MLE und Erst-Bibelübersetzungsprojekte

MLE und Erst-Bibelübersetzungsprojekte -

Wie erleichtert die Mehrsprachige Bildung (MLE) Erst-Bibelübersetzungsprojekte?

Eberhard Werner

Abstrakt 1

1. Einleitung. 2

2. Erst-Bibelübersetzungsprojekte - Kontexte. 3

3. Verständnis von Mehrsprachigkeit und mehrsprachiger Bildung. 5

3.1 Motivation für MLE-Programme. 6

3.2 Identität, das Selbst und die Mehrsprachigkeit 7

3.3 Besonderes Publikum von MLE - Kinder 7

4. Erst-Bibelübersetzungen und MLE-Programme. 8

4.1 MLE-Programme - Projektplanung. 9

4.2 MLE - Alphabetisierung und Sprachentwicklung. 11

5. Schlussfolgerung - MLE und Bibelübersetzung. 12

Bibliographie. 13

 

Abstrakt

Wir befassen uns mit der nachhaltigen Nutzung dessen, was wir als „Erste Bibelübersetzungsprojekte“ in christlichen Entwicklungsorganisationen bezeichnen. Zu viele Bibelübersetzungen und ihre Teilprodukte wurden nie genutzt, weil es an einer Kirche, an Lesefähigkeit oder an Bildung im Allgemeinen mangelte. Mehrsprachige Bildung ist eine Disziplin, die die Beherrschung der Muttersprache sowie der Sprache der weiteren Kommunikation (Fach- oder Landessprache) unterstützt. So werden Schreib- und Lesefähigkeiten sowie der Umgang mit schriftlichen Produkten geschult. Religiöse Texte sind oft willkommen, um als Übergangsmaterial von einer Sprache in eine andere zu dienen. Hier kommt die Bibelübersetzung mit ihren mündlichen und schriftlichen Aspekten ins Spiel. Die lebendigen historischen Geschichten und ein gemeinsames Thema vom Beginn der Schöpfung bis hin zu einer ewigen Zukunft bieten eine Vielzahl von Genres. Die Sprachentwicklung als Teildisziplin der Bibelübersetzung unterstützt Sprachen, die am Rande des Aussterbens stehen, bei der Entwicklung von Überlebensstrategien wie der mehrsprachigen Bildung (MLE). MLE selbst verfolgt sowohl Early-Exit- als auch mehrsprachige Ansätze. Literatur als übergreifende Disziplin von MLE beinhaltet Linguistik, Pädagogik, Anthropologie und Schriftlichkeit und unterstützt die Entwicklung von MLE-Programmen. Alle diese Teildisziplinen zusammen ermöglichen ein erfolgreiches Zusammenspiel zwischen der Wissenschaft der Bibelübersetzung und der mehrsprachigen Bildung. In diesem Artikel werden wir einen strategischen Ansatz diskutieren, der beide Disziplinen miteinander verbindet.

1. Einleitung

Die Anfänge der mehrsprachigen Bildung (MLE) reichen bis ins Jahr 1953 zurück, als die UNESCO die Verwendung der Volkssprache[1] in Bildungsprojekten hervorhob. Fast vierzig Jahre später, im Jahr 1990, markierte die Weltkonferenz über Bildung für alle, die in Jomtien, Thailand, stattfand, einen weiteren Meilenstein in der Entwicklung von MLE-Programmen. Auf dieser Konferenz einigten sich die Delegierten aus 155 Ländern darauf, allen Kindern den Zugang zur Grundschulbildung zu ermöglichen und den Analphabetismus weltweit zu verringern (UNESCO, 2015). In einem weiteren Schritt wurde 1999 ein jährlicher Tag der Muttersprache am 21. Februar eingeführt. Im Zuge dieser Entwicklungen wurde auch die menschliche Sprache als immaterielles, lebendiges Kulturerbe der Menschheit anerkannt.[2]  Das Bewusstsein stieg, nachdem erkannt wurde, dass die Globalisierung, die Digitalisierung und die enormen Migrationsbewegungen, die auf die Arbeitswelt ausgerichtet sind, das Sprachensterben verstärken und zu einer Mehrsprachigkeit führen, so dass nur noch einige wenige, weitgehend gesprochene Sprachen für eine breitere Kommunikation übrig bleiben. Das Dokument "Das Dilemma der Muttersprache" aus dem Jahr 2003 spiegelt die wirtschaftliche und soziale Sackgasse wider, in die Nationalstaaten geraten, wenn große gesellschaftliche Gruppen weniger oder gar nicht gebildet sind (siehe auch Kosonen 2013).[3]  Keine dieser Interventionen hat jedoch die Entwicklung von MLE wesentlich vorangebracht. In den letzten 15 Jahren sind nur sehr lokale und kleine Projekte entstanden.

Zunächst werden wir uns mit der Muttersprache und dem Erstspracherwerb beschäftigen, da die Forschung zu diesen Themen für das Verständnis von MLE und ersten Bibelübersetzungsprojekten von zentraler Bedeutung ist. Zweitens wird die Bedeutung und Funktion von Erstbibelübersetzungsprojekten in den Blick genommen. Drittens ist das breite Spektrum der MLE-Strategien von Interesse, und viertens sehen wir das Zusammenspiel beider als kombinierte Versuche zur muttersprachlichen Bildung.

2. Erst-Bibelübersetzungsprojekte - Kontexte

Erst-Bibelübersetzungsprojekte zielen darauf ab, eine örtliche Kirche oder eine Gruppe von Gläubigen zu unterstützen, die keinen oder nur einen begrenzten kognitiven Zugang zu Bibelübersetzungen aus den Sprachen ihrer Umgebung haben.[4] Die erste Übersetzung in die jeweilige Landessprache stellt nicht nur ein religiöses Dokument dar, sondern ist auch ein politisches Statement, da die Landessprache durch eine Orthographie und ein Produkt ausgedrückt wird, das als literarisches Werk eine repräsentative Literaturgattung darstellt. Die politische Haltung ist im Wesentlichen das, was die MLE mit den ersten Bibelübersetzungsprojekten verbindet.

Erst-Bibelübersetzungen in Kontexten, in denen es keine Bibelübersetzung in der Muttersprache gibt, sind Produkte langjähriger linguistischer und anthropologischer Forschung. Warum ist das so?

Erstens entspricht der Grundgedanke von MLE den Erst-Bibelübersetzungsprogrammen, die mit der Muttersprache beginnen, aber bei Referenzbibeln, der Sprache der Glossare, des Referenzmaterials oder der Einbeziehung unterstützender Institutionen an der Sprache der weiteren Kommunikation oder der Landessprache festhalten.[5]

Zweitens ist eine Übersetzung nur dann erfolgreich, wenn das Idiom der Muttersprache gut erforscht ist und Phonologie, Orthographie und mündliche Aufnahmen mit dem geschriebenen Text übereinstimmen. Daher bieten Computerprogramme wie Scripture App Builder[6] heutzutage Text und Audio zusammen an, um sowohl Analphabeten als auch Lese- und Schreibkundige zu erreichen. Andere Tools wie FieldWorks Language Explorer (FleX)[7] unterstützen die phonologische und morpho-syntaktische Analyse einer Sprache.  FleX ermöglicht Interlinearisierung und baut während der Interlinearisierung ein Lexikon auf. Die linguistische Analyse erlaubt die Beschreibung der Grammatik, des Wortschatzes und der diskursiven Merkmale der Sprache.

Erste Bibelübersetzungen und eine gute linguistische Analyse zeigen jedoch nur begrenzten Erfolg und helfen Sprachen, die am Rande des Aussterbens stehen, nicht.  Wie die EGIDS-Skala zeigt,[8] ist es wichtig, sich auf die Alphabetisierung und den Gebrauch der Muttersprache als Schriftsprache zu konzentrieren, damit die Kinder Lesefähigkeiten entwickeln. Durch das Lesen werden Ideen zum Ausdruck gebracht, diskutiert und weitergeführt, Traditionen gefestigt und eine Identität aufgebaut. Zugehörigkeit und Identität sind von zentraler Bedeutung für einen gesunden Ethnozentrismus, der eine Abgrenzung gegenüber "dem Anderen" ermöglicht und die Identität prägt. Das Gewissen ist dabei das Hauptmerkmal. Es wird durch Enkulturation gebildet und konstituiert die Identität, das Selbst und die Zugehörigkeit (Käser 1998:130-131; Iurato 2015:8-81, 94).

Im Prozess der Bibelübersetzung steht die Auswertung des sprachlichen Inventars einer Muttersprache und des Wörterbuchs dieser Sprache im Mittelpunkt. Die Bibelübersetzung umfasst viele Gattungen wie Erzählungen, Lyrik oder Prosa.

3. Verständnis von Mehrsprachigkeit und mehrsprachiger Bildung

Die mehrsprachige Erziehung ist, wie der Name schon sagt, auf Mehrsprachigkeit ausgerichtet. Sie basiert auf der Prämisse „first-language-first“. MLE beginnt also mit der Muttersprache, auch Erstsprache (L1) genannt, und geht über in die Sprache der weiteren Kommunikation oder eine Landes­sprache (L2).[9] Es werden verschiedene Konzeptionen von MLE-Projekten diskutiert. Ein Standard-MLE-Ansatz wird von der Zentralregierung oder einer lokalen Behörde geleitet und ist auf Volkssprachen (L1) ausgerichtet, die sich von der Sprache der höheren Bildung und der Wirtschaft (L2) unterscheiden. Aufgrund des politischen Systems reichen MLE-Programme, wenn sie überhaupt eingeführt werden, von frühzeitigen Übergangspro­gram­men bis hin zu vollständigen zwei- oder mehrsprachigen Schulbildungssystemen. In den meisten Programmen steht jedoch die Muttersprache (L1) im Mittelpunkt und wird zumindest zu Beginn als Unterrichtssprache verwendet. Nichtsdestotrotz ist die Sprache des weiteren Gebrauchs (L2) von zentraler Bedeutung für das Hochschul­system, weshalb sie für die Kombination mit Bibelübersetzungs­versuchen von Interesse ist.

3.1 Motivation für MLE-Programme

Historisch gesehen konzentrieren sich die nationalen Schulsysteme auf nur eine Sprache als Unterrichtssprache. In Ländern mit mehr als einer Landessprache führt dies zu unterschiedlichen Schulsystemen, die sich an eine Unterrichts­sprache halten, wie z.B. eine französische Schule, eine deutsche Schule oder eine englische Schule. Diejenigen, die die Unterrichtssprache nicht beherrschen, sind gezwungen, die Sprache zu lernen, um dem Unterricht folgen zu können. In einigen Fällen wird dies erzwungen, in anderen sind die Schüler auf sich allein gestellt. So oder so: Wenn die Schüler dem Unterricht nicht folgen können, ist die Gefahr groß, dass sie ihre schulischen Leistungen vernachlässigen und damit auch die Chance verpassen, in das höhere Schulsystem einzusteigen. Dies betrifft natürlich nicht nur das Individuum, das am meisten unter dem Verlust leidet, sondern ein solches Gesellschaftssystem erzeugt auch eine Menge ungebildeter Menschen, die das Wirtschaftssystem belasten. Wenn Menschen in ihrer Muttersprache unterrichtet werden, schöpfen sie ihr kognitives Potenzial optimal aus, und auf diese Weise sind das gemeinsam erarbeitete enzyklopädische Wissen, das muttersprachliche Lexikon und die Wahrnehmung der Welt leichter zugänglich, und neue Ideen lassen sich leichter entwickeln (Thomas & Collier 1997).

3.2 Identität, das Selbst und die Mehrsprachigkeit

Gewissen und Denken sind die wichtigsten Antriebskräfte des Selbst, der Identität und der Persönlichkeit. Sie alle werden nur dann kultiviert, wenn die Muttersprache geschätzt wird und genutzt und entwickelt werden darf. Kindern fällt es leichter, sich mit zwei oder mehr Sprachen auseinanderzusetzen, wenn eine Sprache gut beherrscht wird. Es ist auch einfacher, in der Muttersprache lesen und schreiben zu lernen als in einer anderen Sprache. Der Übergang von einem bekannten Rechtschreib- und Schriftsystem zu einem anderen ist also einfacher als der Einstieg in eine Fremdsprache. Eine Ausnahme bilden die Zweisprachigen, die für jeden sprachlichen Kontext einen eigenen Wortschatz und ein eigenes morpho-syntaktisches Gedächtnis entwickeln. Andererseits sind das Denken, das Bewusstsein und die Wahrnehmung der Welt zentral und bilden die Identität und das Selbst (Fabbro 1996: xii, 89-90).

3.3 Besonderes Publikum von MLE - Kinder

Die Zielgruppe für MLE-Programme sind kleine Kinder, die den Unterschied zwischen ihrer Muttersprache und der Sprache der Nachrichten, ihrer Nachbarn oder der Sprache, die von den meisten Menschen in ihrem Land gesprochen wird, erkennen. Das Schulungsmaterial für das erste Jahr wird im Wesentlichen für sie erstellt. Das Zusammenspiel zwischen den Beamten und dem MLE-Leiter ist von zentraler Bedeutung. Die UNESCO[10] fördert MLE und erklärt die Muttersprache zu einem zentralen Bestandteil der Kindererziehung.[11] Alle Nationen wurden aufgefordert, sich der Erklärung zur Muttersprache anzuschließen, was die meisten auch taten. Aus diesem Grund muss das Unterrichtsmaterial von den nationalen Schulbehörden genehmigt werden. Es muss mit dem Unterrichtsmaterial der nationalen Sprachschüler übereinstimmen. Mit dem MLE-Unterricht soll jedoch vermieden werden, dass die Schüler einer Muttersprache, die nicht die Landessprache oder die Sprache der allgemeinen Kommunikation ist, mit zusätzlicher Arbeit belastet werden, da dies oft zu Frustration führt. In einigen Ländern findet der Unterricht in der Muttersprache außerhalb des normalen Schulsystems statt. Ein solcher Ansatz ist jedoch nur begrenzt erfolgreich und hilft den vom Aussterben bedrohten Sprachen nicht.

4. Erst-Bibelübersetzungen und MLE-Programme

Bei der Bibelübersetzung steht die Muttersprache (L1) im Mittelpunkt des Interesses. Beginnend mit dem phonologischen Inventar, dem Vorschlag einer Orthographie, dem morpho-syntaktischen Register und dem Textdiskursregister ist der Übergang zur Übersetzung ein wesentlicher Schritt zur Entdeckung einer Muttersprache. Der Sprecher der Muttersprache ist das grundlegende Subjekt, das diese Schritte leitet. Sie sind diejenigen, die ihre Sprache am besten kennen, auch wenn sie vielleicht nicht die besten Übersetzer sind, wenn sie die Aufgabe der Übersetzung nicht verstehen oder nicht in der Lage sind, im Team zu arbeiten.[12] Die Ergebnisse der ersten Bibelübersetzung sind auch von zentraler Bedeutung für MLE und Bildungsmaterialien wie Fibeln, Erstleseliteratur und audiovisuelle Anleitungen zu Kunst und anderen kommunikativen Ausdrucksformen. Nicht nur das geschriebene Wort, sondern auch Zeichnungen, Kunsthandwerk, Bildhauerei und Musik sind grundlegende Elemente für den Ausdruck von Kultur. Bislang liegt die Verbindung zwischen ersten Bibelübersetzungen und MLE im Wesentlichen im Bereich der Linguistik und Anthropologie.

4.1 MLE-Programme - Projektplanung

Der Erstspracherwerb wird von Kindern in der Regel im vierten Lebensjahr abgeschlossen (Clark 2009:14). Nach diesem Prozess sollte die schulische Ausbildung mit dem Training von Lesen und Schreiben und anderen Lernerfahrungen beginnen. Idealerweise wird nach Abschluss des Erstspracherwerbs mit einem MLE-Programm für Kinder begonnen. Mehrsprachige Personen und ihre Entwicklungsprozesse werden im Folgenden erörtert.

Susan Malone hat ein MLE-Projektplanungsinstrument für MLE-Projekte veröffentlicht (2010). Sie hat selbst Programme ins Leben gerufen und hat Erfahrung mit verschiedenen Kontexten, wie Papua-Neuguinea im Jahr 1991 (Malone 2010:3), Asien, Afrika und dem Pazifik. Weitere Beispiele und ein Fokus auf 11 südostasiatische Länder werden von Kosonen und Young (2009) vorgestellt.

MLE-Programme weisen unterschiedliche Annäherungsgrade durch die beteiligten Sprachgruppen auf. Ein Beispiel für ein achtjähriges Programm zielt auf eine Sprachsituation ab, in der funktionale Zwei- oder Mehrsprachigkeit erforderlich ist (Malone 2010:17). Dies ist oft der Fall in großen Gesellschaften mit vielen offiziell anerkannten Sprachen.

Es gibt einige MLE-Programme, die auf einen dreijährigen Übergang abzielen, wenn eine Muttersprache nicht offiziell anerkannt ist, aber zu Hause gut gedeiht, d. h. ein Niveau von 6b auf der EGIDS-Skala hat (siehe oben). Dies ist nicht sehr empfehlenswert und kommt eher in Kontexten mit begrenzter Akzeptanz von MLE-Programmen vor. Bei solchen Projekten wird ein Jahr lang in der Schule mit dem Lesen und Schreiben der Muttersprache begonnen (2010:16). In diesem ersten Schuljahr wird die Landessprache oder die Sprache der allgemeinen Kommunikation maximal für 20 % des Unterrichts oder als Sprachlernmaterial in kleinem Umfang verwendet. Im ersten Schuljahr bzw. in der ersten Klasse beträgt der Umfang des muttersprachlichen Unterrichts zum Lesen und Schreiben 80%. Im zweiten Schuljahr beginnt ein 50%-iger Übergang zur Landessprache oder zur Sprache der breiteren Kommunikation durch Einführung der Orthographie und des phonemischen Systems der Landessprache oder der Sprache der breiteren Kommunikation. Außerdem wird Übergangsmaterial von der Muttersprache zur Landessprache bereitgestellt. Die anderen 50 % sind auf das Lesen und Schreiben des Lehrmaterials der 2. Klasse oder des Schuljahres in der Muttersprache ausgerichtet. Im dritten Schuljahr geht der Unterricht zu 80 % in den Übergang über und nur noch zu 20 % in den muttersprachlichen Unterricht. Das vierte Schuljahr wird dem nationalen Schulsystem angeschlossen. Es ist zu betonen, dass der reguläre Schulstoff des ersten und zweiten Schuljahres in der Muttersprache unterrichtet werden muss, während im dritten Schuljahr die Schüler hauptsächlich mit der Landessprache oder der Sprache der allgemeinen Kommunikation in Kontakt kommen. Im MLE wurden also die kognitiven Fähigkeiten in der Muttersprache trainiert, um Sprache zu lernen und zu beherrschen. Die Grundprinzipien sind immer dieselben.

Die MLE-Programme für frühe Bildung werden hier erwähnt, weil sie eine Kombination mit Erst-Bibelübersetzungsprojekten ermöglichen, wenn die Landessprache (L1) durch eine phonologische und grammatikalische Beschreibung linguistisch erforscht wird. Wir müssen jedoch bedenken, dass die normalen MLE-Programme längere Übergänge vorsehen. Sie beginnen mit dem Schulbeginn und erstrecken sich über die gesamte Schulzeit, so dass die Möglichkeit besteht, andere Sprachen zu erlernen.

Die folgende Übersicht zeigt einen möglichen Projektplan:

  • Phase I - das Lernen findet vollständig in der Muttersprache des Kindes statt.
  • Stufe II - Aufbau einer fließenden Beherrschung der Muttersprache. Einführung der mündlichen L2.
  • Stufe III - Aufbau der mündlichen Sprachkompetenz in der L2. Einführung der Alphabetisierung in der L2.
  • Stufe IV - Verwendung von L1 und L2 für lebenslanges Lernen.

4.2 MLE - Alphabetisierung und Sprachentwicklung

Alphabetisierung ist eine weitere Disziplin, die im Zusammenhang mit MLE und Bibelübersetzung im Mittelpunkt steht. Der Begriff beschreibt die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Im Laufe der Zeit hat sich die wissenschaftliche Disziplin der Alphabetisierung mit Prozessen der mündlich-auralen Wahrnehmung und des Schreibens und Lesens aus pädagogischer, psychologischer und soziologischer Sicht beschäftigt. In der Bibelübersetzung liegt der Fokus der Alphabetisierung auf dem flüssigen Lesen und Schreiben sowie der mündlichen Wahrnehmung gesprochener Texte, so dass die Erstellung von Lesematerialien wie Fibeln und Übergangslektüre oder Audioprodukte für den Spracherwerb in den Mittelpunkt rücken. Heute werden Apps wie PrimerPro[13] oder Bloom[14] angeboten. Sie sind leicht einzurichten, um Übergangs- oder Lesematerial zu produzieren, das auf lokalem und kontextualisiertem Material basiert und welches leicht eingebaut werden kann (z. B. Bilder, Zeichnungen und Lieder). MLE, begleitet von diesen Apps, hilft Muttersprachlern, solches Material selbst zu produzieren. Die Verfügbarkeit und einfache Nutzung dieser Apps machen den Sprachentwicklungsprozess nachhaltig und finanziell unabhängig. Die Produkte sind alle online verfügbar und können in verschiedenen Formaten wie PDF, Power Point Präsentationen oder Videosequenzen genutzt werden.

Sprachförderung ist zum einen ein Begriff, der den Erst- oder Mutterspracherwerb beschreibt, zum anderen ist es ein wissenschaftliches Thema mit einem breiten Anwendungsbereich. Für unsere Zwecke liegt der Schwerpunkt auf der Sprachgefährdung als der ursprünglichen Kraft des Sprachverlusts. Aktivitäten zur Verlangsamung oder Verhinderung des Sprachverlusts fallen unter das Thema Sprachentwicklung. MLE bietet eine solide Grundlage und eine Übergangsbrücke von der Muttersprache zur Landessprache oder zur Sprache der allgemeinen Kommunikation (siehe Bild Malone 2010:13). Dabei steht die Anerkennung der Muttersprache als National- oder Welterbe durch die nationale Regierung oder die UNESCO an erster Stelle. Zweitens wird das öffentliche Bewusstsein für die Kultur, die eine Muttersprache überlagert, durch offizielle Sprachaktivitäten wie MLE-Projekte geschärft. MLE-Ansätze zielen auch darauf ab, kulturelle Unterschiede zwischen der muttersprachlichen Gemeinschaft und der nationalen Gemein­schaft zu überbrücken. Dies geschieht zum einen durch die Annäherung an beide Sprachgruppen im Schulsystem und zum anderen auf offizieller Ebene durch die gegenseitige Entwicklung eines MLE-Projekts durch Beamte beider gesellschaftlicher Gruppen. Es wird auch zu einer sprachlichen Annäherung kommen, da beide Sprachen öffentlich sind und in bestimmten Kontexten gegenseitig anerkannt, entwickelt und verwendet werden, ohne die Bedeutung einer nationalen Sprache oder der Sprache der allgemeinen Kommunikation in Frage zu stellen. Der lokale Gebrauch einer Muttersprache innerhalb von Familien oder sozialen Gruppen steht nicht im Widerspruch zum Gebrauch der Landessprache für höhere Bildung und wirtschaftliche Zwecke.

5. Schlussfolgerung - MLE und Bibelübersetzung

Aus vielen Gründen ist die mehrsprachige Erziehung (MLE) ein wichtiges Instrument für den Umgang mit verschiedenen Sprachen. Der wirtschaftliche Gewinn für eine Gesellschaft besteht darin, dass sie größere soziale Gruppen erreicht. MLE und erste Bibelübersetzungsprojekte haben gemeinsam, dass die sprachlichen Voraussetzungen zusammengehören. Ein gründliches Verständnis der Sprache und der Kultur ist die Voraussetzung für die Übersetzung und das Verständnis eines so umfangreichen Textes wie der Bibel. Gleichzeitig ist ein solches Verständnis auch für die Vorbereitung von Material für MLE-Programme wichtig. Die Überschneidung liegt im Interesse der Entwicklung von Lese- und Schreibfähigkeiten bei Kindern und Erwachsenen. Der zusätzliche Nutzen von MLE besteht darin, dass Identität und Zugehörigkeitsgefühl aufgebaut werden, was zur kognitiven Beherrschung von mindestens zwei Sprachen führt. Erst-Bibelübersetzungsprojekte profitieren von fähigen und bi- oder mehrsprachigen Muttersprachlern, die wissen, wie man ihre Sprache schreibt und liest.

 

Bibliographie

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Online resources

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Fieldworks Language Explorer. URL: https://software.sil.org/fieldworks/ [Stand 2020-11-30].

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Scripture App Builder. Dallas: SIL International. Online: URL: https://software.sil.org/­scriptureappbuilder/ [Stand 2021-10-10].

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UNESCO 1953. The Use of the Vernacular Languages in Education. France. Online: URL: http://www.inarels.com/resources/unesco1953.pdf [PDF-File] [Stand 2021-11-10].

UNESCO 2003. The mother tongue dilemma. New York: UNESCO. https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000130800 [Stand 2021-11-06].

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UNESCO 2014. Multilingual Education. Why is it important? How to implement it? Online: URL: https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000226554 [Stand 2021-10-10].

 

[1] UNESCO 1953. Der Gebrauch der Volkssprachen im Unterricht. Frankreich. Online: URL: http://www.inarels.com/resources/unesco1953.pdf [PDF-File] [Stand 2021-11-10]. Der Band enthält Artikel von Fachleuten, die sich im November 1951 in Paris trafen, um eine kontinentale Studie über den Gebrauch der Volkssprachen zu diskutieren, die alle fünf Kontinente umfasste. Diskutiert wurden verschiedene Pilotprojekte mit mundartlichem Unterricht.

[2] UNESCO 2008. Intangible Cultural Heritage. Living Heritage and Mother Languages. Online: URL: https://ich.unesco.org/en/ich-and-mother-languages-00555 [Stand 2021-11-06].

[3] UNESCO 2003. The mother tongue dilemma. New York: UNESCO. https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000130800 [Stand 2021-11-06].

[4] Es muss zwischen Erstbibelübersetzungen, neuen Bibelübersetzungen und Revisionsbibelübersetzungen unterschieden werden. Neue Bibelübersetzungen und Revisionen stehen in Kontexten, in denen es mindestens eine bestehende und verwendete Bibelübersetzung gibt. Neue Bibelübersetzungen unterscheiden sich von Revisionsübersetzungen insofern, als sie nicht dem Genre einer traditionellen Bibelübersetzung folgen, wie dies bei Revisionsübersetzungen der Fall ist, wenn sie sich an einen bestimmten Übersetzungsstil, Wortschatz, Grammatikgebrauch oder Satzbau halten. Erste Bibelübersetzungen als Teil der Bibelübersetzungswissen­schaft bieten daher weltweit ein großes Erfahrungsfeld aus Linguistik, Pragmatik, Übersetzungswissenschaft, Anthropologie, Pädagogik und Psychologie (Werner 2018:135-164).

[5] So verweisen beispielsweise Bibeln in "kurdischen" Sprachen in der Türkei, die zur indo-iranischen Sprachfamilie gehören, auf türkische Bibeln und exegetisches Material, obwohl Türkisch zur türkischen Sprachfamilie gehört. Dasselbe gilt für Sprachlernmaterial wie Wörterbücher, Fibeln oder Leseprodukte, die sich ebenfalls auf Türkisch beziehen.

[6]  Am weitesten verbreitet ist der Scripture App Builder, eine Computer-App von SIL International, die sehr einfach einen geschriebenen Text mit Audio zusammen­führt und im App Store zur Verfügung stellt. Scripture App Builder. Dallas: SIL International. Online: URL: https://software.sil.org/¬scriptureappbuilder/ [Stand 2021-10-10].

[7] FieldWorks Language Explorer. Dallas: SIL International. Online: URL: https://software.sil.org/fieldworks/ [Stand 2021-10-10].

[8] Ein Instrument zur Beschreibung der Sprachbewertung ist die Expanded Graded Intergenerational Disruption Scale (EGIDS) von Paul Lewis und Gary Simons, die die GIDS-Skala von Fishman erweitert haben. Auf dieser Skala wird der Status einer Sprache beschrieben und in den weiteren Kontext der zu erwartenden Entwicklungen gestellt. Die meisten Sprachen, die seit mehr als fünfzig Jahren unter einer dominanten Landessprache stehen, befinden sich im Bereich 6b und sind "bedroht". Die Sprache wird nur in der Familie und nicht im öffentlichen Raum verwendet. SIL International 2020. Language vitality 2020. Dallas: SIL International. Online: URL: https://www.sil.org/­about/­endangered-languages/language-vitality [Stand 2021-10-10].

[9] Der Übergang von der L1 zur L2 beginnt mit einer Einführung in die L1, der mündlichen Beherrschung der L1 und gut ausgebildeten Lese- und Schreibfähig­keiten. Dies geschieht bevor der Schwerpunkt auf das Lesen und Schreiben in der L2 und die mündliche Beherrschung der L2 gelegt wird. Danach wird das flüssige Lesen und Schreiben in beiden Sprachen, die Einführung in beide Sprachen und schließlich das lebenslange Lernen in beiden Sprachen betont. SIL International 2015. Multilingual Education. Brochure. Dallas. Online: URL: https://www.sil.­org/sites/­default/files/mle_­brochure­_2015_a4_­english_web.pdf [PDF-File] [Stand 2021-11-10].

[10] Die UNESCO unterstreicht seit 1953 die Bedeutung der Muttersprache. Der Tag der Muttersprache wurde zur Erinnerung eingeführt. UNESCO 2014. Multilingual Education. Why is it important? How to implement it? Online: URL: https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000226554 [Stand 2021-10-10].

[11] Malone entwickelte ein Ressourcen-Kit zur Bewertung des MLE-Bedarfs: MTB MLE-Ressourcen-Kit: Einbeziehung der Ausgeschlossenen. Sie entwickelte dieses Kit, um die verschiedenen Teile und Akteure in MLE-Programmen zu erkennen.

[12] Kiraly schlägt einen sozial-konstruktiven Ansatz beim Übersetzen vor. Die Übersetzer fangen an, ihre Übersetzungsprozesse und -ergebnisse zu diskutieren und konzentrieren sich dabei auf eine gemeinsame Vorgehensweise, um das Ziel einer Übersetzung zu erreichen, die dem Skopos des Projekts folgt (2000:4).

[13] PrimerPro 2020. Dallas: SIL International. Online: URL: https://software.­sil.­org/primerpro/ [Stand 2021-10-10].

[14] Bloom. Dallas: SIL International. Online: URL: https://bloomlibrary.org/landing [Stand 2021-10-10].