfänger im Kommuni­kations­prozess sprachlich-kulturelle Kontexte ent­schlüsseln und für sich erschließen. Daraus folgt, dass vom Publikum Rückschlüsse auf die übersetzte Vorlage gezogen werden können, die aufgrund des gemein­sa­men Weltwissens und der sprachlich-kulturellen Kontextuali­sierung Kom­munikation erfolg­reich machen (Sperber & Wilson 1987:700, 707).[54] Lücken der Information können im meta­sprach­lichen und kognitiven Bereich erschlossen werden. Die hierfür nötigen Stimuli sind vom Sprecher mitzuliefern. Mündliches Tradieren umfasst also neben der „Wortebene“ auch übergeordnete kommunikative Stimuli, die im Textdiskurs, durch Implikationen im metasprachlichen Bereich mitgeliefert werden. Dazu gehören neben äußerlichen kommunikativen Mitteln  (z. Bsp. Flüsterton, Betonungen, Gesten), auch die Fähigkeit implizite Schlußfolgerungen aus Informationen abzuleiten. Bekanntestes Beispiel bildet der Appell an den Fahrer „Die Ampel ist grün“, welcher je nach Kontext unterschiedliche Schlußfolgerungen zulässt.

Da mündliches Tradieren durchaus ohne schriftliche Fixierung auskommen kann, den umgekehrten Fall gibt es nicht, ist mündliche Tradierung fundamental für menschliche Kommunikation (Ong 2002:6). Damit ist gesagt, dass die Prozedere mündlichen Tradierens beim „Bibel erzählen“ von größerer Bedeutung sind als die schriftliche Fixierung. Der „Wortfindung“ wird aber wenig Raum zugesprochen, jedoch umso mehr der literarischen Fixierung. Ursachen hierfür sind zum einen die teils unbewusste Sakralisierung der Übersetzung biblischer Inhalte in Anlehnung an den als „heilig“ erachteten Grundtext, und zum anderen das philologische Schulübersetzen, welches aufgrund westlicher Bildung tief in die Erinnerung der Übersetzer eingebrannt ist.[55] Betrachten wir uns das näher.

Liturgie- und Sakraltexte

Das Übersetzungen als „Heilige Texte“ angesehen werden macht schon der Titel der Lutherübersetzung deutlich: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Über­setzung Martin Luthers 1545 (herausgegeben 2012 als L45. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft).[56] Dies gilt auch für mündliche Traditionen, wie folgende Titel zeigen: „Das Leben und Werk des Messias Jesus“ (arabisches Original; übersetzt EW.) oder „Die Geschichte der Propheten“ (türkisches Original; übersetzt EW.) genannt werden. Der Bezug auf zentrale religiöse Inhalte (Heiligkeit, Messias, Propheten) deutet das sakrale Genre an.

Selbst wenn heutzutage vermehrt der Verweis auf den „Heiligkeitsaspekt“ fehlt, wird eine Bibelübersetzung als sakrales Werk göttlicher Inspiration angesehen. Dies zeigt sich an der feier­lichen Einweihung einer neuen Bibelübersetzung[57] in der Christlichen Ent­wicklungs­hilfe, auch Dedication genannt. Selbst im deutsch­sprachigen Raum werden Revisionen oder auf neuen Übersetzungs­grundsätzen beruhende Bibelübersetzungen kritisch und feierlich begutachtet.[58]

Wie der Inspirationsvorgang sich vom ursprünglichen Werk auf die Übersetzung übertragen soll ist dabei umstritten. Eher konservativ-exklusive kirchliche Kreise berufen sich auf eine „Verbal“-Inspiration, die als inhärente Eigenkraft des Grundtextes auch auf die „richtige“ – meist wörtliche – Bibelübersetzung über­tragen wird.[59] Liberal-inklusive kirchliche Kreise sehen Inspiration eher als göttliche Kraft, die von außen den biblischen Text begleitet und in dieser Weise auch in Bibelübersetzungen zum Tragen kommt (Wirkung des Heiligen Geistes). Wie auch immer, die Sakralisierung des „Textes“ lässt eine Interpretation und Übersetzung meist nur auf der lexikalisch- morphologischen Ebene zu. Dies führt zu einer konkor­danten und wörtlichen Wiedergabe.

Beispiel: Tempel, Anbetungs- und Wallfahrtsorte

Am Beispiel des Begriffes für Tempel wird das Vorgehen deutlich. So wird im wörtlichen Übersetzen der Begriffהֵיכַל  heicāl immer mit „Tempel“ (z. B. 1Sa 3:3)[60] wieder gegeben. Er wird als „Tempel Gottes“[61] oder „Tempel“ (vor allem im NT), gebaut von Salomo, auf das jüdische Heiligtum in Jerusalem übertragen. Im Gegensatz hierzu wurde בֵּ֣ית אֱלֹהִ֔ים beit elohim „Haus Gottes“[62] mehr als individuelle Bezeichnung für den Wohnort der jüdischen Gottheit benutzt, jedoch bleiben beide Begriffe austauschbar. In der griechischen und römischen Umwelt waren solche Tempel gang und gäbe. Im germanischen Raum jedoch gab es kaum zentrale Anbetungsstätten. Es gab auch keine zentrale Anlage, wie es „der Tempel“ in Jerusalem darstellte.

Wir stehen hier vor einem innerbiblischen und einem kontextuell-translatorischen Problem. Der damaligen mündlichen Tradition entsprechend, konnte das hörende oder lesende jüdische Publikum aus dem Kontext erkennen, ob ein heidnischer Tempel oder „der Tempel ihres Gottes“ gemeint war. Im hebräisch-aramäischen Text ist dies dem muttersprachlichen Leser auch heute noch möglich. Wir haben im Deutschen mit dem Begriff „Landtag oder Bundestag“ der kontextabhängig zum einen die Versammlung oder zum anderen das Gebäude bezeichnen kann auch eine Ambivalenz. Bei der Übersetzung des Grundtextes bedarf es kognitiver Hilfestellungen. Dies kann entweder durch einen definitiven Partikel (im Deutschen der Artikel) oder der Spezifizierung „Tempel Gottes“ in Abgrenzung zu anderen Gebäuden angezeigt werden.

Ein weiteres Problem ergibt sich, wenn das Konzept des biblischen Inhalts dem Publikum nicht bekannt ist. Wie oben angedeutet gab es bei den Germanen kein zentrales Heiligtum. Damit war der Begriff „Tempel“ im damaligen Kontext doppeldeutig, da er einen kulturfremden Inhalt einführte und gleichzeitig auf heidnische Stätten hin weist. Erst im Verlauf der Definition und der Gewöhnung an die Bedeutung im jüdischen Kontext übernahm das Deutsche die Inhalte. Dabei wären der Begriffe „Heiligtum“ oder „heilige Stätte“ näher gewesen. Nun ist jedoch dieses Wort im Hebräisch-Aramäischen durchמִקְּדָ֕שׁ  mikdāš (z. B. Exodus 15:17) wieder gegeben. In deutschen Bibelübersetzungen haben sich die Bezeich­nungen „Tempel“, „Haus Gottes“ und „Heiligtum“ eingespielt. Beim Erzählen biblischer Inhalte spiegeln die Umgebungsvarianten der Begriffe den Kontext wieder, was zu fluktuirender Verwendung führen sollte.

Es gibt nicht wenige Kontexte eines Zielpublikums, in denen weder ein zentrales „Heiligtum“, noch eine feste Gebäudeanlage als „Tempel“ vorhanden sind. Nomadische Völker, oder Bauern die zerstreut leben und in stammesähnlichen Formationen zusammen leben, kennen meist nur natürliche Anbetungs- oder Wallfahrtsorte. Dabei spielen auffällige Bäume, Höhlen, Quellen oder auch Gesteins- und Berg­for­ma­tionen eine Rolle. Ein historisches Beispiel hierfür ist der im iranischen und ana­tolischen Hochland verbreitete Zoroastrianismus (in Asien auch als Parsismus bekannt). In ihm wird auf den Dualismus geistlicher Kräfte angespielt (Eliade 1961[63]). Besondere Naturer­eignis­se, Umgebungen oder auch Landschaften spiegeln die Anwesenheit von guten und bösen Kräften wieder.[64] Begriffe die nun den zentralen Tempel des jüdischen Ritus beschreiben sollen sind schwer zu finden. Alternativ wird „Haus Gottes“, „Ort religiöser Verehrung“, „Wallfahrtsort“ oder auch der Name eines lokalen Wallfahrtsortes im Wechsel der im Grundtext vorgegebenen Begriffe vorgeschlagen. In allen Fällen ist eine Erklärung des zunächst sprach- und kulturfremden Inhalts nötig, so wie dies auch bei der Christianisierung der Germanen nötig war.

Im Zuge der Reformation wurde das in der Bibelübersetzung benutzte Vokabular gleich in das kirchliche Leben über das Katechumenat eingearbeitet. Damit war die Möglichkeit gegeben zentrale Begriffe zu erklären und ständig zu wiederholen. Gleichzeitig war aber auch die Option genommen alternative Begriffe zu erproben. Heutige deutsche Bibel­­übersetzungen lösen sich nur schwer vom reformatorisch-kirchlichen Vokabular.[65] Welche Phrase oder welcher Begriff dem Grundtext am nächsten kommt muss ein muttersprachliches Aus­wahl­gremium festlegen. Die Natürlichkeit – und nicht das Prinzip „verstandener Fremdheit“ – der Sprache soll dabei, dem Vorbild münd­licher Tradition folgend im Vordergrund stehen. Das Verstehen der göttlichen Botschaft wird, wie auch im Grundtext, auf die anthro­po­­zen­trisch-kognitive Erfassung herunter gebrochen. Dieser anthro­po­zent­rische Prozess des Übertragens biblischer Inhalte führt zu einer „Wirk- / Erfahrungs-Inspiration“. Die Wirkung des göttlichen Wortes entfaltet sich dabei im Angesprochenen und nicht pauschal als Verbal-Inspiration im Grundtext und aller seiner Übersetzungen.[66] Damit die epistemologischen Hürden zur Erfassung des Gesagten möglichst gering bleiben, muss an den sprachlich-kulturellen Kontext der Sprache in welche übersetzt wird angeknüpft werden.

Dolmetschen – Prototyp mündlicher Übersetzung

Um den Begriff „natürliche Sprache“ oder „Natürlichkeit der Sprache“ aufzunehmen, ist auf das Dolmetschen einzugehen. Dort wird beispielhaft die Übertragung menschlicher Tradition in einen anderen Sprach- und Kulturkreis angedeutet. Neben dem simultanen Übersetzen gibt es noch das konsekutive. Die Simultanwiedergabe erfordert den ständigen Wechsel zwischen den beiden Sprach- und Kulturkreisen, beim konsekutiven oder auch Konferenz-Dolmetschen spielt sich das in 10-minütigen Einheiten ab.[67] 10-minütige Redeabschnitte werden mittels Symbolen in der zu übersetzenden Sprache transkribiert und dann am Stück übersetzt (Fabbro 1999:204).[68] Die Übertragung folgt den Postulaten „Inhaltstreue zum Text“ („Text“ ist hier sowohl gesprochen als auch geschrieben zu verstehen) und „Verständlichkeit“, wie sie allgemein in der Wissenschaft zur Übersetzung formuliert werden. Der konsekutive Übersetzer muss die Materie des Gesagten kennen um fachlich gerecht zu dolmetschen.[69] Er kann in der Kürze der Zeit verstandesmäßige Lücken nicht schließen, sondern muss diese zwangsläufig in den über­setz­ten Korpus aufnehmen. Trotz dieser Unterschiede zum Über­setzen antiker Texte, vermittelt das konsekutive Übersetzen den Ursprung des Übertragens von sprachlich-kulturellen Inhalten in einen anderen Sprach- und Kulturkreis (Fabbro 1999:204). Es ist hervor zu heben, dass die Spontanität des Dolmetschens zur „Natürlichkeit“ zwingt. Beim Dolmetschen bleiben aus der Intuition heraus verschiedene Möglichkeiten der Wortwahl, sowohl grammatisch-morphologisch als auch semantisch. Da mit dem Gesagten oder Geschriebenen sofort weiter umgegangen wird, bleibt keine Option für eine eine Erklärung an den Hörer- oder Leserkreis bei unverständlichen Formulierungen. Jeder Teil der Übersetzung dient als Grundlage für die folgenden Gesprächsteile. Der Dolmetscher folgt seiner Intuition und der Kenntnis beider Sprachwelten.[70] Auch Übersetzen lebt von dieser Intuition, die sich ebenso in der Bibelübersetzung niederschlägt.[71]

Bis hierhin kann also festgehalten werden, dass „Bibel Erzählen“ neben übersetzungstheoretisch-ideologischen Grundlagen, wesent­lich auf der intuitiven Weitergabe des Grundtextes aus dessen Sprach- und Kulturraum in einen anderen besteht. Der Grundtext selbst folgte einer mündlichen Tradition, die als solche erst später in schriftlicher Form wieder gegeben wird. Er ist daher auf seine vom biblischen Autor intendierten „Prinzipien“, wie sie der mündlichen Tradition folgten hin zu übersetzen. In Kontexten in denen schriftliche Tradition keine Rolle spielt, steht die Memorierbarkeit der Texte, die Natürlichkeit der „Text“-Weitergabe (Stil und Form), sowie das Genre „Heiliger Text“ im Mittelpunkt. Zu leisten ist dies nur im Übersetzungs-Team und unter gegenseitiger und rückwirkender Kontrolle. Hierbei folgen die Übersetzer dem Prinzip der Rückkopplung als Merkmal der Überprüfbarkeit der Qualität der Übersetzung (Nord 2001:63, 68[72]; Schülein 2001:20[73]). Was bedeutet das nun für die Übersetzer von biblischen Texten im Alltag?

 

3.  Praktische Schritte

Die jüngere nunmehr einhundertjährige Geschichte der Bibelübersetzungs-Bewegung[74] hat eine eigene interdisziplinäre Wissen­schaft zur Bibelübersetzung hervor gebracht (ausführlich in Werner 2012).[75] Die Bewegung der Bibelübersetzung (Bible Trans­lation Movement[76]) baut auf die jesuitischen (15. – 16. Jahr­hundert), pietis­tischen und freikirchlichen Initiativen (17. – 18. Jahr­hundert) auf. Am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts hat sich die westliche Kirche vermehrt auf die Not der Völker konzentriert, die aufgrund geographischer, politischer und sprachlich-kultureller Ursachen keinen Zugang zu biblischen Inhalten hatten. Die United Bible Societies (UBS)[77], Pioneer Bible Translators (PBT), Summer Institute of Linguistics International (SIL Int’l)[78] und viele andere in der Christlichen Entwicklungshilfe tätigen Organisationen haben sich auf Bibelübersetzung spezialisiert. Daraus folgt das Projekte zur Bibelübersetzung inzwischen professionell angelegt sind und einem Netzwerk von Spezialisten entspringen.

In der Regel initiiert eine nationale Kirche oder Gruppe von Gläubigen ein Projekt zur Bibelübersetzung. Motiviert werden solche Projekte durch a) den eigenen Sprach- und Kulturwandel (Revisionsbedarf), b) das zielgruppenorientierte Ansprechen mit dem biblischen Text, sowie c) dem evangelistischen Anliegen Menschen in ihrem Sprach- und Kulturkontext zu erreichen. Diese Art Bibelübersetzungs-Projekt wird in erster Linie von missiologisch interessierten Theologen initiiert und projektiert. Dabei stehen dann philologische Details im Vordergrund. Andere Disziplinen, wie Linguistik, Sozialforschung, oder Anthropologie sind subsidiär.

In Ländern in denen eine Sprachgruppe noch nicht alpha­be­tisiert ist wird ein solches Projekt von einem Team von Linguisten, Anthro­po­logen oder Sozialforschern initiiert. In diesen Projekten sind theologisch-philologische Fragen meist translatorisch-linguistischen Faktoren nachgestellt. Die Initiatoren untersuchen zuerst die Sprache und arbeiten dann an Sprachlernmaterialien, wobei neben mündlichen auch schriftliche Tradierungen der biblischen Texte als Lernma­ter­ia­lien dienen. Muttersprachliche Übersetzer werden in solchen Projekten ausgebildet um die mündlichen Traditionen und den schriftlichen Text einheimisch werden zu lassen (indigenisieren). Erste Rohentwürfe werden den unterschiedlichen Dialekten vorgelegt um möglichst eine große Hörer- und Leserschaft anzusprechen. In Kontexten mit nationalen Kirchen sind auch theologisch-ideologische Fragen zu klären.[79] In traditionell kirchlichen Ländern des Westens waren konfessionelle Hürden kein Grund, nicht aus einer Bibelübersetzung zu speisen (z. B. Lutherbibel, Vulgata). Erst in jüngerer Zeit haben sich konfessionelle Hürden auch in der Bibelübersetzung nieder­ge­schlagen. Konfessionell und ideologisch kohärente Gruppen wagen sich zunehmend an eigene zielgruppenorientierte Bibelübersetzungen.

Einen Schritt weiter. Im Hinblick auf einen Rohentwurf werden Schlüsselbegriffe (keyterms) gesucht, die zentrale biblische Begriffe und kurze Aussagen beschreiben. In der schriftlichen Übersetzungstradition wird auf eine konkordante Übersetzung gedrängt, während eine mündliche Übersetzungstradition hier Variationen zulässt. Schlüsselbegriffe sind u. a.: Tempel, Sünde, Gott, Volk Gottes, Vater, Sohn, Zelt der Begegnung etc. Wenn diese Inhalte in der zu übersetzenden Sprache nicht vorhanden sind, dann sind Umschreibungen nötig:

  • „Tempel“ kann als „Haus Gottes“, „Heiligtum“ oder „heilige Stätte / Ort“ umschrieben werden.
  • „Gott“ als „höchstes Wesen“, „Himmelswesen“, oder auch „Ursprung“.
  • „Sünde“ als „Trennung von Gott“, „Abkehr von Gott“, „Gottlosigkeit“.

Der entstandene Rohentwurf wird mit Hilfe von Beratern aus der Bibelübersetzung (Translation Consultants) auf seine exegetische, sprachliche und inhaltliche Nähe zum Grundtext geprüft. Gleichzeitig wird seine Verständlichkeit untersucht. Verschiedene mutter­sprach­liche Bibelübersetzer werden mit Hilfe von Rück­übersetzungen in die Sprache der Berater, auf deren Verständnis des Textes hin befragt.[80] Ein Erstentwurf geht als Testversion an ausgesuchte Vertreter der Sprachgruppe (Theologen, Autoren, Sprachspezialisten, Führungs­persön­­lichkeiten). Deren Vorschläge werden in den Zweitentwurf ein­ge­arbeitet, der nochmals zur Durchsicht von Übersetzungsberatern mit dem Team der mutter­sprachlichen Übersetzer geprüft wird. Der daraus resultierende dritte Entwurf kommt als Vorschlag für die Ver­öf­fent­lichung in Frage. Formate, Darstellungsweise und Fragen der Pub­likation sind im Nachfolgenden zu klären.

Im Falle von mündlichen Texten wird nach der dritten Prüfung die Untermalung des „Textes“ mit Hintergrundgeräuschen, Musik und Hilfs­­informationen vor­ge­nommen. Eine schriftliche Fixierung des Hör­textes wird als Begleitmaterial mitgeliefert. Er dient zukünftigen Lesern als Lernmaterial, sollte jedoch nicht eine neuere und spätere Schrift­bibel in Anlehnung an eine zukünftige Schrifttradition ersetzen.

Hilfsmittel bei der Übersetzung von biblischen Inhalten sind unter anderem übersetzungsspezifische Kommentare[81], Textausgaben des text­kritischen Apparates[82], computerspezifische Hilfsmittel[83], Hand­bücher[84]. Allein die Masse der angebotenen Hilfsmittel zeigt die Unmög­lichkeit sich aller translatorisch-linguistischer Probleme bewusst zu werden. Aus diesem Grund bleibt jede Bibelüber­setzung ein momentaner intuitiv-interpretierter Vorschlag. Dieser muss von Zeit zu Zeit aufgrund von theologisch-ideologischer und exegetischer Erkenntnisse, sowie dem Wandel von Kultur und Sprache revidiert werden sollte. Eine lebendige Kirche wird sich dieser Aufgabe stellen. „Bibel erzählen“ wird dadurch zur dynamischen Interaktion im Rahmen des inkarnatorischen Prinzips der Bibelübersetzung. Den Rahmen für diesen Prozess bildet der textkritische Grundtext den es nicht wörtlich nachzuahmen gilt, sondern der als Vorlage dient um die immer­währende „Fleischwerdung“ des Wortes Gottes allezeit neu in die sprachlich-kulturellen Idiome der Menschheit zu garantieren (Johannes 1:1-10).

Zusatzinformationen helfen dem Publikum beim Verstehen. In der Übersetzung gilt es die Balance zu halten zwischen

  1. eingeschobener Zusatzinformationen im „Text“ oder
  2. Paratext (Fussnoten, Randnoten, Lexika, Glossarien etc.).

Schon die antike Texttradition hat sieben hermeneutische Grundregeln (z. B. Hillel) entwickelt, welche nach und nach verfeinert, ausgebaut oder auch verkürzt wurden. Diese Grundregeln sind richtungsgebend für Übersetzungsprinzipien, da Verstehen, Übersetzen und Auslegen, das Denken und die Sprache auf epistemologischer Ebene zusammen fassen. In der Spannung zwischen der genannten Über-Vereinfachung (over-simplification) oder Über-Erklärungstendenz (over-explication) ist das Bibel­übersetzungsteam gefordert dem Publikum kognitive An­knüpfungs­punkte im Text und auch außerhalb zu liefern. Gleichzeitig wird jede Übersetzung schwerpunktmäßig zum Letzteren neigen, da die im Grundtext vorgegebene Realität nur in der Auslegung und mit Erklärungen im neuen Kontext dargestellt werden kann. In der mündlichen Tradition ist die Tendenz zur Über-Erklärung stilistisch sogar gefordert, da der Erzähler seinem Publikum die Darstellung der Rahmenbedingungen mit liefern muss.

Es bleibt festzustellen, dass mündliches Tradieren und schriftliche Übersetzung „Texte“ verändern. In manchen Fällen führt dies zu Vereinfachungen um das Publikum nicht zu überfordern, in anderen Fällen zu Ausschmückungen um den „Text“ interessant und informativ zu gestalten. Diesem gestalterischen Element und den damit einhergehenden Veränderungen begegnet das Übersetzungsteam, indem es dem muttersprachigen Publikum Rückbezug auf den originären Text ermöglicht. Die Hinweise auf ursprüngliche Konnotationen fließen auch in der mündlichen Tradierung immer wieder ein. Die Tradenten weisen dabei auf die Unterschiede zwischen ihren Erzählungen und der ursprünglichen Version hin (s. Ab schnitt Textdiskurs).

Nachdem nun das kreative Atelier der Bibelübersetzer und deren Arbeitsrahmen betrachtet wurden tritt die spezifische Bedeutung und Funktion der mündlichen Tradierung in den Vordergrund.         

 

4. Mündliche Tradierung

Wie oben angedeutet der Prozess des Übersetzens zweifach zu unterscheiden. Zum einen von einem Kontext, in welchem bereits eine Bibelübersetzung oder Bibelteile besteht, von demjenigen in welchem noch kein Zugang zur muttersprachlichen Bibel oder Bibelteilen besteht (Fußnote 57). Einige wichtige Vorgehens­weisen sind grundsätzlich verschieden, andere identisch. Im deutschsprachigen Raum sind inzwischen mehr als 53 Vollbibeln zugänglich, weshalb einer Revision oder einer zusätzlichen muttersprachlichen Bibelübersetzung genügend Vergleichs- und Referenzmaterial zu Grunde liegt. In der Christlichen Entwicklungshilfe oder nicht-christlichen Kontexten ist solches Material nicht vorhanen. Hinzu kommen noch andere Entscheidungen oder Zielsetzungen die in der Christlichen Entwicklungshilfe zum Tragen kommen.

Folgende Vorentscheidung ist zu treffen, nämlich ob in mündlich tradierenden Kulturen die Bibel oder die Bibelteile als Lernvorlage dienen soll. Insbesondere eventuelle Schulungsmaterialien im Hinblick auf Alpha­betisierung sind von Bedeutung, da sie die Perspektive auf eine zukünftige Schriftkultur eröffnen. In solchen mündlich tradierenden Kontexten wäre zuerst eine mündliche Version der Bibel oder Bibelteilen nötig, um zu sehen wie der „Text“ verstanden wird. Eine weitere Entscheidung hängt damit zusammen, ob eine muttersprachliche Kirche das Projekt leitet oder mitträgt, oder ob eine außer-kirchliche Bibelübersetzung für „potentielle“ Christen oder Interessierte erscheinen soll. Oft sind Bibelübersetzungs-Projekte die von nationalen Kirchen initiiert wurden bei den United Bible Societies (UBS) ansässig, welche Theologen, Übersetzungsberater und auch Administratoren stellt. Das Summer Institute of Linguistics Interna­tio­nal (SIL Int’l) arbeitet mehr im nicht-christlichen Raum mit nationalen nicht-christlichen Organisationen. Seit einigen Jahren verwischen diese Grenzen und die nationalen Kooperationen zwischen Organisationen, die an der Bibelübersetzung arbeiten nehmen zu.

Im asiatischen und afrikanischen Raum haben sich mündliche Übersetzungen schon länger etabliert, so dass dort das Erfahrungspotential liegt. Mit solchen Übersetzungen verbundene translatorischen Probleme wurden erkannt und analysiert. Die westliche Theologie kann hier von der asiatischen Orientierung auf mündliche Traditionen lernen. Es zeigt sich, dass bestimmte westliche Postulate wie z. Bsp. das apostolische Glaubensbekenntnis, das implizite Israelbekenntnis aufgrund des Holocaust, sowie die lange Zeit unterschätzte Diakonie an Hilfsbe­dürf­tigen und Armen im asiatischen Raum nicht vorkommen oder dort eine andere Betonung finden. Die derzeitige Debatte um die „heilsgeschichtliche Einbindung der Kirche“ in den Weltreligionen (Tworuschka 2000:19-24), die „Trans­formative Theologie“ (Beyerhaus 2013), sowie des westlich-kolonia­listischen Einflusses der Kirche (z. B. Salama 1993:23) weisen auf diese Tendenzen hin. Es geht dabei nicht um „political correctness“, wie es im deutsch­sprachigen Raum, ihrem Über­setzungs­auf­trag gemäß, die Bibel in gerechter Sprache (2006) aufgegriffen hat. Es geht um eine dem Kontext angepasste Form der theologischen Aus­richtung, die sich auch folgerichtig in der Bibelübersetzung nieder schlägt. Die südamerikanische „Befreiungstheologie“ (engl. liberation theology), die afrikanische „schwarze Theologie“ (engl. black theology) und eine im Ansatz sich entwickelnde asiatische „Ver­fol­gungs- und Re-Christianisierungstheologie“ (engl. persecution and re-Christianizing theology) weisen auf unterschiedliche Kontexte hin.[85]

Beim Chronological Bible Storying werden biblische Inhalte von muttersprachlichen Bibelübersetzern, sinngemäß in ihrem sprachlich-kulturellen Kontext wieder gegeben. Bilingualität in einer Sprache, die eine Bibelübersetzung aufweist und die Kenntnis der eigenen mündlichen Tradierungskunst sind wichtige Voraussetzungen. Eine Niederschrift erfolgt meist erst, wenn die Erzählung eine gewisse mündliche Tradition durchlaufen hat. In manchen Fällen bildet die übersetzte Rohfassung zwar die Grundlage, muss aber ständig im Hinblick auf die mündliche Traditionsgeschichte revidiert werden. Armstrong blickt auf mehr als zwanzig Jahre Erfahrung mit Chronological Bible Storying (CBS; chronologisches Bibel-Nacherzählen)[86] zurück und betont, dass sich aus der mündlichen Tradition „ergebene Christen entwickeln, die sich in Kirchen versammeln, die auf Wachstum ausgerichtet sind“ (2013:322).[87] Kritiken, die sich vor allem gegen die Oberflächlichkeit und der einseitigen evangelistischen Ausrichtung des CBS richten, haben sich im Laufe der Entwicklung und Anwendung des biblischen Storying oder Nacherzählens nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, auf lange Sicht motiviert CBS muttersprachliche Christen zur Niederschrift sowohl wörtlicher als auch kommunikativer Bibelüber­setzungen. Damit unterstreichen sie das geweckte Interesse ihre mündlichen Traditionen zu fixieren und wissenschaftlich zu analysieren. In diesem Prozess bildet sich der­jenige Kreislauf ab, welcher mit dem Urchristentum hin zu den kanonartigen Schriftsammlungen des 4. Jahrhundert begonnen hat. Der historische Kreis muttersprachlicher Bibelübersetzungen, beginnend mit mündlichen Traditionen, schließt sich in diesem Prozess und läutet eine neue Runde kirchen­geschichtlicher Erneuerung ein.

 

5. Lukas 15:11-32 „Vaterliebe“ und mündliche Tradition

In diesem Abschnitt wird die Parabel vom „Liebenden Vater“ oder besser bekannt als „Der verlorene Sohn“ (Lutherübersetzung 1984) beispiel­haft untersucht. Ziel ist es, die Problematik bei der kom­mu­ni­ka­tiven Kontextualisierung aufzuzeigen. Die hier gemachten Über­setzungs­­vorschläge umfassen nur den ersten Teil der Parabel aus dem Lukasevangelium (Lukas 15:11-24). Der Abschnitt über den älteren Nachfolger und seiner enttäuschung ist zwar wesentlich, kann aber aus Platzgründen nicht besprochen werden. Eine kurze Zusammenfassung hierzu folgt am Ende dieser Übersetzungsvorschläge. Noch einmal soll betont werden, dass eine erste Übersetzung in eine Muttersprache eine kommunikative Bibelübersetzung sein sollte, die zugleich den Rückgriff auf ein philologisch-wörtliches Verständnis des Grundtextes ermöglicht. Der Grundtext selbst eröffnet verschiedene textkritische Möglichkeiten, die ebenso im Paratext (Begleittext) zu offenbaren sind. Erst weitere zielgruppenorientierte Bibelübersetzungen bauen auf die dann bestehende Schrifttradition auf und ermöglichen eigene schriftliche Traditionen. Im Weiteren ist in dieser Ausarbeitung der Blick auf die mündliche Tradition gerichtet.

Das Gleichnis aus Lukas 15:11-32 wird in den Bibelübersetzungen unterschiedlich betitelt:[88]

  • „Die Geschichte vom verlorenen Sohn“ (Zürcher 1931),
  • „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“ (Schlachter 1951),
  • „Die Geschichte von einem Vater mit zwei unter­schiedlichen Söhnen“ (Volxbibel 2013 Online[89]),
  • „Das Gleichnis vom Verlorenen und seinem Bruder“ (engl. RSV, Revised Standard Version 1971),
  • „Anlässe zum Feiern“ (engl. CEB, Common English Bible 2011) und
  • im Word Biblical Commentary als “The Father and His Two Sons: ‘We Had to Make Merry’” (Nolland 1998:777).[90]

Im Rückblick auf die Werdung des Schriftkanons erweist sich der Kreislauf des translatorischen Prozesses in der Bibelübersetzung. Dieser Kreislauf basiert auf dem Fundament mündlicher Tradition der Urgemeinde, der wiederum in eine mündliche Tradierung des schriftlichen Zeugnisses in Homiletik und Predigt führt. So kann sich daraus wieder eine mündlich orientierte Schrifttradition entwickeln, die dem dynamischen Sprach- und Kulturwandel gemäß die biblischen Texte in der Kirche inkarniert (z. Bsp. Luther-Tradition, Elberfelder-Tradition), hier verstanden als übergeordnete Größe im Sinne des Leibes Christi.

Die Geschichte aus Lukas 15:11-32, „Der verlorene Sohn“, bietet eindrückliches Anschauungsmaterial um die hier umrissenen Übersetzungskriterien aufzuzeigen. Der historisch-soziologische Kontext dieser Erzählung liegt im jüdischen Umfeld um die Zeitenwende. Das mosaische Gesetz wurde im Rahmen des Tempel­kultes durch eine religiöse Elite, den jüdischen Gelehrten (Pharisäer, Sadduzäer, Priesterkaste, Rabbinat und andere), tradiert, ausgelegt, überwacht und inhaltlich vorgelebt. Die lukanische Erzählung wurde Jesus zugewiesen (V. 11a) und im Rahmen der Lehre zur Buße, Umkehr, Reue und Einkehr in das Reich Gottes oder den Raum Gottes erzählt (Lukas Kap. 12 – 17). Diese Erzählung vom „verlorenen oder ungehorsamen Sohn“ enthält neben der narrativen Beschreibung eines Familien­konfliktes (Arroganz, Fürsorge, Elternpflichten, Neid) auch eine gleichnishafte und implizierte Aussage, die man als „dahinter­stehendes Prinzip“ bezeichnen könnte (s. Fußnote 92).

Die jesuanischen Gleichnisse folgen alle dem Muster „der Prinzipien“ (siehe unten). Aus diesem Grund wurde der Rabbi Jesus von Nazareth auch gefragt, was denn die Gleichnisse bedeuten würden. Er erklärte die Bedeutung der Gleichnisse seinem engsten Kreis von Anhängern, welche die Inhalte und deren dahinter liegenden Prinzipien weiter tradierten. Diese mündliche Tradition und Auslegung der Gleichnisse wurde ihrem narrativen Inhalt gemäß und seiner Deutung nach in schriftlicher Form in den Evangelien verfestigt (Markus 4:10, 34 und 13:13; Lukas 24:27; Johannes 16:25). Eine theologische Klärung dieser „Prinzipien“ sollte nicht allein bei der kommunikativen Wiedergabe der narrativen Texte stecken bleiben, sondern die vielen sprach­lich-kulturellen Eigenheiten der Ausgangstexte fließen in kon­textua­lisierter Form in die Übersetzung ein, um dort ein inkarna­to­ri­sches Eigenleben zu entwickeln. Dies entspricht nicht der „protes­tan­tischen Klausel der Unveränderlichkeit“ des biblischen Textes, die man sich von Martin Luthers Thesen zur Übersetzung ableitet. In dieser werden innerbiblische und theologische Gründe genannt, wo­nach die Übersetzung möglichst dem Grundtext entsprechend und konkor­dant-wörtlich zu übertragen ist.[91] Luther selbst hat sich nicht auf eine Übersetzungsrichtung festlegt. Er hat die Balance zwischen wört­­licher und sinngemäßer (kommunikativer) Übersetzungs­methode gehalten. In seinem Sendschreiben zum Dolmetschen aus dem Jahr 1530 verdeutlicht er, dass die philologische Übersetzung (wörtliche Methode), insbesondere angewandt auf die Vulgata, im späten Mittel­alter die Kirche bestimmte und er sich in Teilen davon absetzt. Inner­biblische Beweise der göttliche Herkunft der Schrift finden sich in:

  • Lukas 4:21 – Erfüllungspostulat der Schriften,
  • 2Timotheus 3:16 – Inspirationsthese,
  • 2Petrus 1:20 – bib­lisches Lehramt der Schrift,
  • Offenbarung 22:18-19 – Bestandssicherung der kirchlich relevanten biblischen Texte.

Theologische Argumente sind gegründet auf die These göttlicher Inspi­ra­tion der Bibeltexte, der Inkarnation als Prinzip der Kon­textualisierung, und der vom apostolischen Amt abgeleiteten Befugnis zur Verwaltung der kirchlichen Schriften. Diese „Hermeneutik der Prinzipien“ ist im theologischen Raum noch nicht eingeführt. Sie klärt die Frage, was Jesus von Nazareth, losgelöst von den benutzten Wort­hülsen, seinem Publikum inhaltlich, ethisch-moralisch und gesell­schaft­­lich vermitteln wollte! Ich benutze sie um aus erfahrungst­heo­lo­gi­scher Perspektive die dynamischen Vorgänge in den Bereichen Inspiration (Effekt- und Wirkinspiration) und Inkarnation (inkarna­tori­sches Prinzip der Bibelübersetzung) deutlich zu machen (Werner 2012:290-295).

Welchem oben angedeutete „auslegungstechnische Prinzip“[92] folgt Lukas 15:11-32? Zum einen zeigt der Text das Prinzip der Vergebung und Wiederannahme Verlorener, auch bei extremstem Egoismus (Hauptakteur), tiefster Enttäuschung (die Familie) oder angesichts von Ablehnung aufgrund unsagbaren Fehlverhaltens (expliziert im eigenen Bruder). Auf das Spirituelle übertragen wird daraus die Bereitschaft zur Umkehr und Reue und letztendlich der Heimkehr in die Gegenwart Gottes. Dieses Prinzip leitet die Übersetzer gedanklich bei der Übersetzung, da es der Textintention entspricht. Bei der Über­tragung sollen deshalb die soziologischen Größen

  • der Kernfamilie,
  • des Familienzusammenhalts,
  • das Nichteinhalten „normativen“ sozialen Verhaltens, sowie
  • die Wiedereingliederung und Wiederaufrichtung eines Familienbundes in der zu übersetzenden Sprache und Kultur Beachtung finden.

Damit ist ein semantisch-ideologischer Rahmen vorgegeben, welcher nun lexikalisch-grammatisch in der Muttersprache zu füllen ist. Die unterschiedliche Nuancierung auf der lexikalisch-grammatischen Wort- und Satzebene ist vom Auftrag der Übersetzung (Erwartung des Publikums; fachliche Möglichkeiten der Übersetzer), der Intuition der Übersetzer und von der tiefschichtigen Kontextualisierung des biblischen „Textes“[93] abhängig. Schauen wir uns Teile des Textes aus Lukas 15:11-32 näher an. Übersetzungen von Lukas 15:11-13[94]:

11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zu­steht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13 Und nicht lange danach sam­melte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. (Luther­über­setzung)[95]

11 Und er sagte: »Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sagte zum Vater: ›Gib mir, Vater, den Teil des Vermögens, der mir zusteht.‹ Und er teilte ihnen den Besitz. 13 Wenige Tage später sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; dort vergeudete er sein Vermögen durch ein verschwenderisches Leben. (Neue Lutherübersetzung 2009)[96]

11 Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. 12 Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. 13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. (Einheitsübersetzung)[97]

Ein kleiner Ausflug in die Welt des Textdiskurses soll zeigen wie ideologische Faktoren epistemologische Vorgänge beim Übersetzen steuern. Aus erkenntnistheoretischer Sicht hängt das Verständnis des Ausgangs­textes wesentlich mit den persönlichen Erfahrungswelten des Publikums zusammen. Die Perikope über den „verlorenen Sohn“ ist eingebet­tet in den sprachlich-kulturellen Kontext des um die Zeiten­wende entsprechenden jüdischen Kultus. Gleichnisse und Parabeln werden dadurch zeitlos, dass sie kultur- und sprachübergreifend moralisch-ethische Inhalte vermitteln. Dabei bleiben sie inhaltlich, also in ihrer Vermittlung der aufgezeigten Prinzipien unverändert, können jedoch sprachlich-kulturell kontextualisiert werden.

Textdiskurs – Beispielhafte Anwendung mündlicher Tradierung

Die Wissenschaft des Textdiskurs (engl. text discourse) aus der ange­wand­ten Sprachwissenschaft (engl. applied linguistics) beschäftigt sich mit Textzusammenhängen und deren kognitiven Abläufen. Textkonnektoren (engl. points of departure) und Textphrasen bringen den Erzählstrang vorwärts (engl. highlighting, flow of information, foreground information), binden Rückblicke ein (engl. flashback, backgrounding) oder bringen Seiteneinschübe ein.

In der mündlichen Tradition mancher Sprachen zeigen Textver­knüp­fungen den Fortgang einer Erzählreihe an. Im Hebräischen ist das וְ waw und im Griechischen sind die Konjunktionen δέ de und και kai typisch für diese Aufgabe.[98] Im Deutschen benutzen wir je nach der gram­ma­ti­schen Umgebung unterschiedliche Konnektoren (z.B. und, dann, danach), meistens ist der Fortgang bereits in den Kontext eingebunden, weshalb Satzzeichen die Konnektoren ersetzen können. In der Bibelübersetzung ist auf muttersprachliche Optionen zu achten, die räumliche (im Deutschen z. B. „dort, da, hier“), zeitliche (im Deut­schen z. B. „dann, daraufhin, davor, danach“) oder inhaltliche (im Deutschen z. B. „weiterhin, folglich, wie auch immer“) Zusammen­hänge aufzeigen. Im obigen Text wird in der Einleitungsphrase das Publikum auf die Fortsetzung einer bekannten inhaltlichen und lokalen Situation hin gewiesen. Die Fortsetzung eines bereits bekannten Ablaufes wird mit griech. δέ de „aber, und“ angedeutet. Die griechische Konjunktion kann im Deutschen durch verschiedene Text­kon­nektoren ausgedrückt werden, je nach Ausrichtung des sprachlich-kulturellen Kontextes. Die Einheitsübersetzung wählte „weiter“, die Bibel in gerechter Sprache führt keine textliche Verknüpfung an, stattdessen „er sprach“. Die Elberfelder, das Müncher Neues Testament benutzen „aber“. Die Lutherübersetzung und ihre Revisionen, Schlachter und Zürcher (engl. CEB, RSV, KJV) haben „und“ verwendet.

Die ideologische Entscheidung liegt darin begründet, dass von den Bibel­­übersetzern der grammatische und sprachliche Kontext exegetisiert und in manchen Fällen vermutet werden muss um die sprachlich-kulturelle Entsprechung zu finden. Als intuitive Wissen­schaft (s. oben) bleibt der Bibelübersetzer damit seiner Intuition[99] verbunden. Wie diese Vermutungen realisiert werden zeigt der nächste Abschnitt.

Zurück zur mündlichen Tradierung – Hin zur mündlich-orientierten Schrifttradition

Bei den Entscheidungen zur Übersetzung der Bibel steht seit der Reformation und des Humanismus im westlich-theologischen Raum die schriftliche Tradition im Vordergrund.[100] Dabei werden Inhalte auf wesentliche Informationen reduziert und redundante Füllwörter oder Ausschmückungen eliminiert. Da die Erzählungen und Geschichten des Jesus von Nazareth die Menschen faszinierten (z. B. Lukas 6:17) ist davon auszugehen, dass er ein guter und interessanter Erzähler war. Eine mündliche Erzählung holt weiter aus um den Kontext zu füllen und das Publikum zu binden. In der vorliegenden Textform handelt es sich um eine aus der Erinnerung der Zuhörer abgeleitete Fixierung der Reden und Taten des Jesus von Nazareth (zur Redundanz mündlicher Tradierung s. Ong 2002:39-42). In der kontextualisierten mündlichen Wiedergabe des schriftlichen Textes kommen die kognitiven Anknüpfungspunkte der Zielsprache zum Einsatz. Sie heben das Publikum, auf das Niveau des Erzählers. Im gemeinsam geteilten enzyklopädischen Weltwissen einer Sprach- und Kulturgruppe findet dann gegenseitiges „Verstehen“ statt. Damit ist das wesentliche Merkmal „gelungener Kommunikation“ erfüllt, namentlich gegenseitiges Verstehen, Bei Verständnislücken wird nachgefragt oder Nichtverständnis signalisiert, was den Sprecher zur Klärung veranlasst. In der schriftlichen Fixierung fehlt dieses dialo­gische Miteinander, weshalb der Text mehrfach die unterschiedlichsten Hör- und Lesegruppen durchlaufen sollte, damit die schriftliche Fixie­rung möglichst verständlich wird. Dieser Prozess führt automatisch zu einer Überfrachtung mit kognitiven Stimuli des übersetzten Textes im Vergleich zum Vorlagetext (engl. over-explication). Doch besteht genau darin die ausgleichende Funktion zwischen mündlicher und schriftlicher Tradierung.

Einen Schritt weiter gedacht kann gefragt werden, warum in der schriftlichen Übersetzung mit der Ergänzung textdiskursiver und inhaltlicher Anknüpfungspunkten so zögerlich umgegangen wird. In denjenigen Sprachen, in welchen konkordante oder interlinearisierte Bibelübersetzungen vorliegen, sollte der Übersetzungs-Skopos auf „kom­munikativen“ und „kontextualisierten“ Varianten des bib­lischen Textes liegen.

Im Bereich sakraler Text spiegelt sich die Erfahrung wieder, dass Erstübersetzungen in einem Sprachraum zur wörtlichen Übersetzung tendieren, da sakrale Texte zuerst philologisch-konkordant wahr­genommen werden. Erst Folgeübersetzungen lösen sich vom philo­lo­gischen Denken und trachten nach einer kontextualisierten Verständlich­keit. Die von Schleiermacher (1813) aufgezeigte und von Venuti (1995) neu aufbereitete Bandbreite zwischen Domestizierung (engl. domestication) und Verfremdung (engl. foreignisation) zeigt ein Beispiel des translatorischen Rahmens auf. Der biblische Text soll entweder Teil des sprach- und kultureigenen Traditionsmaterials werden (Domestizierung) oder aber er bleibt „das Fremde“ im Rahmen einer „vertrauten Fremdheit“ (Verfremdung). Das ist auch in bei dem hier vorliegenden Zugang zur mündlichen Tradition von Lk. 15:11-32 nicht anders.[101]

In der Konsequenz entwickelt sich daraus eine münd­liche Schrifttradierung wie dies am Beispiel von Liturgie- und Kirchen­­bibeln deutlich wird (s.  Vorüberlegungen – Vom Mündlichen zum Schriftlichen “Text”). Die Lutherübersetzung hat im deutsch­sprachigen Raum über knapp fünf Jahrhunderte hinweg so eine Tradierungsgeschichte entwickelt. Im anglophonen Raum tat dies die King James Bibel über vier Jahrhunderte. Die Traditionsgeschichten beider Bibeln sind nicht mehr aus der Kirchen- und Weltgeschichte weg­zudenken, besonders bedeutsam aber sind sie für ihr sprachliches Umfeld (Deutsch und Englisch). Beide wurden zum Maßstab für weitere Bibeltraditionen. Die jüngere Rückbesinnung auf das mündliche Tradieren hat neue Aspekte erkenntnis­theoretischer Zusammenhänge aus linguistischer und soziologischer Sicht generiert. Im deutschen Kontext stellt der Text der Lutherübersetzung das größte Vergleichsmoment im Rahmen zielgruppen­orientierter Bibelüber­setzungen dar.[102] Im Rahmen der Volxbibel haben einige der an dem online-Projekt Beteiligten zu speziellen Passagen den Luthertext als Vergleich heran gezogen (Dreyer 2010). Auch die Bibel in gerechter Sprache nimmt Vergleich zur Lutherübersetzung und versucht jüdisch-kritische Inhalte, sozial benachteiligende und Frauen vernachlässigende, und dadurch inklusive Sprache zu verwenden (Eisen 2010:3-4, 13). Ohne weitere Quellen zu nennen könnten hier Roland Werners das buch (2009), die Einheitsübersetzung (1980) oder viele andere deutschsprachigen Bibelübersetzungen genannt werden.

Die Hauptperson wird im Text in vielen Sprachen, nachdem sie einmal eingeführt wurde, nur nach einem Wechsel des Akteurs wieder mit Namen genannt, ansonsten durch die Pronomen „er“ oder „sie“ wiedergegeben. Im Deutschen wird sie gerne auch zwischendurch genannt, um ihre Bedeutung aufzuzeigen und es dem hörenden und lesenden Publikum zu erleichtern wer, was, wann sagt.

Dass Jesus in diesem Gleichnis als Erzähler auftritt dient dem Verständnis der Hörer und soll erwähnt werden, z. Bsp. „Jesus erzählte noch ein Gleichnis:“. Ob es sich um „Gleichnisse“, „Erzählungen“ oder „Geschichten“ handelt wird teilweise in den Überschriften angedeutet. Bibelübersetzungen präsentieren solche Informationen im Überschriften- oder Begleittext, auch Paratext genannt (siehe
 Lukas 15:11-32 „Vaterliebe“ und mündliche Tradition). Die Verortung in diesem außerbiblischen Bereich ist durchaus gerechtfertigt, es würde aber dem Leser kognitiv weiter helfen, wenn er im Text ebenso auf solche Hinweise stoßen würde. Dies geht über die bisherige theologisch-philologische Tradition der Bibelübersetzung hinaus.

Das Publikum wird mit Hinweisen auf die Nähe zu der Serie von Gleichnissen hin gewiesen, die das zentrale Lehrmittel der Rabbiner zur Zeit des Jesus von Nazareth darstellten. „Gleichnisse“ haben eine religiös-spirituelle und eine theologische Komponente weshalb die Über­tragung auf den spirituellen Bereich bereits impliziert ist. Alternativ wäre zu fragen in welcher Funktion Jesus seine Reden hielt. Als Rabbiner (abgekürzt Rabbi) konnte er die Versammelten mit gleich­nishaften Reden ansprechen, da dies eine der vielen Formen der Lehr­vermittlung war.[103] „Rabbi Jesus von Nazareth erzählte noch ein weiteres Gleichnis“. Mit dieser Einleitung wird dem hörenden Publikum der religiös-spirituelle Rahmen eröffnet, in welchem mit biblischen Gleichnissen weltliche Realitäten aufgezeigt wurden.

Die nun folgende Familientragödie ist global verständlich. Sie handelt neben dem Erbrecht (Familienrecht), auch vom Verlust eines geliebten Menschen (Vater, Bruder), sowie dem Glücksgefühl einer Schulderkenntnis und Wiedergutmachung (Sohn). Hoffnung und Freude (Vater), Neid und Angst (älterer Bruder) sind globale Erfahrungen im Familienleben, welche deshalb in einfacher Weise in die spirituelle Welt des Reiches Gottes übertragbar sind. Die Werte und ethischen Prinzipien, die im Text vermittelt werden sind nicht auf die benutzten Akteure allein begrenzt (Vater-Söhne). Damit soll gesagt sein, dass die Rahmenbedingungen der jüdischen Umwelt um die Zeiten­wende die biblische Textgestalt des Gleichnisses vom „Der verlorene Sohn“ vorgab. In entsprechenden Kontexten wäre dieses Bild auch mit anderen Akteuren einer Gesellschaft denkbar, die gleich­wohl dem Status der biblischen Akteure entsprechen, damit würde das „Prinzip“ der gleichnishaften Rede nicht verletzt.

Der Rabbi Jesus von Nazareth benutzte seiner Zeit und dem sprachlich-kulturellen Kontext gemäß überwiegend patriarchalische Bilder in seinen Gleichnissen. Es ist deshalb davon auszugehen, dass in anderen Kontexten auch andere Konstellationen denkbar sind. Interessanterweise hat die katholische Kirche des Mittelalters die germanische Gleichberechtigung von Frauen im Alltag zwar wahrgenommen, aber in der Bibelübersetzung und Predigt nicht aufgenommen. Erst in jüngerer Zeit wird man sich wieder mehr dieses grund­legenden Unterschieds zur jüdischen Mittelmeerkultur um die Zeitenwende bewusst. Gerade das Gleichnis vom „verlorenen Kind“ wäre im germanischen Kontext auch auf Geschwister, Mutter und Tochterebene übertragbar, da dort das Erbrecht in gleicher Weise angewandt wurde (s. Fußnote 105). Der Aspekt der Fürsorge würde im Bild der Mutter noch betont. Meiner Meinung nach hat sich die deutsche Kirche dabei um ein gesellschaftliches Gut gebracht, dass sie nun mühsam unter Ringen zurück zu gewinnen sucht.

Diesen grund­sätzlichen Überlegungen muss sich ein Team der Bibelübersetzung stellen, denn dessen sprachlich-kulturelle Entscheidungen richten sich daran aus. Es ist an diesem Punkt zu konstatieren, dass die westlich dominante Präsenz im Bereich der Bibelübersetzung ihre eigenen Schwächen nicht offen angeht. Sowohl anti­jüdische, behindertenfeindliche, als auch Geschlechter-ein­be­ziehende Formulierungen werden nicht oder zögerlich durch entsprechende Formulierungen ersetzt. Der Hauptgrund dürfte der Rückbezug auf philologische Werke (Kommentare, Wörterbücher, Auslegungen) aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Die Erbschaftsregelungen des jüdischen Gesetzes und seiner Aus­legung­en sahen den ältesten Sohn als Hauptverantwortlichen des Erbes an. Das Erstgeburtsrecht wird in diesem Gleichnis selbst in Vers 31 aufgegriffen und dem älteren Kind zugewiesen.[104] Es ist z. B. in Deuteronomium 21:16 geregelt und wird im Neuen Testament auf Jesus übertragen, der als Erst­geborener die Rechte der Erbfolge an Christen abgibt (Miterben laut Römerbrief 8:17). Der Erstgeborene hatte alle Verantwortlichkeiten, aber auch Privilegien der Erbfolge zu tragen. Diese Tatsache wird auch in der Formulierung des Familienoberhauptes deutlich, der ihn nach seiner Erbauszahlungs-Forderung als „tot“ beschreibt (V. 24). Die Kommentare beurteilen das Anliegen des jüngeren Sohnes unterschiedlich (V. 12).

Letztendlich wird sich im Detail nicht klären lassen ob moralisch-ethisch oder auch juristisch ein Vergehen vorliegt, weshalb sich das Übersetzungshandbuch für Bibel­übersetzer der United Bible Societies (s. Fußnote 104) dahingehend äußert, hier das Präsens soweit möglich zu verwenden (Reiling & Swellengrebel 1993:545). Das Präsens wird vorgeschlagen um dem Publikum zu verstehen zu geben, dass die Forderung der Erbauszahlung unmittelbar erfüllt wurde. Explizit sollte die Tragik der Forderung nach schnellstmöglicher („sofort, jetzt“) und umfänglicher („mein Teil, der mir zusteht“) Erfüllung hervorgehoben werden (:545).

Es ist für eine deutschsprachige Übersetzung zu beachten, dass im germanischen Erbrecht, während des Mittelalters, alle nächsten leiblichen Angehörigen bedacht wurden, zusätzlich hatten die übergeordneten Führer noch einen Anspruch.[105] Diese Prinzipien wurden, mit Ausschluß eines Anspruchs von Nicht-Familienangehörigen, in das deutsche Erbrecht übertragen. Das im Bürger­lichen Gesetzbuch (Abschnitt V) geregelte moderne deutsche Erb­recht gilt geschlechterübergreifend. §10 Lebenspartner­schafts­gesetz berechtigt gleichermaßen jede eingetragene Lebens­partnerschaft in der Erbfolge. Diese Fakten können in der Übersetzung dazu führen, dass

  1. der Umfang des geforderten Erbes ausgedrückt mit „mein ganzes Erbe“, auf „mein mir rechtmäßig zustehendes Erbe“ einge­grenzt wird und
  2. in mündlicher Tradierung eine geschlechterneutrale Über­setzung des Bibeltextes möglich wird.

Denkbar ist im „Begleittext“ (Erklärungsteil) auf das im Grundtext geltende jüdische Erbfolgerecht und die Akteure Vater und seine zwei Söhne hin zu weisen. Dieses Beispiel zeigt das Spannungsfeld zwischen schriftlicher und mündlicher Tradition an.

Hier der Versuch einer Übersetzung im Hinblick auf eine mündliche Tradition, die dem Leser einen kognitiven Anknüpfungspunkt in Bezug auf die jüdische Lebenswelt geben möchte. Wichtig ist der Begleittext mit Fußnoten, die erklären was im jüdischen Kontext üblich war:

11Der Rabbi Jesus von Nazareth erzählte noch ein weiteres Gleichnis*: „Jemand hatte zwei Söhne. 12Der jüngere sagte zu seinem Vater: ‚Vater, gib mir mein Erbe, welches mir rechtmäßig zusteht.‘ Der Vater teilt das Vermögen auf.** 13Kurz darauf packte der jüngere Sohn seine Sachen und reiste in die Ferne. Dort lebte er in Saus und Braus, bis er nichts mehr hatte.***[106]

*Diese Bezeichnung leitet sich aus dem Kontext der Jüngerbeziehung ab. Im Original wörtlich: Er sagte weiter: …

**Der jüngere Sohn ist nicht vorrangig erbberechtigt, weshalb das Familienoberhaupt rechtlich das gesamte Vermögen teilt um den Pflichtteil an seinen jüngeren Sohn auszuzahlen.

***Er vergeudete alles durch seinen ausschweifenden Lebensstil.

Im Kontrast dazu wäre eine dem Kontext der Erbschaftsregelungen und der Geschlechter angepassten Übersetzung eher neutral:

11Der Rabbi Jesus von Nazareth erzählte weiter*: „Es war einmal eine Familie mit zwei Söhnen.** 12Der jüngere forderte von den Eltern: ‚Ihr Lieben, gebt mir jetzt schon mein ganzes Erbe, auch wenn das ungewöhnlich ist.‘ Sie regeln darauf hin die Sache notariell.*** 13Kurz danach packte der jüngere Sohn alle seine Sachen zusammen. Er zog hinaus in die weite Welt und lebte in Saus und Braus, bis er mittelos war.

*Diese Bezeichnung leitet sich aus dem Kontext der Jüngerbeziehung ab. Im Original wörtlich: Er sagte weiter: ….

**Das nachfolgende Gleichnis erzählt dem damaligen Kontext gemäß aus der Sicht von Männern über einen „Vater und seine zwei Söhne“.

***Erbschaftsregelungen wurden damals vor einem öffentlichen „Richter, Ältester“ gemacht, der die lokale Administration regelte.

Zusammenfassung Lukas 15:11-13

Bis hierher kann festgehalten werden, dass mündliche Traditionen biblischen Inhaltes Grundlage für neue Schrifttraditionen bilden. Kirchen- und Liturgiebibeln, Kinderbibeln, Online Bibeln, wie auch andere zielgruppenorientierte Übersetzungen der Bibel entstammen solchen mündlichen Traditionen und entwickelten oder entwickeln eigene Texttraditionen. Dabei geben muttersprachliche Erst­über­setzungen (z. B. Lutherübersetzung, King James Version) Impulse für neue zielgruppenorientierte mündliche Tradierungen und deren an­schließende schriftlichen Fixierung. Sprach- und Kulturwandel (z. B. Anglizismen, elektronische Medien), sub­kulturell angewandte Sprach­formen, zielgruppenorientierte Sprachgestalt und exegetisch-ideologische Erkenntnisse machen sowohl Revisionen vorhandener Bibeln als auch dynamische und kreativ-kontextualisierte Bibel­über­setzungen nötig.

Die vorgeschlagenen Versionen des Gleichnisses vom „Der verlorene Sohn“ richten sich am germanischen Ursprung des deutschen Publikums aus und betonen die mündliche Tradierung des biblischen „Textes“. Es ist zu betonen, dass kontextualisierte Bibelübersetzungen nur da Sinn machen, wo bereits eine wörtliche Bibelübersetzung zur Verfügung steht, oder aber im übersetzten Teil Rückgriff auf den Grundtext genommen werden kann. Dieser Rückgriff im Paratext, einer mitgelieferten Interlineasierung oder auch in Kommentaren muss ebenso textkritische Varaitionen bennenen.

„Literalisten“ müssen sich die Frage gefallen lassen, warum es eigentlich mehrere wörtliche und texttreue Bibelübersetzungen geben kann (Unrevidierte Elberfelder, Münchner Testament, Interlinearübersetzung, Lutherübersetzung), wenn doch im Rahmen dieser Theorie eine verbindliche Übersetzungslinie vorgegeben wäre. Dies zeigt: Sprache und Verstehen sind eben nicht linear und erfordern translatorische Sprünge.

Desweiteren bietet die mündliche Tradition den idealen Rahmen um den biblischen Text auf inkarnatorische Art und Weise in einer Zielgruppe lebendig zu Wort und Ohr (oral-aural; Hören und Verstehen) kommen zu lassen. Diese Transformation des zweidimen­siona­len schriftlichen Textes in die dreidimensionale Vorstellungswelt des Publikums wird durch die kognitiven Prozesse ermöglicht. Diese verhelfen dem Publikum den „Text“ epistemologisch aufzunehmen (kognitiv-epistemologischer Prozess). Implizite Informationen sind nötig, damit das Publikum die Inhalte zu deuten in der Lage ist. Über-Information, welche nicht eindeutig zu realisieren ist, wird im Paratext gekennzeichnet um Rückschlüsse auf den Grundtext zuzulassen.

Lukas 15:14-16

Die nächste Perikope dieses Gleichnisses beschreibt die Notlage, von welcher aus der Rabbiner Jesus von Nazareth die Dramatik entwickelt. In diesem Abschnitt spielt er auch auf das jüdische Gesetz und seine Reinheitsvorschriften an. Die Diskrepanz zwischen In- und Outsidern im Verhältnis zum erwählten jüdischen Volk kommt in den Blick, diese soll im Heilsangebot des Messias überwunden werden.

Die jüdischen Reinheitsvorschriften bezüglich „Schweinefleisch“ sind heutzutage im deutschen, sowie auch in vielen muslimischen Kontexten bekannt und können vorausgesetzt werden. In vielen Kulturen dieser Welt ist dies nicht so, weshalb in Übersetzungen für solche Völker Paratext (Begleittext) und Explikationen nötig sind um auf den besonders tiefen und schicksalhaften Fall des Akteurs zu weisen.

14 Als er nun alles verzehrt hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er fing an, Mangel zu leiden. 15 Da ging er hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, um die Schweine zu hüten. 16 Und er hätte gerne seinen Bauch mit den Schoten gefüllt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab sie ihm. (Lutherübersetzung 1984)[107]

14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. 15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. 16 Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. (Einheitsübersetzung) [108]

Es wird keine Referenz gemacht, ob es sich um eine reale allgemein bekannte Geschichte handelte oder ob diese Erzählung frei erfunden war. Der schriftliche Text lässt vermuten, dass dem ursprünglichen Publikum die Situation bekannt war, da auf jegliche Rahmenangaben verzichtet wird. Das Land wird nicht näher beschrieben, genauso wenig die Art und Weise wie das Geld verprasst wurde. Auffallend ist die Tragik beim Fall des Hauptdarstellers. Eigenes Verschulden, wie auch äußere Einflüsse (Hungersnot) implizieren göttliches Handeln.

Die Volxbibel (s. unten Fußnote 111) hat als einzige deutsche Bibel den Versuch gewagt eine solche Notsituation in die heutige Umwelt zu trans­formieren. Diese Art der Kontextualisierung ist deshalb erwähnens­wert, da sie dem heutigen deutschen Leser jegliches kognitive Hindernis ausräumt um die biblische Erzählung zu verstehen. Das hinter dem Gleichnis stehende geistliche „Prinzip“ tritt damit in den Vordergrund und wird nicht durch sprachlich-kulturelle Lücken zwischen Ausgangstext und Translat / der Erzählung erschwert. Die Volxbibel folgt damit der Übersetzungstradition der Einheimisch-Werdung (– indigenisation –; s. Fußnote 93). Für einen deutschen Leserkreis im beginnenden 21. Jahrhundert ist der Leidensgang des Hauptdarstellers schwer nach zu vollziehen, da eigene Erfahrungswerte fehlen (dies im Gegensatz zur Kriegsgeneration).[109] Christen aus der Zwei-Drittel Welt erleben diese Geschichten ganz anders, da sie aufgrund sozialer Ungerechtigkeit, Armut und politischer Gewaltherrschaft existentiell viel näher am sozio-politischen Kontext der Zeitenwende dran sind. Hinweise im islamischen Kontext finden sich bei Zwemer (1912:34-35, 37), in der Zwei-Drittel Welt bei Hertlein (2008:95-96), und bei Escobar (2000:31-33, 39).

Mündliche Tradition muss kognitive Anknüpfungspunkte schaffen, wie dies z. B. durch emphatische Worte möglich ist. Die Wortwahl „gewaltig“ (Lutherübersetzung) ist nicht unbedingt verständlich. Zum einen ist das Gefühl / die Empfindung nicht genügend angesprochen und zum anderen wird im deutschen Raum eine Hungersnot nicht als eigenständige Gefahr sondern als Folge eines Geschehens oder Handelns verstanden.[110] Die Adjektive „schlimm, vernichtend, schrecklich“ sind da emotionaler und entsprechen heutiger Bericht­er­stat­tung über Katastrophen. Bezüglich der Formulierung „Mangel leiden“ (Lutherübersetzung) hat die Einheitsübersetzung eine gute Wahl getroffen mit „es ging ihm sehr schlecht“. Die Lösung des „Hunger“-problems treibt den Akteur in die Abhängigkeit fremder Menschen. Sein Fall ist absolut. Reiling und Swellengrebel betonen die Verschwendungsabsicht (πάντα panta „alle“ weist hin auf V. 13 οὐσίαν ousian) und die Ernsthaftigkeit der Hungersnot (ἰσχυρὸς ischuros; 1993:547). In V. 15 wird die Abhängigkeit in manchen Übersetzungen mit Leibeigenschaft (Sklaverei) übersetzt (ebd.).

V. 16 verweist auf Schweinefutter, welches vom Johannisbrotbaum gewonnen wurde. Das Hüten von Schweinen (V. 15-16) ist als eine der minderwertigsten Arbeiten in bäuerlichen Kulturen anzusehen, was durch sprachliche Kennzeichnung zum Ausdruck kommen soll. Im Judentum und im Islam ist das Schwein unrein und die Wahl des Schweines bildet in dieser Erzählung eine Spitze. Schwierig wird es, wenn in manchen Kulturen domestizierte Schweine nicht bekannt sind (z. B. viele nomadische Völker). Dann wäre eine Tierart zu suchen, die dort in der Tierhaltung als verboten oder minderwertig gilt. V. 16 hat auch eine textkritische Variante, die von Metzger für Bibelübersetzer hervorgehoben wird. χορτασθῆναι ἐκ chortasthänai ek „sättigen aus“ wird von nu ¥ B Db wh bezeugt. Jedoch entscheidet er sich für den Text des NA27 (Metzger 1971:164).

Eine mögliche Übersetzung könnte heißen:

14 Als er sein ganzes Vermögen verschleudert hatte, kam dort auch noch eine schreckliche Hungersnot* dazu, und es ging ihm elend**. 15 Er begab sich in die existentielle Abhängigkeit eines dortigen Bewohners***, welcher ihn gnädigerweise auf seine Felder schickte um wenigstens die Schweine zu hüten. 16 Ihm knurrte der Magen, aber nicht mal*** das billige Schweinefutter aus der Frucht des Johannisbrotbaums war ihm vergönnt.

*Das Thema „Hungersnot“ hat für die Israeliten eine existentielle Bedeutung, da Hungersnöte in der Hebräischen Bibel vom jüdischen Gott gebraucht wurden um die Israeliten und deren Geschicke zu lenken (z. B. Genesis 12:10; 26:1; 41-47; Rut 1:1).

**Er hatte nichts mehr.

***Hier ist an Leibeigenschaft zu denken, da die aufgetragene Arbeit als minderwertig anzusehen ist. Das Bild des Schweine­hirten trifft den jüdischen Kontext besonders, da Schweine von Gott im mosaischen Gesetz als unrein deklariert wurden und dem jüdischen Leser somit die nicht-jüdische Welt vor Augen hielt (Lev 11:7).

****Er hätte sich gerne von den Früchten des Johannisbrotbaums satt gegessen.

Zusammenfassung Lukas 15:14-16

Die hier vorgeschlagene Übersetzung verweist auf emotionale Sprache, wie es in der mündlichen Tradition üblich ist. Dabei ist auf Phrasen des Alltags zurückgegriffen worden. Im Begleittext wird die im Grundtext intendierte Argumentationsrichtung mit geliefert. Eine Kontextualisierung, im Sinne der Volxbibel zwingt aufgrund deren zielgruppenorientierter Übersetzungs-Skopos durchaus zu den dort gemachten Optionen (Jugendsprache eines bestimmten Kontextes). Der Gebrauch muttersprachlicher Umgangsphrasen („dreckig gehen, elend sein,  Magen knurren“) geht nicht konform mit dem in deutschen Bibelübersetzungen gängigen Usus, eine gehobene Alltagssprache zu verwenden. Ziel ist es eher die sakrale Bedeutung der Heiligen Schrift zu erhalten. Im Gegensatz hierzu wird in der Christlichen Entwicklungshilfe gerne auf die emotionale Sprache eines wenig gebildeten Publikums zurück gegriffen um einen möglichst großen Leserkreis anzusprechen. Das UBS Handbuch zu Lukas gibt deshalb auch Empfehlungen und Beispiele aus meist afrikanischen Sprachgruppen, die solche emotionale Sprache widerspiegeln (s. o. Reiling & Swellengrebel; Afrika war im letzten Jahrhundert Augenmerk Christlicher Entwicklungshilfe).

Lukas 15:17-19

Der Blick wendet sich nun von der allgemeinen Rahmenhandlung zurück auf den Hauptakteur. Seine inneren Gefühle und Beweggründe auf der Basis seines Gewissens werden offenbar. Diese Emotionen verstärken sich durch die emotionale Sprache, die mündliches Tradieren mit sich bringt. „Bibel erzählen“ entwickelt in solchen „Texten“ eine besondere Dynamik, da die Gefühlswelt (das Denken) ausschlaggebend für die Handlungsweise (das Verhalten / Tun) einer Person ist.

17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! (Lutherübersetzung)[111]

17 Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. 18 Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. 19 Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. (Einheitsübersetzung) [112]

In V. 17 wird auf die innere Besinnung angespielt. Die innere Unruhe die ihn in seinem hoffnungslosen Zustand treibt kann mit Formulierungen wie „unschlüssig wurde er hin und her getrieben“. Der Begriff μίσθιοι misthioi „Tagelöhner, angeheuerter Sklave“ spielt auf die untere und stellungslose soziale Klasse einer Gesellschaft an. Da es solche Tagesarbeiter in der deutschen Gesellschaft nicht gibt, ist eine Fußnote nötig. In V. 18 wird der Vater nicht wirklich angesprochen, das kann in manchen Sprachen zu Verständnisproblemen führen, in denen wörtliche Rede durch Respektformen begleitet wird (Reiling & Swellengrebel nennen Javanesisch; 1993:549).

In V. 19 wird der Stellungswechsel von einem direkten Familien-Angehörigen zu einem finanziellen Beschäftigungsverhältnis angezeigt. In anderen Worten, aus dem natürlichen finanziellen Erbschaftsverhältnis wird ein unqualifiziertes Angestelltenverhältnis. Die Phrase „gegen den Himmel“ muss erklärt oder ergänzt werden, da er im jüdischen Kontext voll verständlich war, jedoch ohne exegetische Vorbildung als mystische Angabe missverstanden wird (:549). Da die Phrase „gegen den Himmel“ ein Synonym für den Ort Gottes und damit Gott selbst ist, scheint es hilfreich diese Floskel aufzulösen und im Paratext darauf zu verweisen. Im Deutschen ist „Gott“ einzusetzen, aber in anderen Kulturen und Sprachen sind genauere Attribute nötig (z. B. „gegen den Einen im Himmel“ :549).

Der erste Übersetzungsvorschlag knüpft an die oben begonnene mündliche Übersetzungstradition an. Die oben genannten Hinweise auf einen an der germanisch-deutschen Kultur ausgerichteten Kontext der Geschlechter-Gleichstellung im Gegensatz zum jüdisch-griechischen Paternalismus müssen vorausgesetzt werden. Da wo Familie und Kind eingesetzt wird, richtet sich der Blick im Grundtext auf einen Vater und seine beiden Söhne. Das Gleichnis wird aus einem familiären Gesichtspunkt heraus betrachtet um der germanisch-deutschen Tradition gerecht zu werden:

17 Verzweifelt überlegte er hin und her*: Meine Familie hat so viele Leute für sich arbeiten**, denen es finanziell gut geht, und ich sterbe vor Hunger. 18 Ich raffe mich jetzt auf und rede mit ihnen: Ihr Lieben, ich habe mich völlig daneben benommen*** und damit Gott und euch schwer beleidigt****. 19 Ich bin nicht mehr wert euer Kind genannt zu werden. Ich bitte euch nur noch um irgendeinen Job.

In einem paternalistischen Kontext steht der „Vater“ für die Familie, und der „Sohn“ steht stellvertretend für die Kinder. Dieses paternalistische Bild semantisch in einen Familienkontext aufzulösen bildet eine weitere Art der Kontextualisierung. Der Prozess erweitert die spirituelle Übertragung dieses Gleichnisses auf ein Gottesbild welches den Ursprung der Menschheit auf eine allumfängliche Macht bezieht, die nicht geschlechterspezifisch eingeengt wird. Die von dem Rabbiner Jesus von Nazareth selbst gewählten Bildworte, des „Vaters“ und „Sohn“, war im damaligen sozialen Gefüge voll verständlich und juristisch, sowie gesellschaftlich unabdingbar. Der jüdische Kontext um die Zeitenwende ließ kaum ein anderes Sprachbild zu.

Provokativ muss man hier fragen wie denn Jesus in einem islamischen, einem hinduistischen, oder einem westlich-aufgeklärten Kontext inkarnieren würde. Viel wurde darüber diskutiert ob er als Frau, als Bettler, als islamischer Gelehrter oder einem Kastenmitglied des Hinduismus erschienen wäre. Auf jeden Fall sollte eine mündliche Tradition so offen wie möglich sprachlich-kulturell über gesellschaftliche Konstrukte sprechen. Die Rahmenbedingung der Hebräischen Bibel weisen auf deren Kontext als Teil des maskulinen Sprachgebrauchs der Antike, deshalb der verheißene „Sohn“ (z. B. Isaak Genesis 17:19; Psalm 2:7).

Ein weiterer möglicher Übersetzungs­vorschlag wäre:

17 Verzweifelt überlegte er hin und her*: Mein Vater hat so viele Angestellte**, denen es finanziell gut geht, und mir geht es so dreckig! 18 Ich raffe mich jetzt auf, gehe zu meinem Vater und rede mit ihm: Vater, ich habe Blödsinn gemacht*** und dabei Gott**** und dich schwer beleidigt! 19 Ich bin es echt nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden, stell mich doch bitte wenigstens bei dir an.

*Er kam zu Sinnen.

**Gemeint sind „Tageslohnarbeiter, angeheuerte Sklaven“.

***Der hier verwendete Begriff „gesündigt“ bezeichnet sowohl die Entfremdung von Gott als auch von Mitmenschen. Die Konsequenzen aus dieser Entfremdung sind in diesem Begriff enthalten.

****Eigentlich „gegen den Himmel“. Hier ist die Sphäre Gottes und damit Gott selbst gemeint. Die Vorstellung entspringt dem jüdisch-jahwitischen Weltbild.

Zusammenfassung Lukas 15:17-19

Die Perikope aus Lukas 15:17-19 beschreibt den Gewissenskonflikt, der sich aus der selbst verschuldeten Misere des Akteurs ergibt. Die Einsicht des Akteurs lässt die äußeren schicksalhaften Umstände (Hungersnot) weg, da nur das eigene Verhalten bereinigt werden kann. Das Gleichnis richtet den Blick auf die Schuldeinsicht gegenüber einer höheren Macht und vor den Mitmenschen. Damit ist der Rahmen des Begriffs „Sünde“ abgesteckt. Die Entfremdung von einer höheren Macht, dem Schöpferwesen, und auch von den Mitmenschen wird nachvollziehbar thematisiert. Der Kontext der lebensbedrohenden Notlage dient dem Erzähler dabei als dramatische Rahmenbedingung.

Emotionale Sprache ist auch hier wieder gut geeignet die Dramatik der Gewissensentscheidung aus dem Kontext der Verzweiflung heraus aufzuzeigen. Die Erkenntnis, aufgrund des eigenen Egoismus nicht mehr zur Familie zu gehören, wird dem Akteur schmerzlich bewusst. Die Phrase „gegen den Himmel“ muss im Text aufgelöst werden, da sie dem jüdischen Kontext entspringt. Dem deutschen Leser reicht die Übertragung auf den Urheber des Schicksals „Gott“. In anderen Sprachen können weitere Attribute nötig sein.

Lukas 15:20-24

Die nächste Perikope erzählt von der Überwindung des eigenen Egoismus und der Wiederaufnahme in die Familie. Der Akteur tritt dabei langsam in den Hintergrund und der Kern des Gleichnisses wird deutlich. Der Rabbiner Jesus von Nazareth steuert die Geschichte nun dem ersten Höhepunkt (textdiskursiv Climax) zu. Die Wiedervereinigung mit der eigenen Familie ist ganz anders wie es sich der Akteur vorgestellt hatte. Der Vater als Repräsentant der Familie nimmt ihn herzlich auf. Trotzdem vergisst der Akteur nicht seinen Egoismus anzusprechen. Daraufhin wird er wieder als ganzwertiges Glied der Familie aufgenommen, wenngleich seine Würde als jüngerer Sohn die finanzielle Restitution nicht beinhaltet (V. 31.). In der Konsequenz haben bis zu diesem Höhepunkt der Geschichte alle etwas zu feiern. Die Feier ist damit auch zentrales Thema des Gleichnisses, weil die Vergebung und Wiederannahme der Verlorenen auf die geistlichen Prinzipien im Reich Gottes oder Gottes Welt hin weisen (V. 24).[113]

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet es; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. (Lutherübersetzung 1984)

20 Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. 22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. 23 Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. 24 Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern. (Einheitsübersetzung)

In V. 21 wird aus textkritischer Sicht eine kurze Lesart vorgeschlagen. Der Zusatz „nimm mich wenigstens als einen deiner geringsten Angestellten auf“ wird von ¥, Bwh Bb D 700 1141 al bezeugt (Metzger 1971:164). Hinzufügungen sind nach Ansicht von Metzger, und den Herausgebern des Grundtextes (NA27), öfter zu beobachten, weshalb in diesem Fall ebenso von einer Hinzufügung auszugehen ist. Die Evidenz der kurzen Lesart ist ebenfalls enorm, weshalb sie für Bibel­über­setzer vorgeschlagen wird.

In dieser Perikope weisen Hilfsmittel für Bibelübersetzer auf verschiedene Fragestellungen hin, wie sie auch für die mündliche Tradition bedeutsam sind. Emotionale Bestandteile sind so ein Problembereich. In V. 21 spricht der Akteur das Familienoberhaupt aus einer Position völliger Untergebung heraus an. In manchen Fällen der Übersetzung ist diese Rangunterscheidung in der Wahl der Respektformen auch sprachlich hervor zu heben.

Im Deutschen kann dies adjektivisch, adverbial oder in Umschreibung geschehen. Eine Beschreibung wie „völlig überwältigt“, „gänzlich geschockt“ oder „voller Demut“ signalisiert den Zustand des Akteurs. V. 22 ist da schwieriger, weil der kulturelle Hintergrund zur Hand­lungs­weise des Familienoberhauptes fehlt. Die verwendete Wort­wahl im Grundtext weist darauf hin, dass der Akteur ziemlich herunterge­kommen ausgesehen haben muss. Aus diesem entwürdigenden und desolaten Zustand holt ihn die Einkleidung heraus. In den Kommentaren wird unterschiedlich darüber argumentiert, was das Anstecken des Ringes für eine Bewandtnis hat. Insgesamt schwanken die Kommentatoren zwischen einer Ehrung des Zurückgekommenen aufgrund seiner Einsicht oder ob er gleich in höhere Ehren auf der Ebene der Familienleitung versetzt werden sollte. Diese Bandbreite wird im Paratext abgedeckt.

Im Kontext von V. 23 ist es sinnvoller sich auf die Freude des Familienoberhauptes zu konzentrieren (Nolland 1998:784). Emotionale Sprache greift die Besonderheit der Situation auch in emphatischen Ausdrücken auf. Höhepunkt dieser Perikope ist die Wahrnehmung der Notsituation durch das Familienoberhaupt ohne vorwurfsvoll zu reagieren.

Die Bedeutung des Mastkalbes in V. 23 als „wertvolles“ Familiengut für besondere Anlässe ist nur in bäuerlichen Gesellschaften verständlich. Entweder sollte hier ein Hinweis auf den Wert des Essens eingeschoben werden, oder aber im Paratext (z. B. Fußnote) geht man auf diese Tradition bäuerlicher Kulturen ein. Im Zusammenhang mit der Hebräischen Bibel wird die Praxis des Gast-„Opfers“ in Form eines wertvollen Schlachtopfers aus dem eigenen Tierbestand besonders deutlich (Genesis 18:7). Diese Anspielung im Gleichnis war dem Publikum wohl bekannt. In der Christlichen Entwicklungshilfe kann es vorkommen dass ein Kalb nicht die Stellung eines ehrenden Schlachttieres hat. Zum Beispiel wird in vielen Kulturen die in hohen Bergregionen wohnen die Tierhaltung mit Schafen, Lamas oder auch Ziegen bestritten. Ebenso wird in der westlichen Welt im Moment der starke Fleischkonsum und seine hohen ökologischen Nebenkosten (Weidehaltung, Wasserverbrauch) angeprangert. Aus diesem Grund ist in Zukunft von einer noch größeren verständnismäßigen Kluft dieses Bildes auszugehen.

Aber, wie schon gesagt, das Bild trifft den modernen industriellen Menschen nicht mehr, weshalb es durch Beifügungen erklärt oder in den heutigen Kontext übertragen werden muss (s. Volxbibel). Im letzten Fall wäre der Grundtext im Begleittext beizufügen. Alternativ kann die schriftliche Tradition in die neue mündliche Tradition mit einer Erklärung der antiken Praxis aufgenommen werden. V. 24 spiegelt ein Wortspiel wieder, in welchem das Familienoberhaupt den Egoismus des Kindes zum ersten Mal benennt und mit der völligen Verstoßung eines Familienmitglieds gleich setzt.

Die Bezeichnung „als tot“ kann auch mit „für mich tot“, „war für uns gestorben“ (bildlich) oder „hat sich vergangen und ist umgekehrt“ übertragen werden. Die genannte Wiedersehensfeier wird mittels emotionaler Sprache besonders lebendig, wie z. B. „sie feierten ausgelassen“ oder „eine riesen Wiedersehens-Party begann“.

Ein Übersetzungsvorschlag unter Beibehaltung des familiären germanisch-deutschen Kontextes wäre:

20 Schwermütig trat er die Reise nach Hause* an. Schon von weitem sahen sie ihn kommen und sie hatten schwer Mitleid mit ihm.** Doch der Vater rannte ihm entgegen, umarmte ihn herzlich und drückte ihn fest***. 21 Der Heimkehrer sagte nur: „Sehr geehrte Eltern, ich habe absoluten Blödsinn (besser Unsinn) gemacht und dabei Gott und euch schwer beleidigt. Nein, ich gehöre nicht mehr zur Familie.“# 22 Sie aber befahlen ihren Angestellten: „Schnell, bringt die allerschönste Kleidung her, zieht ihn an, gebt ihm den wertvollen Familienschmuck****, und auch Schuhe für seine nackten Füße.**** 23 Schlachtet das beste Jungtier unseres Tierbestandes*****; wir wollen gehörig feiern. 24 Unser Kind war buchstäblich für uns gestorben und nun ist es wieder am Leben; es hatte sich von allem abgewandt und wurde uns nun wieder zurück gebracht.******* Und sie begannen ausgelassen das Wiedersehen zu feiern.

*Hier, wie im nachfolgenden ist der Vater als Ziel und Repräsentant des Hauses genannt.

**Das Erscheinungsbild des Heimkehrers muss erbärmlich gewesen sein, wie die nachfolgende Einkleidungsprozedur beweist.

***Wörtlich: er hatte Mitleid mit ihm, rannte ihm entgegen, fiel um seinen Hals und küsste ihn.

V21 # In viele Textzeugen fehlt der Zusatz „Bitte gebt mir doch irgendeinen Job“. Andere wichtige Textzeugen haben diese Phrase. Der kürzere Text wird empfohlen, da Hinzufügungen eher vorkommen als Auslassungen.

****Hier wird ein Ring für die Hand genannt. Ob es sich um ein Familienzeichen oder ein wertvolles Requisit als Ausdruck der Freude handelt wird unterschiedlich verhandelt.

*****Das junge „Mastkalb“ war im jüdischen Kontext für besondere Anlässe vorgesehen. Hier wird in Anlehnung an Genesis 18:7 auf diese Tradition.

******Wörtlich: er war tot und ist wieder lebendig; er war verloren und ist gefunden worden.

Eine alternative Übersetzung dieser Perikope richtet den Blick auf die im Grundtext verwendete Sicht der Familienstruktur, betont aber die emotionale Sprache:

20 Schweren Herzens trat er die Reise nach Hause* an. Aber der Vater erkannte ihn schon von weitem, er war sichtlich bewegt, rannte los und drückte ihn herzlich. 21 Der Heimkehrer bekannte: Oh Vater, ich habe mich im Stolz gegen Gott und dich gerichtet; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.** 22 Das Familienoberhaupt sprach zu seinen Angestellten: Flott, bringt die schönste Kleidung und zieht ihn anständig an, steckt ihm einen wertvollen Ring an die Hand und gebt ihm Schuhe für die nackten Füße. 23 Schlachtet das wertvollste Masttier***, tischt es auf; lasst uns ausgelassen feiern! 24 Mein Sohn war wie tot, aber nun ist er wieder lebendig; er war verschwunden, aber jetzt ist er wieder da****. Ausgelassen feierten sie miteinander.

*Wörtlich: zum Vater.

**Siehe V. 18. Manche Textzeugen belegen die lange Version „mache mich bitte zu einem deiner geringsten Angestellten“. Hinzufügungen sind jedoch typische Mittel der Schreiber um mehr zu erklären als ursprünglich nötig, weshalb die kurze Lesart hier vorgeschlagen wurde.

***Das junge „Mastkalb“ war im jüdischen Kontext für besondere Anlässe vorgesehen. In Anlehnung an Genesis 18:7 wird auf diese Tradition hier verwiesen.

****Wörtlich: er war tot und ist wieder lebendig; er war verloren und ist gefunden worden.

Zusammenfassung Lukas 15:20-24

In dieser Perikope wird der Gewissenskonflikt aus den vorgehenden Versen in Aktion umgesetzt. Der Akteur ergreift gezwungenermaßen die Initiative. Entgegen aller Erwartung wendet der Rabbiner Jesus von Nazareth das Blatt und überschreitet die gesetzlichen Regelungen um das Prinzip der „Vergebung, Wiederannahme und Hoffnung“ im Reich Gottes zu veranschaulichen. Die Familie – bis auf den älteren Bruder – ist zwar schockiert (V. 20) über die Verwahrlosung des Heimkehrers, aber sie nehmen ihn bedingungslos wieder auf. Dies fügt sich ausnahmslos in die Reihe der Gleichnisse die von der Zugehörigkeit zum Reich Gottes (Lukas 14-15) und dessen Prinzipien (Lukas 16-18) zeugen.

Im übertragenen Sinne lehnt sich der Akteur gegen seinen Schöpfer auf und geht seinen eigenen egoistischen Weg. Dies geht solange gut, bis er merkt, dass er sich ins Unglück und die Gottlosigkeit stürzte. Nun kommt das Angebot der Wiederannahme und Vergebung innerhalb der göttlichen Sphäre, die nur durch eine innere und äußere Umkehr möglich ist. Anthropozentrisches und göttliches Handeln gehen hier Hand in Hand um die Prinzipien der Umkehr und Wiederannahme zu verstehen.

Eine Übertragung auf den familiären Raum hilft dem Publikum die Allgemeingültigkeit des Gleichnisses zu verstehen und es auf den Alltag zu übertragen. Ein Problem, welches sich mit der Kontextualisierung auftut, ist die Tatsache, dass die traditionelle Kernfamilie nicht mehr als repräsentativ gilt. Im Rahmen der modernen Patchwork-Familiensituation wird erneut zu überlegen sein welche Vorstellung von Familie zu wählen ist. Dennoch ermöglicht diese Kontextualisierung eine Erweiterung des Gottesbildes welches sich vom paternalistischen Verständnis der Antike absetzt. Da „Gott“ nach dem Apostel Paulus „alles in allem“ ist (1Korinther 15:28), sollte er, da wo es kontextuell möglich ist, nicht auf eine Personhaftigkeit in den Begriffen „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ reduziert werden, sondern es sollte deutlich sein, dass diese nur Hilfskonstrukte sind. Diese Bezeichnungen dienen den Gläubigen um das Unsagbare und Nicht-Verstehbare der biblischen Gottesdarstellung in menschliche Bilder und damit Sprache zu packen. Mündliche Tradition kann auf redundante Bilder zwar nicht generell verzichten, da sie die göttliche Sphäre auf die menschliche Verstehensebene projiziert, aber sie soll auch nicht den Blick auf die dahinter stehende und angedeutete göttliche Größe beschränken.

Eine ausgiebige Diskussion, weshalb der „Vater“ und „Sohn“ Begriff nicht absolut gewertet werden kann, führt hier zu weit. Ein Vergleich göttlicher mit menschlicher Vaterschaft mangelt an den menschlichen Grenzen des Vaterseins. Scheidung, Todesverlust, Krankheit oder auch menschliches Scheitern machen es unmöglich ein Ideal im weltlichen Vater darzustellen, welches an die göttlichen Eigenschaften erinnern könnte. Göttliche Attribute wie Allgegenwart, Allmacht, Allwissenheit und Unsterblichkeit brechen das menschliche Verständnis des „Vaters“. Selbst in der Übertragung auf den Schöpfer hapert es dem Vaterbegriff an der weiblichen Seite als Kontrast familiären Ausdrucks. Im „Vaterbild“ spiegelt sich eine Familie nicht wieder, dieser Mangel wird auch nicht durch den „Sohn“-begriff oder die Hinzufügung des „Heiligen Geist“ aufgefüllt. Die apostolischen Credos greifen hier zu kurz und führen zu einer Verengung des Gottesbildes. Aufgrund dieser Credos hat sich jedoch die trinitarische Vorstellung im Vater, Sohn, Heiliger Geist Begriff über die Jahrhunderte in der Kirche zum theologischen Dogma entwickelt. Natürlich nimmt Jesus von Nazareth selbst Bezug auf die trinitarische Vorstellung des „Sohn“-Gott, „Vater“-Gott und „Heiligen Geist“-Gott und wo er das explizit und theologisch bedeutsam tut muss dies auch erkenntlich sein (z. B. Paratext). Im übertragenen Sinne der Gleichnisse; Erzählungen und Parabeln kann jedoch kontextualisiert werden.

An dogmatisch wichtigen Stellen im Neuen Testament in denen Jesus von Nazareth sich als „Sohn“-Gott in Bezug zum „Vater“-Gott setzt, wie z. B. im Johannesevangelium, ist dies ausdrücklich zu kennzeichnen. Wie auch immer, die von Jesus von Nazareth benutzten göttlichen Relationen zwischen ihm als Sohn-Gott, dem Vater-Gott und dem Heiligen Geist-Gott sind zwar ewig gültig, können jedoch in bestimmten Kontexten auch in anderen sozialen Relationen ausgedrückt werden. Mit anderen Worten es ist für bestimmte Kontexte möglich die trinitarisch-göttliche Relation, auf die es Jesus und die neutestamentlichen Briefschreiber ankommt, in anderen Begrifflichkeiten und Bildern, die ähnliche Relationen aufzeigen, auszudrücken.

Die Auflösung des Gleichnisses in eine Wiedersehens-Feier und damit dem gemeinsamen Feiern über die Umkehr und Wiederaufnahme in die Gottesnähe ist zentrales Thema der jesuanischen Reich-Gottes-Lehre. Der Zyklus der Abkehr (Entfernung), Einsicht, Umkehr und Wiederauf­nahme in die Nähe des Schöpfers zieht sich heilsgeschicht­lich durch die gesamte Bibel (z. B. Buch Richter).

Zusammenfassung Lukas 15: 25-32

In der nächsten Perikope wird das Familiendrama noch dadurch verschärft, indem der Erstgeborene nach dem mosaischen Gesetz auf Gerechtigkeit drängt. Der Rabbiner Jesus von Nazareth hält dem die konsistente Haltung des Familienoberhauptes entgegen. In der sprachlichen Wahl dieses Abschnitts spielt der emotionale Ärger und Hass des Erstgeborenen auf seinen jüngeren Bruder eine wichtige Rolle. Dabei geht es für den Älteren sowohl um die Ehre der Familie, wie auch um die Enttäuschung über die Frechheit und den Egoismus des jüngeren Bruders. Er ist, wie eingangs schon erwähnt, Stellvertre­ter des Familienoberhaupts und verpflichtet die Verant­wortung für die gesamte Familie zu tragen. Dieser Hintergrund bestimmt die Sprachwahl.[114]

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte, und fragte, was das wäre.27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden. (Lutherübersetzung)

25 Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. 26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. 27 Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. 29 Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. 30 Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. 31 Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. 32 Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. (Einheitsübersetzung)

Diese zwei Übersetzungen, die Übersetzung Luthers und die Einheitsübersetzung (s. auch Fußnote 114) beschreiben inhaltlich die Perikope. Das Spannungsfeld, welches sich im Hinblick auf die Familienehre auftut wird in beiden Übersetzungen deutlich.

Für eine mündliche Übersetzungstradition mangelt es an emotionalen Bildern, die in der deutschen Sprache vielfältig vorhanden sind. Die Rahmenbedingungen für die Verwendung emotionaler Sprachbilder sind gegeben. V. 25 – 26 beschreibt die Überraschung des Erst­geborenen und sicher auch die Enttäuschung darüber, dass ihn niemand benachrichtigt hatte, immerhin war die Wiedersehens-Feier schon voll im Gange. Der Konflikt hängt sich zum Einen am Lebensstil des jüngeren Bruders und seiner Geldverschwendung auf (V. 30), aber ebenso und hautsächlich an einer empfundenen Benachteiligung durch das Familienoberhaupt (V. 29). Das Familienoberhaupt löst die Spannung nicht auf, sondern verweist auf die Zugehörigkeit zur Familie. Wichtig ist für ihn nur die Frage wer sich zur Familie hält, da derjenige damit unbeschränkten Zugang zum Familienbesitz hat. Jeder der diese Nähe sucht und bereit ist sich auf die Bedingungen der Zugehörigkeit einzulassen ist willkommen und soll auch von allen Familien- und Hausangehörigen akzeptiert werden.

Die innere Struktur dieses Abschnitts verweist auf die menschliche Problematik, begangenes Unrecht ungestraft zu lassen. Sie bereitet den Weg für eine Übertragung auf die geistliche Zugehörigkeit zum Reich Gottes. Das implizierte „Prinzip“ beschreibt die auf eigener Initiative gegründete Umkehr und Rückkehr in die Nähe Gottes, da sich der Mensch im Zustand der Trennung befindet.

Aus sprachwissenschaftlich-linguistischer Sicht bieten folgende Textstellen aus Lukas 15:25-32 Schwierigkeiten, die im Einzelfall zu klären wären (Reiling & Swellengrebel 1993:553-557). V. 25 beschreibt den Erstgeborenen der „auf dem Feld“ ist. Diese Phrase aus dem bäuerlichen Umfeld ist nicht unbedingt verständlich, vor allem nicht da wo der Lebenserwerb industrialisiert wurde. Die Bezeichnung „er kam gerade von der Arbeit heim“ trifft die Phrase besser. In Anlehnung an die Wiedersehens-Feier aus V. 24 wird die hier verwendete Beschreibung des ausgelassenen Fests aufgegriffen. Es bietet sich an in der Referenz ebenfalls auf die ausgelassene Stimmung einzugehen und zu übersetzen mit „fröhliches Feiern mit Musik und Tanz“ oder „ein ausgelassenes und fröhliches Feiern mit Musik und Tanz“.

V. 26 endet mit einer indirekten Frage und einem unerwarteten Optativ, ἐπυνθάνετο τί ἂν εἴη ταῦτα epunthaneto ti an ein tauta „er untersuchte was das denn wäre“. Diese grammatische Konstruktion und das konnotative Imperfekt des Verbes unterstreichen die Überraschung des Älteren. Um die negative Stimmung zu betonen ist eine Formulierung wie „und er fragte was da wohl wieder los ist!“ oder „er fragte, was ist denn los?“.

In V. 27 wird durch den Angestellten auf die punktuelle Handlung des Vaters verwiesen, „dein Vater hat das gemästete Schlachttier zubereitet“. Aus der Sicht des Angestellten macht es Sinn die Aktivform als Sprachbild zu benutzen. Da es jedoch nicht der Vater war der geschlachtet hatte, sondern schlachten ließ (V. 23), sollte dieses Passiv in der mündlichen Tradition auftauchen. Es ist sinnvoll hier in der Übersetzung auch die Formulierung aus V. 23 aufzugreifen und im Begleittext auf den grammatischen Wechsel zu verweisen:

27 Der Angestellte informierte ihn: „Dein Bruder ist heim gekehrt und dein Vater ließ das gemästete Schlachttier zubereiten*, froh ihn heil und gesund wieder zu haben.

*dein Vater hat das gemästete Schlachttier zubereitet.

Der Widerwillen des Älteren wird nun deutlich, er ist misstrauisch und skeptisch und geht vorsichtig vor. V. 28 weist auf die Stimmungslage. Die Volxbibel hat eine sehr treffende Formulierung gefunden er „war total angefressen und sauer“. Zumindest von der Richtung her kann die Sprachwahl dahin gehen, wie z. B. „er war sehr sauer und wollte nicht mitfeiern“.

Wieder überrascht das Familienoberhaupt. Er geht auf den Älteren zu und bittet ihn herein zu kommen. Die Einheitsübersetzung hat eine schöne deutsche Formulierung dafür gefunden. Eine Übersetzung wäre: „Das Familienoberhaupt ging zu ihm hinaus und redete ihm zu, doch hereinzukommen“.

In V. 29 und 30 hebt der Ältere den Unterschied hervor zwischen dem Wert des hier zubereiteten Schlachtviehs und der Zuwendung die er bekommen hat. Dieser Kontrast kann in industriell-kapitalistischen Gesellschaften auch mit finanziellen Begriffen beschrieben werden. Ein Beispiel wäre in V. 29 „eine extra finanzielle Zuwendung* um mit meinen Freunden ausgelassen zu feiern“ (V. 29) und im Kontrast dazu in V. 30 „das wertvolle Schlachtvieh für besondere Anlässe“**.[115]

In V. 31 konkretisiert das Familienoberhaupt die Erbrechte und die Stellung des Älteren. Er wird in die direkte Nachfolge gestellt um jegliche Unsicherheit zu nehmen. Die enge Verbindung zwischen ihm und der Familie wird in diesem Vers betont. Eine familiäre Anspielung ist gerade an diesem Punkt möglich, „mein guter Junge, wir waren uns als Familie immer sehr nahe und teilen alles miteinander.“

V. 32 greift wieder die Wiedersehens-Feier auf und die in V. 24 aufgegriffene Formulierung zur Besiegelung der Wiederannahme als Familienmitglied und der Vergebung des beleidigenden Verhaltens.

Es ist festzuhalten, die Übertragung des Gleichnisses obliegt der Homiletik und der Hermeneutik. Trotzdem wird in diesem letzten Teil des Gleichnisses ein Prinzip deutlich. Vergebung ist nicht bedingungslos, sondern sie geschieht im Rahmen menschlicher Kontexte. Der jüngere Sohn wird nicht automatisch in die Erbfolge zurückgeholt. Es geht in diesem Gleichnis um seine Person und seine eigeninitiative Umkehr oder Rückkehr in die Sphäre Gottes. Dieser Umkehrprozess ist aus göttlicher Perspektive gewünscht und wird substantiell gefördert. Der Prozess ist jedoch nicht ohne Schwierigkeiten, wie die inner-familiären Konflikte mit dem Geschwisterkind beweisen. Die Ablehnung des Bruders geht einher mit der Annahme durch das Familienoberhaupt.

 

6. Zusammenfassung – Kommunikative Störungen beseitigen

Der Sinn biblischer Erzählung liegt im Verstehen der geoffenbarten Schriften. „Bibel erzählen“ bedeutet die Prinzipien und Inhalte der Heiligen Schrift verständlich in den Kontext des Zielpublikums zu übertragen. Ein nachvollziehbarer Rückbezug zum Grundtext wird vorausgesetzt, kann aber auch im Begleittext (Paratext, Fußnoten, Glossar, Kommentar) mitgeliefert werden. Schriftliche Tradition fixiert die vorausgehende mündliche Tradition. Mit anderen Worten, mündliche Tradition ist Impuls für kontextuelle und zielgruppen­orien­tierte Bibelübersetzung. Der Skopos mündlicher Tradition wird zwischen den beteiligten Parteien festgelegt, dazu gehören der Übersetzungsprojekt-Manager, die Bibelübersetzer, und zuletzt die große Gruppe der finanziellen und materiell-spirituellen Unterstützer (Kirche, Familienangehörige, Testgruppen).

Mündliche Tradition bildet sowohl den Ursprung menschlicher Erinnerung und als auch deren geschichtlicher Orientierung. Die Hebräische Bibel, genauso wie das Neue Testament, wurde zuerst mündlich tradiert und später, in einem zeitlich absehbaren Prozess in der Menschheitsgeschichte schriftlich fixiert. Kategorisiert, katalogi­siert und zuletzt kanonisiert, galten sie ab dieser Festsetzung als autori­ta­tive Schriften; Die Hebräische Bibel für das vorchristliche Juden­tum (~1. Jh. v. Chr.) und beide für das junge Christentum (~4. Jh. n. Chr.).

Die Konsequenzen dieser Kanonfrage führen dazu, dass antike Grundsätze (z. B. Frauenunterordnung, Verdammung der Homosexualität) nicht eins zu eins auf den heutigen sprachlich-kulturellen Kontext übertragbar sind, wie ich am Beispiel einer „germanisch-kulturellen“ Übersetzung von Lukas 15:11-25 zeigen wollte. Verschiedene Kanones weisen auch auf unterschiedliche Schrifttraditionen (z. B. Weißenborn 2011:37-39).[116]

Von einem allgemein verbindlichen Kanon ist nur schwer­lich zu sprechen, da es von je her text- und traditions­geschichtlich sehr unterschiedliche biblische Text­sammlungen gab. Doch nicht nur die Vielzahl der unterschiedlichen Kanones, sondern auch deren vielfältige Übersetzungen zeugen von den Variationen an mündlichen Traditionen. Dieser Prozess setzt sich in Revisionsübersetzungen, Kinderbibeln, und Para­phra­sierungen fort.

Sowohl in der Christlichen Entwicklungshilfe, wie auch im deutschsprachigen Raum haben sich standardisierte Abläufe für die mündliche und schriftliche Übersetzung biblischer Inhalte etabliert. Zuerst wird ein Übersetzungsplan ausgearbeitet. Dabei werden folgende Punkte festgelegt:

  1.  beteiligte Arbeitsgruppen und ihre Aufgabenbereiche (z. B. Übersetzerteam, Testgruppen, Beraterteam),
  2.  die Zielgruppe (z. B. Nichtliteraten, Revisions­über­setzung, Mikrokultur),
  3.  die zu verwendenden Übersetzungstheorien, sprachliche und kulturelle Hilfsmittel (z. B. Vorlage­bibelübersetzungen, Exegesemittel) und zuletzt
  4.  die Rahmendaten (z. B. Zeitplan, Finanzierung, Ausbildungs­optionen).

In der Regel ist der erste Schritt die Suche nach Schlüsselbegriffen (keyterms) und deren Übersetzungsvorschlägen. Während man früher von einem konkordanten Verständnis bei der Übersetzung dieser Schlüsselbegriffe ausging werden heute auch kontextuelle Variationen eingeräumt. Da die biblischen Bücher in unterschiedlichen Epochen und von ganz unterschiedlichen Autoren niedergeschrieben wurden entsprechen diese Varianten den Realitäten der biblischen Niederschriften.

Der nächste Schritt besteht in der Bereitstellung und Verwendung technischer Hilfsmittel. Dazu gehört das Einrichten von Kommunikationsmitteln untereinander, sowie von Bibelübersetzungs­programmen (z. B. Paratext von UBS), Audio- und Mediaprogrammen zur audio-visuellen Aufnahme von mündlichen Traditionen (z. B. Jesus Film, Chronological Bible Storying, etc.). Erste Aufnahmen entstehen die zu einer späteren schriftlichen Fixierung führen.

In drei Beratungsprozessen (engl. consultant checkings) werden die Aufnahmen und Texte von Beratern und dem Team der Übersetzer auf ihre Verständlichkeit und inhaltliche Konsistenz geprüft. Nach jedem Prüfschritt revidiert ein unabhängiges und jeweils neues Testgremium den mündlichen und schriftlichen „Text“. Am Ende liegt ein aufnahmebereiter mündlicher „Text“ vor. In den meisten Fällen wird die schriftliche Adaption dem mündlichen Material beigelegt. Er ist Grundlage für eine zukünftige eigene Schrifttradition.

Die kognitiven Vorgänge in diesem Prozess der „Wortfindung“ spielen sich auf anthropologisch-linguistischer, grammatischer, semiotischer und soziologischer Ebene ab. Auf anthropologisch-linguistischer Ebene werden die Sprachen und Kulturen des Grundtextes, des Zielpublikums und auch der aktiv an der Übersetzung Beteiligten (z. B. Projektmanager, Berater) miteinander verglichen um Übereinstimmungen und Differenzen festzustellen und in der Übersetzung inhaltlich zu kontextualisieren. Sind die Unterschiede benannt, treten die sprachlich-kulturellen Eigenheiten des Grundtextes gegenüber denen der Zielgruppe in Betrachtung. Semantische Wortbilder spielen dabei eine besondere Rolle, da sie die Wortwahl in der Übersetzung bestimmen. Auf epistemologischer Ebene sind ebenso exegetisch-hermeneutische Fragen zum Grundtext zu klären um ihn in seiner Bandbreite zu verstehen. Unter „Verstehen“ ist das Erfassen der Textvorlage gemeint. In dieses intuitive „Erfassen“ tritt nun das Übersetzen der Inhalte in den Ziel-Kontext. Dieser Vorgang der Übertragung beschreibt das eigentliche Übersetzen.

Die möglichen Übersetzungsvorschläge aus Lukas 15:11-32 „Der verlorene Sohn“ dienen als Anschauungsobjekte für kontextualisierte mündliche Traditionen im Deutschen. Im Rahmen dieser Ausarbeitung wurden nur die Verse 11-25 exemplarisch übersetzt. Besonderes Augenmerk erhielt der deutsch-germanische Kontext in Bezug auf Geschlechterbeziehungen. Zwei jüngere Bibel­übersetzungen, die Bibel in gerechter Sprache – 2011 und die Volxbibel - 2013, dienen dabei als Vergleichswerte. Die erste hat sich bewusst und die zweite unbewusst auf den germanisch-deutschen Sprach- und Kulturraum hin kontextualisiert. Nach wie vor stellen im deutschsprachigen Raum die kirch­lichen Liturgiebibeln (Lutherübersetzung - 1984, Einheitsüber­setzung - 1980) das Maß der schriftlichen Übersetzungs­tradition biblischer Inhalte dar. Sie bilden die Grundlage für vergleichende Bibel­übersetzung.

Zusammengefasst zeigt die kontextualisierte und kommunikative mündliche Bibelübersetzung, dass vor allem in den Erzählungen, Gleichnissen und Parabeln des Rabbiners Jesus von Nazareth ein impliziertes „Prinzip“ dargestellt und vermittelt werden sollte. Die äußerlichen Rahmenbedingungen der Gleichnisse und Erzählungen sind zweitrangig. Daraus wurde in diesem Artikel eine Rückbesinnung auf eine „Hermeneutik der Prinzipien“ entwickelt. Diese lässt dem Bibelübersetzungsteam die Freiheit sprachlich-kulturell kontextuell zu arbeiten und doch gleichzeitig dem theologischen Rahmen dieser Prinzipien zu folgen.

In der Christlichen Entwicklungshilfe ist für ein solches Vorgehen unbedingt notwendig, dass das Publikum die Möglichkeit hat Rückschlüsse auf den im Grundtext beschriebenen Kontext zu erhalten. Diese rückschließenden Informationen werden entweder in einer vorhergehenden, beiliegenden (z. B. Interlineartext in zweiter Spalte) Übersetzung oder im Begleittext (Paratext) mit geliefert. Für Sprachgruppen, die bereits Zugang zum biblischen Inhalt haben, ist die zielgruppeorientierte Bibelübersetzung Ausdruck der Leben­digkeit kirchlichen Lebens.[117]

Von kritischer Seite wird dieser Vielfalt vorgeworfen eine Zersplitterung des kirchlichen Leibes (Bibel als der einende Liturgie- und Sakraltext) und Verflachung des biblischen Inhaltes (sprachliche Auflösung einer „verstandenen Fremdheit“) zu sein. Dem widerspricht das inkarnatorische Prinzip der Bibelübersetzung, als ein dynamischer und sich erneuernder Prozess. Insbesondere mündliche Tradition belebt die sprachlich-kulturelle Erneuerung biblischer Inhalte, da Lebendigkeit und Ausdrucksvielfalt beim „Bibel erzählen“ im Vordergrund stehen.

Im neuen Kontext wird die Aufmerksamkeit des Publikums durch textdiskursive sprachliche Mittel und Methoden in gleicher Weise erregt, wie dies die antiken biblischen Autoren im Rahmen des Hebräischen, Aramäischen und Koiné-Griechischen lebhaft benutzten. Eine alleinige Rückbesinnung auf deren textdiskursive Methodik widerspricht dem inkarnatorischen Prinzip, welches den „Christus für die ganze Menschheit“ sprachlich-kulturell in die Gegenwart transportiert. Ein Verharren im antiken Kontext würde ein rückständiges Christentum bedeuten, welches sich theologisch nicht dem heutigen Kontext anpasst. Die Disziplinen der Homiletik, Evangelisation und Hermeneutik bereiten den Weg für diese immerwährende Inkarnation der biblischen Inhalte in den modernen Zusammenhang.

Zum Schluss noch ein Wort zur Bedeutung der „Wortfindung“ in der Bibelübersetzung. Dieser Artikel ist überschrieben mit „Von Worten zum WORT“. Es sollte deutlich geworden sein, dass der Plural für sehr unterschiedliche Übersetzungstheorien und Übersetzungs­traditionen steht. Die Idealisierung eines einzigen autoritativen Bibeltextes zum Sakral- und Liturgietext – wenn es ihn denn überhaupt gab – ist aufgrund der mündlichen Tradierung biblischer Inhalte im Rahmen moderner Entwicklungen nicht zu befürworten. Muttersprachliche Bibelübersetzer sind Teil des Publikums und arbeiten daher in ihnen vertrauten Kontexten. Ihre eigenen historischen Traditionen fließen in die mündliche Tradierung des biblischen „Textes“ ein. Sie beschreiben damit ihre eigenen Realitäten, welche dem Außenseiter nur begrenzt zugänglich sind. Gleichzeitig „verfremden“ sie den von der westlichen Kirche dominierten „autoritativen wörtlichen sakralen Bibeltext“ wie er in der Lutherübersetzung oder der King James Version überliefert wird. Es ist Teil dieser Verfremdung die Inkarnation des Christus in das eigene Idiom zu übertragen. Eine lokale Theologie bildet dabei sowohl die ideologische Grundlage, und sie entwickelt sich im Rahmen solcher translatorischer Aktivität. Diese ideologische Orientierung zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bibelübersetzung.

Der reformatorische Grundsatz „Was Christum treibet“ ist genauso prägend für die Lutherübersetzung, wie es der Vorschlag „gerechter Sprache“ in der Bibel in gerechter Sprache ist. Bibelübersetzung ohne ideologischen Hintergrund ist nicht denkbar. Mündliche Tradition versucht nun, aufbauend auf den ideologischen Hintergrund eines Publikums, die durch die Lehren und im Leben des Messias Jesus von Nazareth gegründeten Prinzipien christlichen Lebens in neuen Kontexten zu entfalten. Die Vielfalt mündlicher Traditionen in der Bibelübersetzung stimuliert auch deren schriftliche Abfassung als Schrifttradition.

 

 

 

 

[1] Eine gekürzte Form dieses Artikels liegt vor: Werner, Eberhard 2014. Von Worten zum „Wort“: Kognitive und epistemologische Wortfindungs-Störungen in der Bibelübersetzung. Göttingen. [unveröffentlicht].

[2] Biblia Hebraica Stuttgartensia [1909] 1990. Hg. R. Kittel, unter Mitarbeit von A. Alt, O. Eißfeldt, P. Kahle. 4. verb. Aufl. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft.

[3] Aland, Kurt u.a. (Hgg.) 2013. Novum Testamentum Greace. Nestle-Aland 28. Aufl. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft.

[4] Die Exile in Assyrien (ab 722 v. Chr.) und Babylon (ab 605 v. Chr) bedingten sprachliche Adaptionen an das Assyrische und Aramäische, wie auch kulturelle Adaptionen an die Exilsituation (z.B. Ps. 137:1, 8).

[5] In Ablehnung der für das jüdische Volk denunzierenden Bezeichnung „Altes“ Testament wird hier der Begriff „Hebräische Bibel“ verwendet (s. Borg 2001:57; Borg, Michael J. 2001. Reading the Bible Again For the First Time: Taking the Bible Seriously But Not Literally. San Francisco: Harper. Der Begriff „Hebräische Bibel“ bezeichnet dabei sowohl den ersten Teil der evangelisch-katholischen Kanons der Neuzeit, als auch den textkritisch Textfundus, wie er in der Biblia Hebraica Stuttgartensia und den verschiedenen Septuaginta-Übersetzungen bezeugt ist. Dass mit der Verwendung dieses Terminus nicht alle Probleme beseitigt sind und die christliche Traditionsgeschichte in den Begriffen beider „Testamente“ versiegelt ist wird vorausgesetzt. Wie auch immer, es bleibt in den Begrifflichkeiten „Altes“ und „Neues“ eine Spur von Überholtheit enthalten, was so nicht in der Predigt des Jesus von Nazareth intendiert war, da heilsgeschichtlich die Evangelien auch noch dem „Alten Testament“ zugerechnet werden müssten. Eine schärfere Trennung in jüdische und christliche Tradition ist deshalb auch vom Titel her anzuzeigen.

[6] Ein interessanter Versuch, die aramäischen Traditionen frei zu legen findet sich bei Lamsa. Lamsa, George M. 1963. Die Evangelien in aramäischer Sicht. St. Gallen: Neuer Johannes Verlag. In Kommentaren finden sich teilweise Hinweise auf die vermutete mündliche Tradition hinter einem Text.

[7] In Anlehnung an eine geschlechtervermittelnde (engl. gender oriented) Sprache, wie sie im englischsprachigen Raum in der Linguistik gebraucht wird, findet hier die Verwendung des feminin seinen Platz, obwohl dies im deutschen Raum noch unüblich ist.

[8] Der aus dem Englischen stammende Begriff „oral“ oder „orale Kultur“ wird hier aufgrund der im Deutschen sexistischen Implikationen vermieden. Stattdessen wird er nach Grimm’schen Muster durch „mündlich“ und „mündliche Tradition“ ersetzt.

[9] Kraft untersucht ausführlich das Thema Sprach- und Kulturwandel im Hinblick auf die interkulturelle Kommunikation aus christlicher Perspektive. Sein Fazit ist, dass sprachlich-kulturelle Innovationen oder Veränderungen zwar von außen angestoßen werden können (engl. advocates of change), aber alleinig aus der Gesellschaft selbst heraus entwickelt werden (1979:76,78, 360). Kraft, Charles H. 1979. Christianity in Culture: A Study in Dynamic Biblical Theologizing in Cross-Cultural Perspective. New York: Orbis.

[10] Spiro, Melford E. 1972. Cognition in Culture and Personality, in Spradley, James P. (Hg.): Culture and Cognition: Rules, Maps, and Plans, 100-110. New York: Chandler.

[11] Fehlende Standardisierung ist einer der Hauptgründe, warum es in der Christlichen Entwicklungshilfe nur erschwert zu Projekten der Bibelübersetzung kommt, die zu einer weit verbreiteten Verwendung von muttersprachlichen Bibelüber­setzungen führt. Der Vorwurf der „Idiomatisierung“ biblischer Texte und Bevorzugung bestimmter Dialekte und Gruppen ist weit verbreitet und nicht von der Hand zu weisen.

[12] In diesem Bereich wird der Vorwurf des „kirchlichen West-Kolonialismus“ sehr oft vernommen. Fremde christliche Entwicklungshelfer sind nicht in der Lage die mündliche Tradition einer Ethnie zu übernehmen. Sie können jedoch Teil derselben werden, Anleitungen und Know-How zu Prinzipien der Textübertragung geben, finanzielle und technische Hilfen geben oder auch in den Grundtext einweisen. Ihnen ist jedoch verwehrt die Tradierungsgeschichte der Ethnie zu bestimmen.

[13] Ein Lexikon der Begriffe findet sich unter: http://www.uni-pro­to­kol­le.­de­/Lex­i­kon/­DDR-Sprache.html [Stand 2013-12-10].

[14] Čirkić, Jasmina 2006. Rotwelsch in der deutschen Gegenwartssprache. Inaugural­dis­sertation. Mainz: Johannes Gutenberg Universität. Online: URL: http://­ubm.­opus.hbz-nrw.de/volltexte/2008/1589/pdf/diss.pdf [PDF-Datei] [Stand 2013-12-10]. [unveröffentlicht.].

[15] Schüle, Christian & Schneider, Christof 2010. Wie das Gedächtnis funktioniert. Die Grundlagen des Wissens. GeoKompakt 15, 61. Hamburg: Gruner & Jahr.

[16] Vor allem bei Unfall- oder krankheitsbedingten Sprachstörungen (z. B. Aphasie, Mor­bus Alzheimer) wird dies deutlich. Das Brocca’sche Zentrum steuert Sprach­impulse, jedoch scheint das Gen F0XP2 für die Sprachfunktion beim Menschen zu­ständig zu sein (Harley 2002:53-54). Harley, Trevor A. 2010. The Psychology of Language: From Data to Theory. 3rd ed. New York: Psychology Press.

[17] Interlinearisierungen sind hiervon zu unterscheiden (z. Bsp. Das Alte Testament: Interlinearübersetzung Hebräisch-Deutsch 2003. Steurer, Rita Maria. Und Das Neue Testament: Interlinearübersetzung Griechisch-Deutsch 2003. Dietzfelbinger, Ernst. Holzgerlingen: Hänssler. Konkordantes Neues Testament (KNT) [1939] 1995. Knoch, Adolph Ernst. Birkenfeld: Konkordanter Verlag Pforzheim.). Wörtliche Übersetzungen sind: Elberfelder Bibel (ELO) [1905] 2006. Wuppertal: Brockhaus. Münchner Neues Testament (MNT) [1988] 2007. Hainz, Josef. 8. Aufl. Düsseldorf: Patmos. Diese Aufzählungen sind keinesfalls abschließend, was bei rund 60, noch erhältlichen, deutschsprachigen Bibelübersetzungen auch nicht verwunderlich ist.

[18] Katan, David 1999. Translating Cultures: An Introduction for Translators, Inter­preters and Mediators. Manchester: St. Jerome.

[19] Berger, Klaus & Nord, Christiane 1999. Das Neue Testament und frühchristliche Schriften - neu übersetzt und kommentiert (INSEL). Frankfurt: Suhrkamp Insel.

[20] Hierzu liegen bis heute nur Bibelteile vor, jedoch wird dieses Modell inzwischen global in der Linguistik und Bibelübersetzung propagiert. Hill, Harriet, et. al. 2011. Bible Translation Basics: Communicating Scripture in a Relevant Way. Dallas: SIL International. Pattemore hat die Offenbarung auf relevanztheoretischer Basis übersetzt und inhaltlich kommentiert. Pattemore, Stephen 2004. The People of God in the Apocalypse: Discourse, Structure, and Exe­ge­sis. Cambridge: Cambridge University Press.

[21] Nida, Eugene A. 1964. Toward a Science of Translating - with Special Reference to Principles and Procedures Involved in Bible Translating. Leiden: E.J. Brill. (TASOT). Nida, Eugene A. & Taber, Charles R. 1969. Theorie und Praxis des Übersetzens unter be­so­n­derer Berücksichtigung der Bibelübersetzung. New York: Weltbund der Bibel­ge­sellschaften. (Deutsche Übersetzung von Kassühlke, Rudolf & Loewen, Jacob A.). (TAPOT). Waard, Jan de & Nida, Eugene A. 1986. From One Language to Another: Functional Equivalence in Bible Translation. Nashville: Nelson. (FOLIA).

[22] Ausführlich zu den Modellen bei Werner (2011:97-231). Werner, Eberhard 2011. Bibelübersetzung in Theorie und Praxis: Eine Darstellung ihrer Interdisziplinarität anhand der Ausbildungspraxis. Hamburg: Kovač. [Englische Übersetzung: Werner, Eberhard 2013. The Mandate for Bible Translation – Models of Communication and Translation in Theory and Practice in regard to the Science of Bible Translation. Dallas: SIL International. Online: URL: http://www.sil.org/­resources/­publications/­entry/­51438 [PDF-File] [accessed 2013-11-10]].

[23] Die Übersetzungs- versus Übertragungs Debatte im deutschsprachigen Raum ist meiner Ansicht nach nicht hilfreich, da im eigentlichen mehrdeutigen Wortsinn nach eine „Übertragung“ von Inhalten wörtlich-philologisch sein sollte, demgegen­über folgt eine „Übersetzung“ den Regeln menschlicher kontextualisierter Kommu­ni­kation. In der praktischen Anwendung wird der Begriff „Übertragung“ jedoch für Para­phrasierungen benutzt. Ich verwende den Begriff „Übertragung“ einem translatorisch mechanischen Sinn nach und denke dabei an den kognitiven Akt der Transformation eines „Ausgangstextes“ in einen „Zieltext“ (siehe Fußnote 29).

[24] Wörtlich: Dynamische Äquivalenz “means thoroughly understanding not only the meaning of the source text but also the manner in which the intended receptors of a text are likely to understand it in the receptor language” (Ward & Nida 1986: vii-viii, 9). Gerne wird der dynamischen Äquivalenz Willkür und grenzenlose Übersetzungsfreiheit unterstellt, dabei ist im Grundgedanken dieser Theorie durchaus ein translatorischer Rahmen vorgegeben.

[25] Ausführliche Stellungnahme und Kritik gegen die Debatte um „moderne“ Bibel­über­setzungen bei Werner (2011:341-357, Appendix). Die Ablehnung der Kritiker basiert auf theologischen, soziologisch-kirchlichen und übersetzungs­tech­nischen Bedenken. Kritisch äußern sich: Felber, Stefan 2003. Das verführerische Versprechen der Verständlichkeit. Kritische Anfragen an moderne Bibel­über­setzungen. (Gemeindeabende am 19. und 26. Mai und 2. Juni 2003). Online: URL: http://www.bibeluebersetzungen.ch/fisch/felb3abend.pdf [PDF-Datei] [Stand 2007-01-02]. Felber, Stefan, Rothen, Bernhard & Wick, Peter 2003. „Heftige Kritik an modernen Bibelüber­set­zungen“. ethos 8, 56-57. Berneck: Schwengeler. Auch Ebertshäuser verteidigt den Luthertext, und sieht in „modernen“ Übersetzungen absichtliche Verwaschungen und Verwässerungen (komplett 2006 besonders :38-39). Obwohl seine Kritik nicht auf dem wissenschaftlichen Niveau der Erst­genan­nten steht, geht sie in die gleiche Richtung. Ebertshäuser, Rudolf 2006. Moderne Bibelübersetzungen unter der Lupe: Von der >Guten Nachricht< bis zur >Volxbibel<. Und Online im Internet: URL: http://www.das-wort-der-wahrheit.de/B3-moderne-bibeluebers-4-A4.doc [Stand 2013-11-31].

[26] Gignac, Alain 2009. A Translation That Induces a Reading Experience: Narrativity, Intratextuality, Rhetorical Performance, and Galatians 1-2, in Porter, Stanley E. & Boda, Mark J. (eds.): Translating the New Testament: Text, Translation, Theology, 146-166. Grand Rapids: Eerdmans.

[27] Ob es sich um einzelne namentlich bekannte Autoren (grammatisch-exegetische Schule) oder einer späteren Gruppe, die quasi pseudepigraphisch im Sinne eines bekannten Apostels oder Schreibers die Schriften sammelten (historisch-kritische Schule), bleibt für diese Ausarbeitung unerheblich, da in beiden Fällen die Autorität auf einen biblisch-genannten Urheber zurück geht, der sich auf göttlichen Beistand beruft.

[28] Bibel in gerechter Sprache (BigS) [2006] 2011. Bail, Ulrike u. a. 2. rev. Aufl. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. Und Online: URL: http://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/ [Stand 2013-11-31].

[29] Nicht gemeint ist die neuere Praxis, die biblischen Bücher an unterschiedliche Revisoren aufzuteilen, obwohl dies auch ein Schritt in diese Richtung ist (z. B. Neue Genfer Übersetzung, BasisBibel, Revision der Einheitsübersetzung). Gemeint sind hier vielmehr, die Eigenheiten der biblischen Autoren und damit die Vielfalt der biblischen Schriften auch sprachlich kenntlich zu machen. Diese Vielfalt ging mit der Tradition verloren den hebräischen, aramäischen und griechischen Grund­text durch einen zentralen Projektleiter der Bibelübersetzung im Stile einer möglichst konkordanten Übersetzung dem Publikum darzubieten (Wulfila *311-†383, Hieronymus *347-†420, Kyrill-Konstantin[us] und Method[ius] *815-~†869 bzw. †885, Martin Luther, etc.). Die Verengung einer konkordanter Übersetzung von Schlüssel­begriffen liegt in der ausschließlichen Darstellung desselben Wortes oder der Phrase aus dem Original mit immer dem gleichen Wort oder einer Phrase in der Übersetzung ohne den Kontext zu beachten (z. B. Elberfelder, Luther, etc.). Sprachliche Vielfalt wird dabei auf mechanisches Übertragen reduziert und verfehlt den wahren Gehalt von Übersetzung (siehe Übertragung versus Übersetzungs – Debatte; Fußnote 23).

[30] Chouraqui steht stellvertretend für einen übersetzungstechnischen Ansatz, der antike Texte als solche auch in der Übersetzung deutlich machen möchte. Oft spielen hier philologische Gründe eine Rolle, indem das althergebrachte „Schulübersetzen“ betont wird. Chouraqui, André N. 1994. Reflexionen über Problematik und Methode der Übersetzung von Bibel und Koran. Tübingen: Mohr Siebeck.

[31] Maréchal, Brigitte 2002. Teaching Islam at Publicly Financed Schools in Europe, in Shadid, Wasif A. R. & Van Koningsveld, Sjoerd (eds.): Intercultural relations and religious authorities: Muslims in the European Union, 138-148. Leuven: Peeters.

[32] Ausführlich zur Mnemotechnik der Lutherübersetzung und des Einflusses der „Hörbibel“ als mittelalterlichem Standard bei Hövelmann, Hartmut 1989. Kernstellen der Lutherübersetzung: Eine Anleitung zum Schriftverständnis. Bielefeld: Luther-Verlag.

[33] Kess, Joseph F. [1992] 1993. Psycholinguistics: Psychology, Linguistics, and the Study of Natural Language. Reprinted with corrections. Amsterdam: John Benjamins.

[34] Auch der Koran folgt dieser Zusammenstellung bruchstückhafter Erinnerungen, wobei dort die spätere Textsammlung im 8. – 9. Jh. n. Chr. zu sehr kleinen zusam­men­hängenden Textelementen führte, teilweise nur zu einzelnen Versen.

[35] Es ist nicht schlüssig aus diesem “Erinnern” einen Mythos zu produzieren, wie es Linnemann in Berufung auf Schadewaldt tut (1992:157, 162-163). Vielmehr umfasst Erinnerung die ganz normale Speicherkapazität von Wissen (Erfahrung und Information) und deren Abrufung.

[36] Das bekannteste Beispiel ist wohl das jüdisch-griechische Idiom: “feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“ (Sprüche 25:22; Römerbrief 12:20 Elberfelder, Zürcher, Schlachter, Einheitsübersetzung). Erst in Kommentaren und Auslegungen erschließt sich dem deutschsprachigen Empfänger die Bedeutung des Sprachbildes „den Feind beschämen“. In kommunikativen Übersetzungen würde das Bild aufgelöst oder durch ein muttersprachliches Sprachbild ersetzt.

[37] Diese Übersetzung wurde von dem Neutestamentler Klaus Berger und der Übersetzungswissenschaftlerin Christiane Nord unter funktionalen Gesichtspunkten erstellt. Berger, Klaus & Nord, Christiane 1999. Das Neue Testament und frühchristliche Schriften - neu übersetzt und kommentiert (INSEL). Frankfurt: Suhrkamp Insel.

[38] Worth, Roland H. jr. 1992. Bible Translations: A History through Source Documents. London: McFarland.

[39] Armstrong, Cameron D. 2013. The Efficiency of Storying. EMQ 49/2, 322-326. Wheaton: evangelical press association. Online: URL: http://www.­emisdirect.­com/­emq/­2807/2817 [Stand 2013-08-10].

[40] Damit sind alle diakonischen Tätigkeiten gemeint, die aus der globalen Kirche heraus im Zusammenhang mit der eigenen christlichen Glaubensüberzeugung unabhängig vom Empfänger vollzogen werden. Es kann sich um medizinische, soziale, oder auch ökonomische Förderung, sowie um Bibelübersetzung handeln.

[41] Die gegen­wärtig knapp 7.000 aktiv gesprochenen Sprachen dieser Welt sind zum Teil noch nicht beschrieben. Man geht von derzeit rund zweitausend unbeschriebenen Sprachen aus, wobei unzählige Gebärdensprachen noch nicht einmal bekannt sind.

[42] Unter anderem vorgestellt auf: http://en.wikipedia.org/­wiki/­International_Pho­ne­tic_Alphabet [Stand 2013-11-30].

[43] Es ist interessant das z. B. Hoch-Deutsch auf 20 Zeichen reduziert werden könnte, würde man ein phonetisches Alphabet benutzen, welches nur die verwendeten Laute abdeckt. Ähnliches gilt auch für andere Sprachen, deren Alphabete historisch gewachsen sind. Eine solche Sprach-Reformation ist in demokratischen Staaten nur schwer möglich. Die Türkei erlebte mit ihrer Gründung im Jahre 1923 eine „Erziehungs-Diktatur“, die so einen Einschnitt im Jahre 1925 ermöglichte. Das türkische Alphabet war tatsächlich nur am Lautinventar orientiert. Dies stellt eine einzigartige und daher erwähnenswerte Entwicklung dar.

[44] Die Partikel und ihre Verknüpfung mit bestimmten Worten und ihre Stellung im Satzgefüge stellen, die für Nicht-muttersprachige Bibelübersetzer am schwierigsten zu lernenden Hürden. Misslinger sind z. B.: „Guckst du?“ anstatt „Was guckst du?“, „gutt Mann“ statt „ein guter Mann“ oder „hat kaputt“ anstelle von „das macht es kaputt“ oder „es ist kaputt“.

[45] Prototypen sind sprach- und kulturimmanente Vorstellungen die sich im enzyklo­pä­dischen Weltwissen der Kulturteilhaber spiegeln. Ob die Prototypen kognitive Bilder oder aber ein durch Sprache vermitteltes Phänomen sind bleibt wissenschaft­lich umstritten (Albrecht 2000:156-157). Albrecht, Jörn 2000. Europäischer Strukturalismus: Ein forschungsgeschichtlicher Überblick. Tübingen: Francke. Inner­halb einer Sprachgruppe variiert der Prototyp nur unwesentlich. In skandi­na­vischen Ländern dominiert zum Beispiel die Birke den Prototyp des „Baums“.

[46] Der Gänse-Geier ist, im Übrigen, die größte europäische Vogelart, hat es jedoch nicht in die semantische Prototyp-Vorstellung der Deutschen geschafft.

[47] Meist sind in nationalen Sprachen bereits Bibelübersetzungen vorhanden, die als Grund­lage für Übersetzungen dienen. Werner, Eberhard 2012. Bibelübersetzung – Schnittstelle zwischen Kulturen. Untersuchungen zu den iranischen Sprachen und Kulturen. Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft.

[48] Der übersetzungswissenschaftliche Term „Skopos“ stammt aus dem Griechischen und ist am besten mit „Ziel, Ausrichtung“ zu übersetzen. Der Skopos einer Übersetzung gilt dabei als Richtlinie und Maßstab der Übersetzung (s. Fußnote99). Die „Skopos“-Übersetzungstheorie wurde von Vermeer im Jahre 1978 eingeführt und von Reiß & Vermeer in die Übersetzungswissenschaft als einem allgemeinen Modell ausgebaut. Vermeer, Hans J. 1978. Ein Rahmen für eine allgemeine Translationstheorie. Lebende Sprachen 23/1, 99-102. München: Langenscheidt. Reiß, Katharina & Vermeer, Hans J. 1984. Grundlegung einer allgemeinen Translationstheorie. Tübingen: Niemeyer.

[49] Die Ehrfurcht vor dem göttlichen Urheber der Heiligen Schrift führt zu einem dem Attribut der Schrifttreue aufgrund eines sakralen Textes. In der Konsequenz wird Bibelübersetzern das philologische Übersetzen zum göttlichen Auftrag. Ich plädiere, gerade aus Ehrfurcht vor dem göttlichen Urheber der Heiligen Schrift auf eine immerwährende und dynamische Inkarnation der biblischen Texte in die Gegenwartswelt des Zielpublikums.

[50] Wenn hier von „dem Übersetzer“ gesprochen wird, so ist dem Sinn der Übersetzungstätigkeit gemäß immer das „Übersetzungsteam“ gemeint, da Übersetzen eine gemeinschaftliche Aufgabe ist. Um dem Einfluss der translatorischen Intuition einen Rahmen zu geben bedarf es mehrerer unabhängiger Vorschläge, die in verschiedenen Testphasen durch unterschiedliche Personen geprüft werden. Auch Martin Luther hat sogleich zusammen mit einem Team seinen Übersetzungsvorschlag in mehreren Revisionen angepasst.

[51] Steiner, George 1990. Von realer Gegenwart: Hat unser Sprechen Inhalt? München: Carl Hanser. [Engl.: Steiner, George 1989. Real Presences. Chicago: University of Chicago.].

[52] Kade, Otto 1968. Zufall und Gesetzmäßigkeit in der Übersetzung. Beihefte zur Zeitschrift Fremdsprachen I. Leipzig: VEB Verlag.

[53] Steiner, George [1981] 2004. Nach Babel: Aspekte der Sprache und des Übersetzens. Frankfurt am Main: Suhrkamp. [Engl. Steiner, George [1975] 1998. After Babel, Aspects of Language & Translation. 3rd ed. Oxford: Oxford University Press.].

[54] Sperber, Dan & Wilson, Deirdre 1987. Précis of Relevance: Communication and Cognition, in Behavioral and brain sciences 10, 697-754. Cambridge: Cambridge University Press.

[55] In der Theologie folgt die Exegese des biblischen Grundtextes dieser Art des Übersetzens. Wie Neudorfer betont, wird z. B. in der historisch kritischen Auslegung dadurch ein künstlicher Graben zwischen Ausgangstext und Translat geschaffen. Es entsteht eine Distanz zum Grundtext, er wird in Kurzzusammenhänge atomisiert und ein unüberwindbarer epistemologischer Graben für den Leser oder die Hörerin eröffnet. Neudorfer, Heinz-Werner & Schnabel, Eckhard J. 2000. Die Interpretation des Neuen Testaments in Geschichte und Gegenwart, in Neudorfer, Heinz-Werner & Schnabel, Eckhard J. (Hgg.): Das Studium des Neuen Testaments: Eine Einführung in die Methoden der Exegese, Band 1, 13-38. Gießen: Brunnen.

[56] Dem folgen unzählige andere Übersetzungen (auszugsweise): Unrevidierte Elberfelder Bibel (1908), Menge (1994), Zürcher (2003), Allioli (1957), Hamp et. Al. (1966), Herz (1995), Zunz (1980), Einheitsübersetzung (1980), Neue Welt Übersetzung (1997).

[57] Ich nenne alle Bibelübersetzungen die in einem Sprachraum erfolgen, welcher bereits mit einer Bibelübersetzung erschlos­sen ist „Revisionsübersetzungen“, „neuartige Über­setzungen“ oder „Nachfolgeübersetzungen“. Der Begriff „Erstüber­setzungen“, „missio­­narische Übersetzungen“ oder „Neuübersetzungen“ ist für den missio­lo­gischen Raum reserviert, in der Sprachräume erschlossen werden, die noch keine Bibel oder Bibelteile haben.

[58] Im deutschsprachigen Raum werden kirchliche Bibelübersetzungen auch heute noch offiziell feierlich eingeführt. Im freikirchlichen Raum tut man sich schwerer, da der Eindruck „kirchlicher Autorität“ eines „Schrift“-Zeugnisses (mündlich oder schriftlich) vermieden werden soll.

[59] Damit wird die Kraftwirkung des Gotteswortes begründet. Der Rückbezug auf den hebräischen, aramäischen und griechischen Grundtext ergibt sich nach dieser Ansicht aufgrund einer dem „Original“ innewohnenden Inspiration. Schwierig ist in diesen Kreisen der Umgang mit sich wieder­sprechenden Textstellen oder der unter­schied­lichen textkritischen Lese­va­rian­ten, da die Verbal-Inspiration zur absoluten Unfehl­barkeit und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift als Dokument führt.

[60] Insgesamt kommt der Begriff „Tempel“ 156x vor. Dabei überragenderweise 22x in der Apostelgeschichte und den vier Evangelien 54x (Matthäus und Lukas 15, Markus 10 und Johannes 14). 9x gebraucht Jesus das Wort und der Rest spricht von der Lokalisation als Heiligtum. Apostelgeschichte 19 spricht vom Tempel der Artemis.

[61] Tempel Gottes in Daniel 5:3; Matthäus 21:12, 26:61; im übertragenen Sinn für Gemeinde 1Korinther 16:2, 17:4; 2Korinther 6:16; 2Thessalonicher 2:4; Offenbarung 3:12, 11:1, 19.

[62] Von den ca. 77 Vorkommen sind 4 im NT, Matthäus 12:4; Markus 2:26; Lukas 6:4; Hebräer 10:21. Absolut überwiegend in Ezra 19x und 1 und 2Chronik 22x.

[63] Eliade, Mircea 1961. The Sacred and the Profane: The Nature of Religion. Trans. Trask, Willard R. New York: Harper Torchbooks.

[64] Dies last sich besonders an der Verehrung von Quellen aufzeigen. Diese Quellen werden laut Tradition von guten und bösen Geistern bewacht. Sie treten in Form von schwarzen und weißen Schlangen auf, die auch menschliche Form annehmen können (z. B. kurdische Völker in Ostanatolien; Asatrian, Garnik Serobi 2002. The Lord of Cattle. Iran and the Caucasus 6/1-2, 1-2. Brill: Leiden).

[65] Besonders deutlich wird dies am Begriff „Tempel“, der bis heute eine grie­chi­sche Konnotation inne hat. „Jüdisches / göttliches Wahrzeichen“, „jüdisches / gött­liches Monument“, „jüdischer / Gottes Verehrungsort“ oder auch „Gottes Burg / Schloss“ wären Begriffe die der Intention des hebräischen Begriffes in Bezug auf den göttlichen Verehrungsort näher kämen.

[66] Im Rahmen der Wirk- / Erfahrungs-Inspiration wird der Tatsache Genüge getan, dass sich der biblische Text, sowohl im Grundtext als auch in der Übersetzung, dem Angesprochenen als inspiriert eröffnen kann. Bibelübersetzer gehen in der Regel nicht davon aus einen inspirierten-heiligen Text zu übersetzen und damit Inspiration quasi von einem Kontext in den anderen zu übertragen. Das schließt nicht aus, dass sie einen ehrfürchtigen Respekt vor dem Text haben, jedoch relativiert sich dieser durch die Tatsache, dass der Ausgangstext ja in einer anderen von Menschen übertragenen Form – der Übersetzung – wieder gegeben wird. In der Wirk- / Erfahrungs-Inspiration ist die Wirkung durch den Heiligen Geist bestimmt, der die „geistigen“ Augen für den biblischen „Text“ öffnet. Viele Menschen erleben dieses „Angesprochen-Sein“ nicht, weshalb ihnen die Bibel und deren Über­­setzung ein ganz normales antikes nicht-inspiriertes Buch bleibt.

[67] Oft wird übersehen dass auch Martin Luther, das Dolmetschen für seine Über­setzung zum Vorbild hatte (Eisen 2010:4). Er führt damit unbewusst das inkarna­tor­ische Prinzip der Bibelübersetzung weiter, welches die Vermenschlichung der Gött­lich­keit in Jesus von Nazareth durch die Übersetzung fort führt (Werner 2011:328-329). Eisen, Ute E. 2010. »Quasi dasselbe?« Vom schwierigen und unend­lichen Geschäft des Bibelübersetzens – Neuere deutsche Bibel­übersetzungen. ZNT 26/13, 3-15. Tübingen: Narr Francke Attempto. Und Online im Internet: URL: http://www.­narr.de/­periodicals/znt/znt_26_2010.pdf [PDF-Datei] [2013-12-09].

[68] Fabbro, Franco 1999. The Neurolinguistics of Bilingualism: An Introduction. Hove: Taylor & Francis.

[69]Da der Übersetzer freiberuflich arbeitet ist er gemäß seinem Werkvertrag auf den Über­setzungsauftrag begrenzt. DIN-Norm 2345. Online im Internet: URL: http:/­/www.­fask.uni-mainz.de/user/kiraly/gruppe8/ProfUni_DIN_html.html [Stand 2013-12-28].

[70] Bi- oder polylinguale Personen sind teilweise im Vorteil, da sie den „Um­schalt­vor­gang“ zwischen beiden Sprach- und Kulturkreisen völlig internalisiert haben (Kielhöfer & Jonekeit 1998:28). Kielhöfer, Bernd & Jonekeit, Sylvie [1983] 1998. Zweisprachige Kindererziehung. Zehnte Auflage. Tübingen: Stauffenburg. Anderer­seits stehen sie dem Übertragungsvorgang im Weg, da sie die störenden Elemente des Übersetzens nicht kennen, die es dem Empfänger leichter ermöglichen würde den mündlichen Text aufzunehmen (Steiner 2004:134).

[71] Anders sehen das die Anhänger eines „Texttreue-Postulats“, welche Übersetzen auf die Vermittlung des Grundtexts unter Beibehaltung der „verstandenen“ Fremd­heit des antiken Umfeldes deuten (siehe oben; auch Alkier, Stefan 2010. Über Treue und Freiheit – oder: Vom Desiderat einer Ethik der Übersetzung in den Bibel­wissen­schaften. ZNT 26/13, 60 - 69. Tübingen: Narr Francke Attempto. Und Online im Internet: URL: http://www.narr.­de/periodicals/znt/znt_26_2010.pdf [PDF-Datei] [2013-12-09].

[72] Nord steht für das funktionale Übersetzen, welches eine Fortführung des Skopos-Ansatzes darstellt (Reiss & Vermeer [1984] 1991). Nach diesem Modell bestimmt der Übersetzungsauftrag, den Übersetzungsvertrag, welcher vom Über­setzungs­team zu erfüllen ist. In der Bibelübersetzung wird dabei eine große Loyalität des Über­setzungs­teams zum Grundtext, aber auch zum Publikum gefordert. Nord, Christiane [1997] 2001. Translating as a Purposeful Activity: Functionalist Approa­ches Explained. Reprint. Manchester: St. Jerome. Reiß, Katharina & Vermeer, Hans J. [1984] 1991. Grundlegung einer allgemeinen Trans­la­tions­­theorie. 2. Aufl. Tübingen: Niemeyer.

[73] Schülein bezieht diese Prämisse auf „Wissenschaft“ allgemein. Er besteht darauf das die Erweise der „Machbar­keit“ und „Nicht-Erfüllbarkeit“ (engl. verification und falsification) erst im Rückkopplungs-Effekt, also der Bestandsprüfung einer Hypothese, diese bestätigt. Schülein, Johann August 2001. Alltagsbewusstsein und soziologische Theorienbildung, in Hug, Theo (Hg.): Wie kommt Wissenschaft zu Wissen? Einführung in die Methodologie der Sozial- und Kulturwissenschaften, Bd. 3, 11-30. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. Van Engen wendet dieses Prinzip auf Theologie und Missiologie an. Er sieht die Erfüllung der Sendung Gottes zur Gemeinde und der Weltgemeinschaft in der rekursiven Methode begründet (Rückkopplungsmethode; 1997:26-27). Van Engen, Charles E. 1996. Mission on the Way: Issues in Mission Theology. Grand Rapids: Baker.

[74] Die Reisen der Jünger von Jesus von Nazareth in den westlichen, den asiatischen und nordafrikanischen Raum im ersten und zweiten Jahrhundert hat zu einer Welle muttersprachlicher mündlicher und schriftlicher Bibel-Traditionen geführt. Erst die kirchliche Fixierung der schriftlichen Kanones des Mittelalters hat dieser Dynamik den Schwung entzogen. Einigen der bis dahin interpretativen, dynamischen, kontex­tuali­sier­ten und dadurch lebendigen Übersetzungstraditionen wurde eine theologische Über­frachtung beigemengt. In diesem Sinne waren die in anderen Belangen (z. B. Kirchenzugehörigkeit, Kirchentradition) hilfreichen Konzilien hinderlich.

[75] Werner, Eberhard (Hg.) 2012. Bibelübersetzung als Wissenschaft - Aktuelle Fragestellungen und Perspektiven: Beiträge zum „Forum Bibelübersetzung“ aus den Jahren 2005 – 2011, 7-28. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft.

[76] Der Begriff wurde von dem renommierten Harvard Wissenschaftler Lamin San­neh aufgegriffen und über Jahrzehnte untersucht. Sanneh, Lamin 2005. The Current Trans­formation of Christianity, in Sanneh, Lamin & Carpenter, Joel A. (Hgg.): The Changing Face of Christianity, 213-224. Oxford: Oxford University Press.

[77] Eugene Nida hat mit vielen anderen diese Dachorganisation, der bis dahin unabhängigen nationalen Bibelgesellschaften, im Jahre 1946 ins Leben gerufen. Mit 146 nationalen Mitgliedern in über 200 Staaten ist die UBS als globale Organisation federführend in Belangen der kirchlichen Bibelübersetzung. Quelle: http:/­/www.unitedbiblesocieties.org/ [Stand 2013-11-29].

[78] Das von Cameron Townsend im Jahre 1936 gegründete Summer Institute of Linguistics ist in der Archivierung, der Entwicklung von Sprachlernmaterialien und der Bibelübersetzung von meist nicht-alphabetisierten Völkern tätig. Quelle: www.sil.org/‎ [Stand 2013-12-09].

[79] Konfessionelle Hürden sind schwer zu überwinden, da die Kirche in ihrem Ver­ständ­nis als Hüterin der Schrift sehr wohl um die Bedeutung der Bibel­über­setzung weiß. Wo konfessionelle Hürden überwunden werden konnten wird der Hörer- und Leserkreis wesentlich erweitert.

[80] Zunehmend sind nationale Übersetzungsberater ausgebildet und fähig „Texte“ und Projekte zu begleiten. Sie durchbrechen die bis heute herrschende westliche Dominanz und sind kulturell näher an den Sprachgruppen dran. Nach wie vor ist eine ungelöste Frage wer in dieser Beratungstätigkeit die letzten Entscheidungen trifft. In der Regel hat der Übersetzungsberater als „Fachexperte“ die letzte Ent­scheidung, jedoch kann er die Sprache oft nicht und ist auch kulturell weit entfernt, wes­halb der eigentliche „Experte“ das Team der muttersprachigen Übersetzer ist, denen die letztendliche Entscheidung obliegen sollte. Eine globale Ethik hat sich dies­bezüglich noch nicht kristallisiert. Werner, Eberhard 2012. Toward an Ethical Code in Bible Translation Consulting. Journal of Translation (JOT) 8/1, 1-8. Dallas: Summer Institute of Linguistics. Dallas: Summer Institute of Linguistics. Also Online: URL: http://www.sil.org/siljot/2012/1/928474548941/siljot2012-1-01.­pdf [PDF-Datei] [accessed 2013-11-29].

[81] Eine Auswahl von historisch-kritischen, evangelikalen, und konfessionell unter­schied­lichen Kommentaren ist hilfreich. Viele Kommentare sind auch in den UBS Handbooks zur Übersetzung eingearbeitet.

[82] Metzger, Bruce M. 1975. A Textual Commentary on the Greek New Testament. A Companion Volume to the United Bible Societies Greek New Testament (third edition). Stuttgart: United Bible Societies.

[83] Die gängigsten Programme sind Paratext 7, Lingua Links, Bible Works 9, Logos Bible Software, sowie spezifische linguistisch-translatorische Hilfsmittel (z. B. Field­works, Toolbox, Translators Workplace 3).

[84] Vor allem die UBS Handbücher zu jedem biblischen Buch geben umfangreiche Hilfen und Fragestellungen. Sie stellen auch die Arbeitsgrundlage für Über­setzungs­berater dar.

[85] Tworuschka, Udo 2000. Glauben alle an denselben Gott? Religionswissenschaftliche Anfragen, in Kirste, Reinhard, Schwarzenau, Paul & Tworuschka, Udo (Hgg.): Hoffnungszeichen globaler Gemeinschaft. Religionen im Gespräch 6, 13-38. Balve: Zimmermann. Beyerhaus, Peter P. J. 2013. Weltevangelisierung oder Weltveränderung? Tübinger Pfingst-Aufruf zur Erneuerung eines biblisch-heilsgeschichtlichen Missionsverständnisses. Gomaringen/ Tübingen: Diakrisis. http://bekenntnis­bruder­schaft.­de/­fileadmin/­­Dokumente/­Tuebinger-­Pfingst­aufruf­-2013-Langfassung.pdf [PDF-Datei] [Stand 2013-06-04]. [Stand 2013-10-04]. Salama, Abu l'Fadhl 1993. Missionsarbeit in Nordafrika. Masterthesis. Korntal: Freie Hochschule für Missiologie. [unveröffentlicht]. Bail, Ulrike u. a. [2006] 2011. Bibel in gerechter Sprache (BigS). 2. rev. Aufl. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

[86] Jerry, T. O. 1999. A Bible Storying Manual. Online: URL: http://www.chrono­lo­gical­­­­­­bible­storying.com/short/cbs_short_forward.htm [Stand 2013-12-18].

[87] Armstrong, Cameron D. 2013. The Efficiency of Storying. EMQ 49/2, 322-326. Wheaton: evangelical press association. Online: URL: http://www.emisdirect.­com/­emq­/2807/2817 [Stand 2013-10-10].

[88] Die Betitelung der biblischen Perikopen spiegelt eindrücklich die ideologisch-intuitive und subjektive Ausrichtung eines Übersetzungsteams wieder (Nord 2000:1, 6). Erwähnenswerterweise hat sich die Unrevidierte Elberfelder Bibel (1905) und jüngst die Bibel in gerechter Sprache deshalb dagegen gewehrt (Bail et a. 2006:13). Eine der wenigen Studien zu den Perikopen-Überschriften findet sich bei Nord. Nord, Christiane 2000. Ungerechter oder lebenstüchtiger Verwalter? Geschichte, Form und Funktionen der Perikopentitel in Übersetzungen des Neuen Testaments, in Heller, Susanne & Mecke, Jochen (Hg.): Titel, Text, Kontext: Randbezirke des Textes. Festschrift für Arnold Rothe, 281-302: Glieni>

[89] Die Volxbibel - Neues Testament 2005. Dreyer, Martin. Witten: Volxbibel. Und Online: URL: http://wiki.volxbibel.com/ [Stand 2013-11-20].

[90] Nolland, John 1998. Vol. 35B: Luke 9:21–18:34. Word Biblical Commentary. Dallas: Word, Incorporated.

[91] Luther, Martin 1986. Sendbrief vom Dolmetschen, Nuremberg 1530. Neuauflage. Ditzingen: Reclam. Und Online: Sochorek, Radim. URL: http://www.sochorek.­cz/­archiv/­werke/luther.htm [Stand 2013-04-05].)

[92] Werner, Eberhard 2012. Kontextualisierung und Bibelübersetzung, in Werner, Eberhard (Hg.): Bibelübersetzung als Wissenschaft - Aktuelle Fragestellungen und Perspektiven: Beiträge zum „Forum Bibelübersetzung“ aus den Jahren 2005 – 2011, 285-304. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft.).

[93] Dieser Punkt wird bei Venuti angesprochen und von Naudé für den Bereich der Bibelübersetzung ausgeführt. Venuti sieht die gängige Bandbreite der Übersetzung zwischen „Einheimischwerdung“ und „Fremdheit“ (engl. indigenization versus foreignisation) als Rahmen für eine Übersetzungsentscheidung an (2010; 1998:305, 315). Venuti, Lawrence S. (ed.) [2000] 2010. The Translation Studies Reader. Reprint. London: Routledge. Venuti, Lawrence S. 1998. American Tradition, in Baker, Mona & Malmkjaer, K. (Hgg.): Rout­ledge Encyclopedia of Translation Studies, 305-316. London & New York: Routledge.

[94] 11 Εἶπεν δέ· ἄνθρωπός τις εἶχεν δύο υἱούς. 12 καὶ εἶπεν ὁ νεώτερος αὐτῶν τῷ πατρί· πάτερ, δός μοι τὸ ἐπιβάλλον μέρος τῆς οὐσίας. ὁ δὲ διεῖλεν αὐτοῖς τὸν βίον. 13 καὶ μετ᾽ οὐ πολλὰς ἡμέρας συναγαγὼν πάντα ὁ νεώτερος υἱὸς ἀπεδήμησεν εἰς χώραν μακρὰν καὶ ἐκεῖ διεσκόρπισεν τὴν οὐσίαν αὐτοῦ ζῶν ἀσώτως. (NA27) BNT - Novum Testamentum Graece, Nestle-Aland 27th Edition. 1993. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft. BibleWorks 9.

[95] Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers 1984. Hrsg. von der Evangelischen Kirche in Deutschland. Revidierte Fassung; aus Anlass der neuen Rechtschreibung durchgesehen 1999. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft.

[96] Neue Luther Bibel 2009. La Buona Novella Inc. Wollerau. Online: URL: http://www.buonanovella.com/. [Bible Works 9. 2012.]

[97] Einheitsübersetzung: Die Bibel - Altes und Neues Testament (EIN) 1980. Stuttgart: Katholische Bibel­anstalt. Als Vergleichstext hier die Bibel in gerechter Sprache 2011: 11Er sprach: »Ein Mann hatte zwei Söhne. 12Der jüngere von ihnen sagte zum Vater: ›Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zusteht.‹ Und er verteilte seine Habe an sie. 13Bald danach nahm der jüngere Sohn alles mit sich und zog in ein fernes Land. Dort verschleuderte er sein Vermögen und lebte in Saus und Braus. Bail, Ulrike u. a. [2006] 2011.

[98] In den griechischen Übersetzungen der Hebräischen Bibel (Septuagintaversionen) wird in den meisten Büchern וְ waw fast immer mit και kai übersetzt, was einer wörtlichen Übersetzungstradition entspricht.

[99] Ethische Grundlage des Übersetzens bilden allgemeinverbindliche Abkommen von Linguisten und Übersetzern, sowie das eigene Gewissen und die im Über­setzungsauftrag – das ist der Skopos einer Übersetzung – festgezurrten Rahmen­­bedingungen (Übersetzungsprozess-Plan, Projektbeschreibung, etc.; s. Fußnote 37).

[100] Wheatcroft legt den Siegeszug der schriftlichen Tradition in der westlichen Welt auf das 15. Jahrhundert fest. Gleichzeitig stellt er eine überragende Bedeutung münd­licher Tradition in der östlichen Welt fest. Erstere wurde durch die Druck­technik Gutenbergs initiiert, letztere begründet er mit den orthographischen Schwierig­keiten bei der Verschriftung des Arabischen in anderen Sprachen (z. B. Ottomanisches Türkisch, Persisch, Sanskrit, Mandarin; 2005:278-280). Wheatcroft, Andrew 2005. Infidels: A History of the Conflict between Christendom and Islam. New York: Random House.

[101] Schleiermacher, Friedrich [1813] 1963. Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersetzens, in Störig, Hans Joachim (Hg.): Das Problem des Übersetzens, 38-70. Darmstadt: Wissen­schaft­liche Buchgesellschaft. Venuti, Lawrence S. [1995] 2008. The Translator's Invisibility: A History of Translation. 2nd ed. London: Routledge.

[102] Dreyer, Martin 2010. Das Volxbibel-Wiki. 6. Forum Bibelübersetzung. Vortragsmanuskript. Holzhausen: Wycliff. [unveröffentlicht]. [Siehe auch Online: http://www.volxbibel.de/]. Eisen, Ute E. 2010. »Quasi dasselbe?« Vom schwierigen und unendlichen Geschäft des Bibelübersetzens – Neuere deutsche Bibelübersetzungen. ZNT 26/13, 3-15. Tübingen: Narr Francke Attempto. Und Online im Internet: URL: http://www.narr.de/periodicals/znt/znt_26_2010.pdf [PDF-Datei] [2013-12-09].

[103] Riesner weist Jesus von Nazareth eine über den damaligen Rabbinerbegriff hinaus­gehende Autorität zu, er macht aber auch deutlich dass sich Jesus in seinem Ver­halten und Reden durchaus als „Rabbi“ qualifizierte. Riesner, Rainer [1981] 1988. Jesus als Lehrer. Eine Untersuchung zum Ursprung der Evangelien-Überlieferung. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 2/7. 3. erweiterte Auflage. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck).

[104] Reiling, J. & Swellengrebel, J. L. 1993. A Handbook on the Gospel of Luke. UBS handbook series. Helps for translators. New York: United Bible Societies.

[105] Hübner, Rudolf 1922. Grundzüge des deutschen Privatrechts. 4. Ausgabe. Leipzig: A. Deichert. (s. a. Fußnote Fehler! Textmarke nicht definiert.).

[106] Im Vergleich dazu drei Bibelübersetzungen: Bibel in gerechter Sprache (2011): „Bald danach nahm der jüngere Sohn alles mit sich und zog in ein fernes Land. Dort verschleuderte er sein Vermögen und lebte in Saus und Braus.“ Volxbibel (online 2013): „Ein paar Tage später packte der Sohn seine Sachen zusammen und ging auf Weltreise. Er lebte in Hotels und in Spielcasinos, verzockte sein ganzes Vermögen in irgendwelchen Bars und Clubs, bis er pleite war.“ Die wörtliche Entsprechung des Grundtextes wäre nach Unrevidierte Elberfelder (1905): „Und nach nicht vielen Tagen brachte der jüngere Sohn alles zusammen und reiste weg in ein fernes Land, und daselbst vergeudete er sein Vermögen, indem er ausschweifend lebte.“

[107] Im Vergleich die Bibel in gerechter Sprache: „14Nachdem er aber all das Seine durchgebracht hatte, kam ein gewaltiger Hunger in jenes Land, und er begann, Not zu leiden. 15Er zog los und begab sich in die Abhängigkeit eines Bürgers jenes Landes, und der schickte ihn auf die Felder, seine Schweine zu hüten. 16Er hätte sich unheimlich gern satt gegessen an den Schoten des Johannisbrotbaums, die die Schweine fraßen, aber niemand gab ihm davon.“ Lukas 15:14-16 in der Volxbibel: „14 Plötzlich gab es in der Zeit eine große Wirtschaftskrise im Land. Die Lebensmittelpreise stiegen immer höher und viele Menschen hatten nichts zu essen. Auch der Sohn bekam Hunger. 15 Immerhin kriegte er einen Job als Toilettenmann am Hauptbahnhof. Das war ein echt schlecht bezahlter, dreckiger und total unbeliebter Job. 16 Der junge Mann war so hungrig, dass er am liebsten die Essensreste, die Toilettenbesucher in den Müll warfen, gegessen hätte, aber noch nicht mal das durfte er.“

[108] 14 δαπανήσαντος δὲ αὐτοῦ πάντα ἐγένετο λιμὸς ἰσχυρὰ κατὰ τὴν χώραν ἐκείνην, καὶ αὐτὸς ἤρξατο ὑστερεῖσθαι. 15 καὶ πορευθεὶς ἐκολλήθη ἑνὶ τῶν πολιτῶν τῆς χώρας ἐκείνης, καὶ ἔπεμψεν αὐτὸν εἰς τοὺς ἀγροὺς αὐτοῦ βόσκειν χοίρους, 16 καὶ ἐπεθύμει χορτασθῆναι ἐκ τῶν κερατίων ὧν ἤσθιον οἱ χοῖροι, καὶ οὐδεὶς ἐδίδου αὐτῷ. (NA27)

[109] Zwemer, Samuel M. 1912. The Moslem Christ: An Essay on the Life, Character and Teachings of Jesus Christ according to the Koran and orthodox Tradition. New York: American Tract Society. Hertlein, Kathinka 2008. Micah Challenge - Gottes Wille oder Social Gospel? Eine Beschäftigung mit der Integralen Mission am Beispiel von Micah Challenge. evangelikale missiologie (em) 24/3, 95-97. Gießen: Arbeitskreis für evangelikale Missiologie. Escobar, Samuel 2000. The global scenario at the turn of the century, in Taylor, William D. (ed.): Global Missiology for the 21st Century: The Iguasso Dialogue, 25-46. World Evangelical Fellowship. Grand Rapids: Baker.

[110] Die Bibel in gerechter Sprache trifft hier den Nerv der Sache nicht, da mit der Formulierung „kam ein gewaltiger Hunger“ eine selbständige Kraft impliziert wird (angelehnt an Lutherübersetzung).

[111] Bibel in gerechter Sprache: 17Da ging er in sich und sagte: So viele Tagelöhner und Tagelöhnerinnen meines Vaters haben Brot im Überfluss – und ich komme hier um vor Hunger! 18Ich °stehe auf, wandere zu meinem Vater und sage zu ihm: ›Vater, ich habe °gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Mach' mich zu einem deiner Tagelöhner!‹

Volxbibel: 17 Schließlich überlegte er hin und her: ‚Zu Hause bei meinem Vater bekommt jeder Arbeiter in seiner Firma ein Mittagessen und ich sterbe hier fast vor Hunger! 18 Die beste Idee ist es wahrscheinlich, wieder nach Hause zu gehen. Dann sag ich zu ihm: Papa, ich habe großen Mist gebaut, ich hab mich von dir und auch von Gott entfernt! 19 Ich hab es auch echt nicht mehr verdient, zu deiner Familie dazuzugehören. Aber kannst du mir vielleicht irgendeinen Job in deiner Firma geben?‘

[112] 17 εἰς ἑαυτὸν δὲ ἐλθὼν ἔφη· πόσοι μίσθιοι τοῦ πατρός μου περισσεύονται ἄρτων, ἐγὼ δὲ λιμῷ ὧδε ἀπόλλυμαι. 18 ἀναστὰς πορεύσομαι πρὸς τὸν πατέρα μου καὶ ἐρῶ αὐτῷ· πάτερ, ἥμαρτον εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ἐνώπιόν σου, 19 οὐκέτι εἰμὶ ἄξιος κληθῆναι υἱός σου· ποίησόν με ὡς ἕνα τῶν μισθίων σου. (NA27)

[113] Bibel in gerechter Sprache übersetzt: 20Er stand auf und ging zu seinem Vater. Schon von ferne sah ihn sein Vater kommen, und Mitleid regte sich in ihm, und er eilte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21Der Sohn sprach zu ihm: ›Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.‹ 22Der Vater aber sagte zu seinen Sklaven und Sklavinnen: ›Schnell, bringt das beste Kleid her und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und Sandalen an die Füße! 23Holt das Mastkalb und schlachtet es, lasset uns essen und fröhlich sein! 24Denn dieser, mein Sohn, war tot und ist wieder lebendig, er war verloren und ist gefunden!‹ Und sie begannen sich zu freuen.

Die Volxbibel hat: 20 Also ging er wieder zurück zu seinem Vater. Als der Sohn gerade durch das Eingangstor vom Grundstück kam, sah der Vater ihn schon aus der Ferne. Mit Tränen in den Augen lief er ihm sofort entgegen, umarmte und küsste ihn. 21 Der Sohn sagte sofort: ‚Papa, ich hab großen Mist gebaut! Ich hab mich falsch verhalten dir und Gott gegenüber! Ich hab es echt nicht mehr verdient, dein Sohn genannt zu werden.‘ 22 Sein Vater hörte ihm aber gar nicht richtig zu. Er rief schnell ein paar Angestellte und beauftragte die: ‚Bringt sofort den besten Designer-Anzug her, den ich im Schrank hängen habe. Holt ein paar gute Schuhe und holt den Familienring. 23 Fahrt das beste Essen auf, die Sachen, die wir extra für einen besonderen Anlass im Lager haben! Deckt den Tisch und lasst uns eine große Party starten. 24 Es gibt nämlich einen Grund zum Feiern: Mein Sohn war schon so gut wie tot, aber jetzt ist er wieder hier und lebt! Ich hatte voll die Sehnsucht und habe jeden Tag auf ihn gewartet und jetzt ist er endlich wieder da!‘

20 καὶ ἀναστὰς ἦλθεν πρὸς τὸν πατέρα ἑαυτοῦ. Ἔτι δὲ αὐτοῦ μακρὰν ἀπέχοντος εἶδεν αὐτὸν ὁ πατὴρ αὐτοῦ καὶ ἐσπλαγχνίσθη καὶ δραμὼν ἐπέπεσεν ἐπὶ τὸν τράχηλον αὐτοῦ καὶ κατεφίλησεν αὐτόν. 21 εἶπεν δὲ ὁ υἱὸς αὐτῷ· πάτερ, ἥμαρτον εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ἐνώπιόν σου, οὐκέτι εἰμὶ ἄξιος κληθῆναι υἱός σου. 22 εἶπεν δὲ ὁ πατὴρ πρὸς τοὺς δούλους αὐτοῦ· ταχὺ ἐξενέγκατε στολὴν τὴν πρώτην καὶ ἐνδύσατε αὐτόν, καὶ δότε δακτύλιον εἰς τὴν χεῖρα αὐτοῦ καὶ ὑποδήματα εἰς τοὺς πόδας, 23 καὶ φέρετε τὸν μόσχον τὸν σιτευτόν, θύσατε, καὶ φαγόντες εὐφρανθῶμεν, 24 ὅτι οὗτος ὁ υἱός μου νεκρὸς ἦν καὶ ἀνέζησεν, ἦν ἀπολωλὼς καὶ εὑρέθη. καὶ ἤρξαντο εὐφραίνεσθαι. (NA27)

[114] Lukas 15:25-32 in der Bibel in gerechter Sprache: 25Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimkam und sich dem Haus näherte, hörte er Singen und Tanzschritte. 26Er rief einen der jungen Sklaven und fragte ihn, was denn sei. 27Der aber sagte ihm: ›Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater ließ das Mastkalb schlachten, weil er ihn gesund wieder erhalten hat!‹ 27Der aber sagte ihm: ›Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater ließ das Mastkalb schlachten, weil er ihn gesund wieder erhalten hat!‹ 28Da wurde der Bruder wütend und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und lud ihn ein. 29Er antwortete aber seinem Vater: ›Siehe, ich °diene dir schon so viele Jahre und habe nie ein °Gebot von dir übertreten, und nie hast du mir einen Bock gegeben, damit ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. 30Nun aber kommt dein Sohn, der deine Habe mit Unzüchtigen verfressen hat, und du lässt für ihn das Mastkalb schlachten!‹ 31Er sagte zu ihm: ›Kind, du warst alle Zeit mit mir zusammen, und alles, was mir gehört, gehört auch dir. 32Nun ist es Zeit, sich zu freuen und fröhlich zu sein, weil dein Bruder, der tot war, lebendig ist. Er war verloren und ist gefunden!‹« Lukas 15:25-32 in der Volxbibel: 25 In der Zeit war der ältere Sohn noch bei der Arbeit. Als er nach Hause kam, hörte er schon von weitem, dass da ’ne Party am Start war. 26 Er fragte einen der Hausangestellten, was da los ist. 27 ‚Ihr Bruder ist wieder da! Ihr Vater hat eine fette Party organisiert und hat das ganz besonders große kalte Büfett kommen lassen, das für die besonderen Anlässe.‘ 28 Aber der ältere Bruder war total angefressen und sauer. Er hatte überhaupt keinen Bock mitzufeiern und blieb draußen vor der Tür. Schließlich kam der Vater raus und fragte ihn: ‚Warum kommst du nicht rein, mein Junge?‘ 29 ‚Mann, Vater! Wie viele Jahre arbeite ich jetzt schon für dich? Ich hab geschuftet wie ein Blödmann, so als würde ich dafür ein fettes Gehalt bekommen. In der ganzen Zeit hab ich nicht einmal etwas getan, was du nicht wolltest. Aber von dir kamen nicht einmal auch nur ein paar Würstchen rüber, damit ich mit meinen Freunden mal einen schönen Grillabend hätte machen können. 30 Jetzt kommt dein anderer Sohn, der dein ganzes Geld mit irgendwelchen Schlampen zum Fenster rausgeschmissen hat, und du fährst hier die Sachen auf, die eigentlich nur für ganz besondere Feste gekauft wurden?‘ 31 Sein Vater sah ihn an und meinte nur: ‚Mein Lieber, du bist die ganze Zeit bei mir gewesen, wir beide sind uns sehr nahe! Alles, was mir gehört, gehört auch dir! 32 Aber lass uns heute eine große Party feiern! Dein Bruder war für uns schon gestorben, doch jetzt lebt er wieder! Wir hatten ihn schon aufgegeben, aber er hat den Weg nach Hause zurückgefunden!‘“

[115] In der Fußnote steht folgender Hinweis: *Wörtlich: ein junges Ziegen-Böcklein. **Wörtlich: ein Mastkalb (s. V. 23).

[116] Weißenborn, Thomas 2011. Exegese, Biographie und Kontext: Gibt es einen Weg aus dem hermeneutischen Schlamassel?, in Faix, Tobias, Wünch, Hans-Georg, Meier, Elke 2011 (Hgg.): Theologie im Kontext von Biographie und Weltbild, 37-61. Gesellschaft für Bildung und Forschung in Europa e. V. Marburg: Francke.        

[117] Immerhin 495 Vollbibeln im Jahre 2013, siehe http://­www.­united­bible­societies.­org­/­sample-page/bible-translation/ [Stand 2013-11-30].