Disability Studies - Ein Überblick aus (interkulturell) theologischer Perspektive

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Disability Studies - Ein Überblick aus (interkulturell) theologischer Perspektive

Abstrakt

Theologische Modelle und Ansätze zu den Disability Studies sind seit spätestens Newbigin (UK; 1979), Eiesland (USA; 1994) und Bach (Deutschland; 2006) in breitem Maße vorhanden. Gleichzeitig haben sich in anderen Disziplinen, wie der Sozialforschung, der Anthropologie, der Medizin oder den Queer Studies und zunehmend auch in den Politikwissenschaften Ansätze entwickelt. Schlusslicht ist im Moment die Interkulturelle Theologie, die sich erst langsam der Thematik annähert und aus postkolonialer Sicht die Historie der christlichen Diakonie in der transkulturellen Begegnung aufzuarbeiten hat. Auch fehlen eigene hermeneutische Vorschläge zur inklusiv-orientierten Kirche unter dem Gesichtspunkt „Einheit in Vielfalt“ und Diversität als Spiegelbild des Reiches Gottes.

Inhalt

Inhalt

Einleitung – Vom „Ich“ und „Die“ zum gemeinsamen „Wir“. 1

Disability Studies – Forschungsbereiche. 2

Disability Studies – Hermeneutische Ansätze in der (Interkulturellen) Theologie. 3

Theologie des Leidens versus Differentialität und Konvaleszenz. 5

Bibliographie. 5

 

Einleitung – Vom „Ich“ und „Die“ zum gemeinsamen „Wir“

I

Inklusion, Teilhabe und Teilnahme aller gesellschaftlichen Gruppen am öffentlichen Meinungsbild bilden die Grundlage einer demokratischen und Vielfalt-orientierten Gesellschaft. Personen mit mentalen und physischen Herausforderungen benötigen dabei der Hilfe durch solche ohne Einschränkungen. Im Gegenzug bereichern und ergänzen sie die Forschung rund um die gesellschaftliche Diversität durch ihre eigenen biographischen Erfahrungen. Die Lebenswelten von Forschern mit mentalen und physischen Herausforderungen bieten der Wissenschaft in allen Lebensbereichen eine Perspektive, welche eine gesamthumanistische Repräsentation darstellt. Der bisherige, als paternalistisch zu bezeichnende Verzicht auf die Perspektive von Personen mit mentalen und physischen Herausforderungen in der Wissenschaft sollte der Vergangenheit angehören. Das „Ich“ und „Die“ sollte einem „Wir“ weichen, welches bereit ist gesamtperspektivisch auf die Forschungsprojekte zu blicken. Die „Normalität“ verschiebt sich an diesem Punkt auf Menschen hin, die Teil der Gesellschaft sind und gerade in ihrem „Anders-Sein“ die Gesellschaft bereichern und zur Inklusion bzw. sozialen Unterstützung herausfordern. Das gegenseitige Geben und Nehmen in diesen Prozessen ist anstrengend und fällt dem zur Bequemlichkeit geneigten Menschen nicht zu. Dies gilt auch für die Menschen mit mentalen und physischen Einschränkungen, die sich nicht auf ihrer Marginalisierung ausruhen sollten sondern proaktiv, ihren Bedürfnissen entsprechend, die Unterstützung der Gesellschaft einfordern müssen.

Erst im Miteinander entsteht auf gleicher Augenhöhe ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Auch die wissenschaftliche Forschung in Theologie und Missiologie muss sich diesem inklusiven Ansatz stellen, will sie nicht einseitig und paternalistisch sondern dynamisch und gesellschaftsrelevant bleiben.

Disability Studies ermöglichen es Forschern mit und ohne Einschränkungen über missiologisch-theologische Fragestellungen gemeinsam zu diskutieren und biblische Inhalte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Dabei sollte die Debatte um ein brückenschlagendes Miteinander der Forscher mit und ohne körperliche oder mentale Einschränkungen schon deshalb überflüssig sein, da obwohl die Lebensrealitäten beider Gruppen unterschiedlich sind, eine Kooperation von gegenseitigem Nutzen ist. Erst, wenn sich beide Gruppen austauschen, zu verstehen suchen und gegenseitig ergänzen, ist Wissenschaft ganzheitlich orientiert. Praktisch bedeutet dies auch dem Unterstützungsbedarf von Forschern mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen zu begegnen. Ein Aufzug, eine Rampe oder eine psychische Betreuung ergeben sich nicht von alleine, da sind Anstrengungen von Nicht-Behinderten nötig. Im Gegenzug erfahren diese Forscher über forschungsrelevante Inhalte bezüglich der Lebensrealitäten von Menschen mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen, die ein gesamtgesellschaftliches Bild ergeben. „Nicht über uns, ohne uns“ ist die Parole der inkludierenden Befreiungsbewegung gestaltet durch Gruppen von Menschen mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen.

Der folgende Überblick will über die gegenwärtige Bandbreite an Forschung zum Forschungsgebiet der Disability Studies aus theologischer Perspektive informieren.

Disability Studies – Forschungsbereiche

Disability Studies ist ein Überbegriff für die gesamte Forschung rund um Behinderung als einem sozio-kulturellen Phänomen. Hierbei spielen medizinische, diakonisch-pflegerische, technologische, rehabilitative, soziologische, theologisch-religiöse, anthropologisch-ethnographische Aspekte aus historischer und gegenwärtiger Perspektive eine Rolle. Aus dieser Vielzahl an Optionen haben sich spezifische Fachbereiche heraus kristallisiert, die aber täglich um neue Forschungsbereiche erweitert werden. Um den Überblick nicht zu verlieren beschränken wir uns auf die Gebiete, welche aus interkulturell theologischer und missiologischer Perspektive bedeutsam sind:

  • Disability Anthropology stellt ethnographisch-biographische Lebenswelten von physisch und mental herausgeforderten Menschen dar (z. B. Gelya Frank 2000).
  • Disability and Gender beschreibt die Machtbewegungen und die Einflüsse auf Menschen mit körperlicher oder mentaler Einschränkung im Hinblick auf die Geschlechterfrage. Die besondere Benachteiligung von behinderten Frauen ist hierbei speziell im Blick (z. B. Jacob, Köbsell & Wollrad 2010; Boll, Ewinkel & et. al. 1985).
  • Disability History, beschäftigen sich mit historischen Zusammenhängen rund um Menschen mit körperlicher oder mentaler Einschränkung (z. B. Nielsen 2013).
  • Disability Worlds beschäftigt sich mit Lebenswelten und sozialen Bezügen und Räumen der Begegnung von Menschen mit und ohne körperlicher oder mentaler Einschränkung (z. B. Whyte & Ingstad 1995).
  • Critical Disability Studies schlagen die Brücke zwischen Personen mit und ohne mentalen und physischen Herausforderungen, indem sie Fragestellungen zum Thema „Behinderung“ angeht, die aus historischen Gründen oder von Seiten der Political Correctness nicht angegangen werden. Hierzu gehören selbstkritische Anfragen zur Eugenik (DNA-Analyse und PND-Entwicklung), zur gesellschaftlichen Teilhabe künstlich am Leben gehaltener Menschen, also solcher Lebensformen, die ohne Fremdhilfe nicht überlebensfähig wären (medizinisch-pflegerischer Diskurs) oder auch die ethische und finanzielle Verantwortung der Gesellschaft bezüglich selbstständiger Lebensgestaltung von Personen mit mentalen und physischen Herausforderungen (politischer Diskurs; z. B. Shildrick 2012:30-41) .    
  • Disability Theology beschreibt die exegetischen und hermeneutischen Defizite im Hinblick auf Menschen mit körperlicher oder mentaler Einschränkung in der Theologie (z. B. Reynold 2008; Yong 2011).
  • Disability Missiology ist eine gegenwärtig sich entwickelnde Disziplin. Sie hinterfragt im Rahmen historischer Beschreibungen wie Inklusion, Exklusion oder Diskriminierung von Menschen mit körperlicher oder mentaler Einschränkung verstanden wurde. Im Rahmen der postkolonialen Forschung (postcolonial studies) werden diese Zusammenhänge in der Interkulturellen Theologie erfasst. Im deutschsprachigen Raum hat sich die Missiologie teilweise unter dem Dach der Interkulturellen Theologie eingefunden. Gleichzeitig wird der Ertrag dieser Forschung der Christlichen Entwicklungshilfe in fremden Kontexten von selbst eingeschränkten Menschen oder im Hinblick auf eine solche Zielgruppe zugänglich gemacht.
  • Disability Pedagogy/ educational theory ist eine Disziplin, die sich mit den besonderen Bedürfnissen bei der Informationsvermittlung auseinandersetzt. Dies beinhaltet sowohl theoretische Überlegungen zur Kommunikation als auch praktische technische Lösungen. In der Theorie spielen haptische, visuelle und aurale Stimulation der Sinne, sowie die rezeptiv-kognitive Verarbeitung der kommunikativen Signale eine wichtige Rolle. In der Praxis geht es um die computergesteuerte technische Assistenz im Kommunikationsprozess wie dies Braille-Übersetzer, visuelle Darstellungen oder das Gebärdendolmetschen durch Avatars exemplarisch anzeigen (Webb-Mitchell 1994, 1996).

Disability Studies – Hermeneutische Ansätze in der (Interkulturellen) Theologie

Die Interkulturelle Theologie ist als eine eigenständige Disziplin von theologisch-hermeneutischen Vorschlägen abhängig. Die Disability theology bietet vor allem aus dem englischsprachigen Raum Ansätze.

Die bekannteste Forscherin im Fachbereich der Disability theology war Nancy L. Eiesland (*1964-†2009). Ihre Forschung The Disabled God: Toward a Liberatory Theology of Disability (1994) hat in der Theologie bahnbrechende neue Diskurse um die Vielfalt der Kirche und ihren diakonischen Auftrag eröffnet. Sie baut ihren befreiungstheologischen Ansatz auf die ethnographischen Darstellungen von Diane de Vries und Nancy Mairs (1994:40-42 und 46). Beide waren, wie Eiesland selbst, auf Assistenz und Hilfsmittel angewiesen. Diese Biographien bringen Eiesland zu dem Schluss,

both women reveal in their bodies the reality that ordinary lives incorporate contingency and difficulty. Furthermore, they embody this contingency and difficulty not only with anger and disappointment but also with respect for its unique value. (1994:46).

Eiesland betont in ihren Ausführungen, dass die Akteure mit ihrem Anders-Sein, als einer Abweichung von der ästhetischen oder physikalischen Norm, zwar von der Umgebung ein Stigma aufoktroyiert bekommen, jedoch selbst sich als „normal“ empfinden. Es wäre ein Akt dipolarer Selbstverleugnung, würden Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen ständig im Konflikt mit ihrem Sein stehen. Natürlich nehmen körperlich und mental Herausgeforderte körperliche Beschränkungen wahr, die sie auszugleichen haben. Dies kann in medizinischen-therapeutischen Hilfen bestehen oder auch in Umgebungsvariablen, die den Bewegungsradius erweitern. Jedoch sind die sozial konstruierten Barrieren, wie Diskriminierung und Abwertung, das eigentliche und überflüssige Kampfterritorium, welches die marginalisierten in die Defensive zwingen.  

Bereits erwähnt wurde der Ansatz in Vulnerable Communion: A Theology of Disability and Hospitality von Thomas Reynolds (2008). Reynolds baut auf das einende Moment der „hospitality“ (Gastfreundschaft), um im kirchlichen Raum eine Einladungs-Kultur zu etablieren (2008:20). Alle sind eingeladen am verletzlichen und verwundbaren Körper der christlichen Gemeinschaft (Vulnerable Communion) teil zu haben (:21). Diese Verletzlichkeit leitet er aus der Schöpfungsordnung ab (:168-169) und bildet sie in der Kommunion / dem Abendmahl ab, welches die kreatürliche Diversität der Menschheit wiederspiegelt. Erwähnenswert ist das Konzept der „verletzlichen Liebe Gottes“, welche sich nicht in der Allmacht Gottes erweist, sondern in der sündhaften, verletzlichen und tragischen Ausgestaltung des menschlichen Daseins. Diese Liebe führt in die Abhängigkeit der Menschen untereinander, mit der Welt und letztlich mit Gott selbst, der als Schöpfer diese Welt und die Menschen in ihrer Vielfalt liebt. Die Marginalisierung von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen im „Anders-Sein“ als Abweichung vom „Normalen“ hebt sich bei Reynolds in der Verletzbarkeit und Schwachheit des Menschen als sündhaftes Wesen auf. Geklärt werden müsste bei Reynolds ob hier eine allversöhnende Grundlage angenommen wird? Des Weiteren, wie er sich angesichts eines homo erectus, einer als sich selbst behauptenden menschlichen Form, die Gott nicht benötigt, zur eigentlichen Schöpfungsabsicht Gottes stellt, wenn kritische Menschen, die Nähe und den Bedarf an der Kommunion nicht sehen? Ansonsten ist Reynolds Ansatz hilfreich um Behinderung und behinderte Menschen nicht nur als Opfer oder von ihrer Opferstellung, also aus Sicht der Diskriminierung, her zu betrachten.

Amos Yong (2011) in The Bible, Disability, and the Church: A New Vision of the People of God kommt aus der charismatischen Glaubensrichtung. Er startet mit drei Prämissen (2011:13).

  • Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen sind als Imago Dei im Bild Gottes geschaffen.
  • Diese Menschen sind in erster Linie Menschen und nur in zweiter Hinsicht mit einem Alleinstellungsmerkmal, ihrer individuellen Behinderung versehen.
  • Behinderung ist an sich nichts Böses oder Gutes, sondern fester Bestandteil des Lebens. Jede Person erfährt sie, entweder dauerhaft von Geburt, erst später oder auch einmalig oder mehrfach temporär während des Lebensverlauf. Die direkte Verknüpfung von Sünde und Behinderung, wird in Johannes 9 zwar aufgehoben, aber in Johannes 5 unterstrichen.

Yong sieht hierin die Hermeneutik heraus gefordert tiefer in die biblischen Texte zu blicken und oberflächliche Deutungen zu vermeiden. Er wagt einen Überblick über die Heilungs­geschichten, die ihm den Eindruck machen, als dass Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen darin getröstet würden, indem das Heilungsangebot des Messias sie vor Scharlatanen, Medizinern und den Diskriminierungen von Nicht-Behinderten schützen würde (2011:59). Diese These führt er als Stärkung der Rechte und des Selbstbewusstseins von Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen an, da sie in der Kirche als vollwertige Glieder gelten würden, die direkt vom Heiligen Geist bedient würden. Die ganzheitliche Heilung multisensorischer Einschränkungen bildet für Yong die umfassende Kraft des Heiligen Geistes ab. Er geht soweit die Kirche als ureigentlichen Raum für Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen zu sehen, da die Kirche die Marginalisierten sammelt (:95).

Creamer, Deborah Beth (2009) in Disability and Christian Theology: Embodied Limits and Constructive Possibilities schlägt ein drittes Model von Behinderung vor, welches sie das Limits oder Gifts Modell nennt (2009:31-34, 95-96). Diese Model stellt „Behinderung als solche“ in den Mittelpunkt. Ihre Definition der beiden für sie erkennbaren Grundmodelle, in das medizinisch-funktionale Modell und das soziale oder Minderheiten Gruppenmodell, lässt sie fragen, wo da der Fokus auf Behinderung liegt? (:22-26)? “Behinderung”, die ja ein Schwellendasein des Lebens darstellt, bekommt in den bisherigen Vorschlägen nicht die nötige Aufmerksamkeit. Ihr Limits Modell unterscheidet sich ihrer Meinung nach zu den anderen Modellen darin,

“in that it does not attempt to divide participants into one of two categories (either disabled or not-disabled) but instead offers a new way to think about what disability is. It attempts to engage in critical reflection on embodied experience and offers us a way to think about the limits of each person and situation and of what such limits may enable or make difficult.” (2009:31)

Sie vergleicht das medizinische Modell, das mit einer Evaluation beginnt, mit ihrem Limits Modell, welches die Begrenzungen in den Mittelpunkt des menschlichen Lebens, als einem zwar bekannten, aber vernachlässigten Aspekt der Realität beschreibt (:10). Kritisch reflektiert sie die Kirche, die sich nicht proaktiv mit “Behinderung” auseinandersetzt, obwohl dies der Intention des biblischen Textes vom Witwen- und Waisengebot des mosaischen Gesetzes, bis zur den Heilungs- und Armengleichnissen des Neuen Testaments entspricht (:35). Sie setzt sich mit den Körpervorstellungen der Antike und der biblischen Texte auseinander. Sie lehnt sich an McFague's Gottesvorstellungen (1987 und 1993), die sich auf einen Gott konzentrieren, der sowohl in jedem Einzelnen lebt (Immanenz) als auch das gesamte Universum als Energie durchdringt (Transzendenz; Creamer 2009:62). Im Weiteren befasst sie sich mit Befreiungstheologien. Insbesondere Block (2002) ist von Interesse, da sie sich für ein „model of access“ einsetzt. Sie setzt voraus, dass in der Kirche alle willkommen sind und einen Platz haben. Access im Sinne von Zugang steht dabei im Kontrast zur Exklusion von Menschen, die gegenwärtig nicht teilhaben können aufgrund körperlicher oder mentalen Einschränkungen (Creamer 2009:81-82).

Theologie des Leidens versus Differentialität und Konvaleszenz

Im großen Ganzen beschäftigen sich alle diese Vorschläge zur Disability theology mit einer Theologie des Leidens (Theodizee-Frage), die Behinderung als Benachteiligung und Schwachheit betrachten, da sie entweder Gott selbst eine solche Schwachheit an-interpretieren oder aber das „Anders-Sein“ der Personen mit einer solchen Einschränkung voraussetzen. Es ist nichts gegen diese Prämissen zu sagen, jedoch stellt sich die Frage, ob die kreative Natürlichkeit oder besser Kreatürlichkeit Gottes sich in diesem Zugang findet. Es ist offensichtlich, dass es noch eines zusätzlichen Aspekts bedarf, der die Lebenswelt der Personen, die körperlich oder mental herausgefordert sind als eigene Lebensrealität darstellt. Aus Sicht von Personen mit solchen Einschränkungen ist es zuerst einmal bedeutsam, dass die Beeinträchtigung nicht den Menschen ausmacht. Vielmehr stellt sie eines von vielen Herausforderungen dar, wie sie auch Menschen kennen, die sich selbst als Nicht-Behindert einordnen. Gleichzeitig ist da der Anspruch an die Gesellschaft und Kirche für Bedingungen zu sorgen, die eine Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen.

Eine mögliche Überwindung des Leidensansatzes ergibt sich aus den Prinzipien der Differentialität in Verbindung mit der Konvaleszenz. Während erstes darauf gerichtet ist, die Unterschiedlichkeit der Lebensrealitäten und auch Lebenswelten von behinderten und nicht-behinderten Personen herauszustellen, richtet sich letzteres an die Wiederherstellung der Diversitäts-orientierten Kirche.

Differentialität betont die Einzigartigkeit individueller Lebensrealität. Gangemi setzt diese Einzigartigkeit bereits im Mutterleib an. Sie bezieht sich dabei auf die pränatale Seelsorge an Eltern, die ein Kind mit körperlichen oder mentalen Herausforderungen erwarten (Gangemie 2018). Entgegen der gängigen Annahme, dass Menschen mit abweichenden Lebenserfahrungen sich an der „Normalität“ orientieren müssten, steht die Tatsache, dass die Individualität jeder Lebenssituation zuerst einmal für den besagten Menschen seine unnachahmbare Wirklichkeit darstellt, zu der es keine Alternative gibt.

       

 

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Bibliographie

Bach, Ulrich 2006. Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz. Bausteine einer Theologie nach Hadamar. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag.

Baumann, Andreas 2007. Der Orient für Christus: Johannes Lepsius - Biographie und Missiologie. Giessen: Brunnen.

Block, Jennie Weiss 2002. Copious Hosting: A Theology of Access for People with Disabilities. New York: Continuum.

Boll, Silke, Ewinkel, Carola, Hermes, Gisela, Kroll, Bärbel, Lubbers, Sigrid & Schnartendorf, Susanne (Hgg.) (1985). Geschlecht: behindert – Besonderes Merkmal: Frau. Ein Buch von behinderten Frauen. München.

Cloerkes, Günther 2007. Soziologie der Behinderten. Edition S. 3. Aufl. Heidelberg: Universitätsverlag Winter.

Conner, Benjamin T. 2015. Enabling Witness: Disability in Missiological Perspective. Journal of Disability & Religion 19:1, 15-29. Abingdon: Taylor & Francis.

Conner, Benjamin T. 2018. Disabling Mission, Enabling Witness: Exploring Missiology Through the Lens of Disability Studies. Abingdon: Taylor & Francis.

Creamer, Deborah Beth 2009. Disability and Christian Theology. Embodied Limits and Constructive Possibilities. Oxford: Oxford University Press.

Eiesland, Nancy L. 1994. The Disabled God: Toward a Liberatory Theology of Disability. Nashville: Abingdon.

Frank, Gelya 2000. Venus on Wheels: Two Decades of Dialogue on Disability, Biography, and Being Female in America. Berkeley: University of California Press.

Gangemi, Christina 2018. Because I am: Christian accompaniment through the experience of a pre-birth diagnosis of a possible disability. London: Redemptionist Publications.

Huxley, Aldous 1932. Brave New World. London: EA.

Jacob, Jutta, Köbsell, Swantje & Wollrad, Eske (eds.) 2010. Gendering Disability: Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht. Bielefeld: transcript.

McFague, Sallie 1987. Models of God: Theology for an Ecological, Nuclear Age. Philadelphia: Fortress Press.

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Newbigin, James Edward Lesslie 1979. Not Whole without the Handicapped, in Müller-Fahrenholz, Geiko (ed.): Partners in life: The handicapped and the Church, 17-25. Faith and Order 89. Geneva, Switzerland: WCC Publications. Und Online: URL: https://archive.org/­stream/­wccfops2.­096/­wccfops2.096_djvu.txt [Stand 2019-11-04].

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Reynolds, Thomas E. 2008. Vulnerable Communion: A Theology of Disability and Hospitality. Grand Rapids: BrazosPress.

Schildmann, Ulrike 2009. Normalität, in Dederich, Markus & Jantzen, Wolfgang (Hgg.): Behinderung und Anerkennung, Bd. 2. Behinderung, Bildung, Partizipation: Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik, 204-208. Stuttgart: Kohlhammer.

Shildrick, Margrit 2012. Critical Disability Studies: Rethinking the conventions for the age of postmodernity, in Watson, Nick, Roulstone, Alan & Thomas, Carol (eds.): Routledge Handbook of Disability Studies, 30-41. London: Routledge.

Thüne, Sabine 2007. Ernst Jakob Christoffel - Ein Leben im Dienst Jesu: Ernst Jakob Christoffel Gründer der Christlichen Blindenmission im Orient, Der Freundeskreis, Die Mit­arbei­ter anhand von Briefen, Schriften und Dokumenten im Auftrag der Christoffel-Blindenmission. Nürnberg: VTR.

Webb-Mitchell, Brett 1994. God Plays Piano, Too: The Spiritual Lives of Disabled Children. New York: Crossroad.

Webb-Mitchell, Brett 1994. Unexpected Guests at God's Banquet: Welcoming People with Disabilities into the Church. New York: Crossroad.

Whyte, Susan Reynolds & Ingstad, Benedicte 1995. Disability and Culture. Oakland: Univer­sity of California Press.

Yong, Amos 2011, The Bible, Disability, and the Church – A New Vision of the People of God. Grand Rapids: Eerdman.

 

 

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Gleichberechtigung – Inklusion (noch) nicht im olympischen Sport!

Wenig bekannt ist, dass die Paralympics, also die globale Sportveranstaltung von Menschen mit Einschränkungen bis heute nicht vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC-Lausanne) getragen wird. Das IOC hat seit 1968 eine eigene wenig bekannte Olympiade für Menschen mit mentalen Einschränkungen begründet. Diese „Special Olympics“ finden ebenfalls vierjährlich, versetzt zu Olympia statt. Erst seit einem Jahr haben das IOC und das paralympische Komitee (IPC-Bonn) ein Abkommen unterzeichnet sich wenigstens zu unterstützen, jedoch zeigt der Fall Oscar Pistorius, dass die bürokratischen Barrieren für Menschen mit Einschränkungen sehr hoch sind um vom IOC anerkannt zu werden. Das IOC hat sich in der Vergangenheit bewundernswerterweise über alle Rassenideologien (z. B. Berlin 1936) oder den Ausschluss von Minderheiten (sexuelle Orientierung, Geschlechterzugehörigkeit etc.) hinweg gesetzt, jedoch bleiben Menschen mit Einschränkungen bis heute ganz gezielt außen vor. In Sachen Inklusion wäre die völlige Integration mindestens der paralympischen Spiele ein längst überfälliges Zeichen.