Rezension: Yong, Amos 2011. The Bible, Disability, and the Church

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In der Missiologie, anders als im theologischen Bereich, sind die Disability Studies noch nicht angekommen. Die Disability Studies haben auf hermeneutischem und anthropologischem Gebiet Einfluss auf missiologische Themen (Gemeindebau, Bibelübersetzung, Evangelisation). Amos liefert als systematischer Theologe eine Inklusions-orientierte Ekklesiologie.

Er schreibt aus der Perspektive eines Theologen, dessen 10 Jahre jüngerer Bruder Mark mit Down Syndrom lebt (S. 1-5). Der Vater ist Pastor einer kleinen, lebendigen Gemeinde in Nordkalifornien (S. 2). Amos beschreibt kurz seine Beobachtungen zum Umgang der Eltern, der Gemeindemitglieder, fremden Menschen und auch Freunden mit seinem jüngeren Bruder. Ausführlich hat er das bereits in seiner lesenswerten ersten Publikation Theology and Down Syndrome: Reimagining Disability in Late Modernity (2007. Waco: Baylor University Press; Hinweis S. 5) getan. Die körperlichen Komplikationen von „Down-Syndrom“ kommen ebenso zur Sprache (S. 2-3), wie auch die gegenseitigen psychologisch-physischen Abhängigkeiten zwischen den Bezugspersonen (Pflegenden) und Mark (S. 3-4). Er  konzentriert sich in diesem Werk auf missiologisch interessante ekklesiologische und soziologische Fragen zu den Disability Studies.

Der Autor nimmt den Leser mit auf die Suche nach dem „theologischen Sinn“ von Disability / Behinderung (S. 5). Er ist sich dabei der kritischen, theologischen Insider-Stimmen bewusst, die in der biblischen Offenbarung eine Diskriminierung von Behinderten finden (S. 6; „Verweigerer“). Mit diesen ernstzunehmenden Stimmen setzt er sich kritisch auseinander. Amos möchte jedoch dieser Perspektive, die erlösende Hoffnung über die Erfahrung „Behinderung“ entgegen stellen (S. 6-7).

„Behinderung“ ist für Amos abgegrenzt zur „Krankheit“ und dem „Nicht-Behindert­sein“ (S. 9-10). Obwohl es offensichtlich keine klaren Grenzen gibt, kennen die Angesprochenen selbst eine klare Trennlinie. Wer behindert ist, merkt das sofort in der Ab- und Ausgrenzung von „Normalen“, definiert im eigenen „Anders-Sein“. Dieses, von außen angetragene, „Anders-Sein“ mündet auch in vielgestaltige Behindertenfeindlichkeit (ableism). Was aber wenn die christliche Gemeinschaft selbst solche Tendenzen nährt, wenn die Bibel selbst „behindertenfeindliche“ Schlüsse schürt oder solche aus ihr gezogen werden? Amos verlangt dem christlichen Leser hier einen ungeheuren Mut zur Selbstkritik ab (S. 11-12).

Drei Prämissen wirft Amos ins Feld, um trotz allgemein bestehender Vor-Urteile ergebnisorientiert zu argumentieren (S. 13): 1) Menschen mit Einschränkungen sind im Ebenbild Gottes gemacht (imago dei). Solches gilt insbesondere durch den Filter der Schwachheit in der Person Christi (imago Christi). 2) Menschen mit Einschränkungen sind in erster Linie „Menschen“ und erst in zweiter Hinsicht Menschen „mit Einschränkungen“. Ihnen alleine – nicht den „Normalen“ – steht es zu als Akteure über ihre Einschränkungen zu verfügen. 3) Physisch-psychische Einschränkungen sind noch präsentieren sie „das Böse“ (Sünde, satanische Einflüsse), oder zu eliminierende Schönheitsfehler.

Amos‘ Gradwanderung beginnt mit theologischen Betrachtungen zur Hebräischen Bibel. Deren kultischen (Reinheits-) Gesetze (z. B. Lev 21:17-23) spiegeln Gottes Vorstellungen zur Heiligkeit wieder. Priester mit Einschränkungen, werden erwähnt, jedoch von der Kultmitte, dem Opferdienst, ausgeschlossen (Zutritt ins Allerheiligstes). Ihnen sind bestimmte Dienste verboten, nicht aber die Teilhabe, wie z. B. das Essen der Opfer. Von den Verboten betroffen sind interessanterweise Menschen mit ästhetischen äußeren Einschränkungen (nicht Hör- oder sensorische Einschränkungen; S. 20). Deut 28:15-68 bietet einen breiten Aufriss über den kultischen und sozialen Ausschluss aufgrund von Behinderungen und Krankheiten. Amos reflektiert die gängigen jüdisch-christliche Kommentierungen (S. 23-29). Er setzt diese in den Kontext anderer alttestamentlicher Bezüge. So z. B. Jakobs Begegnung mit Gott, die zu einer Geh-Behinderung führt (Hüfte; S. 30-32), Mephiboschets (Sauls Enkel; S. 32-34) Lähmung und ausführlich Hiobs „Verunstaltungen“ (monstrosity; S. 35-40). Amos versucht den Umgang der Hebräischen Bibel mit Behinderung, unter dem Aspekt der „Klage“, in Anlehnung an die Psalmen, zusammen zu fassen (S. 40-47). Klage beinhaltet dabei die gemeinsame, suchende Seins-Anfrage an Gott, durch Menschen mit und ohne Einschränkung (Was willst Du, oh Gott, sagen?).

Im Hinblick auf das Neue Testament bedient sich Amos, bezüglich einer Klärung der Sinn-Frage, vor allem der Evangelien. Der blinde Mann (Joh 9; S. 50-57) oder dämonische Besessenheit (S. 61), immer geht die Vergebung von Sünden den Krankenheilungen voraus (S. 60-63). Sünde als solche und Behinderung / Krankheit, sowie Besessenheit, werden im biblischen Kontext in unmittelbare Nähe zueinander gesetzt. Amos benutzt die strikte Trennung von Heilung und Vergebung, wie sie Jesus lehrte, als Ansatzpunkt um diese drei Gebiete zu trennen. Er misstraut den herkömmlichen Interpretationen in gängigen Kommentaren, die keine klare Trennung treffen (S. 62-63).

Pfingsten wird für ihn der absolute Wendepunkt (ab S. 73). Heilung geht von der Berührung Gottes aus. Ab Pfingsten werden alle „Glaubenden“ von Gott, ohne jegliche Einschränkung, unmittelbar berührt (multisensory epistemology and holistic spirituality S. 78). Neben diesem Hineingenommen-Sein, von Menschen mit Einschränkungen, in den göttlichen Bund, geht Amos progressiv zu den paulinischen Texten über. Dort entwickelt er eine Inklusions-orientierte „Theologie der Schwäche“ (S. 88). Er leitet sie von der mutmaßlichen Schwäche oder Einschränkung des Apostels Paulus‘ ab. Hierauf baut er seine inklusive Theologie, die auf der Schwachheit der Kirche als Abbild der Schwachheit Christi fußt (Kapitel 4). Die Kirche selbst, wie ein inklusives Klassenzimmer, welches Menschen mit Einschränkungen genauso wie Hochbegabte und „Normale“ versammelt, repräsentiert eine ganzheitliche Körperschaft. „Miteinander“ profitiert man „voneinander“ und bildet dabei ein gesamtheitliches kirchliches Sozialwesen ab.

Im letzten Kapitel umschreibt Amos eine Inklusions-orientierte Ethik für die Kirche. Sie basiert auf a) dem „in allem mitfühlenden“ Hohepriester Jesus (Hebr 5), b) der für alle offenen Gastfreundschaft der Kirche zum Bankett (z. B. Lk 14:15-24), und c) der Herrschaft Gottes über alle und alles (Mt 25:31-46; S. 130-136).

Amos arbeitet ausgeglichen und abwägend auf einen Inklusions-orientierten theologischen Entwurf hin. Dieser betont den Sinn und Wert von Menschen mit Einschränkungen. Für die Missiologie, vor allem der Diakonie und Evangelisation, ergibt sich damit eine Möglichkeit zur aktiven bereichernden Teilhabe aller am Leib Christi. Kritisch ist seine positivistische Sicht biblischer Narrative und Perikopen zu werten, die den antiken, paternalistischen Ansatz im Umgang mit Menschen mit Einschränkungen (un-)bewusst übersieht. Es ist jedoch sein Verdienst, extreme Positionen zu kappen und einen Ausgleich zwischen Hilfsbedürftigen, ihrem Eigenwert und den Fürsorgebereiten zu treffen.

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