Das Wesen der Bibelübersetzung – eine vorläufige ethisch-praxisbezogene Besinnung –

Das Wesen der Bibelübersetzung  – eine vorläufige ethisch-praxisbezogene Besinnung –

 

werner [at] forschungsinstitut.net

Inhalt

Das Wesen der Bibelübersetzung  – eine vorläufige ethisch-praxisbezogene Besinnung –. 1

Abstract 1

Vorwort 3

Vorüberlegungen zum Wesen der Bibelübersetzung. 4

Theologische Engführung – Missiologische Breite. 10

Ethische (philosophische) Reflexionen zur Bibelübersetzung. 13

Inkarnatorisches Prinzip der Bibelübersetzung. 25

Inspiration - Heilige Texte. 28

Homiletik und Evangelisation. 31

Zusammenfassung – eine ethische Besinnung zur Bibelübersetzung. 34

 

Abstract

Die „Bibelübersetzung“ ist nicht allein aufgrund der Aktivität internationaler Organisationen, sondern auch aufgrund lokal-kirchlicher Initiativen, zu einer globalen Bewegung geworden, was als ihre „glokale“ Bedeutung bezeichnet werden kann. Damit verbunden sind die Aufwertung der Muttersprache, die Einbindung auch kleinster Ethnien in den politisch-ökonomischen Diskurs der Nationalstaaten, die Vernetzung translatorischer, ethnologischer und linguistischer wissenschaftlicher Aktivität und Erkenntnisse unter dem Dach der missiologisch-theologisch ausgerichteten Wissenschaft der Bibelübersetzung. Aufgrund dieser Entwicklung stellt sich unter anderem die Frage nach einer verbindlichen Ethik, welche die Wesenhaftigkeit der Bibelübersetzung als Wissenschaft nachzeichnet. Die wissenschaftliche Bibelübersetzung mit ihrem Produkt biblischer Texte hat eine zweifache Funktion. Sie dient durch die Anleitung des sakral-liturgischen Texts der globalen und lokalen Kirche sowohl zur inneren Stärkung (sakral-theologische Funktion), wie auch der Expansion der Kirche in den nicht-christlichen Bereich hinein (evangelistisch-missiologische Funktion). Die „Bibelübersetzung“ als globale Bewegung besitzt eine nachlaufende und eine vorauseilende Wirkung, beide machen sie zu einem tragenden Element kirchlicher Entwicklungshilfe. In ihrer nachlaufenden Funktion kontextualisiert die Kirche den biblischen Text und entwickelt eine eigene biblische Tradition (interne Kontextualisierung). In ihrer vorauseilenden Funktion wird Bibelübersetzung in sprachlich-kulturelle Umgebungen kontextualisiert um kirchliche Strukturen zu generieren (externe Kontextualisierung). In diesen Funktionen agiert die Bibelübersetzung zweifach, zum einen bewahrend (konservierende Funktion) und zum anderen progressiv (gestaltende Funktion). Fundamental für die Bibelübersetzung als Produkt, Prozess und Funktion ist deren dynamisch-kontinuierliches „inkarnatorische Prinzip“. Dasselbe fundiert auf den messianisch-christlichen Inhalten über Jesus von Nazareth in a) mündlich tradierend und hörend verarbeitender (oral-auraler) und b) schriftlicher (literarischer) Form. Es ist seinem Wesen nach im Sendungsauftrag des jüdisch-christlichen Gottes begründet. Die Frage stellt sich, ob dieses, in der Bibelübersetzung vermittelte Prinzip der Schrift-„Inkarnation“ ein dynamisch-kontinuierliches (immer wiederkehrendes) oder einmaliges und damit statisch-konservierendes Geschehen darstellt oder ob beides zum Tragen kommt. Erstes wird der in der Bibelübersetzung in Revisionen und ständig neuen Muttersprachen übertragenen Offenbarung der göttlichen Heilsgeschichte gerecht, letztes fordert den ständigen Rückbezug auf die Manifestation in den jüdisch-antiken Raum um die Zeitenwende. Damit verbunden ist auch die Verwendung wörtlich-philologischer Übersetzungstraditionen (konservierende Funktion) und kommunikativ-idiomatischer Prinzipien der Übersetzung (gestaltende Funktion). Im Folgenden wird deshalb auf die derzeitigen Grundprinzipien und die daraus resultierenden Entwicklungen dieses wissenschaftlichen Zweiges eingegangen. Diese Untersuchung stellt vorbereitende philosophisch-ethische Überlegungen für eine zukünftige Ethik der Bibelübersetzung dar, welche sich an der Geschichte der Bibelübersetzung im Rahmen der Welt- und Kirchengeschichte orientiert.

 

 

Vorwort

Ethische Fragen ergeben sich immer dann, wenn eine Disziplin eine angeregte Diskussion um ihre Zielsetzung und Rahmenbedingungen führt. Dies hat sich in den letzten Jahren im Bereich der Wissenschaft zur Bibelübersetzung gezeigt. Gegenwärtige Diskussionen um kontextualisierte Bibelübersetzungen haben den Eindruck vermittelt, dass bisherige Ansätze in der Christlichen Entwicklungshilfe nicht Fach- und Sachgemäß gewesen wären oder seien. Das hat zu teils erheblichen Verstörungen, sowohl in der globalen christlichen Gemeinschaft, als auch bei lokalen christlichen Institutionen, wie Kirchen, Gemeinden, Organisationen, geführt. Es liegt in der Sache der Natur, dass wenn neue Wege eingeschlagen werden, darum gerungen und gestritten wird. Sachlichkeit und Nachhaltigkeit werden dabei die Geschicke von Entwicklungen lenken und auf lange Sicht Ergänzungen, Veränderungen oder gar Neuausrichtungen bewirken.

Unbestritten ist in der Wissenschaft der Bibelübersetzung, dass eine aktive Sprachgruppe unmittelbaren Zugang zum biblischen Grundtext haben sollte. Gestritten wird jedoch um den kommunikativen Grad einer Bibelübersetzung und damit ob sie bewahrend oder gestaltend wirken sollte.[1] Dabei soll das muttersprachliche Publikum die Möglichkeit bekommen auf ein sprachlich-kulturelles Äquivalent in seinem Kontext zurückgreifen zu können. Auch für muttersprachliche Übersetzer ist das nicht einfach, da „Übersetzen“ ein intuitives Unterfangen ist. Es ist daher sinnvoll neben einer sehr wörtlichen Übersetzung, die grammatische Strukturen der Zielsprache vernachlässigt, eine kommunikativ-kontextualisierte Option mitzugeben. Erste wird eine „vertraute oder verstandene Fremdheit“ in den Text eintragen. Eine solche philologisch-wörtliche Übersetzung bürdet dem Leser / der Hörerin zusätzliche Nacharbeit am Text auf. Die zweite Variante kommunikativ-idiomatischer Übersetzung beinhaltet vorgegebene Interpretationen der Übersetzer und verlangt wörtlich-philologische Rückbezüge auf den Grundtext. Der Leser / die Hörerin erhalten ein sehr umfangreiches Werk. Ob dies überhaupt in einem Werk, im Paratext (Begleittext)[2], oder durch mehrere Bibelübersetzungen geleistet werden soll ist individuell zu entscheiden (s. Fußnote 32).

Wie dem auch sei, die Arbeit an der Bibelübersetzung, als einem sakral-heiligen Text, ruht auf dem Fundament der Einigung und Vereinigung der gegenwärtigen und zukünftigen Gemeinde oder Kirche Gottes in einer Sprachgruppe. Das bedeutet nun nicht, dass alle Mitglieder einer Sprachgruppe der sprachlichen Form ungetrübt zustimmen müssen, aber es bedeutet, dass ein möglichst großer Konsens innerhalb einer sprachlichen Gemeinschaft gefunden werden sollte. Im Ringen um muttersprachliche Bibelübersetzungen – die einzig wahre Bibelübersetzung wird es wohl nie geben –  sind deshalb möglichst viele gesellschaftliche Gruppen ins Boot zu nehmen. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, ob die globale Kirche durch den „einenden sakralen Bibeltext“ eine Einheit entwickeln soll und kann. Die Vergangenheit zeigt, dass unterschiedliche Denominationen und Konfessionen aus ein und demselben Bibeltext schöpfen und sich sogar daraus entwickeln können (z. B. in Deutschland anhand der Lutherübersetzung: die Pfingstkirche; die Pietisten; die römisch-katholische Kirche). Gleichzeitig haben aber Bibelübersetzungen auch Gruppen gespalten (z. B. die Neue Welt Übersetzung der Zeugen Jehovas; die DaBaR-Übersetzung). Betrachtet man das ganze Gefüge, so scheint es noch nicht mal möglich eine größere Sprachgruppe um einen einzigen Bibeltext zu scharen, geschweige denn die globale Kirche. Zu unterschiedlich ist sowohl die Interpretation verschiedener Schrifttraditionen (von Kanonen), als auch einzelner Bibelteile oder von Bibelstellen.

Einen weiteren Punkt bilden historische Entwicklungen in der Christlichen und Kirchlichen Entwicklungshilfe. Die Nähe der Kirchengeschichte zur Geschichte der Bibelübersetzung ist beachtlich. Gemeinde- und Kirchenbewegungen haben entweder neue Bibelübersetzungen und Revisionen hervorgebracht oder sind durch solche entstanden.[3] Auch hier lassen sich ein nachlaufender, sowie ein vorauseilender Faktor ausmachen. Es ist nämlich „glokal“ sowohl auf den „kirchlichen“ Kontext (theologische Komponente), als auch auf den säkularen Bereich (missiologische Komponente) zu achten, in dem Bibelübersetzung stattfindet. Nachlaufend bewirkt Bibelübersetzung die Stärkung eines lokalen kirchlichen Korpus, vorauseilend motiviert sie christliche und säkulare Gruppen sich mit der biblischen Botschaft zu beschäftigen und diese entsprechend sprachlich und kulturell zu kontextualisieren.

Vorüberlegungen zum Wesen der Bibelübersetzung

Die Wissenschaft der Bibelübersetzung agiert unter verschiedensten Prämissen.[4] In Diskussionen wird deutlich, dass sehr unterschiedliche Ansatzpunkte und Zielvorstellungen zugrunde liegen. Diese liegen begründet in:

  • dem Übersetzungsziel (Bandbreite des Übersetzens von „(wort-)wörtlich / interlinearisiert“ bis zu „kommunikativ“; mündliches[5] oder schriftliches Produkt),
  • der Verwendung des theoretischen Übersetzungsmodells, hierzu gehören wörtliche Modelle, Rahmenmodelle, funktionale, das Skopos-Modell, das relevanztheoretische, das massenkommunikative, das kulturelle und das dynamisch-äquivalente Modell,
  • dem Übersetzungsfokus. Soll die Übersetzung Einheimisch werden (domestication) oder Verfremden (indigenization/ foreignisation), also ein Fremdprodukt nach dem Prinzip „verstandene/ vertraute Fremdheit“ bleiben (hiermit hängt zusammen),
  • dem Grad der Kontextualisierung (z. Bsp. Geschlechterfrage, interreligiöser Dialog) und
  • dem geplanten Verteilernetz (z. B. außer-christliche Kreise; elektronische Medien)

Der Begriff „Bibelübersetzung“ umschreibt dreierlei und wird so auch in der Literatur verwendet. Er beinhaltet die Funktion, den Prozess und das Produkt. „Bibelübersetzung“ als wissenschaftliche Funktion umschreibt deren Einfluss und Bedeutung unter missiologisch-theologischen Gesichtspunkten im Rahmen der Kirchen- und Weltgeschichte. Hierbei spiegelt sich sowohl die missiologische Bedeutung als auch die translatorische und humanwissenschaftliche Beschäftigung mit theologischen Inhalten wieder. „Bibelübersetzung“ als Prozess beschreibt den interdisziplinären praktischen Teil dieser Disziplin. Hierzu gehören die einzelnen Schritte, welche historisch nötig waren um das Wort Gottes auf mündlich-hörbare (engl. oral-aural) und schriftliche Weise zu tradieren. Dies umfasst die missiologisch relevanten Entwicklungen in der Geschichte der Kirchen und der Christlichen Entwicklungshilfe. Bibelübersetzung“ als Produkt beschreibt die Entwicklungen rund um die mündlichen[6] und schriftlichen Übersetzungstraditionen biblischer Inhalte. Dabei spielen Textkritik, epistemologisch-hermeneutische Gesichtspunkte und Überlieferungstraditionen eine Rolle.   

Die Bandbreite beim Übersetzen spiegelt sich von höchster Verständlichkeit in der Zielsprache[7] bis zur absoluten Übertragung der grammatisch-wörtlichen Struktur des Originals in die Zielsprache wider. Letztes führt zu einem schwer verständlichen Text, erstes zu einer formalen – nicht funktionalen – Entfremdung vom Original. Oder, wie es Schleiermacher ausdrückte, muss entschieden werden, ob man den Text zum Empfänger transportieren möchte oder ob der Empfänger zum Text hin gebracht wird (zit. in Stöhrig 1963:221).[8]

Je nach Zielsetzung ist ein „Paratext“ (Begleittext) in Form von Kommentaren, Fußnoten oder Querverweisen nötig. Der Begriff der Texttreue oder Bibeltreue (zum Original) wird in der Bibelübersetzung missbräuchlich zugunsten wörtlicher Übersetzungen gebraucht. Die Ursache liegt im altbewährten philologisch-grammatischen Schulübersetzen, welches die Übertragung eines Originals lediglich auf der muttersprachlichen Wortebene versteht. Vergessen wird die kognitiv-epistemologische Übertragung des Textes in die semiotischen und semantisch-grammatischen Ebenen (ausführlich Nord 2011:117,119, 121-122[9])        . Sprachlich-kulturelles Übertragen findet aber im Bereich des Denkens und des Verstehens statt, was sich in der Vorstellungswelt des Publikums reflektiert. Unter anderem ist es Ziel der Bibelübersetzer, dem zweidimensionalen mündlichen oder schriftlichen „Text“ zu einer dreidimensionalen Vorstellung beim Publikum zu verhelfen. Mündliche Traditionen in der Bibelübersetzung stellen einen Weg dar um die Lebendigkeit des Textes zu ermöglichen (z. B. Chronological Bible Storying, Bible narratives, The Prophets Story, Radio), visuell-mediale Darstellungen einen anderen (Drama, Video, etc.).

Missiologische Überlegungen

Missiologische Entwicklungen in der Christlichen Entwicklungshilfe haben dazu geführt, dass heutzutage die lokalen Arbeits- und Erfahrungsgebiete der Bibelübersetzung in der Erforschung nicht-alpha­be­ti­sier­ter Sprachgruppen besteht. Die Revisionsübersetzungen der traditionellen westlichen christlichen Länder repräsentieren nicht mehr alleinig oder unmittelbar die wissenschaftlichen Impulsgeber für die nötige Kreativität und Forschung in der Wissenschaft zur Bibelübersetzung. Dies auch nicht trotz einer langwährenden Geschichte zur Bibelübersetzung. Nichtsdestotrotz, findet ein gegenseitiges profitieren der bestehenden Forschung und den Entwicklungen und Erfahrungen in der Christlichen Entwicklungshilfe statt. Es gibt vor allem auf dem Gebiet der Ausbildung muttersprachlicher Bibelübersetzer ein gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen westlichen Organisationen Christlicher Entwicklungshilfe und lokaler Partner. Das soll jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass nach wie vor eine starke westlich-kirchliche Dominanz besteht, die vor allem – wahrscheinlich nicht zu Unrecht – von lokalen Initiativen als „kolonialistisch“ und „imperialistisch“ empfunden wird (Sánchez-Cetina 2007:392, 398, 408).[10]

Die Zusammenwirkung lokaler Initiativen zur Bibelübersetzung führten zu einer Bewegung der Bibelübersetzung, die auch „Jahrhundert der Bibelübersetzung“ genannt wird (Sanneh 1989:2[11]). Die Interdisziplinarität der Wissenschaft der Bibelübersetzung mit Missiologie, Theologie und einigen Humanwissenschaften führte zu einer sich global ausrichtenden Bewegung. Deshalb kann man von der „glokalen“ Wirkung der Bibelübersetzung in der Christlichen Entwicklungshilfe sprechen. Global werden translatorische, missiologische und theologische Impulse gesetzt, die sich auf der lokalen Ebene im Bereich muttersprachlicher Aktivitäten fortsetzt. Nicht nur, das einheimische Kirchen durch Bibelübersetzungen nach innen gestärkt werden, nein, die Sprach- und Kulturgruppe als Ganzes wird auch nach außen wahrgenommen. Sie entwickelt eine eigene Identität, die sich in „mündlich tradierenden“ (Audio, Video, künstlerische Produkte)  und „Schriftprodukten“ ausdrückt. Dazu gehört vor allem die Fixierung der eigenen mündlichen Tradition (Historie, Liedgut, Geschichten, Poesie, etc.). Es haben sich muttersprachliche Schulsysteme (Erstleseklassen, integrative Sprach-Klassen, etc.), Lese- und Schreibhilfen, Autoren- und Vorlesegruppen und meist auch politische Akteure herausgebildet. Diese Entwicklung bildet den Aktionsrahmen Christlicher Entwicklungshilfe und der Bibelübersetzung ab. Sprach- und Kulturforschung ist zutiefst politisch. Entgegen einer in der Christlichen Entwicklungshilfe gern verbreiteten Ansicht, dass religiöse Betätigung nicht politisch sei, zeigen die Spannungen der zweitausendjährigen Geschichte, dass die Interessen-bezogene politische Einflussnahme auf konsequenterweise folgt. Das bezieht sich nicht nur auf die staatlichen Kirchen (römisch-katholisch, protestantisch, orthodox) sondern auch auf die Freikirchen. Die gegenwärtige Stellungnahme der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) im Hinblick auf die Bibelübersetzung ist eine nach innen gerichtete kirchliche Aktivität (Fußnote 37). Sie wird aber weltweit nicht nur von den Kirchen, sondern auch von staatlicher Seite zur Kenntnis genommen. Die Diskussion um Religionsfreiheit und damit der Menschenrechte[12] stellt eine nach außen gerichtet politische Aktivität dar. Es wäre jetzt müßig die vergangenen kirchlichen Aktivitäten im Rahmen der Expansion der Kirche zu untersuchen, aber immer gab es eine Konfrontation mit staatlichen Mächten. Im Rahmen der Kirchengeschichte erscheinen säkulare Bewegungen, die als Gegenkräfte entweder die christliche Aktivität bekämpfen oder sie sich aneignen (z. B. der Humanismus). Bibelübersetzung ist in gleicher Weise mit imperialistisch-kapitalistischen, also politischen Entwicklungen verflochten (z. B. Ingleby 2010[13]). Dies zeigt sich auch an dem nicht nachgewiesenen Vorwurf, dass amerikanische Organisationen, welche sich mit globaler Bibelübersetzung beschäftigen eine Nähe zu Geheimdiensten nachgesagt wird (z. B. Wiki-Eintrag zu SIL International).[14] 

Insgesamt hat die immer wieder angeprangerte kulturell-linguistische Kontextualisierung, auf der Grundlage der Linguistik und der Anthropologie (im deutschsprachigen Raum auch Ethnologie), einiges verändert (z. B. Morton 2012:11)[15]. Gleichzeitig ist damit aber die Obrigkeit der Theologie als Königsdisziplin der Bibelübersetzung zugunsten der Linguistik, Anthropologie, Sozialwissenschaften und Psychologie verloren gegangen. Dies führt zu einem Unbehagen auf theologischer Seite, welche eine Überbetonung des humanen Einflusses, oder einen Anthropozentrismus, in der ansonsten als geistliche Disziplin angesehenen Bibelübersetzung befürchtet. Damit eng verbunden ist auch ein verändertes Verständnis der Inkarnation und dem göttlichen Vorgang der Inspiration heiliger und sakraler Texte. Heutzutage stehen humane Wissenschaften, Missiologie und Theologie auf einer Ebene um der Sprache, der Kultur, dem gesellschaftlichen Gefüge, sowie dem religiös-ideologischen Empfinden einer Sprachgruppe in der Bibelübersetzung zu dienen.

Skopos und Zielsetzung der Bibelübersetzung

Das Pendel zwischen anthropozentrisch-humanistischem Einfluss und göttlicher Wirkweise schlägt seit Beginn der Kirche immer wieder nach der einen oder anderen Seite aus. In der Vergangenheit wurde darüber gestritten, bis zu welchem Grad ein Text sprachlich von einer sehr wörtlichen Übersetzung abweichen darf (z.B. Cicero 106-43 v. Chr.[16]; Schleiermacher[17]; Störig 1963: xxv Vorwort[18]). Die „wörtlich versus paraphrasierend“-Diskussion fand einen neuen Höhepunkt mit der von Nida (1964; TASOT), Taber und Nida (1969; TAPOT) und später von de Waard und Nida (1986; FOLIA) eingeführten dynamischen Äquivalenz. Dieses Modell wurde von Nida zusammen mit de Waard zur funktionalen Äquivalenz umbenannt, hat sich jedoch bis heute unter dem Begriff dynamische Äquivalenz behauptet[19]. Dies führte in den 1980’er Jahren im anglophonen Raum zu einer Krise der Bibelübersetzung als Wissenschaft, welche ihren Höhepunkt in der „King-James Debatte“ hatte. In Deutschland hat sie mit der in den Jahren 2003-2004 neu angestoßenen Auseinandersetzung um sogenannte „moderne“ Bibelübersetzungen die christliche Öffentlichkeit erregt (Felber, Rothen & Wick[20]). Erfreulicherweise hat sich die Kirche außer zu Studienzwecken nur in sehr seltenen Fällen für eine interlinearisierte oder (wort-) wörtliche Form ausgesprochen (z. B. DaBaR Übersetzung[21]; Münchener Neues Testament[22]). Weitere Übersetzungsansätze beschäftigen sich mit der kognitiven Verarbeitung der biblischen Information beim kommunizieren (Relevanz Theorie), dem funktionalen Aufbau eines Übersetzungsprozesses (Funktionalismus), den referentiellen Verständnisrahmen (Rahmenmodelle; Kulturmodell, massenkommunikatives Modell) oder dem Skopos der Übersetzung (ausführlich Werner 2011:97-192).[23] Der dynamisch-äquivalente, der relevanztheoretische, der kulturelle und einige Rahmenmodelle haben sich im Rahmen der Bibelübersetzung innerhalb der Christlichen Entwicklungshilfe entwickelt. Aufgrund der Vielzahl der Modelle und Theorien ist die Frage der Übersetzungsmethode, bzw. der Zielsetzung (Skopos) einer Bibelübersetzung mehr denn je aktuell.

            Diese Entwicklungen dürfen und sollen nicht darüber hinweg täuschen, dass auch im Bereich der philologisch-wörtlichen Übersetzungsmethoden geforscht wird. Dies beruht auf der Erkenntnis, dass es nicht nur die Eine wörtliche Bibelübersetzung in einer Muttersprache geben kann. Es liegt immer ein interpretativ-intuitiver Anteil zugrunde, welcher zu unterschiedlichen Übersetzungen führt. Das Ziel der philologischen Forschung richtet sich gegenwärtig auf Versuche, die auf Wort- und Satzebene gegebene Information verständlich aber in enger Abhängigkeit des Grundtexts in eine Zielsprache zu übersetzen (Furuli 1999: xvi, 16, 31[24]). Allgemein kann festgehalten werden, dass muttersprachliche Initiativen einer Neuübersetzung bestrebt sind eine wörtliche Bibelübersetzung zu erstellen. Ob die selbige nun als unabhängiges Erstlingswerk, als Begleittext zu einer kommunikativen Bibelübersetzung, oder im Paratext (Begleitmaterial) mitgeliefert wird, findet unterschiedliche Verwirklichung.  

Adressaten, Publikum, Zielgruppe

Eine weitere strittige Frage in der Bibelübersetzung ist nach wie vor, wem eine Bibelübersetzung dient und für wen sie gedacht ist oder kontextualisiert werden darf. Unbestritten ist dabei das anthropozentrische, also menschliche Tun – wenn auch unter Erbitten des göttlichen Beistandes – in der theologischen Exegese der Grundtexte und dem anthropologisch-linguistischen Erfassen der Zielsprache. Doch bleibt es eine die Gemüter spaltende Frage, ob die Heilige Schrift,

  1. allein durch die Kirche
    • vermittelt (Predigt und Exegese) und
    • übersetzt oder
  2. auch unter Beteiligung (Kirche hat Leitung) oder
  3. sogar unter der Leitung nicht-christlicher Initiativen in eine Muttersprache übersetzt werden darf (Kirche begleitet das Projekt von außen).

Dahinter steht die grundsätzliche Frage, ob dieser den Christen heilige Text nicht allein durch seinen Inhalt über das göttliche Reden und Zuspruch[25] in das Sakrale der Kirche gehört. Konsequenterweise wäre sie dann dem Bereich des Alltäglich-Profanen entzogen. Mit anderen Worten, stellt sich die Frage ob Bibelübersetzungen, die für den liturgisch-sakralen Bereich der Kirche erstellt wurden, wesentlich von sogenannten missiologischen „Erst- oder Neuübersetzungen“ abweichen sollen und dürfen. Darf die ideologisch gefärbte missiologische oder theologische Zielsetzung die Aussage einer Bibelübersetzung beeinflussen oder gar bestimmen, und bis zu welchem Grad?[26] Weitergedacht wären die Theologie, und unabhängig davon ebenso die Missiologie, herausgefordert sich vom Alleinanspruch des verbindlichen Umgangs mit der Bibel zu lösen. Beide Disziplinen müssten sowohl sich selbst als auch die Bibel dem Zugriff und der Erkenntnis menschlich-anthropozentrischer und nicht-christlicher wissenschaftlicher Erträge öffnen. Auch wenn es so scheint, dass sich dieser Wandel in der Bibelübersetzung bereits vollzogen hätte, so weisen doch viele tiefgreifende Resistenzen gegen außerkirchliche Bibelübersetzungen auf eine andere Realität hin. Hinzu kommt, dass die westliche Kirche, nur bedingt eine kreativ-dynamische selbständige missiologische Denkrichtung, losgelöst von den gängigen theologischen Grundausrichtungen entwickelt hat. Ein weiterer Faktor dieser Fragestellung betrifft den Anspruch das göttliche Wort ganzheitlich in das Leben des Individuums und des Kollektivs der Kirche umzusetzen. Dieser als „Wachstum im Glauben“ (1Petr 2.2; 2Petr 3:18) bezeichnete Prozess bringt eine zusätzliche anthropozentrische Komponente ins Spiel. Die Umsetzung erkannter geistlicher Wahrheiten überbrückt die Distanz zum göttlichen Raum. Nur eine theologisch vorgefärbte Reich-Gottes-Lehre ermöglicht den erkenntnistheoretischen Zugang in diesem Bereich. Eine solche theologische Sichtschlägt sich in der Bibelübersetzung nieder.

Theologische Engführung – Missiologische Breite

Missiologie und Theologie sind bewusst ineinander verzahnt und bedingen sich gegenseitig. Dies zeigt die gegenwärtige Diskussion um die transformative Theologie, die eigentlich einen missiologischen („missionalen“) Ansatz aufgreift, aber aus theologischer Sicht begutachtet und kritisiert wird. Erwähnenswert ist hier der „Tübinger Pfingstaufruf“ initiiert von Peter Beyerhaus (2013).[27] Auch Bosch verknüpft die Missiologie eng mit der Theologie, sieht aber schon 1990 die Zersplitterung der Theologie in vielfältige lokale Ansätze (1990:3-4).[28] Die südamerikanischen „befreiungstheologischen“ und auf der afrikanischen „schwarzen Theologie“ basierenden Ursprünge sind in einigen missiologischen Ansätzen nicht mehr erkennbar. So beklagte der afrikanische Missiologe Mbiti die Abwesenheit und Abneigung der afrikanischen Kirchen an theologischen Entscheidungen, da sie sich auf Christliche Entwicklungshilfe konzentrierten (Mbiti 1969:232).[29] Ungeklärt ist bis heute das Defizitäre einer solchen Ausrichtung, würden westliche (theologische) Einflüsse nicht geltend gemacht. Die Forderung einer theologischen Begründung über missiologische Ansätze ist oft mit theologischen Vor-Beurteilungen verbunden (siehe die gegenwärtige Diskussion um „transformative Theologie“).

Kreative und dynamische Ansätze in der Bibelübersetzung, die dem Zielpublikum dienen und Zielgruppen-orientiert ausgerichtet sind (HUP[30]), kommen aufgrund theologischer Bedenken nicht zum Zuge. Es kann hier auf die gegenwärtige Diskussion um sogenannte Religion- oder Kultur-kontextualisierte Bibelübersetzungen verwiesen werden (kritisch dazu u. a. Lingel, Morton & Nikides 2011[31]). Dabei werden religions- oder kultureigene Identitätsmerkmale in den übersetzten Text aufgenommen, wobei gleichzeitig der interlinearisierte Grundtext dem Publikum mitgeliefert wird (Werner 2012[32]). Die Abweichungen beider Texte voneinander werden im „Paratext“ (Begleittext) mittels Fußnoten, Kommentaren, Querverweisen oder Glossaren gekennzeichnet.[33] In manchen Diskussionen wird diese Form der Kontextualisierung (auch als „hochspektral“ oder „transformativ“ bezeichnet) mit der Transformativen Theologie und neueren sozial-diakonisch ausgerichteten missiologischen Ansätzen gleich gesetzt (z. B. Beyerhaus 2013:7-9).[34] Die Motivation für die kontextualisierte Bibelübersetzung bildet die Hinführung des Publikums zum biblischen Grundtext (s. o. domestication).

Unbestritten ist, dass sich Bibelübersetzung und das theologisch-hermeneutische Verständnis der Heiligen Schrift gegenseitig beeinflussen. Solches basiert auf Intuition und Interpretation von Seiten des Teams der Bibelübersetzer. Jede Art von Übersetzung folgt der Intuition und Ideologie ihrer Übersetzer.[35] Die theologischen Grundlagen reflektieren sich beim Übersetzen. Im missiologischen Raum sollte das eigene theologische Verständnis aus kommunikativen Gründen für andere religiös-kulturelle Vorstellungen geöffnet werden. Der Grad der Öffnung wird vom Skopos der Beteiligten bestimmt. In kontextualisierten Bibelübersetzungen soll der mitgelieferte Paratext behilflich sein Rückschlüsse auf den Grundtext und andere Übersetzungsmöglichkeiten zu nehmen (z. B. philologisch-wörtlich oder interlinear). Es ist somit nicht das erklärte Ziel eine transformative Hermeneutik zu transportieren, die auf ein sozial-diakonisches Verständnis ausgerichtet wäre.

Wie auch immer, aus der Bandbreite missiologischen Ausprobierens wird deutlich, dass anthropozentrische Ansätze an Bedeutung in Missiologie und Theologie zunehmen. Dem Verständnis und der Bedeutung des Menschen als Imago Dei wird dabei große Verantwortung übertragen. Die Kehrseite dieser Entwicklung wird als Abkehr vom Göttlichen betrachtet. Eine ethische Rahmendefinition ist bei dieser kreativen Entfaltung von Interesse.

Die globale Kirche, als Hüterin der Schrift und Bewahrerin der inneren Ordnung christlicher Lebensgestaltung, ist gefordert sich mit diesem kreativ-dynamischen Denken produktiv auseinanderzusetzen. Dabei ist zu bedenken, dass es sich größtenteils um ein innerkirchliches oder der Kirche nahe stehendem Gedankengut handelt.[36] Diese Ansätze können für sich in Anspruch nehmen ebenso auf einem biblisch-fundierten Verständnis aufzubauen, wie es die Kritiker für sich in Anspruch nehmen. Sie reflektieren eine Theologie über andere Religionen, die sich um Annäherung bemüht und somit inklusivisch ausgerichtet ist. Im Gegensatz hierzu stehen die teilweise zum Exklusivismus der eigenen Position, als dem „wahren“ Christentum neigenden, ablehnenden Positionen. Ob es hier eine Mittelposition oder Annäherung geben kann ist ungewiss.[37]

Ethische (philosophische) Reflexionen zur Bibelübersetzung

Der „Geist“ dieser Entwicklungen wird in philosophischen Überlegungen reflektiert. Obgleich der Begriff der „Postmoderne“ gerne als Prädikat neuerer Entwicklungen herangezogen wird, scheint er unterschiedlich, und teilweise gegensätzlich, verwendet zu werden. Er wird in der Öffentlichkeit so breit definiert, dass er von daher nicht zu gebrauchen ist, sondern von seinen Auswirkungen her verstanden werden muss. Der Begriff Postmoderne wird deshalb hier von seinen materiellen und immateriellen Auswirkungen her benutzt. Globalisierung, freie Marktwirtschaft, Demokratisierung, Kapitalismus, sowie die gegen diese Entwicklungen gerichteten Kräfte gehören dazu. Diese Gegenkräfte der Postmodernen, werden aber gerne beschönigt. So sind der internationale Terrorismus, die internationale Kriminalität, die Anti-Kapitalismusbewegung, die sozialistisch-kommunistische Bewegung, sowie die Zersplitterung in immer kleinere nationalstaatliche Gebilde Teil der Entwicklung.

In diesem Artikel ist der Blick auf den Bereich der Wissenschaft der Bibelübersetzung gerichtet. Andere Gebiete wie Evangelisation, Sozialisation, Märtyrertum, Kirchen- oder Gemeindebau entwickeln ähnliche, jedoch disziplinorientierte Funktionen und Wirkungen. Disziplinüberschneidungen sind gang und gäbe.

Philosophie wird als Ertrag gegenwärtiger Geisteshaltung in Bezug auf Bibelübersetzung gewertet und weniger als eine pragmatische und vermittelbare Ideologie, der sich eine Person oder Gruppe ideologisch verschrieben hat. In diesem ersteren Sinne handelt es sich um ein dynamisches Gebilde, welches immer nur eine zeitlich begrenzte Momentaufnahme darstellt. Gegenwärtige Tendenzen werden analysiert und in einen größeren Zusammenhang gestellt.

Ethik bildet den normativen Rahmen eines moralischen Seins in Relation zu einem angestrebten Ideal ab.[38] Dabei spielen gesellschaftliche Zwänge und Verpflichtungen, wie Normen und Werte, und das individuelle Lebensumfeld (sozialer Status, Gewissensprägung, Enkulturation) prägende Elemente. In der Bibelübersetzung treffen die ethischen Vorstellungen der antiken Verfasserkulturen, der Übersetzungsprojekt-Leitung und der Zielgruppe aufeinander. In den Übersetzungsprojekten der christlichen Entwicklungshilfe, die sich auf linguistisch-anthropologische Erkenntnisse über eine Ethnie beziehen, wird von muttersprachlichen Übersetzern, deren ethisch-weltanschaulicher Rahmen betont. Die langfristige christliche Prägung einer Ethnie setzt als Folge der Bibelübersetzung in den meisten Fällen erst als nachlaufende Entwicklung ein.

Bibelübersetzung, als Prozess und Produkt wirkt in ihrer Funktion meinungsbildend und gewissensprägend. Dies hat sie mit anderen Religionen gemeinsam (z. B. Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus), die einen zentralen mündlich tradierten (s. Fußnote 5) oder schriftlichen „Heiligen Text“ aufweisen. Abgeleitet aus dem innerbiblischen Zeugnis und der kirchlichen Lehre, spricht der Heilige Geist den Menschen an und nimmt bei ihm Einzug (Psalm 51:11; Mar 1:8; Luk 12:12; Joh 14:26). Konversion als Umkehr oder Bekehrung geschieht entweder

a) durch die Überlagerung oder durch die Ablehnung alter ideologischer oder glaubensmäßigen Inhalte, und

b) der Neuausrichtung auf Inhalte, die sich aus der Erkenntnis biblischer Inhalte ergeben.

Eine individuelle wie auch kollektive Glaubenserfahrung, ergibt sich aus dem als „göttliche Heilsgeschichte“ erkannten Inhalt (s. Fußnote 36). Dem Erkennenden oder Gläubigen eröffnet sie sich als Kernaussage der biblischen Offenbarung. Bindendes Glied ist dabei

  1. die Erkenntnis von Schuld, Sündhaftigkeit und einem Unrechtbewusstsein gegenüber einer höheren Macht (Gewissenskonflikt),
  2. die Suche und Erkenntnis eines Erlösungsweges über die Annahme göttlicher Vergebung und
  3. die langfristige Ausrichtung auf jüdisch-christliche Moralvorstellungen, wie sie von der Bibel her im jeweiligen linguistisch-kulturellen Umfeld definiert werden.

Als minimaler gemeinsamer Nenner gilt dabei die Annahme der Vergebung der Sünden im Erlösungswerk der Person Jesus Christus (Apg 17:3; 1Kor 8:6; Phil 4:7).

Die erkenntnistheoretische Erarbeitung der göttlichen Offenbarung geschieht durch den verstandesmäßigen Zugang zum Wort Gottes. Göttliches Handeln als Wirkung des Heiligen Geistes vermischt sich mit der anthropozentrischen und verstandesmäßigen Erkenntnisfähigkeit des Erkennenden oder Gläubigen. Dass dieses in Gebet und Respekt vor dem religiös-göttlichen Inhalt des Heiligen Textes geschieht, ist eine willentliche Entscheidung. In solch einem anthropozentrischen Prozess spiegelt sich jede religiöse Wahrnehmung heiliger Texte wider. Im Übrigen begegnen sich auf dieser Ebene alle Religionen im Umgang mit den ihnen eigenen heiligen Texten. Nebenbei bemerkt ist die Polemik auf dieser Ebene gegen das Christentum, aber auch aus dem christlichen Lager im Hinblick auf andere Religionen respektlos. Diese Polemik wird nicht den Vorbildern des Jesus von Nazareth, wie auch anderer religiöser Mittler gerecht. Das menschliche Zutun im Hinblick auf das Göttliche darf nicht die Vorleistung des stellvertretenden Erlösungswerkes vergessen. Erst die kenotische Hinwendung des Jesus von Nazareth an die Menschheit und den einzelnen wird die Eigenverantwortung der Umkehr und des christlichen Lebensvollzugs deutlich.

Das Gewissen religiöser Menschen ist dabei für Erkenntnisse aus ihren jeweiligen Heiligen Schriften offen. Im christlichen Raum wird der Prozess des gewissenhaften Erkennens in Anlehnung an die petrinische Formel aus 1Petr 2:2 und 2Petr 3:18 mit „Wachstum im Glauben“ bezeichnet. Sie wird so breit verstanden, dass letztendlich alle gesammelten Erfahrungswerte darunter fallen. Es darf auch kritisch hinterfragt werden, ob hier ein organisches Wachstum nach Qualität oder aber Quantität gemeint ist. Geht es um Wissensanhäufung, um Erfahrung, oder gar um „Vergöttlichung“ des Denkens in einem mythischen Sinn. Petrus selbst bezieht die Formel auf eine Wissensansammlung und Umsetzung aus den Heiligen Schriften. Diese Vereinfachung beschreibt nicht abschließend die Komplexität der Nachfolge, um standhaft und zielorientiert der Lehre des Jesus von Nazareth anzuhängen. Wie auch immer, die fortlaufende und dynamische Prägung des Gewissens ist ein entscheidender Faktor bei der Konversion und dem Lebensvollzug religiöser Traditionen.

Vorauseilende und nachlaufende Funktion der Bibelübersetzung als Wissenschaft

Die weltweite Kirche und Gemeinde (Corpus Christi) hat einen zweifachen Auftrag. Als Hüterin der Heiligen Schrift soll sie zum Einen deren Inhalt konservierend bewahren und die Geschichte des jüdisch-christlichen Gottes mit Israel und der Gemeinde überdauernd tradieren (nachlaufende Funktion). Zum Zweiten ist sie zur Verbreitung dieses Inhalts auf dynamische und progressive Weise beauftragt. Zielrichtung ist es die ganze Welt kultur- und sprachangepasst mit biblischen Inhalten zu erreichen (vorauseilende Funktion). Gleichzeitig kontextualisiert die lokale Gemeinde die biblischen Inhalte in ihr sprachlich kulturelles Umfeld hinein. Solches geschieht im Rahmen interner Kontextualisierung. Diese Form der nachlaufenden Orientierung geschieht ganz automatisch im Rahmen der Homiletik und Evangelisation. Dem entspricht die externe Kontextualisierung in der christlichen Entwicklungshilfe, in welcher die Bibelübersetzung selbst kirchliche Strukturen generiert. Diese Orientierung folgt der vorauseilenden Funktion. Beide Ausrichtungen dienen der Kirche (christlichen Gemeinde) und werden deshalb aus ihr heraus gefördert oder begleitet (s. Abbildung 1). Rein übersetzungstechnisch können Bibelübersetzungen durchaus ohne christliche Beteiligung gefertigt werden, wie z. B. biblische Studientexte im islamischen Religionsunterricht beweisen. 

Wenn die zweifache nachlaufende und vorauseilende Ausrichtung fehlt, dann würde man wie im Islam von einer unmittelbaren direkten göttlichen Offenbarung ausgehen, deren Abbild an göttlicher Stelle als Ur-Offenbarung gelagert ist. Diese wäre nicht übersetzbar, da sie Teil und Abdruck der Göttlichkeit selbst ist.[39] Die Inlibration der qur’anischen Offenbarung darf aber nicht als statisches Element gedeutet werden, vielmehr gewinnt er in der Rezitation einen geistlichen Resonanzkörper, welcher mit Leben gefüllt wird. In der Rezitation wird der Qur’an kontextualisiert, mancherorts sprachlich, allerorten aber kulturell (Neuwirth 2007:44-45).[40] Sie wird deshalb auch als Imitatio des Propheten Mohammed verstanden.[41] Der Rezitation des Qur’an und ihrer Auswirkung entspricht im Christentum die Homiletik und Evangelisation (siehe unten). Der Vorgang der Kontextualisierung verlagert sich sowohl bei der Rezitation und deren mündlich-im Hören ausgelegte Interpretation, als auch beim Homilet und Evangelist auf deren Publikum (vorauseilende Funktion der Bibelübersetzung).

Zur Orientierung an den nachfolgenden Ausführungen dient Abbildung 1.

Abbildung 1 Orientierungen der „glokalen“ Bibelübersetzung

 

Inspiration und Bibelübersetzung

Die autoritativen Schriften des Judentums (Hebräische Bibel) und des Christentums (Neues Testament) sind mittelbare Offenbarungen menschlicher Autoren. Solches wird für die biblischen Schriften angenommen und baut auf einem offenen Inspirationsverständnis auf. Das Inspirationsverständnis der Heiligen Schrift ist schwer zu greifen, da eine Verbal- oder Diktatinspiration aufgrund der textkritischen Funde und dem Fehlen eines „Ur-“Textes nicht umfassend greift. Versuche, die Verbalinspiration auf die Autoren zu übertragen (z. B. die Chicagoer Erklärung[42]; Jeising 2012:35-55; Peters 2012:148-153[43]), versäumen gleichzeitig die darin inbegriffene Fehlerhaftigkeit menschlichen Handelns zu betonen (Mildenberger 1992:22[44]). Die Chicagoer Erklärungen gerieten jüngst ins Blickfeld der Deutschen Evangelischen Allianz. Von dort wurde gewarnt diese als „entscheidenden Maßstab der Bibeltreue zu erheben“ (s. Fußnoten 42, 68). Dabei ist zu bemerken, dass die Chicagoer Erklärungen auch Spielraum lassen um andere Inspirationsformen zu definieren.

Im Bereich der Bibelübersetzung wird die Frage der Inspiration noch schwieriger, da Bibelübersetzer ihr Produkt oder auch den Prozess des Übersetzens seltenst als inspiriertes und von Gott direkt geleitetes Handeln betrachten (dem Autor ist kein solches Zitat bekannt). Selbst Anhänger der Verbalinspiration (siehe oben) vermeiden es eine Bibelübersetzung als inspiriertes Werk zu bezeichnen. Das gesteht man nur dem vortextkritischen „Ur-“Text zu, der sich unserem Zugriff entzieht und im „Grund-Text“ reflektiert wird. Nichtsdestotrotz eröffnet sich den Jesusnachfolgern die Inspiration als Glaubenswahrheit. Dies ermöglicht ihnen die göttliche Einflussnahme auf den Grundtext und auf dessen Übersetzung zu deuten. Schrift wird so zur Heiligen Schrift. Dem Grunde nach offenbart sich ihnen Inspiration als Erfahrungs- oder Wirkinspiration (näheres dazu unten).

            Das bedeutet nun gerade nicht, dass der uns vorliegende Grundtext kein göttlich inspiriertes Werk sein könnte, sondern dieser Ansatz drückt lediglich aus, dass sich das Phänomen der göttlichen Inspiration der Erkenntnis des Menschen entzieht. Hinweise auf göttliches Wirken und Reden finden sich in den biblischen Schriften:

  • Formulierungen wie „Gott spricht“ (z. B. 1Mose 26:2; 2Mose 6:6; Jes 40:1),
  • die wörtliche Zitierung Gottes (z. B. 2Mose 5:1; 9:1),
  • die Reden der Propheten als göttlich Gesandte oder zuletzt des Christus als menschlicher Repräsentant göttlicher Transzendenz (ausführlich Pache 1967:74-75; siehe auch Fußnoten 42, 43, 63,68),

zeugen vom Anspruch überweltlicher Offenbarung. Offen bleiben dabei der Weg und die Materialisierung der Inspiration in den mündlichen und schriftlichen Traditionen. Gerade der Übertragungsweg durch Menschen im Reden, Hören und Niederschreiben der Traditionen umschreibt dieses Phänomen nur vage (s. Abbildung 4).

Während die textkritische Pflege des Grundtextes und dessen philologisch-exegetische Übersetzungen dem ersten Auftrag des Konservierens entsprechen, erfüllen sprachlich-Ziel­grup­pen-­orientierte Ansätze der Bibelübersetzung den zweiten Auftrag der Multiplikation. An dieser Stelle sei betont, dass sich beide Aufträge ergänzen und nicht ausschließen. Ein Balanceakt ergibt sich darin, ob das Zielpublikum, das sind die Adressaten, an den biblischen Grundtext herangeführt werden, oder ob man den Grundtext in angepasster Form an die Empfänger annähert. Letzteres mit der Zielsetzung „erlebte“ oder „gelungene Kommunikation“ zu verwirklichen. Niemand nimmt der weltweiten Kirche diese Verantwortung ab, sondern sie obliegt ihr und den ihr zugehörigen Individuen.

Es zeigt sich in der Kirchengeschichte und der Geschichte der Bibelübersetzung, dass ein konstruktives Miteinander philologisch-verbaler und kommunikativer Bibelübersetzungen das übergeordnete Ziel in der Christlichen Entwicklungshilfe darstellt. Dabei spielen wörtliche Übersetzungen meist in der Erstübersetzungsphase eine wichtige Rolle. Muttersprachliche Übersetzer wollen keine Fehler machen und transportieren den Text möglichst nahe an den Grundtextsprachen. Da diese Phase die junge muttersprachliche Kirche prägt werden spätere kommunikative Bibelübersetzungen zuerst theologisch kritisch betrachtet. Jedoch, erst in der Vielfalt Zielgruppen-orientierter Bibelübersetzungen verwirklicht sich selbständiges und sich vervielfältigendes kirchliches Leben. Aufgrund dieser Blickrichtung wäre es ein Fehler sich nicht den gesamten Kontext, der einer Sprach- oder Kulturgruppe zugänglichen biblischen Schriftoffenbarungen, sowie dessen kirchengeschichtlich-politischen Hintergrund anzusehen. Im Hinblick auf die oben aufgerissene Fragestellung um die Diskrepanz theologischer Engführung und missiologischer Breite gilt dies umso mehr. Es ist daher mit Vorsicht zu genießen wenn theologisch-missiologische Aufbrüche in anderen Teilen der Erde theologisch abgelehnt werden, wenn sie geeignet sind die westliche Theologie herauszufordern.

Nachlaufende Funktion der Bibelübersetzung

Im Einzelnen soll die oben erwähnte nachlaufende Funktion der Bibelübersetzung nun näher betrachtet werden. Der konservierende Auftrag zur Tradierung der biblischen Inhalte bezieht sich sowohl auf die mündliche als auch auf die schriftliche Tradition der Heiligen Schrift. Die Grundlage bilden der „Text“, welcher als Grundtext vorliegt, sowie die mündliche Tradition, welche sich aus den Auslegungen zur Hebräischen Bibel ergeben. Mündliche Tradition führt sich zum einen auf die ursprüngliche Tradierung der gesamtbiblischen Texte als Hörensagen zurück. Dies beinhaltet die Ereignisse der Schöpfung, der Erzväter, der Geschichte Israels und später darauf aufbauend des Messias Jesus von Nazareth und der Kirche als Leib des Christus. Hierbei müssen außerbiblischen Quellentexte zu Inhalten der Hebräischen Bibel und des Neuen Testaments einbezogen werden. Zum anderen gehören zum „Text“ auch implizierte kommunikative Inhalte (Implikaturen), ableitbare Prinzipien und Zeitzeugen über die biblischen Ereignisse. Im Vergleich und unter Beachtung außerhalb liegender Zeugen kommen die biblischen Inhalte zur Geltung. Dies wird nun im Einzelnen dargestellt.

            Versuche, die mündliche Tradition z. B. der Evangelien wieder her zu stellen gibt es einige (z. B. Lamsa 1963; Schwarz & Schwarz 1993[45]). Beim Versuch der Rückübersetzung stößt man immer wieder auf die historische Grenze des intuitiv-interpretierten Kontextes der Niederschrift. Ein objektiver Rückblick ist nur mit großen Unsicherheiten möglich. Wie auch immer, es ist eindeutig, dass den heutigen Kanones der Grundtexte eine mündliche Tradition vorausging. Dabei wurden Inhalte formuliert, interpretiert und in innere und äußere Zusammenhänge gestellt. Nach der Zusammenstellung der Kanones wurden diese gemäß der Größe oder Länge der Schriften geordnet und folgten so dem antiken Vorbild. Daraus entstand die reformatorische Vorlage, die mit wenigen Veränderungen heutigen Bibelübersetzungen als Vorbild dient.[46] Die mündliche Tradierungsgeschichte hat ihre Spuren am schriftlichen Text hinterlassen, was in der Wissenschaft der Bibelübersetzung zu beachten ist.

            Die heutige Tendenz und Notwendigkeit, in der Christlichen Entwicklungshilfe mündlicher Bibelübersetzungen als narrativem Hörprodukt (z. B. Chronological Bible Storying), Videoproduktionen (z. B. Jesus-Film) oder kreativer Darstellungen (z. B. Tanz- oder Theatervorführung), gehen ebenfalls den Weg der Rückübersetzung.[47] Sie gehen dabei die Gefahr der Interpretation des „Textes“ ein. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass epistemologisches Erkennen und hermeneutisches Auslegen immer interpretiert (s. Abbildung 4). Aus diesem Grund sollte die Frage eher sein, welche Mechanismen als Rahmen dieser notwendigen Interpretation geeignet und gewünscht sind.

Zur nachlaufenden Funktion der Bibelübersetzung gehört auch ihr kirchenprägendes Moment. Dies umfasst sowohl die Stärkung und Festigung bestehender Gemeinschaften, als auch die Sammlung der globalen Kirche um die biblischen Kanones. Kernstück der Einheit bildet das Leben und Werk des Jesus von Nazareth, oder Jesus Christus, dem Namensgeber des Christentums (Apg 11:26). Aus diesem zentralen Element heraus entwickelte sich die Geschichte der Christenheit in ihrer theologischen und missiologischen Ausrichtung. Der biblische Grundtext und die ihn umgebenden Traditionen repräsentieren in der nachapostolischen Phase der alten Kirche die alleinigen Grundlagen bei der Entwicklung und Weitergabe theologischer Inhalte. Aus diesem Grund stellt deren Konservierung als biblische Inhalte das Fundament der globalen Kirche und ihrer lokalen Institutionen dar („glokale“ Bedeutung; s. Abbildung 1).

Hierbei ist nicht eine einzelne Bibelübersetzung als Liturgietext (z. B. Lutherbibel) maßgeblich, sondern das gesamte Verständnis der Gläubigen in Form der Übereinkunft. Im Rahmen der gesamten Gemeinschaft entsteht ein kollektives Verständnis biblischer Inhalte als auch das individuelle Erkennen. Gleichwohl kann eine spezielle Bibelübersetzung aus gruppendynamischen Gründen als Gemeinschaftsmitte angesehen werden. Das gemeinsame Rezitieren und Memorieren eines Textes als Gemeinschaftsleistung hat eine gruppenstärkende Funktion. Es ist daher für größere kirchlichen Gemeinschaften zu empfehlen sich auf eine Textbasis ihrer ritualisierend festgelegten und wiederkehrend wiederholten Texte festzulegen (z. B. Psalm 1 und 23; Vater Unser; 1Mose 1:1-3 und Joh 1:1-4).

Ohne Zweifel ist der Zugang zum althebräischen, altaramäischen und Koiné-griechischen Grundtext im eigenen sprachlichen Idiom von zentraler Wichtigkeit. Dies zeigen sowohl die frühen Übersetzungen (z. B. ins Gotische, Slawische, Aramäische), als auch das mit John Wycliff und später in der Reformation verdeutlichte Verlangen muttersprachlichen Zugangs an biblischen Inhalten. Es ist dem Menschen durchaus möglich auf philologisch-wörtlicher Ebene einer Übersetzung zu folgen, die der grundtextlichen grammatischen und wörtlichen Struktur folgt. Solche interlinearen oder wörtlichen Übersetzungen bedürfen jedoch der Interpretation durch die Kirche. Diese interne Kontextualisierung hat eine lange Geschichte (z. B. Lücke 1823[48]), sie findet in der Exegese und Auslegung statt. Die Homiletik und Evangelisation transportiert die biblischen Inhalte in die betreffenden sprachlich-kulturellen Kontexte. Rückblickend auf die reformatorische Leistung wird aber auch deutlich, dass kommunikative Prinzipien nach leicht verständlichen Übersetzungen verlangen. Die zu Lebzeiten Luthers erfolgten 39 Revisionen waren der Exegese, aber auch dem kognitiven Verständnis der Leser und Hörerinnen der biblischen Inhalte geschuldet (Metzger 1993:230-231; Lücke 1823).[49] Zudem repräsentiert eine Erstübersetzung immer auch einen Impuls zu weiteren Übersetzungen, da sie zu Korrekturen, Anpassungen und anderen Veränderungen im Translat anregt (s. Abbildung 3).  

Es ist dieses nachlaufende konservierende Element der Bibelübersetzung, welches zu ständigen linguistisch-kulturellen Revisionen und Adaptionen des Bibeltextes führt. Da sich menschliche Sprache und Kultur in einem laufenden Veränderungsprozess befindet, muss auch das kommunikative Gewand der biblischen Inhalte weiter entwickelt und angepasst werden. Diesem Sprach- und Kulturwandel entspricht die Zielgruppen-orientierte Ausrichtung auf kleinere Spracheinheiten innerhalb eines größeren Kulturgebildes. In den Revisionsprozess fließen gleichzeitig neue Erkenntnisse der Textkritik und Archäologie ein, da der Anspruch einer Bibelübersetzung auf Aktualität gegeben sein muss. Die Revision bildet einen wichtigen Bestandteil der konservierenden Funktion der Bibelübersetzung. Auf der einen Seite gewährleistet sie einer Sprachgruppe einen moderaten Zugang zum biblischen Inhalt, auf der anderen Seite kontextualisiert sie auf dynamisch-kreative Weise den Inhalt in die Gegenwartssprache und –Kultur der Empfänger. In der Revision generiert das Team der Bibelübersetzer den Schrifttext auf aktualisierte Weise in das Jetzt und bereitet damit zugleich den Weg in die Zukunft vor. Revisionsarbeit ist Tradierungsgeschichte, egal ob mit einer Revision eine Tradition fortgesetzt wird (z. B. Luther-Übersetzung; Einheitsübersetzung) oder ob eine kreative Übersetzungstradition begonnen wird (z. B. Volxbibel, Insel-Übersetzung).

Neue Traditionsformen, wie z. B. Online-Bibeln, Hörbibeln oder mediale biblische Produkte bilden kreative Wege um Zielgruppen-orientiert den biblischen Text nahe zu bringen. Dabei geben die Empfänger selbst die kommunikativen Rahmenbedingungen vor. Für die jeweilige Zielgruppe werden Kommunikationsbedingungen festgesetzt, die den Rahmen der Übersetzungsentscheidungen bilden. Diese Rahmenbedingungen stellen den Funktionsplan der Übersetzung dar (Nord 2001:11-12, 29; 2003:10).[50] In funktionalen Modellen der Übersetzung bestimmt der Skopos (die Zielsetzung) der Übersetzung diese Rahmenbedingungen. Ein Übersetzungsplan legt die Richtlinien zwischen den Übersetzern, dem Auftraggeber und den Empfängern dar (ebd.). Die ethische Verantwortung liegt jedoch bei den Übersetzern und wird im Übersetzungsplan dargelegt. In diesem Plan wird auch festgelegt, ob es sich um eine interlineare, eine philologisch-wörtliche oder um eine kommunikativ-idiomatische Übersetzung handeln soll. Das Verständnis von Kommunikation und die daraus geschlossenen kommunikativen Strategien sind den Beteiligten ebenso darzulegen.

Der Grundsatz des philologischen Schulübersetzens „so treu wie möglich und so frei wie nötig“ reicht dabei nicht aus das Verständnis darzulegen, da er unklar ist. Die Absicht des Autors eines Textes, der diesen Text ja mit einer Intension geschrieben hat, würde im wörtlichen Wiedergeben unterschlagen (Nord 2011:117, 119, 121-122). Nord schlägt deshalb Loyalität und Funktionsgerechtigkeit als Parameter der Übersetzung vor.[51] An anderer Stelle wird im Rahmen des historischen Rückblicks der Übersetzungswissenschaft von der Unsichtbarkeit der Übersetzer gesprochen und von deren Einfluss auf die Übersetzung (Venuti 2008:1, 4-5).[52] Gemeint ist damit, dass je flüssiger eine Übersetzung zu verstehen ist, desto deutlicher kommt der ursprüngliche Autor des Werkes zu Worte. Aufgrund dieser Aussage verpflichtet sich Venuti allein dem Original und lässt dabei die Frage nach dem Modell der Übersetzung offen. Loyalität als ethischer Maßstab ist sehr gut geeignet um den Beteiligten an der Übersetzung gegenseitiges Vertrauen zu schenken. Loyalität versteht sich gegenüber dem Original, dem Translat und den am Übersetzungsplan beteiligten. Funktionsgerechtigkeit beschreibt dabei die im Übersetzungsplan festgelegten translatorische Ziele. Entscheidend ist, dass der Übersetzungsprozess funktional abläuft. Aus ethischer Sicht bildet der funktionale Ansatz eine gruppenbezogene, an kollektivem Mitspracherecht ausgerichtete Theorie an.

Nachdem die kirchenstärkende Funktion der Bibelübersetzung besprochen wurde, tritt nun die vorauseilende und gestaltende Funktion in den Mittelpunkt.              

Vorauseilende Funktion der Bibelübersetzung

Neben dem nachlaufenden konservierenden Element der Bibelübersetzung und damit dem kirchenaufbauendem und –stärkendem Element findet sich auch das kirchengründende und –gestaltende. Diese wird in der vorauseilenden Funktion der Bibelübersetzung abgebildet. Damit ist das Anliegen gemeint, in der Bibelübersetzung über die Person Jesus von Nazareth und sein Lebenswerk zu informieren. Rund um diese in den Evangelien, und den neutestamentlichen Briefen vermittelte Information, gruppiert sich die Geschichte der Kirche und ihrem Vorgänger dem Volk Israel. Mit dem Ausdruck Heilsgeschichte wird zwar heute vieles verbunden, jedoch ist damit immer noch grob die Bezeichnung für den roten Faden der Zuwendung und Offenbarung der jüdisch-christlichen Gottheit an den Menschen beschrieben (Cranfield in Iversen 2003:155).[53]

Die vorauseilende Funktion beginnt mit der Arbeit am biblischen „Text“ selbst. Die inneren Zusammenhänge, die Historizität der Schriften, sowie das persönliche Angesprochen sein des Publikums entwickeln eine Eigendynamik. Der Leser/die Hörerin wird dadurch zum Nachdenken und Reflektieren über die biblischen Inhalte aufgefordert. Darauf baut der spätere Umgang der kirchlichen Gruppen mit dem „Bibeltext“ auf. Im Studium und der Anwendung der Inhalte auf das persönliche Leben entfaltet das Produkt „Bibelübersetzung“ seine eigene Dynamik. In christlichen Kreisen wird dies als das „Sprechen Gottes“ oder die „Ansprache Gottes“ in Anlehnung an das Shma Yisroel Schma Israel „Höre Israel“ (Deut 6:4) bezeichnet (s. Abbildung 1). Dem Wort Gottes wird eine personale Wirkkraft zugesprochen, die das Gewissen des Publikums anrührt. Dies kann ein individuelles wie auch kollektives Erleben sein. Im „Erleben“ des Wortes Gottes wird das zukünftige Wirken als Erfahrung vorausgeschattet. Die Kirche setzt dies in der christlichen Entwicklungshilfe in Diakonat und Evangelisation um.

            Bibelübersetzung generiert die Sammlung von Gleichgesinnten und Interessierten und die Gründung von Gemeinschaften. Das Produkt als solches bildet die Mitte um welche herum sich die Interessierten sammeln. Dies geschieht, da die Heilige Schrift das Leben und Wirken des Jesus von Nazareth kontextualisiert vermittelt und Zielgruppen-orientiert reflektiert. Online Bibeln (z. B. BasisBibel[54], Offene Bibel[55], oder Volxbibel) sind ein gutes Beispiel dafür wie Gruppen von Interessierten sich im Internet um diese Arbeit bemühen und ihrem theologischen Verständnis über die Bibel Ausdruck verleihen. Dabei entfaltet Bibelübersetzung als Produkt und Prozess eine Zielgruppen-orientierte und heterogene Wirkung. Das im übersetzten „Text“ (auch Hörtext, Video, Theater) ausgedrückte Verständnis der biblischen Inhalte reflektiert dessen epistemologische Wahrnehmung in den Akteuren. Dieser interpretative Vorgang wirkt im Publikum. Als Reaktion auf die Botschaft stellt sich deshalb eine gruppendynamische Sammlung in größeren Einheiten, wie z. B. Kirchen oder Gemeinden, aber auch in kleineren Gemeinschaften ein (z. B. Clubs, Haustreffen, Aktionsgruppen, Zellgemeinden). Deren Stärkung und Konsolidierung wurde bereits als nachlaufender Faktor der Bibelübersetzung beschrieben (s. o.).[56]

In der Christlichen Entwicklungshilfe gibt es genügend Beispiele, wie sich nach der feierlichen Einführung (dedication) einer Neuübersetzung langsam eine Kirche in einer Volksgruppe konstituiert (Sanneh 2003:10, 25).[57] Nicht umsonst geht das „Jahrhundert der Bibelübersetzungs-Bewegung“ (century of Bible translation movement; ebd.) mit dem „Jahrhundert christlicher Entwicklungshilfe“ einher (Latourette 1937: xv)[58]. Kirchengründung und –Stärkung läuft in vielen Fällen – nicht ausschließlich – mit Bibelübersetzung parallel. Dabei entwickelt die Bewegung der Bibelübersetzung eine interdisziplinäre Eigendynamik, welche

  • in jüngster Zeit neue Übersetzungstheorien generiert (z. B. dynamische/funktionale Äquivalenz, Funktionalmodell, relevanztheoretischer Ansatz, kulturelle Rahmenmodelle),
  • linguistische Modelle hervorruft (z. B. Textdiskursmodelle) und auch
  • missiologisch-theologische Fragestellungen kritisch betrachtet (z. B. Inspiration, hermeneutisches Verständnis).

Alle diese Entwicklungen treten durch interdisziplinäre Fragestellungen von außen an die Wissenschaft der Bibelübersetzung heran. Die Linguistik, die Übersetzungswissenschaften, die Psychologie, die Anthropologie und die soziologischen Wissenschaften fordern aufgrund neuer Modelle und Fragestellungen die Übersetzung der Bibel heraus über aktuelle Entwicklungen Rechenschaft zu geben (s. Abbildung 1). Ob und wie weit zum Beispiel sprachliche und soziale Entwicklungen in den Prozess der Übersetzung einfließen, sollte im Einzelfall abgewogen werden.

Ein Beispiel stellt die norwegische Bibelübersetzung Bibel 2011 dar. Die norwegische Bibelgesellschaft hat über 12 Jahre hinweg an einer Übersetzung gearbeitet, die zusammen mit namhaften norwegischen Schriftstellern übersetzt wurde. Allein der Bekanntheitsgrad der Schriftsteller, sowie die umgangssprachliche Ausrichtung der Übersetzung haben zu ihrem überragenden Erfolg geführt.[59] Dieses Beispiel zeigt, Literatur ist auch auf der Gefühlswelt angesiedelt und Text, Paratext und meta-kommunikative Elemente (Intonation, Sprachstilelemente, Implikationen, Abfassungskontext, etc.) ergänzen sich beim Gesamteindruck eines Produktes.

Nicht selten ist das Gegenteil zu beobachten. In jahrelanger Mühe erstellte Bibelübersetzungen werden ignoriert oder verschmäht. Dabei ist zu unterscheiden ob es sich um Erst- / Neuübersetzungen handelt oder um Revisionen. Im Kontext christlicher Entwicklungshilfe und bezüglich Erst- / Neuübersetzungen gibt es verschiedene Ursachen für so eine Ablehnung:

  1. die Sprachgruppe ist selbst noch nicht in der Lage mit dem „Text“ umzugehen. Dies ist der Fall wenn z. B. eine unzureichende christliche Hinführung zum Inhalt stattfand, der Alphabetisierungsprozess noch in den Anfängen steckt, oder dialektologische Varianten das Verständnis erschweren.
  2. der „Text“ ist kulturell und sprachlich nicht kontextualisiert und trifft so nicht das kognitive Sprachempfinden des Publikums. Die Hürde um Zugang zum „Text“ zu bekommen ist zu groß (z. B. Vorwurf christlicher Verfälschung am biblischen Inhalt),
  3. äußere Faktoren, z. B. politische oder militärische, verhindern oder erschweren den Umgang mit dem „Text“.

Bei Revisionsübersetzungen überwiegen theologisch-religiöse Bedenken, so z. B.

  1. wenn eine christliche Gruppe sich vom althergebrachten Text nicht lösen kann und bereits ein eigenes christliches Vokabular oder Wortgut aufgebaut hat (Kirchensprache),
  2. wenn eine Sozialisation mit einem Bibeltext von frühester Kindheit an stattfand,
  3. wenn konfessionelle Gräben durch einem Bibeltext aufgerissen werden.

Auffallend ist in der christlichen Entwicklungshilfe, dass vor allem, wenn die Beteiligten an der Übersetzung in Kritik geraten, dann fällt das Urteil gegenüber der Bibelübersetzung selbst ebenso ablehnend aus. Dabei spielen

  • interreligiöse / religionsübergreifende (z. B. Verfälschungsvorwurf),[60]
  • linguistische (z. B. Dialektwahl),
  • translatorische (z. B. postkoloniale Übersetzungsmodelle) und
  • soziologische (z. B. Bedienung gesellschaftlicher Klassen)

Gründe eine Rolle.

Die Geschichte hat gezeigt, dass koloniale Bestrebungen und christliche Entwicklungshilfe oft einhergingen und von Westüberheblichkeit geprägt waren. Übersetzungen spiegeln ein gutes Zeugnis dieses imperialen Kolonialdenkens wider (z. B. Kiplings Jungle Books; Fabris Verteidigung des Ausbeutungs-Kolonialismus; Robinson 1997:32, 36, 45, 65).[61] Es sind vor allem afrikanische Theologen, die diesbezüglich ihre Stimme erheben und einen kolonialistisch-geprägten Sprachstil – auch in Bibelübersetzungen – anmahnen (Mojola & Wendland 2003:22-23).[62] Die vorauseilende Funktion der Bibelübersetzung wird dann zu einem Wegbereiter um die Alphabetisierung, die Forschungen zu Volk und Sprache und die muttersprachliche Ausbildung voran zu bringen. Immer aber fordert die vorauseilende Funktion weitere Bibelübersetzungen heraus, die sich aus den Erfahrungen der vorhergehenden Ansätze entwickeln. Änderungen aufgrund von Sprach- und Kulturwandel, und wissenschaftliche neue Erkenntnisse zum Grundtext oder zum Translat werden in diese Revisionsübersetzungen eingebunden. Aus diesem Grund kann sie auch als kreativ-gestaltendes Amt der Bibelübersetzung bezeichnet werden; dies stellt eine externe Kontextualisierung dar (s. Abbildung 1).

Die ethischen Implikationen der nachlaufenden und vorauseilenden Funktionen der Bibelübersetzungen fordern die Kirche fundamental heraus. Zum einen ruht die Kirche selbst auf dem Fundament der Heiligen Schrift, gleichzeitig ist sie deren Hüterin und Bewahrerin, welchen sie von einem göttlichen Auftrag ableitet. Innerbiblisch wird auf die Hinweise zur Bewahrung der Heiligen Schriften oder das Wort Gottes  verwiesen (z. B. Luk 11:28; Joh 8:55; 2Kor 4:2; Hebr 4:12; Offbg. 22:18-19).[63] Außer biblisch beruft sich die Kirche auf eine apostolische Autorität, die sie aus der Kirchengeschichte über den Weg der Urgemeinde ableitet (Apostelgeschichte und neutestamentliche Briefe). Die Interpretation der Offenbarung in Exegese, Homiletik und Evangelisation fließt wiederum in die sprachlich-kulturelle Kontextualisierung ein. Eine ethische Besinnung auf eine transzendente Quelle und Autorität wird relativiert durch die anthropozentrisch gelagerte, wissenschaftliche intuitive und interpretative „Übersetzung“ der göttlichen Offenbarung in die Idiome der Menschheit. Neben einem funktionalen Übersetzungsplan bedarf es dabei der gegenseitigen Absprache der Rahmenbedingungen für das Bibelübersetzungs-Projekt. Die beteiligten Parteien verpflichten sich sowohl gegenseitig, als auch gegenüber der höheren transzendenten Autorität. Meist wird dies durch funktionale Gerechtigkeit bei der Übertragung der biblischen Inhalte beteuert.

Inkarnatorisches Prinzip der Bibelübersetzung

Ethische Reflexionen über die Bibelübersetzung würden nicht abschließend ausgeführt sein, ohne auf die Bedeutung der Inkarnation einzugehen. Das inkarnatorische Prinzip der Bibelübersetzung bezeichnet den dynamischen und immer wiederkehrenden Vorgang der Übersetzung biblischer Inhalte in bestimmte Kontexte (Werner 2011:328-329). Das inkarnatorische Prinzip beschreibt den Übergang der Transzendenz in die Realität dieser Welt. Dieser kommunikative Vorgang beruht auf der Selbstsendung, die in der Kenosis (Entäußerung) und Kondeszenz (Herablassung) verwirklicht wurde. Gott offenbart sich selbst in der Darstellung des Jesus von Nazareth. Obwohl das Mysterium um diesen Vorgang herum, nicht zu klären ist, eröffnete sich damit der Weg diesen Vorgang über Raum, Zeit, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg zu übertragen. Die Übersetzung spiegelt deshalb diesen einmaligen Vorgang auf eine immer wiederkehrende, zeit- und raumlose Weise wieder. Der damit verbundene offene und dynamische Prozess erlaubt die anthropozentrische Nutzung verschiedener translatorischer Theorien, sowie die Festlegung von unterschiedlichen Schwerpunkten in der Bibelübersetzung. Die innerbiblischen Verfälschungsverbote beziehen sich auf die biblisch vermittelten Prinzipien (siehe Hermeneutik der Prinzipien) und nicht die sprachlich-kulturelle Kontextualisierung.

Die Inkarnation des Jesus von Nazareth wurde von der Alten Kirche nicht als statisches und abgeschlossenes Element des göttlichen Heilsplanes gewertet, sondern als Grundlage des immer wieder kehrenden Heilsangebotes in dieser Welt. Mit der Ausformung unterschiedlicher theologischer Traditionen, der Übersetzung unterschiedlicher Grundtexte (Kanones) und der zentrifugalen globalen Ausrichtung der Kirche hin zu allen Volks- und Sprachgruppen hat sich eine zentrale Steuerung des gesamten Leibes Christi nicht ergeben.[64] Dafür hat sich in der Übersetzungstradition, der Ausbreitung des Christentums und den Kirchenformen eine Zielgruppen-orientierte heterogene dynamische und auf lokale Umsetzung gerichtete Orientierung eingespielt. In der Bibelübersetzung führte und führt dies zu interkonfessionellen, interreligiösen und interdisziplinären Übersetzungsprojekten. Einen Alleinanspruch oder Alleingültigkeit einer Kongregation auf eine Bibelübersetzung kann es deshalb nicht geben.[65] Alle Bibelübersetzungen sind öffentlich und damit zugleich der Kritik, aber auch dem Gebrauch zugänglich. Damit ist aber auch der proklamatische Anspruch der Bibelübersetzung als einem öffentlichen Werk beschrieben. Die intuitiv interpretative Ausrichtung der Bibelübersetzung führt zu guter Letzt zu einer theologischen und auch Zeitgeist-abhängigen Einflussnahme.

Aufgrund der Vielfalt der Übersetzungsoptionen ergeben sich Rahmenbedingungen, die zum einen im biblischen Text selbst und zum anderen in der Wahrnehmung und Akzeptanz der globalen Kirche reflektiert sind. Der biblische Text offenbart die Reden, Taten und Auswirkungen der Propheten, Apostel und des Christus. Die Anfänge der Kirche werden vorskizziert und dienten der Alten Kirche, wie auch heute als Richtschnur gegen Synkretismus und Sektiererei. Dieser inner-biblische autoritative Anspruch (Pache 1967:74-75) verlangt nach einem systematischen Zugang zum kommunikativen Inhalt. Dieser kommunikative Inhalt ist nicht in den Worten sondern im Ko- und Kontext der biblischen Inhalte enthalten. Implikaturen, meta-textliche und inter-textuelle Informationen ergeben sich aus den biblischen Zusammenhängen. Diese drücken Prinzipien aus, welche als kommunikative Inhalte Zeit und Raum überwinden. Die Prinzipien, die sich aus den Reden, Predigten und Gleichnissen von Jesus ableiten lassen erlangen in der globalen Kirche Allgemeingültigkeit. Das Erlösungswerk selbst wird auf den Kern „Glaube an Jesus den Herrn“ (Apg 16:31) reduziert. Eine Hermeneutik der Prinzipien vermittelt diese meta-textlichen Ansprüche, die auf göttlichen Ursprung zurückgeführt werden, in der Hebräischen Bibel und im Neuen Testament. Die ethischen Rahmenbedingungen zur Interpretation dieser Ansprüche sind in der nachlaufenden und vorauseilenden Funktion der Bibelübersetzung beschrieben.

            Die hier angewendete Vorstellung der Inkarnation kann dadurch kritisiert werden, dass das einmalige stellvertretende Erscheinen in Raum und Zeit relativiert würde, wenn es zu einem immer wieder kehrenden Ereignis transformiert wird. Solches ist auch in modernen theologischen Ansätzen erkennbar, so die Kritik, die damit aber das Erlösungswerk relativieren. Es wird einem solchen Vorwurf entgegen gehalten, das ja gerade mit „den Übersetzungen“ der Alten Kirche der Weg bereits eingeschlagen wurde um Raum- und Zeit zu überwinden. Diese eschatologische Ausrichtung wird verstanden, bis das der Christus wieder käme. Dieser „Übersetzungs-“ Auftrag ist als missiologisches Gebot der Stunde aus den Entwicklungen um die göttliche Offenbarung abzuleiten. Eingeleitet wird die Expansion vom lokalen auf den globalen Fokus des Heilsangebotes durch Jesus von Nazareth in der Hinwendung an

  • den Vorhof der Heiden im Tempel (Mat 21:12-15),
  • die nicht-jüdische Dekapolis (Mar 7:31),
  • die Samariter (Joh 4:4), sowie
  • einer generellen globalen Ausrichtung (Mar 16:15; Mat 28:18-20).

Die Übertragung des Lebens und Wirkens des Jesus von Nazareth und die Geschichte der ersten Gemeinden in die Idiome dieser Menschheit reflektiert die Geschichte der Bibelübersetzung. Solches im Besonderen, da es sich um biographische Einzelheiten zur Person des Christus und dem Werden der Urkirche handelt. Anders wäre es, wenn es sich anstelle der „glokalen“ Ausrichtung allein um einen göttlichen Gesetzeskodex oder Regelkatalog handeln würde, der an eine bestimmte Gruppe gerichtet wäre (z. B. religiöse Sondergemeinschaften).

Eine weitere Kritik sei hier genannt. Sie kommt von Vertretern, die nur in der wörtlich-philologischen Übertragung des Grundtextes die Möglichkeit sehen dem statischen und einmaligen inkarnatorischen Geschehen gerecht zu werden. In der Weitergabe des Grundtextes würde die Einheit der globalen Kirche durch die Sammlung lokaler Gemeinden um den einenden inspirierten Bibeltext gewährleistet. Voraussetzung hierzu ist die Annahme, dass die biblischen Inhalte in möglichst unveränderter und global gleicher konkordanter Weise weitergegeben werden. Übersetzung wäre letztendlich nur als Interlinearisierung möglich. Diesem Argument ist entgegen zu halten, dass Inspiration in dieser Vorstellung auf Reproduktion und einem statischen Verständnis reduziert wird. Dem müsste ein einmaliger göttlicher Text zugrunde liegen, dessen Wirkung textimmanent wäre. In so einem Fall würde in dem materiellen Text selbst ein göttlicher Wert enthalten sein.[66] Demgegenüber zeigen die mündlichen Überlieferungen und Augenzeugenbericht zum Leben des Jesus von Nazareth verschiedene Blickwinkel. Im Fall des Lukasevangeliums handelt es sich um eine interpretierte Sammlung von Aussagen (Luk 1:1-4). Dies wird noch ergänzt durch Pseudepigraphen, Apokryphen und deuterokanonischen Schriften, die teilweise kanonisch sind, teilweise der Lehre dienen, jedoch in allen Fällen die Umwelt um die Zeitenwende beschreiben. Solche Schriften ergänzen die Erzählungen um Jesus von Nazareth. Des Weiteren verweist die Entwicklung, Tradierung und Sammlung der Kanones in der Kirchengeschichte auf einen dynamischen und kreativen Umgang der Kirche mit dem Begriff „Offenbarung“ (Clarke 1999:321).[67] Sie muss als „offen“ gewertet werden. Das bedeutet nicht dass sie erweiterbar wäre, aber dass sie im Rahmen unterschiedlicher Übersetzungstraditionen auf unterschiedliche Textvorlagen aufbaut. Das daraus abgeleitet inkarnatorische Prinzip vermittelt sich in der kreativ-dynamischen Weitergabe der Geschehnisse um die Hebräische Bibel und das Neue Testament in die Idiome und Kulturen derjenigen die sich Angesprochen fühlen.

            Es bleibt Auftrag der Bibelübersetzung den Sprachgruppen und Mikrokulturen dieser Welt den Zugang zu den tradierten und darin konservierten biblischen Inhalten zu ermöglichen (Erst- / Neuübersetzungen und Revisionen). Das Sprach- und Kultursterben wirkt, aufgrund zunehmenden Einflusses von Verkehrs- und Nationalsprachen, im Rahmen der medialen Vernetzung auf den ersten Blick hilfestellend. Bei näherem Hinsehen jedoch nötigt die Bi- und Multilingualität in Minderheitenkontexten starke soziale Einschränkungen von Völkern und Individuen ab. Meist wird die Muttersprache auf den Alltag verlegt und so nicht als Bildungs- oder Verkehrssprache entwickelt.  In diesem Fall verringert sich die kulturelle Vielfalt der Menschheit. Bibelübersetzung trägt im Rahmen der Völkerentwicklungen dazu bei neue christliche Glaubens- und Nachfolgegemeinschaften in Form von Kirche und Gemeinde zu generieren. Diese wiederum fördern die dynamische und kreative Vielfalt, welche die Pluralität der weltweiten menschlichen Gemeinschaft wiederspiegelt. Die unterschiedlichen Kanones des biblischen Textes bilden diese Pluralität ab.

Inspiration - Heilige Texte

Es wurde oben schon darauf verwiesen, dass gerade in der Bibelübersetzung Inspiration nicht als ein vermittelbares Gut empfunden wird. Mit anderen Worten, Inspiration wird nicht als textinhärenter Bestandteil gedeutet, welcher dann in der Übersetzung mit übertragen würde. Ein solcher Inhalt, ist kommunikativ nicht zu erfassen. Solch eine Vorstellung wäre nur mittels eines mythischen Prozesses vorstellbar, der außerhalb der Kontrolle der Übersetzer liegt. Verlagert man den Prozess auf die „Glaubensebene“ und misst dem biblischen Grundtext einen überlagerten göttlichen Odem bei, so bleibt trotzdem unbestimmt wie dieser in der Übersetzung zur Geltung kommt. Die gängigen Vorstellungen zur Diktat- oder Verbalinspiration geben bestenfalls ansatzweise Hilfe.[68]

Von vielen Seiten wird festgestellt, dass die Doktrin der Verbal- und Diktat-Inspiration nicht den Umgang der Hebräischen Schriften durch neutestamentliche Autoren und durch Jesus von Nazareth widerspiegelt. Deren lockerer Umgang bei der Interpretation und Anwendung der jüdischen Tradition weist auf ein sehr menschenbezogenes Traditionsverständnis hin (z. B. Enns 2005:15-16).[69] Des Weiteren sind die biblischen Schriften eng mit nicht-biblischen Schriften verknüpft, die aber andere Interpretationen zulassen und teilweise auch biblische Inhalte vorschatten (z. B. Schöpfungsmythen wie Enuma Elish oder Gilgamesh Epos; Gesetzescodizes wie Codex von Hammurabi oder die Nuzi Dokumente; 2005:26-27, 31). Vergleicht man die Texte aus der Umwelt der Hebräischen Bibel und des Neuen Testaments mit den biblischen Büchern, dann schwindet das Argument der Einzigartigkeit oder nivelliert sich. Es bleibt die Frage, wie sich die göttliche „Inspiration“ auf die jüdisch-christlichen Texte auswirkte, wenn umgebende Literatur ähnliche Inhalte hervor bringt. Es ist auch davon auszugehen, dass sich die biblischen Autoren in der Umgebungsliteratur auskannten und gegenseitige Einflüsse bestehen.

Es werden hier nicht die vielfältigen Argumente aufgegriffen, welche kritisch gegen eine im Text oder im Meta-Text verankerte Verbal- oder Diktat-Inspirationsvorstellung sprechen.[70] Vielmehr ergibt sich aus dem Praxisbezug und Alltag der Bibelübersetzung, dass sich, die an einer Übersetzung beteiligten selbst nicht davon ausgehen einen inspirierten Gegenstand oder Inspiration in irgend einer Form zu transportieren oder gar zu produzieren. Trotzdem wird ein göttliches Handeln

  • in der Heiligen Schrift selbst (Luk 4:21; Joh 10:35; 2Tim 3:16; 2Pet 1:20; Offb 22:18-19), wie auch
  • in Form von Vision / Traum (Apg 9:10 und 10:17; Mat 2:13, 19, 22), und
  • im Gebet (2Kö 20:5; Ps 39:13; Luk 6:12; Jak 5:15) und seiner Beantwortung insistiert.

Nicht beschrieben werden der Weg und die Wirkung dieses transzendenten Handelns. Eine Lösung dieser Fragestellung ergibt sich meines Erachtens in der Wirkung des Textes im Gläubigen selbst. Inspiration verlagert sich auf die Wirkung und den Effekt den der Text auf den Empfangenden ausübt und den dieser zulässt. Das dabei die von Jesus von Nazareth vorhergesagte Wirkung des Heiligen Geistes das ausschlaggebende Moment bildet liegt nicht im Text verankert, sondern in der Begegnung mit der Transzendenz (Joh 7:39; 15:26; 16:13).

Der im Hinduismus (Upanischaden, Veden; s. Fußnote 63) angenommenen Wirkung und Entfaltung „des Göttlichen“ im Innern des Empfangenden steht im christlichen Verständnis der Inspiration eine Wirk- und Effekt-Inspiration entgegen. Diese ist nicht textimmanent, sondern wirkt von außen an den gläubigen Menschen. Die in 1Tim 3:16 und 2Petr 1:20-21 angedeutete „Führung“ und „Leitung“ der Autoren der Schrift ist in diesem Ansatz auf die göttlich-gewirkte Entschlüsselung des göttlichen Willens im Empfänger verschoben. Das Miteinander des göttlichen mit dem menschlichen Wirken verlagert sich beim Übersetzen auf den selbstverantwortlichen Menschen. Dies gilt indes in der Bibelübersetzung und lässt sich nicht auf Glaubenserfahrungen allgemein übertragen.

Gegenstand der Wirkungs- und Effekt-Inspiration sind dabei die allgemein gültigen Prinzipien, die von göttlicher Seite in wörtlicher Rede, Gleichnissen, oder in Narrativen übermittelt wurden. Parallel zum „Geist des Gesetzes“ (Torah; 5Mose 4:1; 5:1: 6:4; 28:15, 45) wird vom neutestamentlich gläubigen Menschen erwartet, die Intention der biblischen Bücher zu erfassen (z. B. Joh 17:6; 1Thess 5:23; 2Thess 2:15; Offbg. 3:8, 10; 22:7). Jesus von Nazareth zieht die Parallele von den hebräischen Schriften auf sein Leben (Joh 5:39) und öffnet damit den Weg für eine Hermeneutik der Prinzipien. Dieser Weg geht über den Text hinaus und betrifft den gesamten Menschen mit seinem Verstand, seinem Gewissen, seinen Emotionen und Gefühlen, sowie seinen Charakter. Hinzu kommt die kirchengeschichtliche Deutung der mündlichen und schriftlichen biblischen Traditionen. Gleich wie Jesus von Nazareth zugleich ganzer Mensch und ganzer Gott war, bildet auch die mündliche und schriftliche Tradition gleichzeitig eine vollumfänglich menschliche als auch vollumfänglich göttliche Offenbarung ab. Die Kerninhalte sind in den genannten Prinzipien vermittelt, welche auch in den Bibelübersetzungen als hundertprozentig menschlich und gleichzeitig göttlich zum Tragen kommen.

Abbildung 2 Prinzipien der Heiligen Schrift

Das Publikum als Hörer und Leser der Heiligen Schrift erfährt diese Prinzipien „in der Begegnung mit Gott“, um eine christliche Formel zu gebrauchen. Dabei wird das Traditionsgut in ethische Maßstäbe umgewandelt. Eine solche Ethik ist nicht willkürlich, da die von der Heiligen Schrift abgeleiteten Prinzipien mit der Heiligen Schrift selbst begründbar sein müssen. Diese Maßstäbe wiederum werden sprachlich-kulturell kontextualisiert, was zu weltweit unterschiedliche Theologien führt, da unterschiedliche Schwerpunkte definiert werden.[71] Im Übrigen hat die Hermeneutik diesen Weg schon länger verfolgt. In einigen Fällen wird die wörtliche Interpretation der biblischen Texte als einzig „Wahre“ dargestellt. In der Bibelübersetzung führt eine solche Vermischung zu einem Festhalten am philologisch-wörtlichen Übersetzen.

Inspiration, verstanden aus der Warte einer Hermeneutik der Prinzipien wird dem traditionsgeschichtlichen Prozess und der Rezeptionsgeschichte der Heiligen Schrift dadurch gerecht, dass sie das kreativ-dynamische Moment göttlichen Wirkens auf den Empfänger überträgt und menschliches Zutun achtet. Dies entspricht dem inkarnatorischen Übersetzungsprinzip, welches die in Raum und Zeit kontextualisierte Botschaft des Jesus von Nazareth und der Urgemeinde (Apostelgeschichte; Briefe; Offenbarung) immer wieder neu und aktuell zur Sprache bringt.

Homiletik und Evangelisation

Zu den kommunikativen Disziplinen der Theologie und Missiologie gehören die Homiletik und die Evangelistik. Wie alle kommunikativen Wissenschaften (z. B. Übersetzungswissenschaften, soziale Wissenschaften, Literaturwissenschaft) stehen sie in einer wechselseitigen Beziehung zur Sprache und Kultur in der sie agieren. Sie beziehen ihre Zusammenhänge aus ihrem sprachlich-kulturellen Umfeld, gleichzeitig prägen sie dieses jedoch in dem sie Einfluss auf dessen Sprach- und Kulturgestalt nehmen. Besonders deutlich wurde dies in den Anfängen der Reformation, aber ebenso auch im kolonialen Umfeld (s. Fußnote 61). Diese gegenseitige Einflussnahme lässt sich aber auch auf den heutigen  Kontext von Internet und Mediengebrauch nachweisen.[72]

Ein wenig beachtetes Gebiet im Bereich der Wissenschaft zur Bibelübersetzung ist der Einfluss der Homiletik und der Evangelisation auf die Bibelübersetzung in deren dreifacher Aufteilung als Funktion, Prozess und Produkt. In diesen beiden genannten Disziplinen entwickeln sich sprachliche und kulturelle Symbole rund um den christlichen Glauben. Gleichzeitig greift der Homilet und Evangelist sprachlich-kulturelle Konzepte der Umwelt auf um sie im und in den christlichen Raum hinein zu interpretieren. Mit anderen Worten Prediger und Evangelisten beschreiben ihre Interpretation biblischer Inhalte auf eine Zielgruppen hin und kontextualisieren die Art und Weise ihrer Predigt. Die Bibelübersetzung wiederum greift von dort sprachlich-kulturelle Konzepte auf. Im Weiteren holen sich Homileten und Evangelisten Sprachgut aus Bibelübersetzungen für ihre Arbeit.

Abbildung 3 Homiletik / Evangelistik und Bibelübersetzung

 

Eine Revision wird dann nötig, wenn biblische Inhalte sprachlich so weit von der Verkündigung entfernt sind, dass die Homileten und Evangelisten kaum noch auf den sprachlichen Corpus der biblischen Texte zurückgreifen können. Dabei spielt die Interpretationsspanne eine wesentliche Rolle. Wenn der Leser den Text zu stark interpretieren muss, dann wird der kognitive Aufwand zu hoch und eine Abhängigkeit von Sachverständigen entsteht. Gerade bei sakralen Texten entwickelt sich eine „klerikale Klammer“, die dem Publikum den Text verschließt. Diese „klerikale Klammer“ führt zu kircheneigenem Sprachgebrauch der als „Kanaanitisch“ bezeichnet wird.[73]

Im biblischen Grundtext finden wir Gleichnisse, Reden und Predigten  die Prinzipien transportieren, wie Menschen in Beziehung zur jüdisch-christlichen Gottesvorstellung treten und darin bleiben können. Die narrativen Formen bilden sprachlich-kulturell kontextualisierte Verpackungen dieser Prinzipien. Die Prinzipien selbst sind auf die Reich Gottes Vorstellungen ausgerichtet und von daher im Wirkungsbereich von dessen Raum und Zeit allgemein gültig. Abbildung 2 zeigt das durchdringende Moment dieser Prinzipien im grauen Pfeil. Von der Wirklichkeit der Reden und des Wirkens des Jesus von Nazareth ausgehend wurden die mündlichen Traditionen im jüdisch-griechischen Kontext des ersten Jahrhunderts n. Chr. schriftlich fixiert. Dann haben Übersetzer diese Realität in ihren Kontext transferiert (Ulfila, Hieronymus, Methodius, etc.). Zielgruppen-orientierte Revisionen und Adaptionen folgen diesen Übersetzungen. Durch alle Kontexte, Zeiten und Übersetzungen hindurch bleiben die intendierten Prinzipien des inkarnierten Christus bestehen und ragen über jede Kontextualisierung hinaus (grauer Pfeil). Aus diesem Grund ist Kontextualisierung räumlich und zeitlich gebunden, nicht aber die intendierten biblischen Prinzipien.

Abbildung 4 Hermeneutik der Prinzipien

Sprache und Kultur bilden nur das Portfolio für die Übersetzung. Die intendierten Prinzipien stehen hinter dem materiellen Text. Dieser formt den sprachlich-kulturellen Rahmen in welchem die Informationen transportiert werden. Folgt man dieser Hermeneutik der Prinzipien, dann wird deutlich, dass die Zeichen und Symbole der biblischen Inhalte über dem Text stehen. Das Abendmahl (Mat 26:19-30; Mark 14:13-31; Joh 13) zum Beispiel vermittelt ein allgemein gültiges Symbol für die zwischenmenschliche und die menschlich-göttliche Gemeinschaft. Der „ver­lorene Sohn“ (Luk 15:11-32) hingegen steht für das Verlangen Gottes nach der Begegnung mit Menschen und dem gleichzeitigen Suchen nach Gott durch den Menschen. Die Bilder in denen diese Prinzipien verpackt sind unterliegen keinem fixierten kommunikativen Rahmen und können auch sprachlich-kulturell angepasst werden, sofern auf den originären Kontext zurückgegriffen werden kann. Die

  • historische Einbettung des Grundtextes,
  • der kognitiv-kommunikative Rahmen des heutigen Zielpublikums, sowie
  • die Intuition des im Grundtext verankerten Sinngehaltes

bilden den Rahmen einer solchen Kontextualisierung. Es ist beim Übersetzen sakraler Texte ein Zweifaches zu leisten, zum einen ein Rückgriff auf den historischen Zusammenhang, wie gleichzeitig auch eine sprachlich-kulturell Adaption in den kommunikativen Kontext.

Ein Beispiel für den deutschsprachigen Sprachraum soll dies verdeutlichen. Ältere, sowie eher wörtlich-philologische Übersetzungen benutzen für זֶ֔רַע zera „Samen“ (z. B. 1Mose 3:15; 70x Hebräische Bibel), obwohl der Begriff auch „Pflanzensamen, Saatgut, Nachkommen oder Sperma“ (z. B. bei Onan; 1Mose 38:9) bedeutet. Im Laufe der Zeit wurde der Begriff nun in neueren Übersetzungen als „Nachkomme“ übersetzt und in entsprechenden Kontexten der Flora und Fauna als „Same“. In Bezug auf menschlichen „Same“ transportiert der Begriff eine sexuelle Konnotation und wäre wie z. B. in 1Mose 38:9 zuerst mit „Nachkommen“ und dann mit „Sperma“ zu übersetzen.

„Onan wusste also, dass die Nachkommen nicht seine wären. Sooft er zur Frau seines Bruders einging, ließ er sein Sperma einfach zur Erde fallen, um seinem Bruder Nachkommen vorzuenthalten.“[74]

Hier hat in der Bibelübersetzung ein Umdenken stattgefunden. In der Homiletik und Evangelisation ging die Erfahrung voraus, dass bestimmte Begriffe und Wortkonstruktionen Konnotationen mit sich tragen. Diese kommunizieren in der Alltagssprache oder außerhalb bestimmter sprachlicher Kontexte nicht oder etwas Falsches.

Eine weitere „klerikale Klammer“ der Homiletik und Evangelisation stellt auch die Textauswahl selbst dar. Selten verwendete biblische Texte, wie z. B. die brutalen Landnahmeerzählungen aus Josua und Richter, unterliegen einer zeitgeschichtlichen Deutung. Diese spiegelt sich auch in der Wiedergabe der Texte, da theologische Grundpositionen damit verbunden sind.

Homiletik und Evangelisation bilden in diesem Sinne den langen ausgestreckten Arm der Bibelübersetzung. In der christlichen Entwicklungshilfe entspricht dies den verschiedenen Ansätzen zur Kontextualisierung der Botschaft. Dabei spielen lokale Freundschaften, nationale Partnerschaften, eine gute Sprach- und Kulturkenntnis der Zielkultur eine Rolle. Hierbei wird der sprachlich-kulturelle Rahmen internalisiert um den muttersprachlichen Bibelübersetzern Hilfestellungen in der Ausbildung zu bieten. Nicht nur Mitglieder lokale Kirchen, sondern auch am Christentum interessierte Übersetzer können so ausgebildet werden.

Zusammenfassung – eine ethische Besinnung zur Bibelübersetzung

Die Wissenschaft der Bibelübersetzung umfasst ein Dreifaches: das Produkt, den Prozess und die Funktion der Bibelübersetzung. Die hier besprochene Wesenhaftigkeit der Bibelübersetzung berührt alle drei Gebiete. Als kommunikative Wissenschaft ist Bibelübersetzung eng verzahnt mit der Übersetzungswissenschaft, der Linguistik und den Wissenschaften zur Kommunikation (Informationstechnologie, Literaturwissenschaft, etc.). Als missiologisch-theologische Disziplin bedient sie sich der Anthropologie, Psychologie, der Philosophie und der sozialen Wissenschaften. Dieser interdisziplinäre Zugang ermöglicht einen kontextnahen Umgang im zu übersetzenden Sprach- und Kulturraum. Die Zielgruppen-orientierung ist eine der wichtigsten Wesenszüge der Bibelübersetzung.

Es ist zu unterscheiden ob es sich um eine sogenannte Neu- oder Revisionsübersetzung handelt. Erstere beschreibt die Bibelübersetzung für den Raum der christlichen Entwicklungshilfe. Diesem Aufgabengebiet mit seiner ganz speziellen Ausrichtung steht die Revisionsübersetzung entgegen, welche sich auf Nachfolgeübersetzungen beziehen, da wo bereits eine Vollbibel oder größere Bibelteile bestehen. Das „Jahrhundert der Bibelübersetzung“ (19.-20. Jh.) bewirkte, dass der Bereich der Neuübersetzung heutzutage die kreativ-gestaltende Vorreiterrolle in dieser Disziplin einnimmt. Damit wandern translatorische und linguistische Erfahrungen und Entwicklungen in den Raum außerhalb der traditionell vorherrschenden christlichen Länder Europas und Nordamerikas ab.

Unterschiedliche Theorien und Modelle zum Übersetzen, als auch zur missiologisch-theologischen Umsetzung und Bedeutung der Bibelübersetzung im kirchlichen Raum bedingen eine Pluralität an Lösungsansätzen. Entgegen einer philologisch-wörtlichen Übersetzung, die quasi eine für alle Kontexte sehr ähnliche Bibelübersetzung garantieren soll, spricht die Zielgruppen-orientierte kommunikative Methode. Eine Sprach- und Kulturgruppe sollte immer Rückbezug auf den Grundtext haben können, jedoch kommuniziert eine Übertragung auf der Wortebene nur unzureichend. Dies geht zu Lasten des Publikums, welches aufwändige Hilfsmaterialien benötigt um den Textinhalt zu deuten. Eine kommunikative Bibelübersetzung hingegen steht in der Gefahr den „Text“ zu interpretieren und so das Publikum wiederum zu eigenen aufwändigen Textdeutungen zu führen. Aus diesem Dilemma in der Übersetzungsgeschichte gibt es kein Entkommen. Die funktionale Theorie der Übersetzung versucht das Produkt dadurch in den Mittelpunkt zu rücken, indem sie den Skopos, das ist die Zielsetzung, der Übersetzung betont. Zielgruppen-Orientierung geschieht dadurch, dass die Vertragspartner einer Übersetzung sich mit einer gegenseitigen Abmachung über ihre Zielsetzungen und Rahmenbedingungen festlegen. Im Rahmen eines rekursiven Kontrollmechanismus wird der Prozess immer wieder überprüft und bei Abweichungen korrigiert. Dabei stehen Verständlichkeit, Einhaltung der Abmachungen und Nähe zur Intention des Originals im Mittelpunkt. Das Team von Bibelübersetzern hat so die Möglichkeit den Prozess zu steuern.

Die nachlaufende Funktion der Bibelübersetzung beschreibt sowohl den kirchen-internen Vorgang der Kontextualisierung, als auch ihre bewahrende und konservierende Orientierung. Dabei spielt die mündliche Tradierungsgeschichte des Grundtextes eine Vorbildrolle für moderne mediale Formen der Bibelübersetzung. Die dynamische Tradierungsgeschichte der Hebräischen Bibel, als auch des Neuen Testaments bildet die heutige Hinführung auf Online Bibeln, biblische Hör- und Bildprodukte, sowie computersimulierte Bibeln ab. Insbesondere Versionen für seh- oder hörbehinderte Menschen weisen auf den interpretativen Charakter beim Übersetzen. In Gesten und Bildern werden biblische Inhalte gedeutet und dem Publikum vermittelt. Es ist diese intuitive interpretieren, welches die kognitive Grundlage der menschlichen Fähigkeit der Sprach- und Kulturübertragung abbildet. Die theologische Grundlage der nachlaufenden Funktion der Bibelübersetzung ergibt sich aus dem Auftrag der Kirche als Hüterin der Heiligen Schrift. Diesem Auftrag gemäß bewahrt die muttersprachliche Kirche den biblischen „Text“ und gibt ihn an nachfolgende Generationen weiter. Meist wird hierzu die philologisch-wörtliche oder interlinearisierende Methode der Übersetzung angewandt. In der christlichen Entwicklungshilfe gilt dies auch für nicht-muttersprachliche Kontexte und vor allem bei Erstübersetzungen. Die Bibelübersetzung wirkt in diesem Sinne kirchenstärkend und hält hierbei die globale als auch lokale Körperschaft Christi als Gemeinschaft zusammen. Diese „glokale“ Ausrichtung führt zu einer Anzahl von Bibelübersetzungen, die unterschiedliche sprachliche oder inhaltliche Schwerpunkte setzen können, aber in ihrer Gesamtheit das verbindliche göttliche Gut biblischer Konzepte festlegen. So, wie die mündlichen Traditionen, zu einem offenen „Kanon“ – da unterschiedliche Kanones – führte, so bilden auch muttersprachliche Bibelübersetzungen einer Sprachgruppe eine Auswahl. Aus der Gesamtheit kanonischer Pluralität zieht die globale Kirche das verbindliche biblische Gut. Ein weiterer Vergleich sei noch mit dem Grundtext erlaubt. Die vielfältigen Textvarianten weisen auf unterschiedliche Traditionen hin und lassen sich – wie im Text von Nestle Aland vorgeschlagen – auf einen näher bestimmbaren Konsens zurückführen. Die Vielfalt  an Übersetzungen wird in der Bibelübersetzung zur Grundlage für die kirchliche Exegese, Homiletik und Evangelisation.

Die vorauseilende Funktion der Bibelübersetzung entfaltet ihre progressiv-dynamische Kraft in der Zielgruppen-orientierten Adaption biblischer Inhalte. Dies geschieht in mündlich tradierender, schriftlicher oder medialer Form. Hintergrund dieser externen Kontextualisierung bildet der Skopos, welcher von den an einem Projekt der Bibelübersetzung Beteiligten festgelegt wird. In dieser Funktion wirkt die Bibelübersetzung kirchengründend und ragt dabei über ihren Kirchenfokus hinaus. Sie trägt die biblische Botschaft in sprachlich-kulturelle Kontexte hinein, wo sie im Rahmen der christlichen Entwicklungshilfe ihre geistliche Eigendynamik entfalten kann. Gruppen, die sich um eine Bibelübersetzung bilden, konsolidieren sich mit eigenen Revisionsübersetzungen. Der Kreislauf der vorauseilenden und nachlaufenden Funktion beschreibt die Geschichte der Bibelübersetzung selbst, die einen eigenen Strang innerhalb der Menschheits- und Kirchengeschichte reflektiert.

Grundlage der ethischen Reflexionen bildet das inkarnatorische Prinzip der Bibelübersetzung. Dieses beschreibt die zeitlich und räumlich unabhängige Enkulturation der biblischen Botschaft. Aus dem einmaligen In-die-Welt-Kommen des Christus in der Person Jesus von Nazareth, um die Zeitenwende, wird in der Bibelübersetzung ein immer-wiederkehrender Akt der Kontextualisierung in die Idiome dieser Welt. Der Inkarnationsakt selbst reflektiert diesen Kreislauf indem sich der biblische Gott in der Kenosis entäußert um sich seinem Gegenüber – dem Menschen – zu nahen und zu offenbaren. Diese Kondeszenz endet nicht mit der Auferstehung sondern findet ihre Fortsetzung in der ständigen „Über“-setzung und Wei-terreichung des biblischen Inhaltes in die unterschiedlichsten sprachlichen und kulturellen Kontexte. Die Grundlage eines solchen dynamischen und nach vorne offenen inkarnatorischen Prinzips kann als Hermeneutik der Prinzipien beschrieben werden. Hierin wird das implizierte Prinzip einer biblischen Erzählung, eines Gleichnisses, einer Parabel oder poetischer Abstraktionen kommuniziert. Es geht dabei nicht nur darum den räumlichen und zeitgebundenen Kontext der mündlichen oder schriftlichen Tradition in ein muttersprachliches Idiom möglichst textgetreu, geschweige denn wörtlich, zu übertragen. Die Homiletik und Evangelisation bilden Vorreiter bei der Auswahl kommunikativer Inhalte, da sie biblische Inhalte Zielgruppen-orientiert in sprachlich-kulturelle Kontexte transportieren.

Inspiration wird im theologischen Raum unterschiedlich verhandelt. Ebenso wie die Trinitätslehre bildet dieses anthropozentrische Konstrukt die spirituelle Wirklichkeit ab, welche aber sozusagen von unten - vom Menschen - her betrachtet wird. Diese Einschränkung vorausgesetzt, zeichnet sich in der Bibelübersetzung eine eigene Perspektive ab. Dem translatorisch-linguistischen Anliegen der Bibelübersetzer sind die heilige Urheberschaft, sowie der göttliche Gehalt der Offenbarung bewusst. Bibelübersetzungsprojekte werden in der Regel durch Gebet aus dem kirchlichen Raum  begleitet. Gleichzeitig wird die Bibel – wie in der Fleischwerdung – zum Gegenstand menschlicher Interpretation und Intuition. Eine göttliche Wirkung der Bibelübersetzung entfaltet sich erst im Nachhinein im kirchlichen Raum der Glaubensgemeinschaft. Diese Verlagerung, weg vom Produkt auf den Korpus und dem Verständnis des individuellen gläubigen Menschen hin, kommt in der Effekt- oder Wirkungsinspiration zum Tragen. Die gegenwärtige herrschende sinnvolle Vielfalt heutiger Bibelübersetzungen in einem muttersprachlichen Raum dient unterschiedlichen Zielgruppen. Zugleich wird das epistemologische Erkennen göttlicher Ansprüche und Aussagen aus den „Texten“ auf den Einzelnen und das Kollektiv verlagert. Dem Produkt selbst haftet keine materielle göttliche Substanz, als Inspiration an. Die „Texte“ eröffnen dem gläubigen Menschen ganz individuell einen göttlichen Anteil. Demgegenüber wird die Innewohnung göttlicher Substanz in der Verbal- oder Diktatinspiration vorausgesetzt. Diese These geht aber davon aus, dass ein erkenntnismäßiger (epistemologischer) Zugang zum Göttlichen möglich wäre. In letzter Konsequenz wäre dieser Zugang auch nur über das Original oder den Grundtext möglich, dessen ursprüngliche Form aber außerhalb des menschlichen Einflussbereiches befindet. Auf Bibelübersetzung lässt sich dieses Inspirationsverständnis nur im engeren philologisch-wörtlichen Rahmen übertragen. Da eine philologisch-wörtliche Bibelübersetzung des Grundtextes im muttersprachlichen Raum als Vergleichstext, als Interlineartext oder im Paratext, zugänglich sein soll wird auch diese Inspirationslehre abgedeckt.

Homiletik und Evangelisation transportieren biblische Inhalte in sprachlich-kulturelle Kontexte. Den Rahmen dieser Übertragung bildet die kommunikative Zweckbestimmung. Nur was verstanden werden kann und umsetzbar ist kommuniziert auch. Diese Prämisse definiert, wann eine Revisionsübersetzung nötig ist und wie sie auszusehen hat. Ausgangspunkt ist der gegenwärtige Sprachgebrauch, wie er in der Predigt und Verkündigung in Anwendung auf das Publikum ausgelegt wird. Wenn eine biblische Textvorlage in der Zielgruppen-orientierte Ansprache nicht mehr kommuniziert, dann ist zu fragen ob eine weitere schriftliche Textform als Revision vonnöten ist. Wo noch keine biblischen Inhalte in einer Muttersprache zugänglich sind, ist die christliche Entwicklungshilfe gefordert. Neu- oder Erstübersetzungen sollen ins Heute kommunizieren, aber es ist im Begleittext (Paratext) sicher zu stellen, dass die ursprüngliche historische Bedeutung nachvollziehbar bleibt.

Am Ende dieser ethischen Besinnung bleibt festzuhalten: Ein ethischer Rahmen konnte hier nur ansatzweise skizziert werden. Es bleibt Aufgabe zukünftiger Forschung näher folgende Fragen zu betrachten: In welchem Verhältnis und wie stehen die hier dargestellten Elemente zu einer allgemeinen christlichen Ethik? Wie wird die selbige durch die ethischen Voraussetzungen in der Bibelübersetzung bereichert?

 

[1] Es ist der Heilige Geist der hinter einer Bibelübersetzung steht und die Kommunikation im Empfangenden zur Wirkung kommen lässt. Jedoch ist gerade der kommunikative Grad bei gläubigen Menschen ausschlaggebend für die Empfänglichkeit göttlicher Ansprache.

[2] Der Begriff „Paratext“ für die einen „Text“ begleitenden Erklärungen, Hinweise und Kommentare wurde vom französischen Literaturkritiker Gérard Genette (1981, 1997) geprägt. Genette, Gérard 1981. Palimpsestes: la litérature au second degre. Paris: Editions du Seuil. Genette, Gérard 1997. Paratexts. Thresholds of interpretation. Cambridge: Cambridge University Press.

[3] Neuübersetzungen entsprechen Erstübersetzungen oder gänzlich neuen Ansätzen (z. B. erste Hörbibel, erster Jesusfilm) in einer Sprachgruppe. Dies wird auch als „missiologische“ Bibelübersetzungen bezeichnet. Revisionsbibeln hingegen sind alle Bibelübersetzungen die für einen Sprach- und Kulturraum gefertigt werden, welcher bereits Zugang zu einer oder mehreren Vollbibeln hat. Dazu gehört sowohl die Revision eines vorliegenden Textes, als auch die Fertigung eines Textes, welcher eine eigene Übersetzungstradition begründet. Ausschlaggebend ist allein ob das Team der Bibelübersetzer auf einen muttersprachlichen Text als Referenzobjekt zurückgreifen kann oder nicht.

[4] Der Begriff „Wissenschaft der Bibelübersetzung“ wird neuerdings im christlichen Raum als eine eigenständige Disziplin wahrgenommen. Die Komplexität der Thematik „Bibelübersetzung“ hat die interdisziplinären Bibelwissenschaften sozusagen eingeholt und zu Lehrstühlen geführt, welche sich allein mit der Bibelübersetzung als wissenschaftliche Disziplin beschäftigen. Allerdings gibt es im deutschsprachigen Raum noch keine solche Spezifikation (s. Werner 2012:7-12). Werner, Eberhard 2012. Einleitung, in Werner, Eberhard (Hg.): Bibelübersetzung als Wissenschaft - Aktuelle Fragestellungen und Perspektiven: Beiträge zum „Forum Bibelübersetzung“ aus den Jahren 2005 – 2011, 7-28. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft.

[5] Hierzu gehören mündliche Traditionen (engl. oral-aural), die sich im Verlauf ihrer Anwendung zu eigenen Schrifttraditionen entwickeln können. Das Zusammenspiel zwischen Erzähler und Publikum wird von kognitiv-epistemologischen Faktoren bestimmt. In mündlichen Traditionen bestimmen der Erzähler und die Hörerin (in der englischen Literatur weiblich) nicht nur den Textdiskurs des Erzählens, sondern auch die epistemologische Aufnahme des Erzählten. Beide Komponenten wirken zusammen um eine mündliche Tradition tragfähig zu machen (oral-aural; mündlich-auditiv). Mit anderen Worten Erzählen und Hören gehen Hand in Hand. Sie werden vom Hören und Sprechen dirigiert und beeinflussen das Denken und Verstehen.

[6] Werner, Eberhard 2013. Von Worten zum „Wort“: Kognitive und epistemologische Wortfindungs-„Störungen“ in der Bibelübersetzung. Dallas: SIL International. [unveröffentlicht].

[7] Manchmal „Übertragung“, „Paraphase“, „kommunikative“, „freie“, oder „analoge Übersetzung“ genannt (sehr selten, aber auch auffindbar „Allegorie“). Die Verwendung des Terminus „Übertragung“ ist doppeldeutig, da eine „Übertragung“, dem ursprünglichen Wortsinn nach, eine wörtliche Darstellung eines Textes in einer Zielsprache darstellt, umgangssprachlich wird aber das genaue Gegenteil einer sehr „freien“ Übersetzung damit beschrieben.

[8] Schleiermacher, Friedrich [1813] 1963. Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersetzens, in Störig, Hans Joachim (Hg.): Das Problem des Übersetzens, 38-70. Darmstadt: Wissen­schaft­liche Buchgesellschaft. Dies wird bei Venuti für Übersetzung allgemein angesprochen und von Naudé für den Bereich der Bibelübersetzung ausgeführt. Venuti betrachtet die gängige Bandbreite der Übersetzung zwischen „Einheimisch-Werdung“ und „Fremdheit“ (engl. indigenization versus foreignisation) als Rahmen einer Übersetzungsentscheidung (2010; 1998:305, 315). Venuti, Lawrence S. (ed.) [2000] 2010. The Translation Studies Reader. Reprint. London: Routledge. Venuti, Lawrence S. 1998. American Tradition, in Baker, Mona & Malmkjaer, K. (Hgg.): Rout­ledge Encyclopedia of Translation Studies, 305-316. London & New York: Routledge. Naudé, Jacki A. 2002. An Overview of Recent Developments in Translation Studies with Special Reference to the Implications for Bible Translation, in Naudé, Jackie A. & Van der Merwe, Christo H.J. (eds.): Contemporary Translation and Bible Translation. A South African Perspective, 44-69. In Acta Theologica Supplementum 2, Bloemfontein, South Africa: University of the Free State.

[9] Nord, Christiane 2011. So treu wie möglich? Die linguistische Markierung kommunikativer Funktionen und ihre Bedeutung für die Übersetzung literarischer Texte, in Nord, Christiane (Hg.): Funktionsgerechtigkeit und Loyalität: Die Übersetzung literarischer und religiöser Texte aus funktionaler Sicht. Arbeiten zur Theorie und Praxis des Übersetzens und Dolmetschens. Band 33, 117-143. Berlin: Frank & Timme. (Original Aufsatz: erschienen in Keller, Rudi [Hrsg.] (1997): Linguistik und Literaturübersetzen. Tübingen: Narr, 35-59.).

[10] Sánchez-Cetina, Edesio 2007. Word of God, Word of the People: Translating the Bible in Post-Missionary Times, in Noss, Philip A. (ed.): A History of Bible Translation, 387-408. Roma: Edizioni di Storia e Letteratura.

[11] Sanneh, Lamin O. 1989. Translating the message: The missionary impact on culture. Maryknoll: Orbis. Das „Jahrhundert der Bibelübersetzung“ folgt dem 19. Jhdt. welches von Latourette als Jahrhundert der Christlichen Entwicklungshilfe bezeichnet wird (1937: xv Introduction). Walls und Sanneh bezeichnen das 20. Jhdt. als das eigentliche Jahrhundert christlicher Expansion (Walls 2005:64). Daher ist es nur natürlich, dass es mit anderen missionarischen Weltreligionen zu Spannungen kommt. Latourette, Kenneth Scott 1937. A History of the Expansion of Christianity 1. New York and London: Harper. Walls, Andrew F. 2005. The cross-cultural Process in Christian History. 3rd ed. New York: Orbis.

[12] Hier vor allem die Gründung mehrere religiöser Institute zur Religionsfreiheit, die sich neben Menschenrechtsorganisationen (z. B. Amnesty International) platzieren.

[13] Ingleby, Jonathan 2010. Beyond Empire: Postcolonialism & Mission in a Global Context. Central Milton Keynes: Author House.

[14] SIL International 2014. Online: http://en.wikipedia.org/wiki/SIL_International [Stand 2020-01-20].

[15] Morton führt einen “humanistischen” Einfluss in Theologie und Bibelübersetzung auf die Wirkung der Anthropologie im theologischen Raum zurück. Hierdurch seien „menschliche“ Wertungen in die Forschung über Gott gelangt. Morton, Jeff 2012. Insider Movements: Biblically Incredible or Incredibly Brilliant? Eugene: Wipf & Stock.

[16] Robinson, Douglas 1997. Translation and Empire: Postcolonial Theories Explained. Manchester: St. Jerome. S. 64.

[17] S. Fußnote 8.

[18] Störig, Hans Joachim (Hg.) 1963. Das Problem des Übersetzens. Darmstadt: Wissen­schaft­liche Buchgesellschaft.

[19] Nida, Eugene A. 1964. Toward a Science of Translating - with Special Reference to Principles and Procedures Involved in Bible Translating. Leiden: E.J. Brill. (TASOT). Nida, Eugene A. & Taber, Charles R. 1969. Theorie und Praxis des Übersetzens unter be­so­n­derer Berücksichtigung der Bibelübersetzung. New York: Weltbund der Bibel­ge­sellschaften. (Deutsche Übersetzung von Kassühlke, Rudolf & Loewen, Jacob A.). (TAPOT). Waard, Jan de & Nida, Eugene A. 1986. From One Language to Another: Functional Equivalence in Bible Translation. Nashville: Nelson. (FOLIA).

[20] Felber, Stefan, Rothen, Bernhard & Wick, Peter 2003. „Heftige Kritik an modernen Bibelüber­set­zungen“. ethos 8, 56-57. Felber, Stefan 2004. Die Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“ im kritischen Textvergleich. theologische beiträge 4/35, 181-201. Haan: Brockhaus. Jüngst hat Felber eine Kritik an Nida und der dynamischen Äquivalenz veröffentlicht, welche die ideologische Unterwanderung des Modells durch die humanistische und ideologische generative Transformationsgrammatik untersucht. Felber, Stefan 2013. Kommunikative Bibelübersetzung - Eugene A. Nida und sein Modell der dynamischen Äquivalenz. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft.

[21] Baader, Fritz Henning 1989. DaBhaR: DIE GESCHRIEBENE des Alten Bundes und DIE GESCHRIEBENE des Neuen Bundes. 2. Bde. Schömberg: Eigenverlag.

[22] Münchner Neues Testament (MNT) [1988] 2007. Hainz, Josef. 8. Aufl. Düsseldorf: Patmos.

[23] Werner, Eberhard 2011. Bibelübersetzung in Theorie und Praxis: Eine Darstellung ihrer Interdisziplinarität anhand der Ausbildungspraxis. Hamburg: Kovač.

[24] Furuli, Rolf 1999. The Role of Theology and Bias in Bible Translation: With a Special Look at the New World Translation of Jehovah's Witnesses. Elihu Books. (s. a. Fußnote 62).

[25] Hierzu gehören: wörtliche Rede des jüdisch-christlichen Gottes (z. B. „Ich sage euch …; Gott spricht,…); den Prophetenworten; der Lebensgeschichte des menschgewordenen Gottes (z.B. Ich bin – Worte).

[26] Diese Unterteilung wird zum Beispiel an der Zielsetzung der United Bible Societies (UBS) und SIL International deutlich. Während die Vereinigten Bibelgesellschaften mit einheimischen Kirchen arbeiten, hat sich SIL International auf christliche und nicht-christliche Sprecher von Muttersprachen konzentriert um ein Erstlingswerk für eine Ethnie zur Verfügung zu stellen. Solchen Werken gehen keine kirchlichen Bindungen oder Voreingenommenheit voraus, sondern linguistisch-anthropologische Überlegungen. Beide Organisationen arbeiten inzwischen vermehrt in beiden Bereichen und mit anderen Partnerorganisationen zusammen (s. Meurer 1978:174-175). Meurer, Siegfried 1978. Die Übersetzungsstrategie des Weltbundes der Bibelgesellschaften, in Meurer, Siegfried (Hg.): Eine Bibel – viele Übersetzungen: Not oder Notwendigkeit?, 173-189. Stuttgart: Ev. Bibelwerk.

[27] Beyerhaus, Peter P. J. 2013. Weltevangelisierung oder Weltveränderung? Tübinger Pfingst-Aufruf zur Erneuerung eines biblisch-heilsgeschichtlichen Missionsverständnisses. Gomaringen/ Tübingen: Diakrisis. http://bekenntnisbruderschaft.de/fileadmin/Dokumente/¬­Tuebinger-¬Pfingst-aufruf¬-2013-Langfassung.pdf [PDF­-Datei] [Stand 2020-06-04].

[28] Bosch, David J. 1991. Transforming Mission: Paradigm Shifts in Theology of Mission. Maryknoll: Orbis.

[29] Mbiti, John 1969. African Religions and Philosophy. London. Heinemann.

[30] Das von McGavran initiierte Modell des Homogenous Unity Principle, wird hier für die zielgruppenorientierte Bibelübersetzung propagiert (McGavran 1968:9-15; McGavran et. al. 1973). Laing beschreibt die Zielsetzung dieser Beobachtung McGavrans und deren Implikationen auf die Christliche Entwicklungshilfe. Kritisiert wurde das HUP wegen eines vermuteten einseitig rassistischen Einschlags und der Vernachlässigung komplexer sozialer Realitäten (z. B. Bosch in Frost & Hirsch 2004:51-52; McClintock 1988:107-112; Fong 1996). Wie auch immer, gegenwärtig gibt es kein besseres Modell um gruppendynamische oder sozial-kohäsive Entwicklungen im Bereich der Christlichen Entwicklungshilfe zu beschreiben. McGavran, Donald A. [1955] 1968. The Bridges of God: A Study in the Strategy of Missions. 2nd printing. New York: Friendship Press. McGavran, Donald A., Pickett, J. Waskom & Warnshuis, Abbe Livingston [1936] 1973. Church Growth and Group Conversion. 2nd ed. South Pasadena: William Carey Library. Laing, Mark 2002. Donald McGavran’s Missiology: An Examination of the Origins and Validity of Key Aspects of the Church Growth Movement, in Indian Church History Review XXXVI/1. Und Online im Internet: URL: http:/www.ubs.ac.in/Cms/Donald%20McGavran.pdf [PDF-Datei] [Stand 2020-12-25]. Frost, Michael & Hirsch, Alan 2004. The shaping of Things to come. Innovation and Mission for the 21st-Century church. 4th ed. Peabody: Hendrickson. Fong, Bruce W. 1996. Racial Equality in the Church: a Critique of the homogeneous Unit Principle in Light of a Practical Theology Perspective. Lanham, New York, London: University Press of America. McClintock, Wayne 1988. Sociological Critique of the Homogeneous Unit Principle. International Review of Mission LXXVII/305, January, 107-116. Malden: Wiley.

[31] Lingel, Joshua, Morton, Jeff & Nikides, Bill 2011. Chrislam: How Missionaries Are Promoting an Islamized Gospel. Biola: i2 Ministries Publications.

[32] Es ist erstaunlich, dass diese 3D Rahmen-Darstellung in christlichen Kreisen so lebhaft diskutiert wird. Der Begriff 3D Rahmen-Modell bezieht sich auf Interlinearisierung – Übertragung/Übersetzung – ausführlicher Paratext in einem Projekt (ein Buch oder auch 3 Bücher). Dem muttersprachlichen Leser werden alle Hilfsmittel mitgeliefert um selbständig auf den Grundtext zu schließen und auch kritisch zu hinterfragen. Die bisherigen Kritiken drehen sich um Ängste vor Synkretismus, Zweifel an Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit der Übersetzung, einem Missbehagen gegenüber anderen Religionen und zuletzt auch an einem Festhalten einer philologisch-wörtlichen Übertragung der Heiligen Schrift in die Idiome dieser Welt. Werner, Eberhard 2012. Bibelübersetzung im Orient – Neue Überlegungen. em 1/28, 3-16 Gießen: Arbeitskreis für evangelikale Missiologie.

[33] Hierzu gehören: 1. die Einfügung von Parallelstellen oder Querverweisen aus dem religiösen Umfeld der Heiligen Schriften anderer Zielsprachgruppe, 2. die Anpassung der äußeren Gestalt an andere religiöse Texte, oder 3. der sprachliche Rückgriff auf Schlüsselbegriffe anderer Religionen (Gottesbezeichnungen, rituelle Begriffe, etc.).

[34] Siehe Fußnote 23 zu Peter Beyerhaus. Eine ausgiebige Auseinandersetzung mit neuen theologischen Ansätzen, wie z. B. der „Theologie des sozialen Evangeliums“, der „schwarzen Theologie“ Afrikas oder auch der „Transformationstheologie“ zeigt, dass evangelikal-pietistische und konservative Kreise sich auf eine „Verkündigungstheologie“ zurückziehen. Sie versagen sich dabei gegen diakonisch-soziale hermeneutische Interpretationen der Heiligen Schrift. Das bedeutet natürlich nicht, dass diakonische Projekte nicht durchgeführt würden, sondern im Gegenteil sie sind im evangelikalen Raum und im Pietismus Ausdruck schriftorientierter Lebensgestaltung. Aufgrund einer vermuteten mangelnden göttlich-theologischen Grundlage lehnt man erstgenannte hermeneutische Sichtweisen als missiologisches Leitbild jedoch ab.

[35] Rolf Furuli hat das anschaulich in seiner Dissertation über die theologische Ausrichtung von englischen Bibelübersetzungen im Vergleich zur Neue Welt Übersetzung aufgezeigt. Er schlägt wörtliche Übersetzungen zur Lösung des Dilemmas vor, übersieht dabei aber leider auch deren interpretativen Anteil in der Wortwahl und dem Satzaufbau (1999; s. Fußnote 24). 

[36] Hierzu gehören auch Perspektiven von am Christentum Interessierten, die bereit sind sich auf das Wagnis einer Bibelübersetzung aktiv einzulassen. Wenn aus den großen Weltreligionen solche weitsichtig Interessierte gefunden werden, dann stehen sie aus eigenen Reihen unter dem Druck als „Konvertiten“ zu gelten, gleichzeitig müssen sie sich aus westlich christlicher Sicht behaupten, um nicht als „Kryptochristen“ zu gelten (Schirrmacher 2014:173). Das Problem des vollzogenen Übertritts im Rahmen der Konversionslehre ist an diesem Punkt aus christlicher Sicht noch nicht abschließend geklärt. Es wird meines Erachtens sehr imperialistisch auf westliche Maßstäbe begrenzt und übersieht den kollektivistischen, sozialen und bäuerlichen Kontext der meisten Kulturen dieser Erde (s. unten). Schirrmacher, Thomas 2013. Zur Diskussion um Insiderbewegungen in der islamischen Welt. em 29/4, 171-174. Und Online im Internet: URL: http://www.missiologie-afem.de/mediapool/79/­797956/­data/­em-Archiv­/em-2013-4.pdf [PDF-Datei] [Stand 2020-03-22].

[37] Die neueste Kontroverse um „Islam-kontextualisierte“ (divine familial terminology) Bibelübersetzungen wurde nun auf Intervention von SIL International bei der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) durch letztere beendet. Obwohl die internen Absprachen zwischen SIL International und der WEA noch ausstehen, ist angeregt worden, dass Organisationen im Bereich der Übersetzung von biblischer Vater-Sohn Terminologie in Zukunft einem Dreischritt folgen. Zuerst ist eine vorrangige wörtliche, wenn das nicht möglich ist eine nahe–äquivalente und nur in Ausnahmefällen eine paraphrasierende Übersetzung zu wählen, wobei immer im Paratext auf die Bedeutung im Grundtext zu verweisen ist. Inwieweit einheimische sogenannte „Jesus- oder Insider Bewegungen“ an sogenannten kontextualisierten Bibelübersetzungen festhalten, liegt außerhalb der Einflussnahme westlicher oder auch lokaler Kirchen. Einer Abkehr altbewährter trinitarischer Kirchensprache im Bereich der trinitarischen Gottesbezeichnungen wird von der westlichen (evangelikalen) Kirche damit eine Absage erteilt. Unantastbar bleiben die Begriffe Gott-Vater, Gott-Sohn (für Jesus) und der Begriff Heiliger Geist. Die WEA folgt damit den Glaubensbekenntnissen (Credo) der Alten Kirche (z. B. dem Apostolicum, dem Nicanäum, Chalcedon, u.a.). Die Methodik kontextualisierter und linguistisch-anthropologischer Forschung als Ausgangspunkt für muttersprachliche Bibelübersetzungen wird jedoch grundsätzlich von der WEA begrüßt. Zur Diskussion: WEA Beschluss - http://www.worldea.org/images/­wimg/­fil­es/2013_0429-Final%20Report%20of%20the%20WEA%20­Indepe­n­dent%20Bible­%20Translation­%20­Re­view­%20Panel.pdf [PDF-Datei] [Stand 2020-06-20]. SIL International Stellungnahme - http://www.sil.org/­trans­lation/­sil-standards-translation-divine-familial-terms [Stand 2020-01-20].

[38] Ich gehe hier nicht mit Bockmühl einig, der Ethik allein als Ideal „das wir leben sollen“ beschreibt (1995:11). Bockmühl, Klaus 1995. Christliche Lebensführung: Eine Ethik der Zehn Gebote. Giessen: Brunnen. Gleichwohl handelt es sich auch nicht alleinig um die „objektive Angemessenheit von Handlungen anhand intersubjektiv festgelegter und immer wieder neu festzulegender Spielregeln“ wie dies aus dem evolutionären Bereich verkündet wird (Schmidt-Salomon 2005:102). Schmidt-Salomon, Michael 2005. Manifest des evolutionären Humanismus: Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. Aschaffenburg: Alibri. Ethik ist ideologisch bedingt und stellt die Ausrichtung an denjenigen Normen und Werten (Moral) dar, derer sich ein Individuum im Rahmen eines gesellschaftlichen Systems fügen möchte. Im persönlichen Gewissenskonflikt und dessen Verhältnis zum Kollektivgewissen offenbaren sich die ethischen Rahmenbedingungen, denen Kollektiv – auch im Individualismus – und Individuum ausgesetzt sind.

[39] Suren 2:23, 185; 3:101; 6:19; 10:37-38; 16:102; 17:106; 22:16; 27:6; 97:1. Im Vorwort zur Online-Ausgabe einer deutschen Koran-Überarbeitung schreiben die nichtgenannten Verfasser: „Es handelt sich beim Koran also nicht um inspiriertes Menschenwort, sondern um wörtliche Offenbarung vom Schöpfer aller Wesen und Dinge.“  

[40] Neuwirth, Angelika 2007. Studien zur Komposition der mekkanischen Suren. Zweite erweiterte Aufl. Berlin: de Gruyter. Und Online im Internet: URL: http://books.google.de/books?id­=4GZK6Qm5u8cC&printsec=­front­co­ver&­hl­=it&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false [Stand 2020-01-11].

[41] Der Qur’an entspricht deshalb eher dem Bild des Christus und seine Rezitation als Imitatio des Propheten Mohammed der Vorstellung Marias als Stellvertreterin. Dabei ist zu beachten das letztendliche Vergleiche immer an der heterogenen Konstellation eines Religionsgebildes scheitern.

[42] w/a 1978. The Chicago Statement on Biblical Inerrancy, JETS 21, 289-296.

[43] Jeising, Thomas 2012. Was bedeutet Inspiration?, in Mayer, Thomas (Hg.): Die Bibel - Ganze Inspiration Ganze Wahrheit Ganze Einheit, 34-59. Nürnberg: VTR. Peters, Benedikt 2012. Kriterien für eine gute Bibelübersetzung, in Mayer, Thomas (Hg.): Die Bibel - Ganze Inspiration Ganze Wahrheit Ganze Einheit, 138-154. Nürnberg: VTR.

[44] Mildenberger, Friedrich 1992. Biblische Dogmatik. Eine Biblische Theologie in dogmatischer Perspektive. Band 1: Prolegomena: Verstehen und Geltung der Bibel. 3. Bde. Stuttgart: Kohlhammer: Kohlhammer.

[45] Lamsa, George M. 1963. Die Evangelien in aramäischer Sicht. St. Gallen: Neuer Johannes Verlag. Schwarz, Günther & Schwarz, Jörn 1993. Das Jesus-Evangelium. München: Ukkam.

[46] Eine erwähnenswerte Ausnahme bildet die nach der vermuteten Niederschrift der neutestamentlichen Bücher und Apokryphen gegliederte Übersetzung von Christiane Nord (Übersetzungswissenschaftlerin) und Klaus Berger (Neues Testament). Berger, Klaus & Nord, Christiane 1999. Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Frankfurt am Main: Insel.

[47] Mündliche, visuelle und übers Gehör vernehmbare Produkte sind vor allem bei nicht-alphabetisierten Volksgruppen nötig. Diese Form der Bibelübersetzung greift die mündlich-gehörte (oral-aural) Tradierungsmethode und die fehlende Schriftorientierung bei Völkern auf. Allen diesen Produkten liegen schriftliche Texte zugrunde oder entwickeln sich aus ihnen, indem sie auf eine angehende Alphabetisierung zielen.

[48] „Die Irrationalität des heiligen Originals soll im Bewußtseyn der Kirche lebhaft erhalten werden. Eine freye, mehr oder weniger modern Uebersetzung verstattet dem Uebersetzer zu viel Willkühr und macht das lesende Volk ungewiß und unsicher über den ursprünglichen Schriftsinn.“ Lücke, Friedrich 1823. Kurtzgefaßte Geschichte der Lutherischen Bibelübersetzung und Beantwortung der Frage, ob und in wie fern dieselbe als kirchliche Uebersetzung beizubehalten sey, oder nicht? Zeitschrift für gebildete Christen der Evangelischen Kirche Heft 3, 1-51, und Heft 4, 35-101. Elberfeld: Büschler.

[49] Metzger, Bruce M. 1993. Der Kanon des Neuen Testament: Entstehung, Entwicklung, Bedeutung. Düsseldorf: Patmos.

[50] Nord, Christiane [1997] 2001. Translating as a Purposeful Activity: Functionalist Approaches Explained. Reprint. Manchester: St. Jerome. Nord, Christiane 2003. Textanalyse und Übersetzen: Theoretische Grundlagen, Methode und didaktische Anwendung einer übersetzungsrelevanten Textanalyse. 3. Aufl. Tübingen: Julius Groos.

[51] Nord, Christiane 2011. So treu wie möglich? Die linguistische Markierung kommunikativer Funktionen und ihre Bedeutung für die Übersetzung literarischer Texte, in  Nord, Christiane (Hg.): Funktionsgerechtigkeit und Loyalität: Die Übersetzung literarischer und religiöser Texte aus funktionaler Sicht. Arbeiten zur Theorie und Praxis des Übersetzens und Dolmetschens. Band 33, 117-143. Berlin: Frank & Timme. (Original Aufsatz: erschienen in Keller, Rudi [Hrsg.] (1997): Linguistik und Literaturübersetzen. Tübingen: Narr, 35-59.).

[52] Venuti, Lawrence S. [1995] 2008. The Translator's Invisibility: A history of translation. 2nd ed. London: Routledge.

[53] Iversen, Gertrud Yde 2003. Epistolarität und Heilsgeschichte: Eine rezeptionsästhetische Auslegung des Römerbriefs. Münster: LIT.

[54] BasisB(ibel): Grund genug zu leben - Die Bibel interaktiv. Neues Testament 2010. Stuttgart: Deutsche Bibel­ge­­sell­schaft. Und Online: URL: http://www.basisbibel.de/basisbibel-online/­bibel­text/ [Stand 2020-02-06].

[55] Offene Bibel. Online Bibel. 3 Bibeln in einem Projekt. Studienversion, Leichte Sprache, Lesefassung. Frankfurt: Offene Bibel e.V. Online: URL: http://www.offene-bibel.de/ [Stand 2020-02-20].

[56] An dieser Stelle sei betont, dass sich diese gruppendynamische Entwicklung in allen religiösen und sozialen Prozessen abspielt, bei denen sich Interessengemeinschaften um einen gemeinsamen Inhalt konstituieren. Für den Islam hat dies Poston als Form der islamischen Ausbreitung beschrieben (Teil des jihad – Anstrengung –  und der da’hwa – Einladung; 1992:126-127). Poston, Larry 1992. Islamic Da'wah in the West: Muslim Missionary Activity and the Dynamics of Conversion to Islam. New York: Oxford University Press.

[57] Die Feierlichkeit drückt den Dank auf Gott hin aus und weist der Übersetzung den Auftrag zu, nun in den muttersprachlichen gläubigen Menschen und der Kirche zu wirken. Nicht nur der Lehrauftrag am biblischen Wort zählt, sondern auch der diakonische Auftrag. Dass Volksgruppen durch den Prozess der Bibelübersetzung ein Hilfsmittel für Lese- und Schreibprogramme erhalten, führt zu deren interner und externer Aufwertung, sowie zu ihrer öffentlichen Anerkennung. Sanneh, Lamin 2003. Whose Religion is Christianity? The Gospel beyond the West. Grand Rapids: Eerdmans.

[58] Latourette, Kenneth Scott 1937. A History of the Expansion of Christianity, Vol 1. New York and London: Harper.

[59] Bibel 2011. Oslo: Norwegian Bible Society.

[60] In Kontexten, in welchen Christen unterdrückt oder verfolgt werden, ist auch die Ablehnung und Kritik der Bibelübersetzungen als Verfälschungen und christlichem Propagandawerk groß. Dahinter stehen mindestens religiöse, meistens aber auch politisch geschürte Vorurteile. Der Vorwurf des Kolonialismus und Kapital-Imperialismus ist nicht selten zu hören. Gerade die Bibelübersetzung, als ein zentrales Element christlicher Entwicklungshilfe, ist im Kreuzfeuer der Kritik. Dabei gilt es genau hin zu hören, da oft auch berechtigte Kritik mit schwingt.

[61] Kipling, Rudyard [1894] 2000. The Jungle Books. Harlow: Penguin. Fabri, Friedrich 1879. Bedarf Deutschland der Kolonien? Barmen: Rheinische Mission. Robinson, Douglas 1997. Translation and Empire: Postcolonial Theories Explained. Manchester: St. Jerome. Robert de Kenton hat unter dem Eindruck des islamischen Einflusses in Spanien eine Koranübersetzung veröffentlicht, die versuchte den Koran zu denaturieren. Der Islam wird als Betrug und Muhammad als dessen Propagandist dargestellt (Chouraqui 1994:17-18). Chouraqui, André N. 1994. Reflexionen über Problematik und Methode der Übersetzung von Bibel und Koran. Tübingen: Mohr Siebeck. Robinson beschreibt die unterschiedlichen Formen die der koloniale Einfluss auf Übersetzungen genommen hat (1997:31-32; 36, 60). Robinson, Douglas 1997. Translation and Empire: Postcolonial Theories Explained. Manchester: St. Jerome. Basnett und Triverdi fassen den kolonialen Einfluss zusammen: “The act of translation always involves more than language. Translations are always embedded in cultural and political systems, and in history. For too long translation was seen as purely an aesthetic act, and ideological problems were disregarded. Yet the strategies employed by translators reflect the context [of power interests and values] in which texts are produced (1996:6).” Bassnett, Susan & Trivedi, Harish (eds) 1999. Post-Colonial Translation - Theory and Practice. London: Routledge.

[62] Mojola, Aloo Osotsi & Wendland, Ernst R. 2003. Scripture Translation in the Era of Translation studies, in Wilt, Timothy (Hg.): Bibletranslation: Frames of Reference, 1-26. Manchester: St. Jerome.

[63] Ausführliche Liste der direkten Rede oder Zitierung Gottes in Pache (1967:74-75). Pache, René 1967. Inspiration und Autorität der Bibel. 3.Aufl. Wuppertal: Brockhaus.

[64] Vor allem die Zerstörung Jerusalems und die Zerstreuung der Christen in alle Welt (nicht alle Weltteile!) führte zu einer Pluralität, die sich im kontextualisierten Christentum wieder spiegelt.

[65] Furuli hat dies anschaulich anhand der Neue Welt Übersetzung (NWÜ) der Zeugen Jehovah dargestellt. Da jede Bibelübersetzung intuitiv-interpretierend und theologisch vorgeprägt ist, kann und sollte keine eine Alleingültigkeit beansprucht werden (1999). (s. auch oben Fußnote 24).

[66] Dies würde in gewissem Sinne auf die islamische Offenbarung zutreffen, deren Inlibration dem Abbild des Ur-Qur’an entspringt (Burgmer 2007:24). Die Veden hingegen entwickeln ihren göttlichen Wert nicht in der Form, sondern in der Entfaltung beim Gläubigen. In der Konsequenz sind sie übersetzbar, jedoch nur in kontextualisierter Form wirksam (Prabhavananda & Manchester 1957: xi). Dem originären philologisch-wörtlichen Übersetzen anderer Heiliger Texte wurden zum Beispiel in der Literaturgeschichte der griechischen Göttersagen oder von Schöpfungsmythen moderne Übersetzungsgrundsätze angelegt um die Text verständlich zu machen (Schwab 2005). Burgmer, Christoph 2007. Licht ins Dunkel: Der Koran als philologischer Steinbruch (Ein Gespräch mit Christoph Luxenberg), in Burgmer, Christoph (Hg.): Streit um den Koran: Die Luxenberg-Debatte: Standpunkte und Hintergründe, 18-38. 3. Aufl. Berlin: Hans Schiler. Prabhavananda, Swami & Manchester, Frederick 1957. The Upanishads: Breath of the Eternal. New York: New American Library. Schwab, Gustav 2005. Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. München: dtv.

[67] Clarke, Kent D. 1999. Original Text or Canonical Text? Questioning the Shape of the New Testament Text we Translate, in Porter, Stanley E. & Hess, Richard S. (eds.): Translating the Bible: Problems and Prospects, 281-322. Sheffield: Sheffield Academic Press.

[68] Ein Plädoyer für eine Form der Verbal- und Diktatinspiration wird in der Publikation des Bibelbundes e.V. gegeben. Peters, Benedikt 2012. Fehlerlosigkeit - was sonst?, in Mayer, Thomas (Hg.): Die Bibel - Ganze Inspiration Ganze Wahrheit Ganze Einheit, 97-114. Nürnberg: VTR. Das Bekenntnis des Bibelbundes zu den Chicagoer Erklärungen findet sich auf: Online: URL: http://bibelbund.netzwerkplatz.de/htm/2003-3-03.html [Stand 2020-02-20].

[69] Enns geht von der These aus, dass so wie Jesus gleichzeitig Gott und Mensch ist, so ist es auch mit der Bibel. Sie ist sowohl göttlichen als auch menschlichen Ursprungs zu 100 %. Sein Inspirationsverständnis lehnt sich an eine Wirk- und Effektinspiration insofern an, da Enns die göttliche und menschliche Seite zu gleichen Teilen betont (2005:17-19). Enns, Peter 2005. Inspiration and Incarnation: Evangelicals and the Problem of the Old Testament. Grand Rapids: Baker Academics.

[70] Kritisch betrachtet wird θεόπνευστος theopneustos „eingehaucht/ von Gott eingegeben“ ein hapax legomenon aus 2Tim 3:16, da keine Vergleichstexte vorliegen. Auch πᾶσα γραφὴ pasa graphä „alle Schrift“ ist in sich kein schlüssiger Beweis, da es sich bestenfalls um die jüdischen Schriften handeln könnte, also das Neue Testament ausschließt. Auch Joh 10:35 καὶ οὐ δύναται λυθῆναι ἡ γραφή  kai ou dunatai luthänai ä graphä „und die Schrift kann nicht aufgelöst werden“ bezeugt nur Jesus‘ Sicht der bestehenden Traditionen und Schriften zur Hebräischen Bibel und nicht auf die seine später aufgezeichneten Worte. Wobei Joh 5:19 die völlige Abhängigkeit zwischen Sohn-Gott und Vater-Gott andeutet. Weiterhin haben die Textkritik und die unterschiedlichen Traditionsgeschichten gezeigt, dass die Worte selbst nicht Träger göttlichen Impetus sein können, da es unterschiedliche Lesarten gibt und nur (gut gesicherte) Wahrscheinlichkeiten Rückschlüsse auf das „Original“ zu lassen (Allert 1999:86-88, 99-101). Allert, Craig D. 1999. Is a Translation Inspired? The Problems of Verbal Inspiration for Translation and a Proposed Solution, in Porter, Stanley E. & Hess, Richard S. (eds.): Translating the Bible: Problems and Prospects, 85-113. Sheffield: Sheffield Academic Press.

[71] Die schwarze Theologie (Afrika), die Befreiungstheologie (Südamerika), die Harmonietheologien (Asien), Raum- und Zeittheologien (Aborigines und Ureinwohner; Bevans 2011:12-13; Stückelberger 2011:9-10). Bevans, Stephen B. 2011. What Has Contextual Theology to Offer the Church of the Twenty-First Century?, in Bevans, Stephen B. & Tahaafe-Williams, Katalina (eds.): Contextual Theology for the Twenty-First Century. Missional Church, Public Theology, World Christianity, 3-17. Eugene: Pickwick. Stückelberger, Christoph 2011. Schöpfungstheologie – Schöpfungsspiritualität – Schöpfungsethik Impulse (aus dem globalen Süden) für eine globale und kontextuelle Ethik. Interdisziplinäres Fachgespräch zu ökologischer Ethik und Theologie, Heidelberg/FEST, 28./29. Sept 2011. Online im Internet: URL: http://www.christoph­stuec­kel­berger.ch/­dokumen­te_d/um­weltethik_stand_ansaetze_stueckelberger.pdf [PDF-Datei] [Stand 2020-01-16].

[72] Technologische Begriffe, wie z. B. Computerbegriffe (e-mail, cache, stick, handy, etc.), Schimpfbegriffe (bitch, gay, fuck you), und politische Schlagworte (Glasnost, Perestroika, etc.) wurden in den Medien aufgenommen und somit zum Kulturgut. In das deutsche Sprachgut werden solche Begriffe offiziell über den Duden eingeführt. Der Duden – deutsche Rechtschreibung – nimmt Begriffe auf, sobald sie in mehreren Medien übereinstimmend verwendet wurden.

[73] Oft sind es ganz unbewusste sprachliche Veränderungen die in das Kirchengut einfließen: Abkündigungen, Segen, frohlocken, Wohlgemut, ich habe Frieden über, Zeugnis geben, … Erst im Gespräch mit kirchenfernen Menschen wird die sprachliche Diskrepanz deutlich.

[74] Gerade dieses Beispiel kommuniziert nur minderwertig und beschreibt Vorgänge unzureichend. “Onan wusste sehr genau, dass es nicht seine Nachkommen wären. Sooft er nun mit der Frau seines Bruders schlief, ließ er es nicht zum Samenerguss kommen, um seinem Bruder keine Nachkommen zu schenken.“