Rezension: Melcher, Sarah J., Parsons, Mikeal C. & Yong, Amos 2017. The Bible and Disability; A Commentary.

  • Posted on: 10 March 2021
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Rezension: Melcher, Sarah J., Parsons, Mikeal C. & Yong, Amos 2017. The Bible and Disability; A Commentary. Waco: Baylor University Press.. ISBN 978.1.60258.621.5, 498 Seiten. 59,95$/ 71,50€.

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Dieser theologisch-missiologische Kommentar richtet sich an die kirchliche Praxis und die Diakonie. Hier gesellt sich zum Genre der Bibelkommentare ein weiterer fachdisziplinärer, welcher aus der Perspektive der Disability Studies auf die alt- und neutestamentlichen biblischen Bücher blickt. In zwölf Beiträgen beschreiben die dreizehn Autoren, wie die biblischen Texte aus der Sicht der Disability Studies zu rezipieren wären und welche Auswirkungen die Texte auf die Sicht der Kirche über Behinderung generell und Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen haben kann.

In der Einleitung geht Sarah J. Melcher auf die Geschichte der Disability Studies im Kontext der Kirche und ihrer Auslegungsgeschichte der biblischen Texte ein. Die gängigen Werke zu Disability Studies aus den Bereichen Theologie (z. B. Eiesland 1994), medizinische Anthropologie (Avalos 1995 und 1999) und solche die Erfahrungswerte von behinderten Auslegern betreffen (z. B. Blindheit bei Hull 2001) werden umfangreich rezipiert.

Sie selbst nimmt sich der beiden Bücher Genesis und Exodus an. Der Frage der Imago Dei im Hinblick auf menschliche Behinderung widmet sie sich kurz. Das bestimmende, sich durch beide Bücher ziehende Thema, stellt die weibliche Unfruchtbarkeit dar. Diese „Behinderung“ ist zum Teil auch ein göttlicher Fluch (S. 29, 40; Gen 20:17-18). Ex 4:11 wird zum Schlüsselvers: Da sprach der HERR zu ihm: Wer hat dem Menschen den Mund gemacht? Oder wer macht stumm oder taub, sehend oder blind? Nicht ich, der HERR? Sie betont, dass dieser Passus zu verstehen gäbe, dass Behinderung entgegen der vorherigen Deutung in Genesis, weder Fluch noch Segen, sondern Gott-gegebener Bestandteil menschlicher Daseinsform sei (S. 50).

David Tabb Stewart bespricht Leviticus bis Deuteronomium. Leviticus nimmt sich der gesellschaftlichen Bandbreite der Hebräer an und bringt einzelne Behinderungen in den Blick. Das Buch Deuteronomium stellt für ihn die Idealisierung der „Abled“ [Nicht-Behinderte] dar, Leviticus die legale Richtschnur zum Ideal und Exodus die Hinführung zum Ideal (auf dem Weg; S. 85).

Jeremy Schipper, untersucht die historischen Bücher der „deuteronomistischen Geschichte folgend, von Josua, Richter, Samuel- und Königebücher. Josua und Ruth ragen für ihn dadurch heraus, dass auffälligerweise jeglicher Hinweis auf Behinderungen fehlt (S. 96-97). Altersbehinderung, Hautkrankheiten, prophetische Blendung (2 Kön 6:18-20) und Strafe für Diskriminierung von Behinderten (z. B. Elisa in Verse :23-24) durchziehen thematisch die Königebücher.

Kerry H. Wynn bespricht die „Schriften“. Dazu gehören beide Chroniken, Esra, Nehemia und Esther. Während Esther gar keinen Hinweis auf Behinderung aufweist, findet sich in Esra und Nehemia eine metaphorische Übertragung der Stadt Jerusalem, die als „behindert“ einzustufen ist. Chroniken, wie auch die Königebücher (siehe oben) enthalten vielerlei Hinweise auf Behinderung. Die herausragende Erzählung rund um Behinderung, nämlich die über den gelähmten Sohn Jonathans Mephi-Boschet fehlt in den Chroniken, da sie laut Wynn keine historisch-theologische Bedeutung habe (S. 124).

Sarah J. Melcher übernimmt Hiob, Sprüche und Prediger. Sprüche sind ihrer textkritischen Meinung nach ausschließlich von Abled verfasst (S. 163; Spr. 3:1-2). Die in Prediger beschriebenen Begrenzungen menschlicher Fähigkeiten bilden den gottgewollten Rahmen der Schöpfung ab (S. 166.). Hiob bietet für Disability Studies eine besondere Herausforderung, da Leiden, Behinderung und Krankheit dem göttlichen Mitwirken zugesprochen wird.

Jennifer Koosed bespricht die Psalmen, Klagelieder und das Hohelied. Im Buch der Psalmen werden die Schöpfung und der Schöpfer in den Zusammenhang von Vorhersehung und Theodizee gestellt. Dabei wird der Schöpfer sowohl mit einem gebrochenen Körper beschreiben, als auch idealtypisch in den Kontrast zu physisch gebrochenen Götzen gestellt. Bilder der Gebrochenheit über Stummheit, Gehörlosigkeit, Blindheit, Lähmung und Riechunfähigkeit sind zahllos.

Weitere Beiträge: J. Blake Couey Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel und Kleine Propheten. Candida R. Moss Markus, Matthäus. David F. Watson lukanische Werke. James Clark-Soles johannäische Literatur. Arthur J. Dewe und Anna C. Miller paulinische Literatur. Martin Albl Hebräerbrief, katholische Briefe.

Dieser Kommentar bietet vielfältige Hinweise auf die antike Sicht über behinderte Menschen. Er ist vielerorts kritisch in der Bewertung sprachlicher Konnotationen, die eine metaphorische Bedeutung im Hinblick auf Behinderung ausdrücken. Sensibel gehen die Kommentatoren mit Implikationen um, die sich aus den Texten ableiten lassen, aber nicht zwangsläufig gemeint sein müssen.

 

Disability Studies ; Bibel ; Bibelkommentar ; Kommentierung ; Hermeneutik ; Exegese