Missiologie und Disability Studies – Eine Annäherung

Deutsch

Eberhard Werner

Missiologie und Disability Studies – Eine Annäherung

werner [at] forschungsinstitut.net

 

Inhalt

Missiologie und Disability – Ein Annäherung. 1

Abstrakt 1

1.       Disability Studies - Geschichte. 2

1.1 Schwierige Anfänge. 2

1.2 Ethnographien und Filme – Öffentliche Wahrnehmung. 3

1.3 Wahrnehmung - Modelle und Konstrukte der Disability Studies. 4

2.       Gesellschaftliche Herausforderungen – Heilige oder Dämonen. 4

2.1 Verhaltensstrategien – Gewissens-Diskurse. 5

2.2 Konfliktpotentiale – Wahrnehmung als „Objekte“. 6

2.3 Soziale Gewissens-Kontrolle – MitEinander und FürEinander 7

2.4 Disability Studies zwischen den Fronten. 8

3.       Theologie, Missiologie und Disability Studies. 8

3.1 Vanier – Lebenswelten (Mit)Teilen. 9

3.2 Eiesland, Beates, Yong – Schwachheit als göttlicher Imperativ. 9

3.3 Biblische Berichte – Eine inklusive Missiologie. 10

3.3.1 Praktische Aspekte der Disability Studies aus missiologischer Sicht 12

4.       Disability Studies und Missiologie - Rückblick und Ausblick. 14

 

Abstrakt

Disability Studies ist ein seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstandener wissenschaftlicher Zweig. Grundlage war die Befreiungs-Bewegung von Menschen mit mentalen und körperlichen Einschränkungen zur Loslösung aus Bevormundung und Paternalismus in diesem Zeitraum. Breit vernetzt findet sich dieser Zweig in vielen Disziplinen wieder. Vor allem die Theologie hat in den letzten dreißig Jahren exegetische, hermeneutische und praktisch theologische Impulse von Personen mit und ohne Einschränkungen aus den Disability Studies erhalten. Bedauerlicherweise hat sich die Interkulturelle Theologie und die Missiologie wenig mit dem Thema beschäftigt. Die enge Anlehnung der Missiologie an die Theologie wird aber die dortigen Impulse nicht länger unterdrücken können. Vielmehr ist im Bereich der hermeneutischen Grundlagen, des Gemeindebaus und des interreligiösen Diskurses die Frage der Inklusion, Teilhabe und Integration aller sozialen Gruppen in die religiöse Gemeinschaft der Christusnachfolger von Bedeutung. Dabei sollen die Personen mit Einschränkungen selbst sowie ihre sie versorgenden Mitmenschen zu Wort kommen. Die globale Kirche nimmt den Auftrag der Inklusion partiell und theoretisch wahr, jedoch mangelt es am Mut Personen mit Einschränkungen aktiv einzubinden oder ihre historische und gegenwärtige Bedeutung zu würdigen. Dieser Artikel liefert einen Über- und Ausblick.

1.Disability Studies - Geschichte

Die Disability Studies entstammen den Befreiungs-Bewegungen der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Hierzu zählen die sogenannten Studentenrevolutionen, die feministische Bewegung, die Homosexuellen und Lesben-Bewegung, die Umwelt-Bewegung und viele andere. Gleichzeitig haben soziale Veränderungen zur Wahrnehmung von bis dahin unbeachteten Personengruppen, z. B. der Personen mit mentalen oder körperlichen Einschränkungen geführt. Das Aufbegehren der Menschen mit Einschränkungen richtete sich gegen die gesellschaftliche Bevormundung. Insbesondere wurde die Heim- und Gruppenunterbringung, die Zwangssterilisation und der Ausschluss aus der Öffentlichkeit aufgrund baulicher Hindernisse kritisiert. Der zugrundeliegende Paternalismus, aufgrund gesellschaftlicher Vorurteile, ließ den Bevormundeten keinen Raum sich in die sie betreffende Diskussion einzubringen. Ihr Anders-Sein wurde durch die Stichworte Unfähigkeit (z. B. zur Selbstversorgung; zur Leistungserbringung) und Abhängigkeit (z. B. soziale Nestbeschmutzer, Sozialnutznießer, Sozialschmarotzer) beschrieben. Dies führte zwangsläufig zur Aberkennung der menschlichen Würde (siehe Bezeichnung als „dumme Krüppel“, „Spastiker“, „Bekloppte“).

1.1 Schwierige Anfänge

Die Befreiungsbewegung der Menschen mit Einschränkungen begann in den USA. Man forderte dort neben einem Recht auf bauliche Zugänge und nutzbare Toiletten, auch die selbstbestimmte Assistenz. Das Recht auf eine Beteiligung am wissenschaftlichen und politischen Diskurs ging damit einher. Hintergrund der Anerkennung dieser Forderungen waren die militärischen Interventionen der fünfziger und sechziger Jahre, die ihre Opfer forderten und ein Heer von Menschen mit Einschränkungen generierte. Die enge Koppelung von Militär und Politik in den USA führte zu umfangreichen Gesetzesregelungen, welche diesen Kriegsverletzten den Zugang zur Bildung, öffentlichen Einrichtungen und selbstbestimmtem Leben mit Assistenz garantierten (zuletzt: Americans with Disability Acts 1990). Im Gegensatz hierzu hatten in Europa die Kriegsversehrten des Ersten und Zweiten Weltkriegs den Aufbau staatlicher Fürsorgeheime und damit eine ungewollte Ausgliederung aus der Gesellschaft generiert. Hinzu kam die Organisation privater Institutionen, die sicher unbewusst die Erziehung, Unterbringung und damit Ausgliederung von Personen mit Einschränkungen in „sonderpädagogischen“ Einrichtungen (Kindergärten, Schulen, Heimen) förderten.

Im Vereinigten Königreich hat sich in den siebziger Jahren der Widerstand vor allem gegen die Unterbringung in (geschlossenen) Heimen gerichtet. In Deutschland hat sich die in Bremen begründete (Horst Frehe, Franz Christoph 1977) und in Frankfurt berühmt gewordene „Krüppelbewegung“ (Ernst Klee; Gusti Steiner mit Straßenbahnblockade 1981; 1970-1981) mit teilweise Erfolg an die Öffentlichkeit gewandt. Sie haben auf die soziale Ausgliederung und Bevormundung hingewiesen. Die Frankfurter Bewegung war aufgrund ihres offenen, teils radikalen Protests am meisten wahrgenommen worden. 5000 Personen mit Einschränkungen demonstrierten am 08. Mai 1980 in Frankfurt gegen ein Urteil des Landgericht Frankfurt vom 25.02.1980 wonach die „Anwesenheit einer Gruppe von Behinderten eine Beeinträchtigung des Urlaubsgenusses“ darstellt und zu Schadensersatzansprüchen führt. Unzählige Aktionen an öffentlichen Verkehrsmitteln, den Zugängen zu öffentlichen Gebäuden und auch privater Einrichtungen führten zur Wahrnehmung der baulichen und geistigen Hürden in der Gesellschaft.

1.2 Ethnographien und Filme – Öffentliche Wahrnehmung

Die Disability Studies haben aufgrund ihrer Vernetzung in den Sozialwissenschaften, der Psychologie, der Theologie und den Naturwissenschaften dazu beigetragen, dass Ethnographien, Lebensberichte und Lebenswelten durch Personen mit Einschränkungen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Insbesondere folgende Werke haben dabei großen Einfluss auf wissenschaftlicher und sozialer Ebene gehabt:

  • Die ökumenisch-theologische Reflexion von Geiko Müller-Fahrenholz über Partners in life: The handicapped and the Church (1979) des WCC (World Council of Churches; Faith and Order 89).
  • Die nordamerikanische, sozialkritische Studie über Kleinwüchsige von Ablon, Joan 1984. Little People in America: The Social Dimensions of Dwarfism. New York: Praeger.
  • Die feministische Studie über Frauen mit Behinderung von Asch, Adrienne & Fine, Michelle 1988. Introduction: Beyond Pedestals, in Fine, Michelle & Asch, Adrienne (eds.): Women with Disabilities: Essays in Psychology, Culture and Politics. Philadelphia: Temple University Press.
  • Die Ethnographie einer durch angeborene Körperdeformationen betroffenen Forscherin von Frank, Gelya 2000. Venus on Wheels: Two Decades of Dialogue on Disability, Biography, and Being Female in America. Berkeley: University of California Press.
  • Die wohl bedeutsamste theologisch-hermeneutische Abhandlung über den „behinderten Gott“ von Eiesland, Nancy L. 1994. The Disabled God: Toward a Liberatory Theology of Disability. Nashville: Abingdon.
  • Berühmte Persönlichkeiten schrieben biographisch, wie der aufgrund eines Reitunfalles tetraplegisch gelähmte Christopher Reeve (Superman-Darsteller 1978 und 1980), Reeve, Christopher 1998. Still me. New York: Ballantine Books. Andere wurden durch ihre Biographien berühmt, wie die ebenfalls tetraplegisch gelähmte Eareckson-Tada Joni 1976. Joni – An Unforgettable Story. Grand Rapids: Zondervan.
  • Filme wie Rain Man (Dustin Hofmann 1988; Autismus), My Left Food (Daniel Day-Lewis 1989; Athetose), I am Sam (Sean Penn 2001; mentale Einschränkung), Mozart and the Whale (Josh Hartnett 2005; psychische Einschränkung) und viele andere brachten körperliche und mentale Einschränkungen zwar in die Öffentlichkeit, wurden jedoch von nicht-behinderten Schauspielern gespielt, was Betroffene zu Recht kritisieren.
  • Wenige, aber authentische Filme, wie der über gehörlose Menschen handelnde Jenseits der Stille (Sylvia Testud 1996), den durch verkürzte Arme bekannten Trainer einer Paralympischen Mannschaft My way to Olympia (Niko von Glasow 2013) oder von dem durch und über Down Syndrom bekannten Me too (Pablo Pineda 2009) schafften es ein zwar kleines aber interessiertes Publikum anzusprechen.

Diese auszugsweise gegebenen Beispiele beschreiben das Ineinandergreifen der unterschiedlichen Lebenswelten von Menschen mit und ohne Einschränkungen, wie sie in den Disability Studies verdeutlicht werden. Zusammengefasst gab es drei Ansätze, wie mit behinderten Personen umgegangen wurde (Objekt-Orientierung) und wie sie sich selbst äußerten (Subjekt-Orientierung):

  • Staatlich-öffentliches Versorgungsprinzip: Umfasst Bemühungen der Gesellschaft um Personen mit Einschränkungen durch Heim- und Pflegeinrichtungen zu versorgen.
  • Private, nichtstaatliche Ansätze, die sonderpädagogische Integration organisierten.
  • Selbsthilfe: Selbstorganisierte, teilweise radikale Gruppen von Menschen mit Einschränkungen, die mit politische Forderungen zur Selbstversorgung provozierten.

Nur letztere Bewegung führt letzten Endes in eine Gesellschaft, in welcher Personen mit und ohne Einschränkung den öffentlichen Lebensraum teilen, weil dieser keinen Unterschied mehr zwischen ihnen macht und an alle angepasst ist (Grundgedanke der Inklusion, volle gesellschaftliche Teilhabe).

1.3 Wahrnehmung - Modelle und Konstrukte der Disability Studies

Ein Verdienst der Disability Studies stellt die Herausstellung der ideologischen Konzeptionen über Behinderung dar. Dies ermöglicht ein differenziertes Wahrnehmungsspektrum. Das sogenannte „medizinische Modell“ bildet dabei das üblicherweise anzutreffende Konstrukt. Es bildet die übliche Wahrnehmung und beruht auf der Prämisse der Rehabilitation, das ist die Hin- und Rückführung zur „Normalität“, dabei die Behinderung stigmatisierend und als störend beschreibend. Dies findet sich auch in der biblischen Berichterstattung (z. B. bettelnde/ elende Blinde). Das mittellateinische rehabilitatio „Wiederherstellung“ drückt die Zielsetzung dieses Zugangs prägnant aus. Das „soziale Modell“ wiederum wird in England favorisiert und beschreibt Behinderung als soziales Konstrukt. Es ist das, was eine soziale Gemeinschaft als „Anders-Sein“ (Otherness) definiert und dadurch stigmatisiert. Im Kontrast dazu wird in den USA das „kulturelle Modell“ favorisiert, welches Behinderte als Teil einer Kultur, neben anderen kulturellen Gruppen (Frauen, Andersfarbige, sexuelle Ausrichtung) wertet. Im Miteinander ergänzt sich die Gesellschaft zu einem Ganzen. „Inklusion“ ist die komplementäre Folge dieser Sicht (z.B. Eiesland 1994:58-60).

Soweit die historische Entwicklung der Befreiungsbewegung der Menschen mit körperlichen und mentalen Einschränkungen aus Bevormundung und Paternalismus, aus welcher sich die Disability Studies heraus kristallisierten. Welchen sozialen Herausforderungen und damit Arbeitsgebieten stellen sich die Disability Studies?

2.Gesellschaftliche Herausforderungen – Heilige oder Dämonen

Die vielschichtigen, komplexen und eng miteinander verknüpften sozialen Herausforderungen beim Zusammentreffen und –wirken der Lebenswelten von Menschen mit und ohne Einschränkungen können nur verstanden werden, wenn psychologisch-physische Prozesse mit berücksichtigt werden. Aus ihnen entwickeln sich diejenigen Begegnungsstrategien, die in Ethnographien so eindrucksvoll die Stigmatisierung und das „Anders-Sein“ der Menschen mit Einschränkungen hervorheben.

Das Erscheinen von Menschen mit körperlichen und mentalen Einschränkungen ruft bei ihren Mitmenschen (auch Betroffenen selbst) Unbehagen, Unsicherheit und Angst hervor. Dies kann, wie im Fall von Dysmelie (angeborene Fehlbildung) zu offener ausgesprochener Erregung, plötzlichem Wegdrehen oder im extremen Fall zu Schock führen (Cloerkes 1985, Kapitel 15:2).[1] Im Gegensatz hierzu stehen (vorübergehende) Krankheiten. Ihnen begegnet das Gegenüber mit Mitleid, Trost und Verständnis, im Hinblick auf die eigene Vergänglichkeit und Anfälligkeit für Krankheiten.

In religiös, also auch christlich geprägten Kreisen, die antike biblische Inhalte auf das heute übertragen spielt die enge Verknüpfung von Leiden, Sünde und Besessenheit eine Rolle. Dabei wird im christlichen Raum eine Glaubensschwäche oder –mangel als Ursache angenommen bzw. vermutet. Dies trotz Jesu Klarstellung, dass Sünde – auch generationenübergreifend – nicht als Ursache für Behinderung gesehen werden kann (Joh 9:2-3), Diese theologische Annahme addiert sich noch zu den sowieso bestehenden Begegnungsängsten und kann sich bis zu einem sogenannten power encounter (Kampf der Mächte Gut gegen Böse) hochstilisieren. Darin werden Behinderte als Objekte für das innewohnen dämonischer Gewalten gewertet. Exorzismus, Schuldzuweisungen und damit Versagung der Geschwister- und Nächstenliebe sind die Konsequenzen. Logischerweise werten Nicht-Behinderte dies anders, da sie lediglich bei diesen Prozessen von einer gutgemeinten Hilfestellung ausgehen.

2.1 Verhaltensstrategien – Gewissens-Diskurse

Bei der Konfrontation mit Behinderten brechen Verhaltensstrategien auf, die kulturell unterschiedlich sind. Im individualistischen nordeuropäisch-nordamerikanischen Raum, wo das Gewissen mehr in Richtung Gerechtigkeit und Schuld orientiert ist, herrscht eine eher introvertierte „Vermeidungsstrategie“ vor. Dabei wird der Begegnung entweder aus dem Weg gegangen oder Nichtbehinderte zwingen sich, sich zusammenzureißen um nicht ihrer Neugier, ihrem Unmut oder ihrer Hilflosigkeit Raum zu geben. Das Gewissen in diesen Individualgesellschaften steht im Konflikt mit der spontanen Reaktion, die das Anders-Sein von Behinderten direkt bezeichnen möchte. Dieser Stresssituation wird in zukünftigen Begegnungen ausgewichen. Das individuale Gewissen schließt den „Anders-Seienden“ durch langfristige Ignoranz aus. Dies führt zur Isolation der Menschen mit Einschränkungen (Cloerkes, Kapitel 16:1). In mehr auf Ehre und Scham-orientierten und kollektiven Gesellschaften findet man demgegenüber eine „Konfrontationsstrategie“ vor. Menschen mit körperlichen und mentalen Einschränkungen wird durch Auslachen, physischer Konfrontation, wie Umkreisen oder auch mehr oder weniger freundlicher Berührung (ab-tatschen, kneifen, schubsen) begegnet. Auch hierbei wird der Behinderte isoliert, denn nachdem das kurzfristige Konfrontationsverhalten abgeklungen ist, wird das Objekt uninteressant oder es ist auf lange Frist frustriert über die „Sonderbehandlung“. Das kollektive Gewissen schließt den „Anders-Seienden“ durch Betonung seiner Begrenzungen aus. Nicht-Behinderte reagieren ihrer kollektiven Verantwortung gemäß so, dass sie Gruppenzugehörigkeit zwar ausdrücken, gleichzeitig aber eine Abgrenzung vornehmen. In den hier aufgezeigten Verhaltensmustern, egal welcher Gewissens-Orientierung, zeigen sich die langfristigen Strategien, welche die Verantwortung für das Unbehagen, die Ablehnung oder die Überreaktion auf die Personen mit Einschränkungen übertragen.

In allen Fällen bildet das übergeordnete Gruppen-Gewissen den Maßstab für die erzeugten Verdrängungs-Strategien. Zu den stigmatisierenden Verhaltensmustern zählen alle Arten menschlicher Unbeholfenheit, aggressive, resignative Reaktionen oder auch Bevormundung (Bemutterung, Mitleid statt Mit-Leiden). Die typischsten Aussagen und Erfahrungen, wie sie in den oben genannten Ethnographien aufgeführt werden, bilden:

  • Das Übergehen der Person mit Einschränkung durch das Ansprechen der Begleitperson zu Fragen oder Bemerkungen über den Behinderten (Ignorierung; z.B. „Wie heißt er denn?“ „Wie alt ist sie denn?“ „Dass sie das schon kann!“).
  • Das Abnehmen von als „zu schwierig empfundenen“ Situationen ohne zu fragen. Typisch ist hier der „Oma-Witz“, die ohne es zu wollen über die Straße gebracht wird, weil sie am Straßenrand steht. (Ignorierung; z. B. Türen aufhalten; plötzliches Anschieben von Rollstühlen oder Armuntergreifen bei Blinden; sinnloses Fuchteln und überlautes Reden bei Gehörlosen …).
  • (Misstrauisches) Zurückhalten und starrendes Beobachten, wie eine Person mit Einschränkungen mit eine alltäglichen Sache umgeht (Neugier; Vorurteil der Unfähigkeit).
  • Das laute Bemitleiden im öffentlichen Raum („Du Arme/r“; „“Gott steht ihnen bei“), das indiskrete Duzen durch Fremde oder die Erstfrage, ohne dass man die Person überhaupt kennt „Was haben Sie/Du denn gemacht?“ (Überheblichkeit).

Diese wenigen Beispiele verdeutlichen die Begegnungsängste und Unsicherheiten.

2.2 Konfliktpotentiale – Wahrnehmung als „Objekte“

Was aber bewirken diese Verdrängungsstrategien in den Menschen mit Einschränkungen? Wie wirken sie auf diese Personen? Zum einen führen sie aufgrund mehrfach gemachter Enttäuschungen zum Rückzug aus dem öffentlichen Leben. Diese Isolation ist nicht nur physisch, sondern vor allem psychisch relevant. Menschen mit Einschränkungen empfinden sich als Objekt, an und mit dem etwas getan wird (Klee 1981:179-180).[2] Hierzu gehören unter anderen die Beobachtung und Einschätzung durch Nicht-Behinderte in neuen Therapie-Ansätzen, in der Rehabilitation oder nach Eingriffen, das ständige Beobachtet-Werden in der Öffentlichkeit („Mama, was hat die Frau?“; „Kann ich ihnen irgendwie helfen?“) oder auch das Unverständnis, wenn Hilfe abgelehnt wird („Hab ja nur gefragt.“; „Dann halt nicht.“; „Wirklich nicht?“). In der Degradierung zum Objekt, liegt das Absprechen eigener menschlicher Würde begründet. Personen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen übernehmen teilweise diese Sicht, indem sie sich über die Maßen in die Opferrolle als Objekt begeben und nun die finanzielle und pflegerische Fürsorge als ein Gegebenes annehmen. Diese Prozesse geschehen unbewusst und da es keine, oder nur mit erheblichem Aufwand verbundene Alternativen, gibt findet sich die Person mit der Situation ab. In diesem Selbstaufgeben macht sie sich aber umso mehr abhängig und bedient die Vorurteile der Nicht-Behinderten im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung (self-fulfilling prophecy).

Es sind mehrere Stufen, die hier als diskriminierend (ableism) zutage treten:

  • Ignoriert-Werden im Alltag (hinterm Tresen: „oh ich hab sie gar nicht gesehen“; vorbeidrängen an Behinderten in Warteschlangen),
  • Staatlich/ öffentliche Bevormundung im Alltag („der kann das nicht“, „ist zu blöd dazu“),
  • Von allen Seiten, insbesondere in der öffentlichen Debatte, offen gezeigte Ablehnung („weg mit Denen, wie früher“; „du hast deine Strafe schon verdient“; „Sozialnutznießer“; „Vollkrüppel“ …).

Das Nicht-Behinderte die Grenzen dessen, was als diskriminierend empfunden wird, anders ziehen als Menschen mit Einschränkungen dürfte auf der Hand liegen. Das nun aber von Menschen ohne körperliche oder mentale Einschränkung über Behinderte und deren fordernde, aggressive oder resignative Reaktionen kritisch diskutiert wird, erhöht den Druck und verlagert die Verantwortung für die Diskriminierung auf die Betroffenen selbst. Sie werden damit für die Reaktionen der Umwelt als „Sündenbock“ abgestempelt und kollektiv bzw. zusätzlich stigmatisiert, da sie von der Erwartung „dankbar, demütig, unselbständig und ohnmächtig“ zu sein abweichen (Sandfort 1990:14; siehe oben)[3]. Ein Beispiel dafür ist die Corona-Triage-Diskussion, bei der behinderte Menschen zunächst kollektiv als zu der Risikogruppe gehörend bezeichnet wurden, die als letzte die Intensivpflege erhalten würden (https://www.divi.de/aktuelle-meldungen-intensivmedizin/triage-bei-covid-...¬¬den--nicht-nach-alter-oder-behinderung-intensiv-und-nicht-fallmediziner-aktualisiert-klinisch-ethische-Entscheidungsempfehlungen [Zugriff 2020-09-01]).

2.3 Soziale Gewissens-Kontrolle – MitEinander und FürEinander

Was als political correct oder kulturell abgefedert gilt, ist das was den Freiraum für die Verwirklichung von Menschen mit Einschränkungen bildet. Dazu gehören die rechtlichen Möglichkeiten[4] sowie die Kontrollfunktion des „Volks-Gewissens“[5] als übergeordnete Instanz sowie die kulturelle Prägung zu der man selbst gehört und die man mit der Umgebung teilt (Cloerkes 1985, Kapitel 15:3). Es sind diese Grenzen, die es ermöglichen eigene Ansprüche geltend zu machen. Behördenwillkür (z. B. Anerkennung von Pflegegraden), Verschiebung der sozialen Normen (z. B. laissez fair Erziehung und die Stellung von Kindern) oder auch der gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen (z. B. Rechtsruck; Abkehr von europäischer Rechtsprechung) bringen extreme Unruhe in die Rahmenbedingungen, in denen sich Menschen mit Einschränkungen sicher bewegen können.

Es ist an diesem Punkt wichtig festzustellen, dass sich Menschen mit Einschränkungen durchaus bewusst sind, dass nur im Mit-Einander von Menschen mit und ohne Einschränkungen eine gesicherte Lebensbasis für sie generiert werden kann.[6] Eine Bevormundung ist dem gegenseitigen Ziel und Nutzen der Inklusion abträglich, da die Betroffenen selbst die Experten in diesen Angelegenheiten sind.[7] Das hierbei propagierte Motto lautet „Nicht über Uns, ohne Uns!“ Schwierig wird es in der interkulturellen Begegnung, wenn unterschiedliche Gewissens-orientierungen aufeinander treffen, wie es nachfolgend beschrieben wird.

2.4 Disability Studies zwischen den Fronten

Interessanterweise liegen den Verdrängungsstrategien langfristige ideologische Handlungsstrategien zugrunde, welche besonders für die missiologische Theorie und Praxis von Bedeutung sind. Bis jetzt konnte der Eindruck entstehen, dass Menschen mit körperlichen und mentalen Einschränkungen nur negativ, d. h. abwertend beurteilt würden. Dem Titel dieses Abschnitts folgend, setzt eine Dämonisierung ein, indem sie für die Unsicherheit der Umgebung abgestraft werden. Dieser Kategorisierung folgend liegt im religiösen Bereich die Idee vor, dass eine körperliche oder mentale Einschränkung eine göttliche Strafe für Fehlverhalten der Betroffenen (z. B. Job 5:17) oder Angehörigen (Generationenverantwortung; z. B. Ex 20:5) sei. Eine Idee, die im Neuen Testament aufgehoben wurde (Joh 9:2-3), jedoch einer universalen Schuldzuweisung als Erklärungsversuch für Behinderung folgt. Es gibt aber auch eine (Hoch-) Achtung gegenüber Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen. Vor allem das Ausharren und Festhalten am Lebens- oder Glaubensmotto, dem Mut der Alltags-Bewältigung oder auch das Einbringen in den öffentlichen Diskurs führt zu einer Art „Heiligsprechung“. In manchen Kulturen werden (manche) körperlichen Andersartigkeiten als göttliche Zeichen verstanden (z. B. einige zoroastrisch geprägte Glaubensrichtungen des Nahen Ostens). Der dahinter liegende Prozess misst den bestimmten Behinderungen besondere göttliche Kräfte bei. Dies wird auch als besondere Nähe zum göttlichen Raum (auch in der Mehrgötter-Verehrung) verstanden. Diese Nähe kann bis zu Vorstellung göttlicher Sendung mit besonderer Autorität führen. Interessanterweise sind es niemals alle Personen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen, oder bestimmten Einschränkungen, sondern verschiedene Faktoren müssen zusammen treffen. Im westlichen Kontext kann dies durch besondere Lebensleistungen geschehen. Besonders bekannt wurden, die mit mehrfacher Ehrendoktorwürde geehrte bereits erwähnte tetraplegisch gelähmte und im christlichen Raum als Seelsorgerin tätige Joni Eareckson-Tada. Sie hat durch Lebensmut-Machende Bücher, Filme und mundgemalte Bilder die Bewegung der Behinderten aus Bevormundung und Paternalismus seit ihrem Badeunfall 1967 wesentlich unterstützt. Auch der an amyotropher Lateralsklerose erkrankte Physiker Stephen Hawking sei hier genannt. Seine Theorieleistungen in der Physik brachten ihm höchste Ehrungen ein.

3.Theologie, Missiologie und Disability Studies

Wenn der Blick nun auf das Gebiet der Missiologie und der Interkulturellen Theologie fällt, dann ist dies nicht ohne die weitreichende Arbeit in der Theologie möglich. Die einzige explizit missiologische Studie im Rahmen der Disability Studies stammt von Conner (2015), der den Artikel inzwischen zum Buch ausarbeitete, welches kurz vor der Veröffentlichung steht.[8] Conner betrachtet Lesslie Newbigin als den ersten Missiologen, der mit Not whole without the Handicapped (1979) bereits darauf hinweist, dass Kirche oder Gemeinde nur im (Mit)Teilen der Lebenswelten von Menschen mit und ohne Einschränkung das Reich Gottes erfährt und widerspiegelt.[9] Doch Newbigin überzieht die Möglichkeiten der Menschen mit Einschränkungen und fördert so wieder den Paternalismus durch eine Klassifizierung als „Anders-Sein“.

Wie sieht die theologische Grundlage aus? Seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts haben sich verschiedene Forscher der Disability Studies mit theologischen Fragen beschäftigt.

3.1 Vanier – Lebenswelten (Mit)Teilen

Besonders bekannt wurde der kanadische Theologe Jean Vanier mit seiner 1964 in Frankreich gegründeten ökumenischen Arbeit L’Arche. Die Gestaltung von Lebensräumen mit und durch Menschen mit mentalen Einschränkungen und ihren Assistenten hat sich seither in 147 L‘Arche Gemeinschaften über 37 Länder verteilt. Oberste Priorität hat dabei, dass die Betroffenen nicht Opfer sondern Lehrer für die Nicht-Behinderten sind.[10] Die physischen und mentalen Grenzen der L’Arche Bewohner bilden die zu überbrückenden Herausforderungen. Die Überwindung dieser Grenzen ist Aufgabe der Nicht-Behinderten im Miteinander mit den Bewohnern. Vaniers Verdienst ist es auf die Isolation von Menschen mit mentalen Einschränkungen hin gewiesen zu haben, gleichzeitig sieht und definiert er diese nicht als Objekt sondern als eigenständige Subjekte, deren Lebenswelten in sich legitim und nahbar seien (Vanier 2000:20-21, 23).[11] Die hermeneutische Komponente der Arbeiten von Vanier liegt darin begründet, die menschliche Schwachheit, wie sie sich im Anders-Sein von Menschen mit Einschränkungen ausdrückt, als Reflexion des eigenen Sein wahrzunehmen (:19). In manchen Aussagen wird dies mit der Schwachheit Gottes gleich gesetzt. So wird eine zwischenmenschliche Annäherung (Mensch zu Mensch) und Mensch zu Gott aufgrund unserer Schwächen und Begrenzungen definiert. Die Schwäche Gottes war es sich dem Geschöpf gleich-geschöpflich zu nahen. Diese Herablassung (Kondeszenz) und Entäußerung (Kenosis) in Jesus von Nazareth liegt der göttlichen Offenbarung zugrunde. Auf diesen Grundgedanken bauen auch andere theologische Ansätze im Rahmen der Disability Studies auf.

3.2 Eiesland, Beates, Yong – Schwachheit als göttlicher Imperativ

Die bereits erwähnte amerikanische Theologin Eiesland, die einen angeborenen Knochendefekt hatte (gest. 2009), bezeichnet Gott selbst als einen Gott mit Einschränkungen, der sich in diesen offenbart (1994:40-46; 89, 94, 104). Sie beschreibt die Theologien und Lebenswelten von Diane DeVries and Nancy Mairs. DeVries wurde mit einer angeborenen Verkürzung ihrer Extremitäten geboren. Sie erlebt die christliche Gemeinschaft als unverständig gegenüber ihrer Behinderung, sie beschreibt sich selbst als Christusnachfolgerin (:33-39). Nancy Mairs erkrankte mit 29 Jahren an MS. Ihren Lebensweg beschrieb sie in der Abhängigkeit göttlicher Provenienz. Sie betont insbesondere ihre Selbsterfahrung völliger Abhängigkeit aufgrund nicht planbarer körperlich-mentaler Veränderungen (1994:40-46). Auch Beates, der von der Erfahrung als Elternteil einer mehrfach-eingeschränkten Tochter her kommt, betont die menschliche Schwachheit und die Hilflosigkeit gegenüber alle Arten von körperlichen und mentalen Einschränkungen (2012:47).[12] Schwachheit beschreibt den Hebel an den Gott ansetzen kann, um seine Stärke zu beweisen (hier zitiert er Joni Eareckson-Tada die den Kondeszenz/Kenosis-Gedanken aufgreift; 2012:68). Er setzt dies in Gegensatz zum Utilitarismus der griechisch-römischen Umwelt, die wie Plato in Die Republik oder in Xenophobias Verfassung von Sparta die Tötung unliebsamer Kleinkinder (Euthanasie) erwähnt (:87-88).[13] Er betont die jüngsten Euthanasie-Gedanken von James Watson (Nobelpreisträger zur Doppel-DNA Helix) und Peter Singer (Bio-Ethiker in Princeton) zur Tötung von Kleinkindern, wenn diese nicht „als lebend, lebensfähig“ deklariert würden (:104-105). Amos Yong spricht sich für eine inklusive, vom Heiligen Geist geleitete Gemeinde aus, die sich in den Lebenswelten von Menschen mit und ohne Einschränkungen erwartungsvoll ergänzt. Deren Stärken und Schwächen werden in der Schwachheit des Kreuzes gespiegelt und führen zu einer inklusiven Ekklesiologie (2011:7-8, 89, 95).[14]  

3.3 Biblische Berichte – Eine inklusive Missiologie

Die biblischen Berichte werden in den Disability Studies bis in die kleinste Erwähnung von Personen mit Einschränkungen exegetisch, hermeneutisch und praktisch-theologisch beleuchtet. Diese beginnen mit der Hebräischen Bibel und reichen über das Neue Testament in die Kirchengeschichte hinein. Von der Erschwernis der Geburtsfähigkeit der Stammmutter Eva (Gen 3:16), über die körperlichen Abweichungen sogenannter Riesen (Körperwuchs; sechs Finger und Zehen; 2 Samuel 21:20), der Behinderung Jakobs im Kampf mit einem „Mann“ (Gen 32:25), dem besonderen körperlichen Zerfall Hiobs, reicht das Zeugnis zu König David der sich des gelähmten Sohnes Jonathans Mephi-Boschet annimmt (2 Samuel 9:6). David selbst leidet an Altersschwäche und verliert die Kontrolle über seinen Körper (1 Könige 1:1). König Hiskia erfährt eine plötzliche körperliche Beschränkung, wird aber noch einmal für fünfzehn Jahre darüber hinweg gebracht (2 Könige 20:6).

Die großen Propheten beschreiben einzelne Fälle von Heilungen aber auch die Führung Gottes in körperliche Zwangslagen hinein. Personen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen tauchen dort auf. Den Höhepunkt bildet die körperliche Schwachheit des Knechts Gottes in Jesaja 53. Dieses Bild, egal ob es nun auf Israel als Volk Gottes in seiner spirituellen Ausrichtung oder auf den Messias gedeutet wird, bietet Anlass eine „Hermeneutik der Schwachheit“ anzunehmen. Zu Recht legten und legen die Nachfolger des Messias Jesus von Nazareth den Tod am Kreuz auf dieses Bild hin aus (2 Kor 12:9; 13:4). Die biblisch erzählte Folgezeit auf die großen Propheten ist die Zeit der Diaspora und der ausgehenden kleinen Propheten. In diesen und für diese Zeit stehen die generellen Androhungen des körperlichen und auch geistigen Verfalls aufgrund der Gottesferne, jedoch werden keine spezifischen Beispiele vordergründig aufgeführt.

In der gesamten Hebräischen Bibel, basierend auf dem mosaischen Gesetz, steht die respektvolle Achtung sowie die gesamtgesellschaftliche soziale Gleichstellung und Einbindung der עָנִ֥י וְאֶבְי֑וֹן ani we evjon „Armen und Elenden“ (TWOT 3a und 1652d; z. B. Job 24:14) im Vordergrund. Das darunter auch Menschen mit körperlichen und mentalen Einschränkungen sublimiert werden, wird aufgrund deren Marginalisierung (Anders-Sein) deutlich (siehe oben). Die dahinter liegende Idee, liegt in den Wertmaßstäben eines Volkes begründet. Der Umgang mit diesen Randgruppen spiegelt, die soziale Werteskala wieder. Nach Vorstellung der Gottheit in der Hebräischen Bibel sollte die Gesellschaft aktiv integrierend handelnd und inklusiv sein. Der Wert und die Würde des Individuums sollten sich aktiv oder durch aktiv geförderte Teilhabe wiederspiegeln.

Aus den Disability Studies heraus kristallisiert sich eine Theologie des Kreuzes durch Unterlegung einer Hermeneutik der Schwachheit heraus (siehe oben). Die angeregte Theodizee-Frage basiert auf einer Leidens-Theologie, die das ureigene Wesen Gottes in der inkarnatorisch abgebildeten Selbsthingabe im Rahmen der Kondeszenz (Herablassung in die Sphäre des Menschen) und Kenosis (Entäußerung) in der Person Jesus von Nazareth deutet. Die Begrenzungen dieses hermeneutischen Ansatzes liegen in zweierlei begründet. Zum einen hebt das biblische Zeugnis die Überwindung von Schwachheit bzw. Behinderung in der Heilung auf. Zum zweiten impliziert die vermeintliche Schwachheit eigentlich Willensstärke und Selbstüberwindung. Im Bild der Heilung wird die Nähe zum medizinischen Modell beschritten und die „Heilung der Welt“ auf physischer Seite gesucht. Eine unmittelbare Übertragung von „Heilung“ auf „Heil(ung)sgeschichte“ bleibt nicht aus. Hinzu kommt, dass gerade das Bild des Kreuzes, dem Grunde nach einen willensstarken und überhaupt nicht schwachen Menschen beschreibt. Es gehört viel dazu einen solchen Weg bis zum Lebensende zu gehen. Wenn dieses Bild in seiner Gesamtheit betrachtet würde, dann könnten Personen mit Einschränkungen davon profitieren. Sie wären nicht, dem in dieser Vorstellung beinhalteten Fatalismus des Paternalismus ausgeliefert, sondern ihre „Schwachheit“ würde als Ursache für die Widerstandskraft gedeutet, die es benötigt um ihr „Anders-Sein“ im Alltag zu bewältigen. Um diese Problematik auf ein Beispiel der Alltagspraxis zu projizieren, würde das Unabhängigkeits- und Selbstbestimmungsrecht (Selbstständigkeit) von Menschen mit mentalen und körperlichen Einschränkungen in den Vordergrund gestellt, anstatt dieses durch Anstaltsunterbringung und Bevormundung zu versagen. Hierzu gehören z. B. das persönliche Budget, Assistenz im Alltag oder alternative Bildungsmöglichkeiten. Die hinter einem solchen Zugang stehende apologetische Kraft ist auch für die missiologische Umsetzung und theologische Überbrückung dieser gegenwärtigen Kluft von Bedeutung. Mangels aktiver missiologischer Forschung bleibt dieses Feld aber für die Inklusion der Lebenswelten der Menschen mit und ohne Einschränkung momentan offen. Unmittelbar damit verbunden bleibt auch die missiologische Seite der Theozidee- Frage ungelöst. Namentlich liegt keine Lösung für die Kirche im Erfahrungsprozess des Einzelnen, wie auch einer Gesellschaft, im Umgang und dem Mit-Leid(en) – nicht Mitleid – und der Aufarbeitung dieser Erfahrungen vor.

3.3.1 Praktische Aspekte der Disability Studies aus missiologischer Sicht

Im Bereich der Missiologie haben sich verschiedene Organisationen aus den Bereichen der Inneren Mission sowie global ausgerichtete christliche Werke mit dem Thema Inklusion von Menschen mit körperlichen und mentalen Einschränkungen beschäftigt. Im deutschsprachigen Raum haben sich aus der Inneren Mission, die aus dem Pietismus und der Erweckungsbewegung heraus entstandene Bodelschwinghsche Stiftung Bethel, die Herrnhuter Diakonie, die evangelische Diakonissen-Bewegung, die katholische Diakonie, sowie kleinere lokale Organisationen entwickelt. Diesen kirchlich-gemeindlichen diakonischen Werken stehen die säkulare Selbsthilfe-Bewegung (z. B. Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter), die Aktion Mensch (früher Aktion Sorgenkind), die Landeswohlfahrtsverbände oder der paritätische Verband als Maßnahmen- und Trägerorganisationen zur Seite.

3.3.1.1 Innere Mission – Teilhabe und Objekt-Orientierung

Die kirchlich-gemeindliche Diakonie im Rahmen der Inneren Mission hat die Bedeutung und Geschichte des Krankenhauses (früher Seuchenhaus) und die Wohlfahrtspflege (Jugendliche, Behinderte, Frauen, Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung) gemeinhin und nachhaltig geprägt. Sie steht immer in Konkurrenz zur staatlich-politischen Gestaltung derselben sozialen Bereiche. Die Bandbreite reicht von gemeinsamen Trägern in demokratischen Staaten, wie z. B. halbstaatliche Trägerverbände der Diakonie bis hin zu deren völligen Auflösung im kommunistisch-sozialistischen Umfeld (Danys 2016:21, 124; Bsp. ČSSR). Im letzteren Umfeld richtet(e) sich der Fokus kirchlich-gemeindlicher Diakonie zwangsläufig auf den innerkirchlichen Bereich, sogenannte Person-zu-Person-Diakonie. Interessanterweise baut diese Art der Diakonie sehr stark auf eine Art Nächstenliebe, die als Mitleid verstanden wird. Dabei wird der Gepflegte zum Objekt der Versorgenden, die vom Ziel der „Erleichterung unbilligen Leidens“ her kommen. Diese Ideologie basiert auf dem medizinischen Modell und beruft sich auf die Emotion des Jesus von Nazareth, der beim Anblick von Leidenden „innerlich bewegt wurde“, was als Idiom für „Mitleid haben“ gewertet wird.[15]

Während die frühere Zielsetzung, nämlich Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, auf eine Objekt-Orientierung setzte wird im Rahmen der Inklusion die Subjekt-Orientierung betont. „Mitleid“ wird zu „Mit-Leiden“. Inklusion umschreibt eine Realität in der die Anliegen von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen grundsätzliche menschliche Bedürfnisse darstellen, da

  1. jeder, jederzeit durch Unfall, Unglück oder Katastrophen selbst in diese Kategorie kommen kann,
  2. die Forderungen dieser Personengruppe die gesamte Gesellschaft sozial stärkt, da sie Teil des Gesamten sind und jeder von diesen Forderungen profitiert.[16]

Der diesbezügliche Umdenkungsprozess wird seit der UN-Behindertenresolution aus dem Jahre 2009 (Vorgänger 2006) politisch gefordert. Kritisch muss man bemerken, dass kirchlich-gemeindliche Strukturen eher konservativ-bewahrend, zurückhaltend gegenüber staatlichen Forderungen und daher langsam in der Umsetzung sind. Während die Barrierefreiheit aufgrund des demographischen Wandels und der zahlenmäßig hohen Kirchenaustritte relativ schnell umgesetzt wurde, bleibt der praktische Pfarr-, Pastoren- und Diakonendienst meist verschlossen. Die Gründe liegen sowohl in mangelnder Weitsicht, als auch, und das dürfte schwerer liegen, theologischen Konzeptionen. Dabei wird eine durch die biblische Brille gefilterte Wahrnehmung hermeneutisch interpretiert, namentlich wird „Heilung, Heil-Sein, Heiligung“ in Kontrast zu „Leiden, Glaubenskampf, das Böse“ gesetzt (siehe oben). Wie sieht das in der Äußeren Sendung oder Außenmission, bzw. dem christlichen Dienst in der Ferne aus?

3.3.1.2 Sendung nach außen – Außenmission: Konstruktive Veränderungen

Wie bereits erwähnt hat sich in der deutschen Geschichte der christlichen Entwicklungshilfe an und mit Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen die Christoffel Blindenmission (CBM) hervor getan. Die ausführliche Darstellung von Sabine Thüne, auf die hier verwiesen wird, zeigt sowohl die Vision, als auch den Weg der Geschwister Ernst Jakob und Hedwig Christoffel und die neuere Entwicklung dieser Organisation.[17]

Grundsätzlich stellt man eine aufwertende Wahrnehmung von behinderten Personen, hier speziell solche mit Seh- und Gehöreinschränkungen in der heutigen Türkei und dem Iran durch diese Arbeit fest, was nicht in Zahlen messbar, sondern allein in der öffentlichen Wahrnehmung nachweisbar ist. Die Türkische Republik hat spätestens in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Arbeit mit und an behinderten Personen staatlich organisiert (ca. 12,29% der Gesamtbevölkerung[18]). Bei den Paralympischen Spielen sind türkische Topathleten in der Leichtathletik und Goalball (seit 1976 paralympische Disziplin). Schulen für sehbehinderte Kinder sind seit der Gründung der Türkischen Republik bekannt, jedoch als elitäre Vorzeigeeinrichtungen und nicht flächendeckend. Das fehlende Sozialsystem schließt in den ersten Jahrzehnten eine solche Option aus. Mit zunehmender Annäherung an die Europäische Union seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts werden auch die privaten (religiösen) Initiativen zur Bildung für Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen in der Fläche sowie der Qualität für unterschiedlichste Behinderungen besser. Christoffel hat in Sivas, Malatya und Mesereh (Thüne 2007:31, 34, 66, 104) für die Bildung seh- und hörbeeinträchtigter Menschen nachdrücklich wichtige Impulse gesetzt. Später richtet sich sein Blick nach Tabriz und Isfahan (heute Iran; 2007:167, 176, 216, 219-220). Durch die islamische Revolution (1979) wurden die westlichen Hilfen völlig verboten. Zwar spiegelt der iranische Film „Die Farben des Paradieses“ (Rang-e khoda „Farben Gottes“; Majid Majidis, 1999) die Welt sehbehinderter Menschen im dörflichen Iran und der Unterbringung in den Bildungsanstalten für Behinderte in den Städten wieder, verdeutlicht aber die Mängel dieses dortigen Ansatzes.

            Christoffel (Pädagoge) und der American Board of Commissioners for Foreign Missions (ABCFM; 1810) haben Bildung und medizinisch-pflegerische Unterstützung als Teil der Verbreitung des Evangeliums betrachtet. Die Diakonie wurde dabei schnell zum arbeitsintensivsten und überwiegenden Teil der Arbeit. Die Schwierigkeit lag darin, den in den Zielgebieten verachteten westlichen Werten eine kontextualisierte und für die Menschen relevante Bedeutung zu geben. Heute würde man diese Konzeption Transformation nennen. Die Tatsache das Behinderte aufgrund mangelnder Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten in den Bettel getrieben wurden, war im Westen bis in die beginnende Industrialisierung hinein auch gegeben. Aufgrund dieser Realität im Nahen Osten musste Überzeugungsarbeit von außen geleistet werden.

Christoffel kam seiner Zeit und Möglichkeiten gemäß von einem paternalistischen Ansatz. Doch ging er einen Schritt weiter als viele seiner Zeitgenossen. Angesichts des Bewusstseins und der Erfahrung, dass er jederzeit gezwungen sein konnte die Arbeit verlassen zu müssen band er frühzeitig Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen in Leitungs- und Führungsaufgaben ein und lehrte sie Selbstständigkeit im Denken, Handeln und der Leitung (2007:350 Erlebnis 1908 mit einer verzagten blinden Person). Doch haderte auch er die letztendliche Führung in solche Hände abzugeben.

Eine weitere Beobachtung im Bereich der christlichen Entwicklungshilfe ist die Tatsache, dass in vielen Lernsituationen von Sprache und Kultur, also dem ersten Kontakt mit einer fremden Kultur Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen aufgrund ihres „Anders-Sein“ Zeit und Interesse zum Helfen haben. Oft taucht diese Begegnung jedoch später nicht in der Biographie des Entwicklungshelfers aus. Es ist ein Paradox der Geschichte der christlichen Entwicklungshilfe, dass Personen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen selbst nicht die Initiative ergreifen können oder wollen, sondern sich durch Nicht-Behinderte zum Objekt abstempeln lassen. Die „Gute-Nachricht“ wird dabei zur spirituellen, jedoch nicht zur inklusiven Botschaft.

4.Disability Studies und Missiologie - Rückblick und Ausblick

Die junge Geschichte der Disability Studies zeigt den Befreiungskampf aus Heimunterbringung, Zwangssterilisation und Verweigerung der Bildung durch Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen. In der Inneren und Äußeren Mission wird das Modell der Teilhabe aus der Motivation des Mitleids her angewandt. Der Schritt zur Inklusion ist in vielen Bereichen noch Wunschdenken, jedoch sind die theologischen Grundlagen in der „Leidenstheologie“, der „Theologie der Schwachheit“ und den Prinzipien der inkarnatorischen Kondeszenz (Herab-Lassung Gottes) und Kenosis (Entäußerung des Jesus von Nazareth) bereits gelegt. Erst eine Interpretation im Hinblick auf die Bedeutung der Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen als sozialen Indikatoren wird Inklusion ermöglichen. Eine solche hermeneutische Richtung wird die Gleichstellung der Armen, Witwen, Benachteiligten und derer die „Anders-Sind“ beinhalten und missiologisch zur inklusiven Gestalt(ung) der Kirche führen.

 

[1] Cloerkes, Günther 1985. Einstellung und Verhalten gegenüber Behinderten – Eine kritische Bestandsaufnahme internationaler Forschung. 3. erw. Aufl. Berlin 1985. Bidok.

[2] Klee, Ernst 1981. Behinderten-Report II. 2. ergänzte Auflage. Frankfurt am Main.

[3] Sandfort, Lothar 1990. Selbstorganisation Behinderter in den alten Bundes-ländern, in Seifert, Horst (Hg.): „Versorgt“ bis zur Unmündigkeit; eine Dokumentation zur Behindertenbewegung und zum Allgemeinen Behindertenverband in Deutschland e.V. „Für Selbstbestimmung und Würde“ (ABiD) – Band 3. Berlin.

[4] Z. B. Klage gegen Beleidigung, die Menschenrechte als Basis für das Wahrgenommen-Werden als Mensch.

[5] Das Volks-Gewissen speist sich aus politischen, religiösen und kulturellen Einflüssen und beschreibt den Denk- und Handlungsspielraum einer sozialen Gruppe. Im Gegensatz zum Weltbild oder der Wahrnehmung der Welt (engl. perception of the World) ist das Volks-Gewissen eine sozialen Gruppe oder Ethnie handlungsfähig und mobilisiert die Kräfte der Zugehörigen.

[6] Wer sollte die nötigen Aufzüge, Rampen und Hilfsmittel genehmigen, bauen und bezahlen, wenn nicht die Nicht-Behinderten? Nicht aber darf das Genehmigungsverfahren oder die Abwicklung dieser Maßnahmen ohne die Betroffenen selbst erfolgen, da diese am besten über die Bedarfe bestimmen können.

[7] Es ist ein Irrsinn der Geschichte, dass die Bundesbeauftragten für Behinderte selbst bis in jüngste Zeit nicht-behindert waren. Im Übrigen eine Praxis, die auf Landes- oder Kommunenebene weiter praktiziert wird. Man stelle sich einen Mann als Frauenbeauftragter vor!

[8] Conner, Benjamin T. 2015. Enabling Witness: Disability in Missiological Perspective. Journal of Disability & Religion 19:1, 15-29. Abingdon: Taylor & Francis.

[9] Newbigin, J. E. Lesslie 1979. Not whole without the handicapped, in Müller-Fahrenholz, Geiko (ed.): Partners in life: The handicapped and the Church, 17–25. Faith and Order 89. Geneva, Switzerland: WCC Publications. Und Online: URL: https://archive.org/stream/wccfops2.096/wccfops2.096_djvu.txt [Stand 2017-10-04].

[10] An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Jean Vanier nach seinem Tod der illegalen sexuellen Beziehungen mit sechs nicht-behinderten Frauen beschuldigt wurde (https://www.bbc.com/news/world-51596516 [Stand 2020-09-20]).

[11] Vanier, Jean 2000. What Have People with Learning Disabilities Taught Me?, in Reinders, Hans S. (ed.): The Paradox of Disability: Responses to Jean Vanier and L'Arche Communities from Theology and the Sciences, 19-24. Grand Rapids: Eerdmans.

[12] Beates, Michael S. 2012. Disability and the Gospel: How God uses our Brokeness to display his Grace. Wheaton: Crossway.

[13] Es ist umstritten wie Plato diese meinte, jedoch konnte nicht nachgewiesen werden, ob es historisch gesehen Gesellschaften gab, die solche Vorstellungen kategorisch praktizierten.

[14] Yong, Amos 2011. The Bible, Disability, and the Church: A New Vision of the People of God. Grand Rapids: Eerdmans.

[15] Diese wörtliche Übersetzung des Verbes σπλαγχνίζομαι splangnizomai „Mitleid haben“ (Innereien bewegen sich; BDAG 6771) birgt mehrere Übersetzungsoptionen. Die Elberfelder (1980/ 1993) übersetzt wörtlich, Einheitsübersetzung (1980), Zürcher (2007) und andere mit „Mitleid haben“.

[16] Es ist an dieser Stelle erstaunlich, dass sich z. B. die Erste Hilfe Dienste und die Krankenkassen nicht für barrierefreie Zugänge einsetzen, obwohl sie erheblichen Mehraufwand und –kosten bei der Rettung/ Abholung von Schwergewichtigen, Behinderten oder Älteren aus Wohnungen haben, die schwer zugänglich sind.

[17] Thüne, Sabine 2007. Ernst Jakob Christoffel - Ein Leben im Dienst Jesu: Ernst Jakob Christoffel Gründer der Christlichen Blindenmission im Orient, Der Freundeskreis, Die Mitarbeiter anhand von Briefen, Schriften und Dokumenten im Auftrag der Christoffel-Blindenmission. Nürnberg: VTR. Im Übrigen wird in diesem Werk auch die politische Geschichte der deutsch-türkischen Partnerschaft seit der Kaiserzeit ab ca. 1890 hervorragend skizziert. Von Interesse für diesen Artikel sind die innere Haltung sowie die theologische Begründung dieser missiologischen Pioniertaten im Osmanischen Reich und seit 1923 der Türkischen Republik und des Iran.

[18] Online: URL: http://www.turkstat.gov.tr/PreTablo.do?alt_id=1017 [Stand 2017-10-20].